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Mittwoch, 8. November 2023

The Marvels (2023)

https://www.imdb.com/title/tt10676048/

Die als Captain Marvel bekannte Carol Danvers (Brie Larson) hat hart gekämpft, um nicht nur über die herrschsüchtigen Kree zu triumphieren, sondern auch über die sogenannte Obere Intelligenz an der Spitze der Alienrasse. Doch Captain Marvels Rache bleibt nicht lange ohne Folgen für das Universum. Denn plötzlich tut sich ein zunächst rätselhaftes Wurmloch auf, aus dem Dinge dringen, die die Heldin auf neue harte Proben stellen: Nicht nur greift ein neuer Revolutionär der Kree nach der Macht, auch Danvers’ Kräfte spielen plötzlich verrückt. Es scheint, als hätten diese aus unerfindlichen Gründen sowohl eine Verbindung zu ihrer Nichte, der S.A.B.E.R.-Astronautin Captain Monica Rambeau (Teyonah Parris), als auch zu ihrem absoluten Superfan Ms. Marvel (Iman Vellani) aufgebaut. An einen Alleingang ist jetzt nicht mehr zu denken. Die drei Frauen müssen sich zusammentun, um der neuen Bedrohung den Garaus zu machen und wieder Stabilität ins Universum zu bringen. 

Der neue Marvel Cinematic Universe (MCU)-Film "The Marvels" hat bei den Fans des Studios nicht gerade Vorfreude geweckt. Und das ist auch nicht verwunderlich. Man hat mittlerweile das Gefühl, dass die Studios sich zu sehr auf die Serien auf Disney+ konzentrieren und weit weniger frische Ideen in ihre Filme stecken. Und das Interessante dabei ist: man sollte eigentlich die Serien (mindestens "WandaVision" und "Ms. Marvel") kennen, um überhaupt vollständig nachvolziehen zu können, was in der Fortsetzung zu "Captain Marvel" überhaupt passiert. Das stößt etwas sauer auf, denn im Hinterkopf beißt sich der Gedanke fest, dass man den Konsumenten so lediglich mehr und mehr Geld aus der Tasche ziehen will, ohne wirklich Qualität zu liefern. So war es keine Überraschung, zu lesen, dass eine sehr frühe Testvorführung in Texas beim Publikum "durchschnittliche Kritiken" hinterlassen hat. Doch dieses Feedback ist auch etwas überraschend, da frühere Berichte darauf hindeuteten, dass der Film nur "positives Lob" erhalten hatte. Damit stellte sich dem Studio die Frage: Wird "The Marvels" die Erwartungen seiner MCU-Vorgänger erfüllen? Eine weitere "Sneak Preview", die im Juni in Amerika stattfand, ermöglichte es einem öffentlichen Publikum, den Film zu sehen - eine Seltenheit für die Marvel Studios, die dafür bekannt sind, solche Vorführungen auf Disney-Mitarbeiter zu beschränken. Die Reaktion des Publikums, die ebenso als "mittelmäßig" beschrieben wurde, warf die Frage auf, ob die eingefleischten Fans diese Meinung teilen werden. Immerhin gab die Testvorführung, die fünf Monate vor der offiziellen Veröffentlichung stattfand, den Marvel Studios sicherlich ausreichend Zeit, verschiedene Elemente basierend auf dem Feedback des Publikums zu verfeinern und anzupassen. Filmrezensionen sind von Natur aus subjektiv und die individuellen Meinungen können sehr unterschiedlich sein. Nur weil die Reaktion des Testpublikums verhalten war, heißt das nicht zwangsläufig, dass "The Marvels" bei einer breiteren Zuschauerschaft und MCU-Enthusiasten keinen Anklang finden wird, erklärten die Macher. 

Der von Nia DaCosta inszenierte Film vereint Brie Larsons Captain Marvel mit den übermächtigen Verbündeten Monica Rambeau und Kamala Khan. Ziel der Zusammenarbeit ist es, auf dem Erfolg von "Captain Marvel" aufzubauen, neue Charaktere einzuführen und das MCU noch mehr zu erweitern. Die Marvel Studios haben ja im Grunde eine nachweisbare Erfolgsbilanz bei der Bereitstellung fesselnder und unvergesslicher Superheldengeschichten, und "The Marvels" könnte diese Tradition durchaus fortsetzen. Dass das Kino zum Starttermin von "The Marvels" allerdings nicht voll besetzt war, lässt einen dann aber doch verwundert zurück, denn eines sei schon jetzt gesagt: so eine Ablehnung verdient "The Marvels" tatsächlich nicht.

Klar, in einer Kinolandschaft voller langwieriger Superheldenfilme, die mittlerweile oft durch unnötige Szenen belastet sind, ist der Zuschauer heute villeicht übersättigt. Konträr dazu gibt "The Marvels" ein Tempo vor, das auf unterschiedliche Superhelden-Enthusiasten zugeschnitten zu sein scheint. Dies ist eine angenehme Überraschung, gerade wenn man bedenkt, dass sich der Film um drei unterschiedliche Charaktere dreht. Trotz seines flotten Tempos, bei dem gerade Menschen ohne den Kenntnisstand der Serien Probleme haben dürften, kommuniziert "The Marvels" seine Prämisse gekonnt und sorgt für eine gut umgesetzte Erzählung, ohne entscheidende Elemente zu übersehen. Und machen wir uns nichts vor: gute Filme brauchen einfach Zeit. Zeit, die oft als ausreichend für die Entfaltung der Handlungsstränge der Charaktere und die Einbeziehung in den Film angesehen wird. Dennoch gehen die Meinungen auseinander; Manche finden zwei Stunden ausreichend, während andere der Meinung sind, dass es zu kurz für eine fesselnde, temporeiche Erzählung ist. "The Marvels" läuft knackige 105 Minuten - un dass das für eine Geschichte völlig ausreichend ist, beweist er gekonnt. Auch wenn diese wieder an manchen Stellen überhastet wirkt. Bäm! Bäm! Bäm! Szene auf Szene, keine Atempause. Null.

