Dienstag, 17. März 2020

기생충 - Gisaengchung - Parasite (2019)

https://www.imdb.com/title/tt6751668/

Die vierköpfige Familie Kim ist schon sehr lange arbeitslos, weshalb der Vater Ki-taek (Kang-ho Song) zusammen mit seiner Frau Chung-sook (Hyae Jin Chang) und seinen Kindern Ki-woo (Woo-sik Choi) und Ki-jung (So-dam Park) in einem runtergekommenen Keller unter ärmlichen Bedingungen haust. Wenn sie sich nicht gerade mit Aushilfsjobs, wie dem Zusammenfalten von Pizzakartons über Wasser halten, versuchen sie in die hintersten Winkel ihrer Behausung zu kommen, um etwas vom WLAN der anderen Mitbewohner abzugreifen. Als der jüngste Sprössling es schafft, bei der gut situierten Familie Park einen Job als Nachhilfelehrer an Land zu ziehen, bietet das der Familie einen Ausweg aus der Arbeitslosigkeit. Kaum in der noblen Villa des reichen Geschäftsmanns Mr. Park (Sun-kyun Lee) und seiner Frau Yeon-kyo (Yeo-Jeong Cho) angekommen, sorgt Ki-woo dafür, dass alle anderen Bediensteten der Parks durch seine Familienmitglieder ersetzt werden. Doch was dann folgt, stellt alles vorangegangene in den Schatten...

Bong Joon-ho wendete sich mit einem Brief an die Presse. Er bat ("inständig") um spoilerfreie Rezensionen ab dem Zeitpunkt der Handlung, "nachdem der Bruder und die Schwester beginnen, als Nachhilfelehrer zu arbeiten". Den automatisch aufkeimenden Verdacht, dass sein Film "Parasite" von einer großen Wendung am Ende abhängen könnte, entkräftete der Filmemacher allerdings entschieden. Ohne jene Ereignisse gesondert zu analysieren und schließlich – im Verbund – zu kontextualisieren, die im weiteren Verlauf stattfinden, lässt sich aber nun einmal kein geeignetes Urteil treffen, um dieses „wunderbare Geschenk an das Publikum“ weiterzuempfehlen. Und "Parasite" ist ein wunderbares Geschenk, mehr noch: ist zwei wunderbare Geschenke in einem, ist sowohl ungeschöntes Abstiegsgedicht als auch fintenreicher Überlebensthriller: Es kämpfen Arm gegen Reich, Reich gegen Arm, Arm gegen Arm, Reich gegen Reich in unterschiedlich geschichteten Konstellationen. Es ist eines der hässlichsten Symptome der freien Marktwirtschaft: auf jene, die viel haben, folgen noch mehr mit wenig bis nichts in den Händen. Auch Familie Kim zählt zur letzteren Kategorie dieser Ausschuss-Existenzen. Bis sich ihnen unvermittelt die eine Chance unter einer Million eröffnet, einen Fuß in den Haushalt des Unternehmers Park zu bekommen. Was aufs Vorstellungsgespräch von Sohnemann Kevin als neuer Nachhilfelehrer folgt, sorgte bei einer ganzen Reihe internationaler Festival- und letztlich bei der Oscar-Jury für offene Münder. Mal vom diesjährigen Academy-Awards-Siegeszug abgesehen, bleibt "Parasite" aber auch als Film eine Sensation.


Das Timing hebt und trägt "Parasite". Die Montage ermuntert zu spannungsgeladenem Nägelkauen, wenn sich die Armen verkleiden, um sich bei den Reichen einzunisten. Arm sind vier Protagonisten, die in einem modrigen, Kakerlaken anlockenden Kellerverschlag hausen. Sie suchen Handy-WLAN – und sind verzweifelt, sobald sie sich per Passwort einwählen müssen. Sie erleben, wie vor ihrem Fenster öffentlich jemand (wiederholt) an die Wände pinkelt. Sie reißen sich um Jobs, die sich nicht bewähren: Sie falten Pizzakartons so, dass die Verpackungen andernorts Knickfalten aufweisen. Als sich für den Sohn der Armen (Choi Woo-shik) unversehens die Gelegenheit bietet, Nachhilfeunterricht für die Tochter der Reichen (Jung Ji-so) zu geben, ziehen Schwester (als Kunststudentin: Park So-dam), Vater (als Chauffeur: Song Kang-ho) und Mutter (als Haushälterin: Jang Hye-jin) nach. Beschwingt erzählt Bong Joon-ho eine Infiltrationsgeschichte, die aus dem Ruder läuft. Wer sind eigentlich die Parasiten?

Die Reichen? "Parasite" wappnet sich mit dem Schild moralischer Mehrdeutigkeit in einem bizarren Doppelspiel zweier sozialer Milieus gegen Denunzierung und Dämonisierung. Und wenn Bong Joon-ho die Reichen veralbert, dann keck – die Leichtgläubigkeit von Yeon-kyo (Jo Yeo-jeong), der Mutter, ist beeindruckend schief, aber nie zu schief, als dass sie nicht fürsorglich wäre. Als die Bilder ihres Sohnes (Jung Hyun-joon) psychoanalytisch interpretiert werden (Verdacht auf Schizophrenie!), nickt sie jeden zweiten Satz ab, als ob sie jeden Satz abnicken würde – bereit, das Beste zu tun, was eine Mutter zu tun bereit ist. Die blinde, denkfaule Autoritätshörigkeit von Menschen, die in ihrer freiwillig mustergültigen Rolle als Autorität selbst austauschbar bleiben, überspitzt "Parasite" bis ins Unkenntliche, während fadenscheinigste Ausflüchte gesucht werden, langjähriges Personal zu entlassen. Die Reichen hören auf andere, auf Fremde mit Zertifikaten, obwohl uns Bong Joon-ho mitzuteilen versucht: Hört nicht auf den Status.