Überraschenderweise taucht der Film auch direkt in die Erzählung ein, ohne wesentliche Elemente zu opfern. Die Antogonistin wird eingeführt und schon sind wir mitten im Gescehen. Die Handlungsstränge der drei Hauptfiguren und des Hauptgegners sind knapp erzählt und verzichten auf lange Monologe und Hintergrundgeschichten. Insbesondere wird Zeit gespart, wenn davon ausgegangen wird, dass die Zuschauer Monica Rambeau und Kamala Khan bereits kennen. Eine Voraussetzung, die sicher nicht von jedem Zuschauer erfüllt werden kann, gerade weil beispielsweise "Ms. Marvel" beileibe nicht jeden Schuss im Ziel versenkte und weil nicht davon auszugehen ist, dass auch wirklich jeder Kinogänger und Marvel-Fan sich auch noch den hauseigenen Streamingdienst geholt hat. 

Das "The Marvels"-Trio verschwendet jedenfalls keine Zeit damit, sich langwierig irgendwelchen Prologen hinzugeben und meistert die anstehenden Herausforderungen schnell. Das Tempo ist zwar zügig, sorgt aber für einen reibungslosen Erzählfluss und vermeidet abrupte Entwicklungen. Allerdings erfordert der Film damit auch die volle Konzentration seines Zuschauers, da in dieser engmaschigen, zeiteffizienten Superheldengeschichte ansonsten möglicherweise wichtige Szenen oder Dialoge verpasst werden. Doch dafür sorgt auch die Umsetzung. "The Marvels" ist an keiner Stelle langweilig. Es gibt nie einen Punkt, an dem man das Gefühl hat, dass sich die Erzählung in die Länge zieht oder dass das Publikum das Interesse verlieren könnte. Jede Szene im Film hat einen klaren Zweck, sei es, die Geschichte voranzutreiben oder pure, spaßige Unterhaltung zu bieten. Von den ersten Momenten des Films an beschäftigten sich die Hauptfiguren sofort mit ihren Gegnern, den Kree, aber das ist auch so eine Sache, die eben das Wissen um die Serie "Secret Invasion" voraussetzt. Immerhin untermauert das schnelle Tempo den häufigen Kräftewechsel der Protaginstinnen und schafft ein Erlebnis, bei dem man das Gefühl hat, es versuche mit der dynamischen Umgebung Schritt zu halten - ähnlich wie Carol, Monica und Kamala sich durch verschiedene Szenen navigieren.

Auch die Charaktererzählungen finden ihren Platz inmitten der rasanten Actionsequenzen. Was das Geschichtenerzählen auszeichnet, ist die Vermeidung von elend langem Wiedergekäue oder übermäßigem Drama. Stattdessen kann man sich in die Charaktere hineinversetzen, ohne sich von übermäßigen Dialogen überwältigt zu fühlen. Dank früherer MCU-Filme und Disney+-Serien bereichert das Verständnis der Hintergründe der Charaktere das Seherlebnis. Vorausgesetzt eben, man hat bis dato alles in sich aufgesogen. Und weil dies vorausgesetzt wird, überzeugen auch die Hauptdarsteller, die sichtlich Spaß in ihren Rollen haben. Allen voran Iman Vellani als Kamala Khan, die ein wirklich nerdiger Superheldenfan ist und dies auch unverhohlen zur Schau stellt - und damit die meisten Gags einheimst. Auch die Flerks (die Tentakel-Katzen) bekommen ihre Szene - unterlegt von rockiger Musik, die den Geist der Zeit trifft. Die Gegennspielerin Dar-Benn (Zarwe Ashton) hingegen bleibt etwas blass - das ist man mittlerwiele irgendwo gewohnt - wenngleich ihre ehrbaren Motive nachvollziehbar sind. Der Weg zum Ziel ist es allerdings nicht.

Eine weitere Konstante im MCU ist ja auch das Bemühen, zukünftige Entwicklungen vorzubereiten, um die Fans neugierig und gespannt auf die bevorstehenden Unternehmungen von Marvel Studios zu halten. Allerdings neigen viele MCU-Produktionen dazu, in ihrer Vorwegnahme der Zukunft die Gegenwart außer Acht zu lassen. "The Marvels" zeichnet sich nun dadurch aus, dass es die Zukunft gekonnt ausbalanciert, insbesondere mit den bevorstehenden "Secret Wars"-Ereignissen und dem Auftauchen der Young Avengers, und gleichzeitig fest in den gegenwärtigen Herausforderungen verwurzelt bleibt, mit denen Carol und ihre Verbündeten konfrontiert sind. Der Film bietet auch prägnante Einblicke in die Vergangenheit und bietet - vor allem in der Post-Credit-Sequenz - Einblicke in die Entwicklung aktueller Ereignisse.