Die Komik der Armen hingegen intensiviert sich in dem Risiko, wie weit im Voraus die Gefahr abschätzbar ist, im falschen Kostüm erwischt zu werden. Denn das Haus der Reichen verfügt über allerhand labyrinthische Geheimecken, in denen die "Parasiten" sich entmaterialisieren. Sie werden weggesperrt. Das Haus (geschmackvoller Designarchitektur), in dem "Parasite" zu großen Teilen spielt, hat ebenfalls einen "Keller" für den Fall, dass der Gerichtsvollzieher erscheint, und in dem in der Tat jemand heimlich und ungestört lebt. Es ist daher nicht weit hergeholt, dass die Metapher des Kellers eine Metapher über die solidarische Schizophrenie zwischen denen, die viel haben, und denen, die nichts haben, darstellt. Nicht umsonst ist der Keller schwer erreichbar – zuvor muss ein nicht minder schweres Regal verschoben werden. Der Aussätzige, der stinkt und bettelt, gehört verdrängt und aus dem Bewusstsein verstoßen. Jeder dunkle Gedanke an ihn zwingt zur Sublimierung akzeptierterer Lebensführung.


Mit beneidenswerter Leichtigkeit gelingt es Regisseur und Strippenzieher Bong Joon-ho, alles unter einen Hut zu bringen. Vom schwarzen Humor, den teils schrägen Charakter-zügen bis zu den sozial-kritischen Spitzen. Dabei ist es umso bemerkenswerter, wie sich uns die Hochstapler-Familie nicht als Antihelden präsentiert, deren Taten und Intrigen sich allein als "dreist" oder "rücksichtslos" definieren lassen. Die Kims haben Chuzpe, profitieren von einem scheinbar natürlichen Talent fürs Fälschen und Rollenspiel und sie bereiten ihre Schachzüge nicht weniger minutiös und intensiv vor als andere Big-Player der Leistungs-Gesellschaft. Weshalb der Coup der Souterrain-Sippe auch echten Respekt abnötigt. Wie sie besonders die Leichtgläubigkeit der Dame des Hauses ausnutzen und nach und nach jedes Familienmitglied ins Haus holen, ist im Grunde ja nur eine Auslegung des Mottos "Frechheit siegt". Aber noch bevor es ihm zu einseitig wird, krempelt Bong Joon-ho "Parasite" dann nochmals um und bereitet den Boden für ein Ende, das blutige Klingen und einen bitteren Nachgeschmack hinterlässt.

Im sozialkritischen Genrekino von Bong Joon-ho fungiert der Klassenkampf nach wie vor als tagesaktueller Knotenpunkt politischer Partizipation, der - auch in "Parasite" - blutig sein Unwesen treibt. Der Film erscheint bestenfalls freudianisch und schlimmstenfalls tragikomisch: Die neoliberalen Verheißungen eines ökonomischen Aufstiegs, der mit harter Arbeit, strengem Verzicht und eisernem Willen durchgesetzt werden kann, erweist sich als Illusion derjenigen, die bereits in ein determiniertes Selbstverständnis hineingeboren worden, jemand gegenüber anderen zu sein. Wie kompliziert die Vorstellungswelten von Privilegierten und Nichtprivilegierten sein können, zeigt eine Szene, in der Wasser das Armenviertel flutet. Auf der einen Seite, so wird behauptet, ein starker Regen, auf der anderen Seite, so wird gezeigt, ein existenzgefährdender, reißender Strom: Die Überlebenden treiben als Stück Fleisch ohne Hab und Gut auf dem Wasser und übernachten in einer Sporthalle. Sie werden ihrem Schicksal überantwortet.

Steigerungsevangelien und Ausbruchsverhältnisse ohne systemische Bedingt- und Unvermeidlichkeiten zu denken, evozieren ideologische Fehlschlüsse. So heiter, verschlafen und weltentrückt Kim Gi-taek (Song Kang-ho) seine alte und neue Umwelt durchlebt, so kurzlebig ist der Kleber des Etiketts, das er sich anheftet. Die Zuschreibungen, die ihn von außen erreichen, sind parasitär, und ein anderes Shampoo gegen den Körpergeruch hilft selten gegen das, was Kopfsache ist: Vorverhandlungen, Urteile im Voraus, Beweise im Nachgang. Trotz vieler schwarzwitziger Avancen zwischen Pfirsichen, Morsezeichen und Tuberkulose-Taschentüchern hegt "Parasite" fatalistisch Zweifel am Nebeneinander der Menschen aus unterschiedlichem Hause. Ein Rest an Entfremdung schlüpft in jede Maske – und jedes Saufgelage in einer Umgebung, die das Saufen in eine kultivierte Kulturpraxis überführte, erweckt den Anschein von uneingeladener, vorübergehender Fehllei(s)tung: Kim Gi-taek muss in seine Rolle zurückkehren. Es gehört natürlich auch erwähnt, dass der "Parasite", bei allem sozialen Sprengstoff, natürlich auch nur als launige und hintersinnige Satire verstanden werden kann, deren makellose Handhabung einen einfach nur der Hut ziehen lässt.

10/10

Von CAPELIGHT PICTURES erschien der Film hierzulande in HD in einem tollen Mediabook:

Montag, 16. März 2020

Trespass - Die Rap-Gang (1992)

https://www.imdb.com/title/tt0105636/

Die Feuerwehrmänner Don (William Sadler) und Vince (Bill Paxton) suchen eine Kiste mit gestohlenem Kirchengold in einer verfallenen Industrieanlage. Mittem im Gangland von Drogenboss King James (Ice T) und seinem Handlanger Savon (Ice Cube) geraten sie in einen tödlichen Deal – Zeugen unerwünscht. In letzter Sekunde verschanzen sich Don und Vince in einem Fabrikraum: Sie haben eine Waffe, 21 Kugeln und Kings kleinen Bruder als Geisel, um ihr Leben zu retten. Während die schwer bewaffneten Gangster sie belagern, suchen sie in ihrem unfreiwilligen Gefängnis verzweifelt nach einem Fluchtweg, um mit dem Gold zu entkommen. Die Uhr tickt gegen sie und das Gebäude wird zum Schauplatz eines gnadenlosen Kampfes um Leben und Tod ...