Im Wesentlichen verzichtet "The Marvels" aber darauf, mit einer Fülle von Cameo-Auftritten und Post-Credit-Szenen das Geschehen im MCU voranzutreiben. Stattdessen konzentriert es sich auf die sich abspielenden Ereignisse und bietet den Fans gleichzeitig einen verlockenden Einblick in mögliche zukünftige Entwicklungen der Charaktere. In einer Welt, in der mit der Flut an Superheldenfilmen Müdigkeit einsetzt, zeichnet sich "The Marvels" dadurch aus, dass es das Publikum nicht mit einem Übermaß an Zukunftsspekulationen überfordert und ein erfrischendes, abgeschlossenes  Seherlebnis bietet. Man darf weiterhin gespannt sein.

7,5/10

Quellen
Inhaltsangabe: Marvel/Disney
Poster/Artwork: Marvel/Disney

Donnerstag, 7. März 2019

Captain Marvel (2019)

https://www.imdb.com/title/tt4154664/

Als die Kree-Elite-Soldatin Captain Marvel / Carol Danvers (Brie Larson) auf die Erde abstürzt, weiß sie nicht, wo sie ist und wie sie dorthin gekommen ist. Gerade noch hat sie mit der Elite-Einheit Starforce und dem charismatischen Anführer Mar-Vell (Jude Law) für die Sicherheit im All gekämpft, nun ist sie auf einem fremden Planeten, der trotzdem ziemlich vertraut wirkt. Denn sie wird von Visionen und Träumen geplagt, die auf ein früheres Leben auf eben dieser Erde hindeuten. Als sie auf den jungen S.H.I.E.L.D.-Agenten Nick Fury (Samuel L. Jackson) trifft, macht sie sich mit diesem daran, das Geheimnis ihrer Herkunft zu entschlüsseln. Doch das Duo muss auch einer Gefahr ins Auge blicken. Die Erzfeinde der Kree haben die Erde infiltriert. Ein Spionage-Trupp der außerirdischen Rasse der Skrull hat sich unter Führung des skrupellosen Talos (Ben Mendelsohn) dank ihrer Gestaltenwandlerfähigkeiten komplett unbemerkt auf der Erde breit gemacht und bereitet eine Invasion vor...

"Oh fu....". Gerade noch gelang es Nick Fury ein Signal zu senden. Der Sender fällt zu Boden, man sieht wie er wählt, ruft - und nach einem kurzen Blackscreen eine Grafik erscheint. Ein goldener Stern, umrandet von roten und blauen Farbflächen. Das Ende von "Avengers: Infinity War" oder vielmehr die Post-Credit-Szene, ließ einige der immer noch fassungslosen Kinogänger mit einem Fragezeichen im Gesicht zurück und andere, die Fanboys, rieben sich mit diebischer Freude die Hände. Denn dieser Stern, dieses gold-rot-blaue Logo, gehört zu einer der mächtigsten Superheldinnen des MARVEl-Universums: zu "Captain Marvel". Doch MARVEL wäre nicht MARVEL, wenn sie ihr Alter Ego Carol Danvers gleich ins Endspiel werfen würde, nein, diese jüngste Geschichte aus dem MARVEL Cinematic Universe (MCU) führt uns weit zurück in die Vergangenheit, viele Jahre vor der großen Katastrophe, die in "Avengers: Infinity War" Bahn brach.


Zusammen mit der Pilotin Carol Danvers stürzt der Zuschauer in der Mitte der neunziger Jahre in Amerika ab: in eine urkomisch und seltsam vertraute Welt von Blockbuster-Videogeschäften, DFÜ-Internetverbindungen, Websuchen über AltaVista und mühsam langsame CD-ROM-Laufwerke. Das alles ist lustig, weil sich viele noch gut an diese Zeit erinnern können. Und in einer sehr wichtigen Phase des Films gibt es einen Soundtrack-Ausflug mit Nirvana: “Come as you are, as you were / As I want you to be / As a friend, as a friend / As a known enemy ...” Und allein aufgrund dieser Aspekte lässt sich hier schon festmachen, dass "Captain Marvel" mindestens ein unterhaltsamer Film ist. Doch welche Überraschung: auch die Geschichte weiß zu überzeugen. Dabei ist besonders positiv zu bemerken, dass man, wenn man die Teaser und Trailer gesehen hat, die Story nicht wirklich vorhersehen kann, was sie gleichzeitig spannend und interessant macht. Die Art und Weise, wie die Regisseure und Mitautoren Anna Boden und Ryan Fleck Danvers Vergangenheit vorstellen zwar nicht gänzlich neu, aber immerhin originell. Wie sie Danvers mit diversen Puzzelteilen an ihre Vergangenheit erinnern lassen, war klug. Sehr klug, weil sie damit ihre Historie nicht zu einem Hindernis machen, welches man erst einmal bewältigen muss. Boden und Fleck zeigen dem Zuschauer somit eine nachvollziehbare und damit schöne Entwicklung von Danvers Charakter. Auch mehrere Twists und ein besonders großer, den man so kaum erwartet hätte, fügen sich passend in das Gesamtbild ein.