Regisseur Walter Hill gehört zu den großen Action-Koryphäen des 1970er, 1980er und teilweise auch des 1990er Jahre Kinos. Mit Klassikern wie "Driver", "Nur 48 Stunden", "Red Heat" oder "Last Man Standing" hat sich der aus Long Beach stammende und von John Ford wie Sam Peckinpah maßgeblich beeinflusste Hill durch sein Gespür für Timing und eine auf das Wesentliche reduzierte Erzählökonomie einen Namen gemacht. Nicht nur Action-Fans waren begeistert, auch die Ikonen dieses Gefildes wurden angelockt: Charles Bronson, Arnold Schwarzenegger, Bruce Willis oder Sylvester Stallone. Alle wollten sie verständlicherweise mit ihm drehen. Eine der weniger schillernden Ausnahmen im Schaffen des Altmeisters stellt indes "Trespass" dar.

Nicht, dass der Film schlecht wäre, "Trespass" kam jedoch zur falschen Zeit in die Kinos, was geradewegs zu einem rigorosen Kassenflop führte: Anfang der 1990er Jahre eskalierten die Rassenunruhen ein weiteres Mal. Ausgehend vom Fall um Rodney King, der 1991 Opfer unverhältnismäßiger Polizeigewalt wurde, mündeten die hitzigen Debatten schlussendlich darin, dass die angeklagten Cops von einer Jury – in der sich kein Schwarzer befand – freigesprochen wurden. Massive Proteste entbrannten, die schlussendlich in extreme Gewalt umschlugen. Über mehrere Tage hinweg herrschte Chaos in Teilen von Los Angeles, erst die Nationalgarde mit Unterstützung der US Marines und US Army konnte die Kontrolle zurück über die Stadt erlangen. Da spielte es dann schließlich auch keine Rolle mehr, dass Walter Hill unermüdlich betonte, mit "Trespass" keinen Film über Rassenkonfrontationen gemacht zu haben, sondern einen reinrassigen, sehr klassisch gehaltenen Actionfilm. Und genau das ist "Trespass" letztlich auch geworden: Ein handwerklich größtenteils kompetent arrangierter Actioner, in dem zwei Feuerwehrmänner (gespielt von Bill Paxton und William Sadler) im Gangland der East Bronx auf Schatzsuche gehen. Meilenweit vom geschäftigen Zentrum der Stadt entfernt, wird ein verfallener Industriekomplex zum Setting der klaustrophobisch anmutenden Geschichte. Die Drehbuchautoren Bob Gale und Robert Zemeckis, die mit der "Zurück in die Zukunft"-Reihe einen populärkulturellen Meilenstein geschaffen haben, ließen sich nach eigenen Aussagen vom Surival-Terror eines Beim Sterben ist jeder der Erste inspirieren: Damals war es eine Gruppe Großstädter, die in selbstherrlicher Arroganz in die Wildnis eindrangen. Hier sind es zwei raffgierige Männer aus dem Mittelstand, die in fremdes Terrain einkehren, um sich selbst zu bereichen.

Walter Hill gelingt es durchaus gekonnt, ein stetiges Gefühl für die begrenzte Räumlichkeit des heruntergewirtschafteten Fabrikgeländes zu evozieren: Wie die beiden Protagonisten, denen das Drehbuch partiell angenehme Ambivalenzen zugesteht, wenn sie im Angesicht des Batzen Goldes ihre Loyalität zueinander mehr und mehr hinterfragen, erforscht auch die Kamera den Handlungsort stetig, inspiriert die verschachtelten Räume, die verwinkelten Korridore, sucht nach Fluchtwegen und Rückzugsmöglichkeiten, während die Antagonisten, King James (Ice-T) und seine Schergen (u.a. Ice Cube und Tiny Lister), mit immer schwererem Geschütz auffahren. Die Ausgangslage und die im Film enthaltenen Konflikte zwischen beiden Parteien und untereinander sind simplistisch, durchweg zweckdienlich, um den Kampf ums Überleben (und die Suche nach dem Gold) ins Rollen zu bringen. Interessant an "Trespass" ist letztlich, selbstverständlich, Walter Hills Umsetzung.

Die ist, wie bereits erwähnt, routiniert und stilsicher, artikuliert sich atmosphärisch und arbeitet konsequent auf die unausweichliche Konfrontation zwischen allen Beteiligten zu. Dass "Trespass" aufgrund seiner schnöden TV-Optik teilweise aussieht wie ein Fernsehfilm, lässt die Produktion schmuckloser erscheinen, als sie wirklich ist. Dadurch, dass Walter Hill außerdem darauf verzichtet, sich seinen Figuren wirklich psychologisch anzunähern, erklärt er sie zu funktionalen Abziehbildern und Kanonenfutter auf zwei Beinen. "Trespass" wirkt zuweilen gemächlich und ermüdend, obwohl hier – theoretisch - ständig Druck auf dem Kessel ist, was folgerichtig am wenig umsichtigen Umgang mit den Figuren liegt. Oftmals fühlt es sich so an, als sei Walter Hill ausschließlich darauf erpicht, den Goldrausch-Topos – ausgehend von "Der Schatz der Sierra Madre" – möglich reibungslos zu modernisieren und in die Gegenwart zu transportieren. "Trespass" ist sehenswert, aber niemals mitreißend. Inszenatorisch kann sich "Trespass" durchaus sehen lassen: Atmosphärisch, reduziert und immer nach vorne gerichtet entwirft Walter Hill eine kammerspielartige Konfrontation zwischen den Gangland-Membern und zwei Feuerwehrmännern, die sich auf Schatzsuche befinden. Dass "Trespass" nur solide, aber niemals mitreißend ist, liegt zum einen an seiner wenig ergiebigen TV-Optik, zum anderen aber auch daran, dass Walter Hill kaum Zugang zu den Figuren findet respektive finden möchte. Dennoch, ein durchaus sehenswerter Actioner, aber kein Meilenstein im Schaffen des großen Regisseurs.

7/10

Von TURBINE Medien kommt der Film im auf 500 Stück limitierten Mediabook auf BD in HighDefintion.

Sonntag, 15. März 2020

Scanners - Scanners: Ihre Gedanken können töten (1981)

https://www.imdb.com/title/tt0081455/

Cameron Vale (Stephen Lack) leidet seit Jahren an Stimmen in seinem Kopf, die er nicht kontrollieren kann. Durch Zufall stellt er eines Tages fest, dass er über telepathische Fähigkeiten verfügt, die er allerdings ebenfalls nicht gezielt einsetzen kann. So kommt es, dass er mittels seiner mentalen Kräfte unabsichtlich einen Anfall bei seiner Frau verursacht, die daraufhin ins Krankenhaus eingeliefert werden muss. Vale selbst wird verhaftet und unter die Obhut eines Dr. Paul Ruth (Patrick McGoohan) gestellt. Der erklärt Vale, er sei ein sogenannter "Scanner". Jemand, der über telekinetische Fähigkeiten verfügt, die man durch Übung kontrollieren kann. Doch es gibt auch Scanner, die ihre Kräfte für negative Zwecke verwenden. Wie der durchtriebene Darryl (Michael Ironside), ein überaus mächtiger, feindseliger Scanner, der aus Spaß tötet und seine Macht demonstriert. Ihn gilt es unbedingt aus dem Weg zu räumen, um ein großes Blutbad zu verhindern...

Wenn der menschliche Geist zur tödlichen Waffe wird und man selbst zur Geisel des eigenen Körpers. Mit "Scanners" setzt David Cronenberg seinen Body-Horror-Zyklus fort, den er 1975 mit "Parasiten-Mörder" startete und der fast sein gesamtes Schaffen bis zum Millennium maßgeblich prägte. Geist und Körper als Gabe und gleichzeitig Gefängnis, als schicksalhafter Fluch und Bestimmung. Vor der man nicht davon laufen kann, sondern sich damit auseinandersetzen muss, um letzten Endes so etwas wie Erlösung zu finden. Über die Vergänglichkeit und Instabilität des Fleisches und die übermenschliche Kraft der Gedanken oder eher einer paranormalen Energie, die ihnen entspringt. Vor dem Hintergrund phantastischen Science-Fiction-Horrors erzählt David Cronenberg eine Art subversiven Agenten- und Spionagethriller, der durchaus als Allegorie auf das damals aktuelle Weltgeschehen betrachtet werden darf. Die Ära des Kalten Krieges, geprägt von Paranoia und der Furcht vor der Bedrohung feindlicher Mächte. In diesem Kontext genießt das Lesen und Beherrschen von Gedanken natürlich noch einen viel höheren, brisanteren Stellenwert; die Manipulation und Instrumentalisierung von Verbündeten durch den Feind spiegelt eine gesellschaftlich-politische Urangst der frühen 80er wieder. Sie sind unter uns und wollen uns zerstören, nisten sich in unseren Gedanken und letztendlich auch noch ganz wo anders ein, was an dieser Stelle allerdings noch nicht verraten werden soll. Cronenberg verzichtet erstmals auf seinen immer stark dominanten, aufregenden und doppeldeutig-analytischen, sexualisierten Sub-Text, was im ersten Moment etwas bedauerlich ist, aber letztlich in dieser Geschichte auch nicht zwingend von Belang.

"Scanners" thematisiert nicht Weiblichkeit, Triebhaftigkeit und ungestilltes Verlangen, konzentriert sich mehr auf das Zusammenspiel von Geist und Körper, sogar die Vernetzung von Mensch und Maschine. Unterlegt mit einem dillirisch-bedrohlichen Synthesizer-Score von Howard Shore steht der Kampf mit und gegen das eigene Bewusstsein, die eigene Identität und auch die eigene Macht im Vordergrund, die schnell zur größenwahnsinnigen Allmachtfantasie mutieren kann. Vale und Revok sind gleichzeitig Freund und Feind. Zwei Begabte, zwei Individuen, die von der normalen Gesellschaft als Bedrohung eingestuft werden und unterschiedlich darauf reagieren. Eine Konfrontation im großen Stil ist unausweichlich und da berstet nicht nur schlicht der Schädel. Im Duell der beiden Alphatiere zelebriert Cronenberg den plastisch-bestechenden Body-Horror als destruktives, zersetzendes Effekt-Spektakel, an dessen Ende die nächste Stufe steht. Die Zerstörung des Körpers, der einschränkenden, gefangennehmenden Hülle zur Befreiung und Wiedergeburt des Geistes. Seelen-Piraterie, völlig losgelöst von allem Materiellen. Bevor das neue Fleisch bejubelt wurde, musste das alte erst zu Grunde gehen. Selbstzerstörung zur Selbsterhaltung. Ein echter Cronenberg halt. Extrem körperliches Kopf-Kino mit Leib und Seele.