Dieser komische, nicht-lineare Mash-up aus Vergangenheit und Gegenwart, Erinnerungen und gegenwärtiger Erfahrung, Erde und Nicht-Erde-Action ist - vor allem nach dem furiosen Anfang - eine unkonventionelle Herkunfts-Mythos-Geschichte, die den Zuschauer zunächst im Unklaren lässt, was die Ursprünge sind, bzw. warum Danvers zu dem wurde, was sie nun ist. Es gibt eine exzentrische Fülle von Klangregistern, von dröhnend ernst bis schrullig liebenswert. Der Film zeigt in einem spielerischen ersten Blick eine Reihe wichtiger Dinge, unter anderem, wie der S.H.I.E.L.D.-Agent Nick Fury (Samuel L. Jackson) eine bemerkenswerte Attitüde zu seinem Badass-Image hinzugefügt wurde. Dabei hat auch das Effekt-Team eine grandiose Arbeit geleistet, denn aufgrund der zeitlichen Differenz sehen wir hier einen jungen, noch relativ unerfahrenen Nick Fury, dessen Gesicht digital verjüngt wurde, so dass er sich gut in den Ablauf des MCU einfügt. In diesem Zusammenhang fühlt sich auch das Wiedersehen mit Agent Coulson herzlich und warm an. Heimlicher Star des Films ist aber "Katze" Goose, eigentlich eine Alienart namens Flerk, die ein absoluter Show-Stealer ist und jede, aber auch wirklich jede Szene beherrscht, in der sie vorkommt. Interessant ist übrigens, dass Goose in den Comics "Chewie" hieß und zu Ehren von "Top Gun"-Pilot Mavericks Co-Pilot in "Goose" umbenannt wurde.


Natürlich hängt der Film sehr von der Performance von Brie Larson, die die titelgebende Heldin Carol Danvers / Captain Marvel spielt, ab. Wobei man sagen könnte, dass sie in einer stärkeren, klareren Hauptrolle mehr hätte präsentieren können und ihr mehr lustige Zeilen des Drehbuchs hätten zugewiesen werden können. Sie ist eine harte und disziplinierte Kriegerin, die in die Reihen der Kree rekrutiert wurde, einer außerirdischen Streitmacht, die zuvor in "Guardians Of The Galaxy"zu sehen war. Sie befand sich in einem erbitterten Kampf mit den Skrulls, einer Nation von außerirdischen Formwandlern, angeführt von Talos, gespielt von Ben Mendelsohn, der einen wirklich hervorragenden Job macht, vielschichtig und beeindruckend. Hier wünscht man sich etwas mehr Kampfsport und Kickbox-Action von Brie Larson, weil dies schlicht sehr gute Momente sind.

Als sie sich in einem althergebrachten, kriegsfilmartigen Stil von ihrer Einheit losgelöst fühlt, ganz allein auf unserem Planeten - was einer ihrer Kameraden hart als "Drecksloch" bezeichnet, obwohl es wesentlich besser aussieht als jeder andere Planet - wird sie von Flashbacks geplagt, Fragmenten von einer scheinbar verlorenen Identität der Erde. Es gibt Einblicke in eine unglückliche Kindheit, einen grausamen Vater, eine militärische Ausbildung im "Top Gun"-Stil bei der US-Luftwaffe neben einer treuen Freundin Maria (Lashana Lynch) und einer mysteriösen Mentorin, einer rätselhaften Frau, die von Annette Bening gespielt wird. Dies sind die Puzzleteile, die zusammengefügt werden müssen, damit sie den Hintergrund ihres mächtigen Superheldschicksals verstehen kann.


Boden und Fleck zeigen eine Mischung aus Entschlossenheit und Verletzlichkeit in den anfänglichen Trainingsszenen, die vage an Clarice Starling erinnern, die noch dazu nett zusammengestellt sind. Sie muss ihre Kampfkünste in Einzelgesprächen mit Yon-Rogg (Jude Law) ausüben und mit anderen Soldaten, darunter Minn Erva (Gemma Chan) und Korath (Djimon Hounsou), ein "ésprit de corps" gründen. Larson funktioniert aber viel mehr auf der Erde, als im Universum. Vor allem in Interaktion mit Fury. Beide haben eine großartige Szene zusammen, wenn sie herausfinden müssen, wie sie aus einem geschlossenen USAF-Büro fliehen können. Larson hat die natürliche Körpersprache eines Superhelden: diese Mischung aus Unschuld und Unbesonnenheit, diesen fortwährenden, klaräugigen Idealismus und Empörung, kombiniert mit unreflektierter Kampfbereitschaft, all das, was MCU-Filmen ihre süchtig-machende Qualität verleiht. Bei all den positiven Aspekten gibt es aber auch ein paar wenige Punkte, die Mängel aufweisen. "Captain Marvel" hat tolle Storypoints, diese sind aber leider oft viel zu schnell vorbei. Die Freundschaft zwischen Carol und ihrer Freundin fühlte sich nicht echt an. Auch wirken manche Kämpfe gegen die Skrull nicht ganz so toll choreografiert und sogar ein wenig lustlos, weil sie viel zu schnell abgehandelt werden. Was reichlich seltsam ist, denn andere Szenen sind dafür wesentlich besser, mitreißender, epischer. Das Hauptproblem ist aber, dass es keinen wirklichen Gegner gibt, der Danvers in Gefahr bringen könnte. Sie ist übermächtig, Punkt. Das hinterlässt einen zwiespältigen Eindruck.


Alles in allem war der Film gut. Unterhaltsam, mit einigen netten Anspielungen. Vor allem das Intro des MCU-Logos war großartig, treibt einem nahezu die Tränen in die Augen und man kann die Idee dahinter nur wertschätzen. Etwas vermisst wird die emotionale Bindung zur Hauptfigur. Danvers soll ja ein wenig arrogant sein, aber man hätte gern mehr Verwundbarkeit in einer Frau gesehen, die das stärkste Geschöpf der Welt ist. Bisweilen wirkt "Captain Marvel" auch wie die kleine Film-Schwester des übermächtigen Endspiels, welches bereits am Horizont lauert. Als alleinstehender Film funktioniert Carol Danvers Origin-Story jedoch besser als man es zu einem Zeitpunkt erwartet hätte, der das Ende des bisher bekannten MCU andeutet. Der neue Avenger ist wie Tony Stark in "Iron Man" am Anfang ihres Films zu selbstsicher und unnahbar, um eine sofortige sympathische Verbindung zum Publikum aufzubauen. Am stärksten wirkt "Captain Marvel" in den ruhigen Momenten, wenn sich Danvers auf ihre Vergangenheit besinnt und zeigt, dass sie trotz ihres Kree-Blutes ein Mensch mit Emotionen und Schwächen ist. Ein Film, der zeigt, dass MARVEL mit Carol noch Großes vorhat oder wie einer der ersten Kritiker sagte:

"Well, Thanos is fucked!"