Oftmals eher weniger wertgeschätzt als andere Werke des kanadischen Genre-Meisters wird "Scanners" damit Unrecht getan. Sicher erreicht er nicht die Brillanz die die meisten seiner Folgearbeiten auszeichnen sollte, verglichen mit seinen vorherigen Arbeiten fällt dieser Film aber keinesfalls negativ ab. Der sexuelle Kontext geht im klar ab, was er aber für seinen Inhalt auch nicht benötigt. Denn auch so ist das schlaues, hintergründiges und prägnantes, individuelles Genre-Kino. Exzellent inszeniert, geprägt von einem fatalistischen Grundton und mit bohrendem Nachhall versehen. Mit weit mehr Blick über den Tellerrand von platzenden Köpfen, als ihm allgemein wohl zugestanden wird.

7/10

Von WICKED VISION erschien der Film im limitierten Mediabook, welches die ungeschnittene Trilogie auf BD beinhaltet und dazu mit jeder Menge informativen Bonusmaterial ausgestattet ist.

The Theory Of Everything - Die Entdeckung der Unendlichkeit (2014)

https://www.imdb.com/title/tt2980516/

Während seines Studiums an der renommierten Cambridge University in den 1960er Jahren verliebt sich der brillante Naturwissenschaftler Stephen Hawking (Eddie Redmayne) bis über beide Ohren in die Sprachenstudentin Jane Wilde (Felicity Jones). Einen herben Rückschlag erhält der theoretische Physiker, der sich vor allem mit dem Phänomen der Zeit und dem Ursprung des Universums beschäftigt, im Alter von nur 21 Jahren, als bei ihm die degenerative Nervenkrankheit ALS diagnostiziert wird. Die Ärzte geben ihm nur noch etwa zwei Jahre zu leben. Doch schiere Willenskraft und nicht zuletzt die Liebe Janes, die ihn nach dem niederschmetternden Befund nicht etwa verlässt, sondern seine Frau wird, helfen ihm, den immer größeren körperlichen Einschränkungen zu trotzen und schließlich mit seinen bahnbrechenden Forschungen in die Geschichte einzugehen.

"Die Entdeckung der Unendlichkeit" wurde von den Kritikern seinerzeit recht euphorisch aufgenommen, auch wenn es sich bei dem Biopic über Professor Stephen Hawking um ein recht schmales Werk handelt, welches sich auch immer wieder kleinere wie größere Freiheiten erlaubt.Doch eines gleich vorweg: das Dargebotene funktioniert filmisch hervorragend, wobei man zugegebenermaßen schon einige prekäre Stellen nicht gerade unauffällig zu umschiffen versucht hat und sich auch ansonsten inszenatorisch vergleichsweise wenig traut, weshalb es insbesondere den beiden Hauptdarstellern zu verdanken ist, dass die auf dem Buch von Hawkings erster Ehefrau Jane basierende Geschichte dennoch funktioniert.

So lernt man Hawking bereits vor seiner weithin bekannten Krankheit und der damit einhergehenden Diagnose kennen und wähnt sich beim ersten Zusammentreffen mit seiner späteren Ehefrau zunächst in einem romantischen Liebesfilm, bevor gemäß der Holzhammermethode in aneinandergereihten Schlüsselszenen der Zerfall Stephen Hawkings einzusetzen beginnt, wobei es – dafür kann der Film aber nichts – immer noch erstaunlich ist, wie man ihm seinerzeit eine verbleibende Lebensdauer von etwa zwei Jahren attestieren zu können meinte und er bis heute nicht seiner Krankheit erlegen ist, stattdessen ein regelrechtes popkulturelles Phänomen zu sein scheint, vor allem aber im Geiste noch immer ungebrochen, was wohl auch die Kernaussage des Films trifft und diesen trotz seiner generischen Herangehensweise so einzigartig macht, denn aus dem Umstand, was dieser vom Schicksal regelrecht gebeutelte Mann aus seinem Leben zu machen vermochte und noch immer tut, kann man im Grunde nichts anderes als Hoffnung und Zuversicht schöpfen.

Zweiter Aspekt, mit dem "Die Entdeckung der Unendlichkeit" ohne Frage steht und fällt, ist aber natürlich die Darstellung Stephen Hawkings in seinen unterschiedlichen Lebensphasen, die hier zuweilen wie im Zeitraffer durchlaufen werden und da kann man gar nicht anders, als Eddie Redmayne uneingeschränktes Lob auszusprechen, denn er macht sich die Figur, die Person regelrecht zu eigen und überzeugt in jeder Sekunde und vermag auf glaubhafte Art und Weise die unterschiedlichen Stadien des körperlichen Zerfalls und gleichsam auch den langsamen Verlust der Sprachfähigkeit zu dokumentieren, ohne dabei indes die Integrität des Mannes selbst infrage zu stellen oder nur noch als jammervolles Objekt von Mitleid und Bedauern aufzutreten, denn selbst in den schlimmsten Momenten gelingt es ihm, den unbändigen Lebenswillen, den wachen Geist und den feinen Humor Hawkings erfahrbar zu machen, was vielleicht die noch größere Leistung darstellt, als lediglich die zunehmenden körperlichen Gebrechen adäquat darzustellen. Redmayne zur Seite steht Felicity Jones als Jane Hawking und auch wenn ihre Rolle sicherlich mitnichten so Oscar-würdig sein mag, weiß sie sich doch zu behaupten und schafft eine vielschichtige Interpretation der augenscheinlich so zierlichen Person, der eine mentale Stärke innewohnt, die ihresgleichen sucht.