7,5/10

Von WALT DISNEY Studios Home Entertainment gab es den Film exklusiv bei zavvi im limitierten Steelbook. Die Erstauflage beinhaltet den Film in 4K, mit Lenticularmagnetcover im Halbschuber.


Quellen
Inhaltsangabe: Marvel / Disney

Donnerstag, 4. August 2016

Batman v Superman: Dawn Of Justice (Extended Cut) (2016)

http://www.imdb.com/title/tt2975590/

Zwei Wesen des zerstörten Planeten Krypton brachten im Finale von "Man Of Steel" Zerstörung auf die Erde: Die Kontrahenten Superman (Henry Cavill) und General Zod (Michael Shannon). Der böse Zod wurde geschlagen und der Mann aus Stahl wird fortan entweder als Gott verehrt oder – ob seiner Macht – als Bedrohung für die Menschheit verdammt. Ein gewichtiger Wortführer im globalen Shitstorm gegen Superman ist Bruce Wayne alias Batman (Ben Affleck). Der sorgt – moralisch unterstützt von Butler Alfred (Jeremy Irons) – für Ordnung in Gotham City und ist von den tödlichen Auswirkungen des Gigantenkampfes in der Nachbarstadt Metropolis auch persönlich betroffen. Er stellt sich gegen seinen rot bemäntelten Kollegen, verbal und mit Körpereinsatz. Doch während Batman und Superman kämpfen, taucht eine neue Bedrohung auf, die beide zusammenschweißen könnte und an der das junge Unternehmer-Genie Lex Luthor (Jesse Eisenberg) alles andere als unschuldig ist. Zeit, dass sich die Mitglieder der Heldengruppe "Justice League" formieren...

Wenn man sich den Werdegang der beiden großen Comic-Studios betrachtet fällt eines sofort ins Auge. Nämlich, dass DC Comics im Vergleich zu den Marvel Studios den Einstieg in ein DC Cinematic Universe nicht nur ein wenig verschlafen hat. Während Marvel bereits im Jahr 1998 mit kleinen, vorsichtigen Schritten ihre Comiccharaktere nach und nach auf die Leinwand brachte, verpasste DC Comics diesen Zug nicht nur einmal. Im Jahr 2003 hatte Marvel schon 5 Filme auf den Markt geworfen und damit auch mehr oder weniger 5 Treffer gelandet. Währenddessen dümpelte man im DC Universum ein wenig vor sich hin und hielt sich mit der (gleichwohl sehr guten Serie) "Smallville" über Wasser. Erst 2 Jahre später, im Jahr 2005, bekam DC mit "Batman Begins" endlich einen Fuß in die Tür und landete auf Anhieb einen großen Erfolg. Da war es aber schon fast zu spät. Mit dem 2006er "Superman Returns" von Bryan Singer vergraulte man aufgrund der für einen Superman-Film unwürdigen Story schon wieder viele Fans und hätte 2008 nicht Christopher Nolan mit seinem "The Dark Knight" seinen Erfolg von 2005 übertrumpft, wer weiß dann schon, was aus DC geworden wäre? 2008 war zudem die Sternstunde von Marvel Enterprises, die mit ihrem "Iron Man" nun erst so richtig ins "Marvel Cinematic Universe" einstiegen. Und was hatte DC? Einen Helden quasi schon zu den Akten gelegt und einen zweiten, der nun auf dem Höhepunkt seines Schaffens nur noch einen Film vor sich hatte, denn Nolan hatte zu dem Zeitpunkt bereits angekündigt, dass er maximal eine Trilogie unter seiner Regie veröffentlichen würde.

Erst im Jahr 2013 und mit dem Erfolg von Zack Snyders "Man Of Steel" kündigte man plötzlich und - wohl für viele unerwartet - ein eigenes DC Cinematic Universe und in diesem Zusammenhang eine ganze Wagenladung Filme an. Viele Zweifel gab es wohl nicht, dass man bei DC krampfhaft versucht, das von Marvel mittlerweile komplett etablierte Konzept zu kopieren. Von daher wirkte gerade diese Aussage reichlich holprig, fast sogar schon aufgesetzt und als Versuch, auf den fahrenden Zug noch aufzuspringen. Da Nolans "Batman"-Trilogie nicht zum Repertoire des neuen DC-Universums gehören sollte benötigte man also wieder eine Neuinterpretation des Charakters inklusive neuen Hauptdarstellers. Als bekannt wurde, dass die Wahl hierbei auf Ben Affleck fiel, war die Skepsis bei Fans wie auch distanzierteren Betrachtern gleichermaßen ausgeprägt. Affleck hatte nicht zuletzt im Jahr 2004 noch den Marvel-Charakter "Daredevil" kinotechnisch vorläufig zu Grabe getragen. Dass darüber hinaus direkt ein Duell zwischen Batman und Superman ausgetragen werden sollte, wirkte für viele erst mal als zu unausgegorene und hektische Entscheidung seitens DC und dem produzierenden Studio Warner Bros. Es wirkte nicht sonderlich planvoll, was da in die Realität umgesetzt werden sollte, zumal es keine so strenge inhaltliche Steuerung wie bei Marvel mit CEO Kevin Feige geben sollte.

Nun kam im März 2016 das finale Produkt in die Lichtspielhäuser und spaltete erneut die Gemüter. Marvel hatte zu diesem Zeitpunkt bereits über 30(!) Filme in die Kinos gebracht, von denen der überwiegende Teil dem Zuschauer großartige Unterhaltung und dem Studio entsprechende Einspielergebnisse brachte. Aber nun hatte man erst mal "Batman v Superman: Dawn of Justice", der auf der Ankunft von und den Zerstörungen durch Superman in "Man Of Steel" aufbaut. Stilistisch sieht man ganz klar, dass der bereits in jenem Film angeschlagene Ton seine Weiterführung findet. DC will als grimmige, düstere und ernsthaftere Comicwelt im Vergleich zum häufig als Popcornkino auftretenden Marvel-Universum wahrgenommen werden. Das gelingt zweifellos, doch wirklich neu sind die Grabenkämpfe um die Allmächtigkeit von Superhelden nicht, ist dies doch beispielsweise das zentrale Thema der "X-Men". Und dadurch, dass "Batman v Superman" den Spagat schaffen muss, einerseits einen neuen Batman einzuführen (der von einem angegrauten Affleck übrigens durchaus ansprechend dargestellt wird), den Konflikt mit Superman zu kreieren, Wonder Woman vorzustellen, um irgendwie auch das Grundgerüst für den ersten Kombifilm "Justice League" zu legen und gleichzeitig noch dafür zu sorgen, dass die Feindschaft am Ende in einem Bündnis mündet, wirkte das Werk in der Kinofassung doch reichlich gestopft und überladen, zugleich aber auch elendig lückenhaft. Die Kritiken waren dementsprechend auch lauwarm, genauso wie der Umsatz an den Kinokassen. Mit einem Budget von ca. 250 Millionen Dollar spielte man in den USA um die 330 Millionen ein, weltweit erreichte man 873 Millionen. Man holte die Kosten also zwar wieder herein, aber im Vergleich mit anderen Kassenschlagern war es für DC ein kleines Desaster. Zur Einordnung: "The Dark Knight" und "The Dark Knight Rises" erreichten jeweils über eine Milliarde in den weltweiten Kinos, eine Summe, die man sich zweifellos auch für das Aufeinandertreffen der beiden Ikonen gewünscht hätte. Dass man in den USA am Ende sogar vom R-Rated-Funfilm "Deadpool" (363 Mio.) und – wohl noch viel schmerzvoller – vom anderen "Held gegen Held"-Titel "The First Avenger: Civil War" (407 Mio. USA, 1,15 Mrd. weltweit) des großen Konkurrenten Marvel geschlagen wurde, dürfte die CEOs bei DC und Warner auch nicht gerade in Feierstimmung versetzt haben.

Um die Grundhaltung der Kinogänger, die schon vor Erscheinen des Streifens eifrig diskutierten, zu besänftigen und (was viel wahrscheinlicher ist) den in "Deadpool" angeschlagenen raueren und beim Publikum mehr als gut angekommenenen Ton einzuflechten, gab Warner schon vor dem Kinorelease bekannt, dass es für die Heimkinoauswertung eine erweiterte Fassung (die hier besprochene "Ultimate EditioN") mit zirka 30 Minuten zusätzlichem Material geben würde. Daraufhin lies Regisseur Zack Snyder verkünden, dass dies eigentlich seine Kinofassung gewesen wäre, was auch durchaus glaubhaft ist, denn viele der Erweiterungen wirken einfach nicht wie nachträglich eingefügtes Bildmaterial vom Boden des Schneideraumes, sondern wie teils schmerzliche Verluste in erzählerischer Hinsicht, die zugunsten einer fürs Kinositzfleisch erträglicheren Laufzeit von immer noch saftigen 151 Minuten weichen mussten. Wie an den zahlreichen Änderungen zu erkennen ist, stellt der "Extended Cut" ohne Frage die bessere Version des Films dar, verschlechtert die oft kritisierte Struktur des Films aber dabei auch zwangsläufig.

Durch viele Erweiterungen in der ersten Filmhälfte kommt die eigentliche Story von "Batman v Superman" erst nach knapp 90 Minuten mit der Capitol-Szene ins Rollen. Und hier bleibt dann - ebenfalls von vielen kritisiert - wirklich nicht genug Zeit für das Duell der beiden Giganten, bevor es zum gemeinsamen Finale gegen 'Doomsday' kommt. Wenn auch im Verhältnis zum Rest viel zu lang, wird die Aufwärmphase im "Extended Cut" nun aber wesentlich nachvollziehbarer und für den Zuschauer befriedigender präsentiert. Die Verschwörung, wie Superman durch den Afrikavorfall ins Kreuzfeuer geriet und Clark Kents Nachforschungen kamen in der Kinofassung viel zu kurz. Auch spätere Dinge wie die kurze, mysteriöse Einführung von 'Steppenwolf' als Fingerzeig zur "Justice League" oder auch die rückgängig gemachte Zensur, die dem Extended Cut das amerikanische R-Rating zurecht einbringt, ohne aber einen übermäßig brutalen Film aus ihm zu machen, machen das hier vorliegende Endprodukt zu einer weitaus runderen Sache. Dabei finden sich nun knapp 100 Unterschiede im Vergleich zur Kinofassung, davon ca. 60 erweiterte Szenen, ca. 40 zusätzliche Szenen oder Szenen mit alternativem Bildmaterial und tatsächlich eine rückgängig gemachte Tonzensur (Als Superman den ersten von Batmans Söldnern mit seinem Laserblick tötet, geschieht dies in der Kinofassung völlig geräuschlos. In der erweiterten Fassung hört man den Mann qualvoll schreien.). Der "Extended Cut" läuft final 29 Minuten und 54 Sekunden länger als die Kinofassung. Einen ausführlichen und bebilderten Schnittbericht gibt es wie immer hier: schnittberichte.com.