So begleitet man Stephen und Jane auf dem vorgezeichneten Weg und staunt über die vielen ergreifenden Szenen, derweil es "Die Entdeckung der Unendlichkeit" aber nicht immer gelingt, alle Längen zu umschiffen. Schade ist es im Übrigen auch, aber nicht unbedingt dem Film selbst vorzuwerfen, dass man von Hawkings Forschungen im Grunde recht wenig zu Gesicht bekommt, denn abgesehen von ein paar zaghaften Exkursen und Andeutungen in diese Richtung, spart man diesen Part in weiten Teilen aus und konzentriert sich lieber auf den zwischenmenschlichen Aspekt in Bezug auf Jane und Stephen. Spürbar interessanter wird die Geschichte derweil noch einmal, wenn Charlie Cox Teil des Ensembles wird und gleichsam Nebenbuhler für Stephen, denn der von Cox verkörperte Jonathan Hellyer Jones weckt alsbald das Interesse der zunehmend von den Strapazen geplagten Jane, wobei hier auch im Umkehrschluss auch einer der ärgerlichsten Aspekte des Films zu finden ist, denn bei der Frage, ob und inwieweit die beiden eine Affäre hatten oder nicht, bleibt der von James Marsh inszenierte Film ungemein diffus und will sich partout kein Urteil, beziehungsweise keine Meinung erlauben und auch wenn ich verstehe, dass man sich in Anbetracht real existierender Figuren in diesem Punkt zurückhalten wollte, hätte man das Thema sicherlich auch anders handhaben können als geschehen. Nichtsdestotrotz vermag diese Biografie einem durchaus die Person Stephen Hawkings näherzubringen und dessen Leben zu skizzieren, doch ist es im Grunde reines Darsteller-Kino, das man hier geboten bekommt, denn ohne die großartigen Leistungen Redmaynes und Jones‘ wäre dieser Film mit seiner ansonsten sehr konservativen Inszenierung vermutlich nur halb so gut.

James Marsh inszeniert in "Die Entdeckung der Unendlichkeit" die Lebensgeschichte von Stephen Hawking und fokussiert vorrangig auf dessen erste Ehe mit Jane, auf deren Buch wiederum das Skript des Films fußt, doch mehr noch als die ohnehin schon ereignisreiche wie gleichermaßen dramatische Biografie sind es die außergewöhnlichen darstellerischen Leistungen seitens Eddie Redmayne wie auch Felicity Jones, die für den Film einzunehmen wissen, der ansonsten weithin nach bekannten und wenig überraschenden Mustern inszeniert ist.

9/10

Samstag, 14. März 2020

Climax (2018)

https://www.imdb.com/title/tt8359848/

Eine Tanzgruppe aus 21 jungen Tänzern quartiert sich in einem abgelegenen Übungszentrum ein, um sich auf eine anstehende Tournee vorzubereiten. Am Abend bevor es endlich losgeht, feiern die jungen Tänzer und Tänzerinnen eine rauschende Party, sie wollen sich besser kennenlernen und bei Sangria und elektronischer Musik zusammen feiern. Doch dann macht Selva (Sofia Boutella) eine unglaubliche Entdeckung: Ein Unbekannter hat sie unbemerkt unter Drogen gesetzt – als sich die Wirkung zu entfalten beginnt, mutiert die Nacht zum wahren Höllentrip: Panik macht sich unter den jungen Künstlern breit, unterschwellige Abneigung eskaliert in plötzlichen Gewaltausbrüchen und aus harmloser Zuneigung wird gefährliche Begierde. Bis zum Morgengrauen dauert der Trip an, als endlich die Polizei eintrifft und sich das ganze Ausmaß der Eskalation offenbart...

Gaspar Noé's Climax ist ein seltsamer, ent- und verrückter Film, der eine höchst beunruhigende Wirkung auf den Zuschauer ausübt. Eine Tanzgruppe feiert ausgelassen nach ihren Choreographieproben in einem riesigen weitläufigen Gebäude. Jemand hat den Sangria mit Drogen versetzt. Nachdem alle davon getrunken haben, beginnt die Stimmung nach und nach zu kippen und verändert jeden auf sehr negative Weise. Der Wechsel von harmlosen, albernen, teils pubertären und ordinären Gesprächen der TänzerInnen, die auch am Anfang des Streifens vorgestellt werden, hin zu Vorwürfen, Streitigkeiten und Gewalt nach dem unfreiwilligen Drogenkonsum sind noch das harmloseste an "Climax".
Je länger der Film andauert, desto schlimmer sind die Auswirkungen zu spüren. Die Menschen werden praktisch auf ihre wildesten, primitivsten und niedersten Instinkte zurückgeworfen und benehmen sich dementsprechend. Die typischen schwindelerregenden Kamerafahrten von Noé-Filmen kommen hier besonders eindringlich zur Geltung. Der düstere, hämmernde, aber auch großartige Soundtrack und die sich verändernden Farben und Geräusche mit fast psychedelischer Note vervollkommnen noch die klaustrophobischen und schrecklichen Eindrücke.

"Climax" ist wahrlich ein psychedelischer, beängstigender und beengender Horrortrip. Das beste hier ist ganz klar die Kameraarbeit, die den Zuschauer an manchen Stellen ganz schwindlig macht und im Lauf des Films selbst immer wilder & verrückter wird. Dazu kommen die halluzinogenen Farben und das Setting, das wie eine Art Kammerspiel anmutet.  Alles steht am Ende Kopf, und das tut auch die Kamera, die ebenfalls auf dem Kopf stehend das furchtbare Geschehen einfängt. Ein faszinierender Horrortrip mit teils schwer erträglichen, widerwärtigen Bildern, die man so schnell nicht aus dem Gehirn hinausbekommt, obwohl man sich das sehr wünscht! Die Tanzszenen jedoch sind fantastisch.

7/10

Der Film erschien in Deutschland von Alamonde Film ungeschnitten im limitierten Mediabook.