7,5/10

In der "ULTIMATE EDITION" erschien der Film in der Kinofassung und der Extended Fassung im Steelbook. Exklusiv bei amazon.de erhältlich.

Quellen
Inhaltsangabe: Warner Bros.
Poster/Artwork: Warner Bros.

Mittwoch, 14. Mai 2025

Thunderbolts* (2025)

https://www.imdb.com/de/title/tt20969586/

Nachdem Yelena Belova/Black Widow (Florence Pugh), Alexei Shostakov/Red Guardian (David Harbour), Antonia Dreykov/Taskmaster (Olga Kurylenko), John Walker/U.S. Agent (Wyatt Russell), Ava Starr/Ghost (Hannah John-Kamen) und Bucky Barnes/Winter Soldier (Sebastian Stan) in eine von Valentina Allegra de Fontaine (Julia Louis-Dreyfus) gestellte Todesfalle geraten sind, sehen sich die hoffnungslosen Außenseiter gezwungen, eine riskante Mission zu übernehmen. Diese führt sie nicht nur an gefährliche Orte, sondern auch tief in die dunklen Kapitel ihrer eigenen Vergangenheit. Zwischen Misstrauen, inneren Konflikten und alten Wunden steht die Frage im Raum: Wird sich die dysfunktionale Gruppe gegenseitig zerstören – oder gelingt es ihnen, über sich hinauszuwachsen und gemeinsam etwas Größeres zu erschaffen, bevor die Zeit abläuft?

Es ist merkwürdig. Denn als "Avengers: Endgame" 2019 erschien, wirkte die Tagline rückblickend wie eine Vorausdeutung auf kommende MCU-Projekte. Nicht, dass Marvel in den 2020er-Jahren keine Hits gehabt hätte, aber es gab einfach keine ununterbrochene Kette von Blockbustern mehr, und auch die Geschichte, die sich wie ein roter Faden bis dato durch alle Filme zog, fesselte das Publikum nicht mehr. Doch mit "Thunderbolts" findet diese Durststrecke ihr Ende.

Die Marvel-Filme, die seit "Avengers: Endgame" am erfolgreichsten waren, haben sich am weitesten vom Muster der sogenannten "Infinity Saga" entfernt - den ersten 22 Teilen der Reihe, die sich um den Kampf gegen den Superschurken Thanos drehten. Der letztjährige Film "Deadpool & Wolverine" enthielt fast keine Charaktere aus dem Marvel Cinematic Universe (MCU); der postmoderne "Spider-Man: No Way Home" war eine Hommage an die Spider-Man-Filme, die nicht von den Marvel Studios produziert wurden; und auch der neueste Marvel-Film "Thunderbolts"* (man beachte den Stern) hat seine ganz eigene Identität. Das soll nicht heißen, dass er nicht zum MCU gehört. Tatsächlich ist es eine seiner cleveren Eigenheiten, dass er gezielt die Niedergeschlagenheit der Menschen in einer Welt thematisiert, in der Iron Man, Thor und Captain America nicht mehr existieren. Doch dem zum Trotz haben Regisseur Jake Shreier und die Drehbuchautoren Eric Pearson und Joanna Calo eine eigenwillige Interpretation des Superhelden-Genres geschaffen, die ihn zum erfrischendsten MCU-Angebot seit Jahren macht.

Der Clou: Anstatt zu versuchen, so hochglänzend und ausufernd wie die Filme der "Infinity Saga" zu sein, bietet "Thunderbolts"* kämpferischen, schmuddelig wirkenden und bodenständigen Spaß. Es ist nicht die epische Geschichte unzerstörbarer Titanen, die das Universum, geschweige denn das Multiversum, retten; es ist ein komödiantisch angehauchtes Abenteuer über stümperhafte Geheimagenten, die von ihrer ehemaligen Arbeitgeberfirma als Belastung angesehen werden. Das Szenario ist nicht neu: Nach "Die Bourne Identität" gab es unzählige Actionfilme, in denen sich desavouierte Spione ihren ehemaligen Auftraggebern entzogen. Doch "Thunderbolts"* sticht heraus, weil er eine ganze Gruppe solcher Spione zeigt: einen zusammengewürfelten Haufen depressiver, dysfunktionaler Einzelgänger, die zusammenarbeiten müssen und ständig darüber nörgeln. Besonders ungewöhnlich an dem Film ist für Marvel-Verhältnisse, dass seine Prämisse auch ohne wirkliche Superkräfte der Charaktere tragfähig wäre. Und tatsächlich sind sie im Vergleich zu den bereits erwähnten Captain America und Thor gar nicht so superstark. Ein Teil ihres Reizes liegt darin, dass sie durch Kugeln getötet und in verschlossenen Räumen gefangen gehalten werden können, was sie viel greifbarer macht als nordische Götter.