Bloodshot (2020)

https://www.imdb.com/title/tt1634106/

Das eigentlich perfekte Leben des erfolgreichen Marines Ray Garrison (Vin Diesel) wird von heute auf morgen wie aus dem Nichts zerstört: Er und seine geliebte Ehefrau werden brutal ermordet. Einer Gruppe ehrgeiziger Militärwissenschaftler um Dr. Emil Harting (Guy Pearce) gelingt es aber, Garrison von den Toten zurückzuholen und ihn dank Nanotechnologie in einen Supersoldaten zu verwandeln – eine biotechnische Killermaschine mit unglaublichen Kräften und Fähigkeiten. Außerdem spürt er keinen Schmerz mehr und ist in der Lage, sich nach Verletzungen selbst zu regenerieren, was ihn im Grunde unsterblich macht. Obwohl Garrison mit weiteren Supersoldaten in einem Spezialteam ausgebildet werden soll, zwingen ihn die stetigen Erinnerungen an seine Frau, auf Rache für ihre Ermordung zu sinnen. Garrison muss aber bald feststellen, dass er nicht mehr frei in seinen eigenen Entscheidungen ist und seine Realität von den Wissenschaftlern manipuliert wurde. Diese wollen ihn nämlich als willenlose Tötungsmaschine missbrauchen und sind Teil einer groß angelegten Verschwörung...

Große Pläne hatte Sony mit den "Bloodshot"-Rechten. Der Comic aus dem Hause Valiant gehört zusammen mit "Harbinger" zu den Zugpferden des Verlages, welcher nach vielen Verhandlungen aber nicht ins Portfolio von Sony gewandert ist. Stattdessen hat sich Paramount die Rechte gesichert, und ein geplantes Universum zusammen mit den beiden Serien auf der großen Leinwand hat sich damit erstmal zerschlagen. So konzentriert man sich nun auf den von Superstar Vin Diesel gespielten Nano-Superhelden. Inszeniert wird sein erster Auftritt von Dave Wilson, der damit sein Regiedebüt hinlegt. Bisher hat er sich vor allem als Visual-Effekt-Experte, unter anderem für "Avengers: Age Of Ultron, einen Namen gemacht. Aber das passt ganz gut, denn Bloodshot ist ein sehr effektlastiger Film geworden. Mit einem überschaubaren Budget von etwas 42 Millionen US-Dollar versuchte Regisseur Dave Wilson einen Actionfilm auf die Beine zu stellen, der ohne aufwendige CGI-Effekte kaum auskommen kann. Und in Bezug auf die Action war der Effektspezialist durchaus der richtige Mann, denn eines kann man dem Werk nicht vorwerfen und das sind die in großen Zügen gelungenen Computereffekte. Aber auch darüber hinaus sehen die Actionszenen gut aus und greifen auch immer wieder auf praktische Effekte zurück. Auch wenn grundsätzlich an diesen Szenen nicht viel auszusetzen ist, bleiben sie bis auf eine Ausnahme dennoch relativ kreativlos und dadurch unauffällig. Durch die teilweise hohe Anhäufung von Schnitten in diesen Augenblicken beraubt man sich darüber hinaus auch unnötig an visueller Kraft. Einzig eine inszenatorisch gelungene Actionszene in einem Tunnel, bei dem alles in Mehl getunkt ist, hinterlässt einen nachhaltigen Eindruck. Der Rest bleibt meist zu routiniert.


Inhaltlich wird zwar versucht dem Protagonisten eine emotionale Hintergrundgeschichte zuzuschreiben, die auch durchaus Potential beinhaltet, doch an ihrem Hauptdarsteller scheitert. Vin Diesel gelingt es in keinem Moment seiner Figur die emotionalen Facetten abzugewinnen, die ihr zugrunde liegen. Dadurch verkommt vieles zu einfachen Behauptungen. Generell gibt sich Wilson zwar spürbar Mühe seinen Hauptdarsteller cool in Szene zu setzen, doch bleibt Diesel häufig einfach aufgesetzt und uncharismatisch. Aber auch die Nebendarsteller können wenig bis gar nicht überzeugen. Sam Heughan ist als Diesels Bad Ass-Kamerad und gleichzeitiger Gegenpol eine Zumutung, Talulah Riley als große Liebe ein wandelndes Klischee und Guy Pearce bleibt durchweg unterfordert. Darüber hinaus gelingt es bei den oberflächlichen Figurenzeichnungen dem Zuschauer kaum Sympathien für nur einen einzigen Charakter zu entlocken. Dazu bekommtn man Humor, der tonal aber leider nicht ganz zu "Bloodshot" passen möchte und bisweilen befremdlich wirkt.

Inszenatorisch bleibt "Bloodshot" häufig uninspiriert. Der Einstieg ist darüber hinaus erschreckend schlecht umgesetzt, wenn er auch durch einen kleinen Kniff in der Mitte zumindest ein wenig entschuldigt wird. Dennoch gelingt es dem Regisseur auch im weiteren Verlauf nicht sonderlich viele Akzente zu setzen. Ansonsten bleibt über "Bloodshot" eigentlich nicht viel zu sagen. Die Comicverfilmung bietet routinierte Action, in diesem Bezug durchaus auch eine herausstechende Szene, und auch ein wenig Gewalt, was die 16er-Freigabe berechtigt. All zu viel Härte sollte man dennoch nicht erwarten. Visuell kann man dem Werk wenig vorwerfen, in Bezug auf das Budget eigentlich sogar loben. Ansonsten bleibt das Werk unauffällig bis belanglos, bei Darstellern und Figurenzeichnung sogar häufig unterdurchschnittlich. "Bloodshot" ist dank solider Actionszenen eventuell für Actionfans noch ansehnlich. Alle anderen Zuschauer werden sich an dem überforderten Hauptdarsteller und den zahleichen dramaturgischen Oberflächlichkeiten die Zähne ausbeißen. Dave Wilsons Spielfilmdebüt ist leider einfach zu belanglos geworden.