Daraus kann der Zuschauer eine Lektion lernen, die die Macher von Box-Office-Enttäuschungen wie "Eternals" und "The Marvels" hätten lernen sollen. Nicht die Kräfte der Figuren sind entscheidend, sondern ihre Persönlichkeit. In "Thunderbolts"* sind diese Figuren Yelena (Florence Pugh), eine russische Auftragsmörderin und Adoptivschwester von Scarlett Johanssons Black Widow, die nun wegen der sinnlosen Gewalt in ihrem Leben zutiefst unglücklich ist; ihr Adoptivvater Red Guardian (David Harbour), ein abgehalfterter Chaot, der seinen Tagen als Nationalheld nachtrauert; der mit bionischen Waffen ausgestattete Winter Soldier (Sebastian Stan), der im Zweiten Weltkrieg Captain Americas Kumpel war und sich im 21. Jahrhundert immer noch unwohl zu fühlen scheint; John Walker (Wyatt Russell), ein verbitterter Supersoldat, der der neue Captain America werden sollte, dieser Aufgabe aber nicht gewachsen war; der verwirrte, hin- und hergerissene Bob (Lewis Pullman), ein weiterer misslungener Versuch, einen Ersatz für Captain America zu schaffen; und Ghost (Hannah John-Kamen), ein schiefgelaufenes wissenschaftliches Experiment - ​​die aber im Gegensatz zu den anderen Charakteren darüber hinaus nicht sehr gut definiert ist. Auf verschiedene Weise sind sie alle mit einer der denkwürdigsten, schlüpfrigsten Bösewichte von Marvel verbunden, Valentina Allegra de Fontaine (Julia Louis-Dreyfus), einer Geschäftsfrau mit all dem spröden, herablassenden Selbstbewusstsein, das man von dem zuverlässig hervorragenden Star auch erwarten würde.

Die Handlung von "Thunderbolts*" ist so clever konstruiert, dass man den Kern der Geschichte versteht und die Geschichte genießen kann, egal ob man Marvel-Fan ist oder nicht. De Fontaine, so scheint es, steckt hinter mehreren geheimen Superhelden-Operationen. Als ihre politischen Gegner ihr nun auf die Fersen kommen, beschließt sie, alle Beweise für ihre zwielichtigen Machenschaften zu vernichten, einschließlich derer, die sie durchgeführt haben. Und so kommt es, dass Yelena und die anderen nicht mehr versuchen, sich gegenseitig umzubringen, sondern sich gegenseitig am Leben zu erhalten. Sie werden zu einer Art Team, sind sich aber nicht sicher, ob sie sich "Thunderbolts" nennen sollen. Der Stern im Titel bedeutet daher, dass es sich nur um einen Platzhalter handelt, bis ihnen etwas Besseres einfällt. 

Ein kleiner Haken: Die Hintergrundgeschichten der meisten Charaktere finden sich in anderen Filmen und der Fernsehserie "The Falcon And The Winter Soldier" wieder, nicht in "Thunderbolts*". Ein weiterer Haken ist, dass die Verfolgung der Bande durch De Fontaines Truppen den Großteil der Filmlaufzeit einnimmt, sodass es kaum Szenen gibt, die nicht schon in den Trailern zu sehen waren. Andererseits sind Superheldenfilme selten so fokussiert und entwickeln sich selten so nahtlos von Szene zu Szene, ohne Atempausen und ohne plötzliche Sprünge an verschiedene Enden der Welt. "Captain America: Brave New World", der im Februar in die Kinos kam, ähnelte "Thunderbolts"* insofern, als er sich um die Politik in Washington D.C. drehte und an "The Falcon And The Winter Soldier" anknüpfte. Doch dieser Film war ein chaotisches Durcheinander, während dieser hier so geschickt konstruiert ist, dass man den Kern versteht und die Fahrt genießen kann. Die zugrunde liegenden Themen in "Thunderbolts"* sind genauso fokussiert wie die Erzählung. Alle Charaktere müssen mit der Scham und dem Trauma ihrer schwierigen Vergangenheit fertig werden - und dieses Thema zieht sich von der Eröffnungsszene bis zum obligatorischen "Final Battle" durch, welcher zwar etwas überhastet, aber stilvoll surreal genug ist. Dazwischen wird die Schuld der Charaktere in einigen berührenden und überraschend brutalen Sequenzen sowie in einigen scharfsinnig geschriebenen, zügig geschnittenen und gekonnt gespielten komischen Szenen thematisiert.

An beiden Enden des Spektrums liefert Pugh eine Leistung ab, die ihr Preise einbringen würde, wäre sie nicht in einem Superheldenfilm. Sie liefert ihre Pointen mit perfektem Timing, besonders wenn sie mit Red Guardian zankt und scherzt. Aber sie kann auch pure Emotionen ausstrahlen - und das alles, während sie einen ordentlichen russischen Akzent behält und sich durch ihre akrobatischen Kampfszenen wälzt. Letztendlich ist "Thunderbolts"* deshalb so viel besser als die meisten Marvel-Filme nach "Avengers: Endgame". Nicht nur, weil es ein knallharter, großherziger Spionagethriller über liebenswert ahnungslose Antihelden ist. Sondern weil ein so charismatischer Schauspieler wie Pugh im Mittelpunkt steht. Und damit bietet der neueste Teil der Superhelden-Reihe kämpferischen, schmuddeligen und bodenständigen Spaß, der von Anfang bis Ende wunderbar unterhält.

8/10

Quellen:
Inhaltsangabe: Marvel
Poster/Artwork: Marvel