6,5/10

Von SONY Pictures kommt der Film in UK in 4K Ultra HD im limitierten Steelbook:  


Quellen
Inhaltsangabe: Sony Pictures
Poster/Artwork
Sony Pictures

Freitag, 13. März 2020

Die Känguru-Chroniken (2020)

https://www.imdb.com/title/tt7749142/

Der unterambitionierte Berliner Kleinkünstler Marc-Uwe (Dimitrj Schaad) und das vorlaute Känguru (gesprochen von Marc-Uwe Kling) nehmen es mit dem rechtspopulistischen Immobilienhai Dwigs (Henry Hübchen) auf, der den malerischen Nachbarschaftskiez verschandeln will. Doch davor müssen die beiden sich erst mal kennenlernen. Und das geschieht, als das sprechende Beuteltier bei Marc-Uwe an der Tür klingelt und wenig später ungefragt sein Mitbewohner wird. Fortan häufen sich die abstrusen Erlebnisse des ungleichen Teams. Denn wo das antikapitalistische Känguru ist, da ist auch das Chaos nicht weit. Das Tier unterwandert jede gesellschaftliche Regel mit Links. Die eigene Faulheit zum Beispiel stellt es wortgewandt als Akt der Rebellion gegen den Kapitalismus hin. WG-Regeln sind in den Augen des Kängurus nur eine mildere Form der Unterdrückung...

Nach vier Büchern und einer nicht ganz augenzwinkernden Ankündigung, dass da (11 Jahre nach den "Känguru-Chroniken") ein Film kommen könnte, sind "Die Känguru-Chroniken" doch im Kino gelandet. Marc-Uwe Kling schrieb selbst in einer Mitteilung dazu: "Es ist schön, mit X Filme eine von Künstlern für Künstler gegründete Produktionsfirma zu haben, die aus dem kommunistischen Känguru keinen gemäßigt sozialdemokratischen Koalabären machen wollen. Am Schönsten ist aber, dass mir das Känguru deshalb so gut wie versprochen hat, sich selbst spielen zu wollen. (Ich bitte von Rückfragen über die Anzahl der für diese Zusage versprochenen Schachteln Schnapspralinen abzusehen. Ich habe diesbezüglich eine Verschwiegenheitserklärung abgegeben.)". Und ja, es ist schön, dass das Känguru aus den Büchern sich selbst spricht. Doch wer das erste Buch kennt, der kennt auch die Problematik dahinter, wenn man aus diesem Episodenwerk einen Film machen will.

Natürlich war es richtig dem Film einen Handlungsstrang unterzulegen, der die Geschichte führt und nach vorne treibt. Es wäre auch möglich gewesen, eine komplett neue Geschichte zu erfinden, und den ganzen anekdotischen, bzw. episodischen Kram wegzulassen. Was dabei aber extrem nervt, ist die Tatsache, dass die Geschichte keinerlei Freiraum für das Känguru und Mark-Uwe ließ. Der ganze Film war eine verfilmte Schnappatmung, eine einzige Panikattacke. Dieses anarchische Nichts, dieses schwarze philosophische Loch, das die "Känguru"-Buchreihe überhaupt ausmacht, das gab es nie. Keine einzige Szene, wo die beiden einfach mal in Marc-Uwes Wohnung abhängen und... ja, über nichts und dabei Blödsinn reden. Nie nahm man sich die Ruhe mal so richtig schön blöd zu sein. Dazu eine Fußnote: Regisseur Dani Levy hat ja explizit ein Zitat aus dem Film "The Big Lebowski" eingebaut. Vielleicht hätte er sich mal den Film auch ansehen sollen, denn genau hier gibt es die Bowling-Szenen, die sich Zeit, Ruhe und Tiefe für die Figuren nehmen.

Nur teilweise sind "Die Känguru-Chroniken" tatsächlich gut umgesetzt und liefern mit Dimitrij Schaad - von der ersten Minute an charmant vertrottelt und liebenswert nerdig - eine echte Entdeckung in der Besetzung als Marc-Uwe Kling. Der Versuch jedoch, die absurden Alltagsgeschichten mit einem Kampf gegen rechts zu verbinden, sind jedoch weniger geglückt, da der Humor hier zu sehr auf Klischees angewiesen ist und ein bisschen plump ist. Der andere große Fehler war, dass man die Figur des Marc-Uwe zum überforderten Augenroller zusammengeschrumpft, und so dem Känguru den Sparringspartner genommen hat. Das war kein Buddy-Movie mehr. Das war Känguru mit langweiligem Side-kick. Kurz und gut: Dani Levy macht sich nicht gut als Regisseur. Wer mehr als einen seiner Filme kennt, weiß auch, dass Levy nie mehr als eine halbwegs solide Komödie abgeliefert hat. "Alles auf Zucker" war da noch eine seiner besten.

Und dabei haben seine Komödien allesamt dasselbe Problem: Es ist alles hektisches Geblubber, gepaart mit schlechte Kamera- und Schauspielerführung, fühlbar schlechtes Timing - und vor allem: schlechte Bücher, die Levy meistens selbst zu verantworten hat. Und deshalb wird man auch den Gedanken nicht mehr los, dass Levy, der vielleicht für andere Genres ein guter Regisseur ist, auch das Känguru-Buch "überarbeitet" hat. Hauptsache laut, Hauptsache hektisch, Hauptsache schmerzhaft plakativ, Hauptsache nicht subtil und nicht an den Figuren interessiert. Es fehlt das anarchische, freche, tiefgründige, originelle und witzige, was die Bücher so auszeichnet und besonders macht. Der Film war schlicht enttäuschend. Und das Ende entsprechend öde. Razupaltuff.

4/10