Freitag, 8. Dezember 2017

아가씨 - Agassi - The Handmaiden - Die Taschendiebin (Langfassung) (2016)

http://www.imdb.com/title/tt4016934/

Korea in den 1930er Jahren, während der Besatzung durch die japanischen Invasoren: Die junge Sookee (Kim Tae-Ri) ist eine gerissene Taschendiebin, die sich von der reichen japanischen Erbin Hideko (Kim Min-Hee) als Dienstmädchen einstellen lässt. Sookee zieht auf das abgelegene Anwesen, auf dem Hideko völlig zurückgezogen mit ihrem Onkel Kouzuki (Jin-Woong Cho) lebt. Was Hideko allerdings nicht weiß: Sookees Anstellung als Dienerin ist Teil eines perfiden Plans, den sie zusammen mit einem Heiratsschwindler (Jung-Woo Ha), der sich als Graf Fujiwara ausgibt, ausgeheckt hat. Der falsche Graf und das Dienstmädchen planen, die junge Erbin um ihr gesamtes Vermögen zu erleichtern. Und zunächst läuft alles wie am Schnürchen – bis ganz unerwartet Sookee und Hideko echte Gefühle füreinander entwickeln...

Der Originaltitel des zehnten Films des südkoreanischen Regisseurs Park Chan-Wook, "Agassi" bedeutet so viel wie "Lady" und transponiert die Handlung vom viktorianischen England in das von Japan besetzte Korea der 1930er Jahre. Die in ärmlichen Familienverhältnissen aufgewachsene Sook-Hee (Kim Tae-ri) wird in das Anwesen der jungen Lady Hideko (Kim Min-hee) als deren Dienerin eingeschleust, um sie dazu zu bewegen, den undurchsichtigen Grafen Fujiwara (Ha Jung-woo) zu heiraten, der sich ihr Erbe durch einen Hochzeitsschwindel erschleichen will. Hideko kann das Erbe als Alleinstehende nicht selbst antreten und muss dazu heiraten. Weiterhin plant Graf Fujiwara Hideko anschließend in eine Irrenanstalt einweisen zu lassen und sich das Geld dann mit Sook-Hee zu teilen. Allerdings muss auch Hidekos Onkel Kouzuki (Cho Jin-woong) umgangen werden, der durch eine Heirat seiner eigenen Nichte ebenfalls an deren Erbe gelangen will.

Je weniger man vorweg vom Verlauf von "Die Taschendiebin" erfährt, umso besser kann man sich von den vielen Wendungen des Handlungsverlaufs überraschen lassen, und davon hat der Film eine Menge, bis zu einem bestimmten Punkt im Film an dem die komplette Geschichte um 180 Grad kippt und den Zuschauer völlig im Regen stehen lässt. Dabei ist der Film so gut in seiner Erzählweise konstruiert, dass dieser Twist absolut reibungslos wirkt und man sich gefühlt nahtlos in diese neue Richtung mitreißen lassen kann. Wovon der Film ebenfalls eine Menge hat, ist Sex. Generell ist die Geschichte über weite Strecken erotisch sehr stark aufgeladen und gipfelt in einer der expliziteren Sexszenen des modernen Mainstream-Kinos. Dennoch verkommt diese überdeutliche Darstellung niemals zum Selbstzweck, sondern ist absolut relevant für den Verlauf der Geschichte, die Entwicklung der Charaktere und die emotionale Bindung (oder auch) Distanzierung der Figuren. Schauspielerisch bewegt sich "Die Taschendiebin" ebenfalls auf dem höchsten Level. Gerade die beiden Hauptdarstellerinnen sind absolut glaubhaft und bis auf einen kleinen Moment von Kim Min-Hee, der allerdings auch nur den Bruchteil einer Sekunde ausmacht, war ich durch die Leistung aller Beteiligten von Anfang bis Ende in der Geschichte gefangen.

Etwas im Film verdient noch einen eigenen kleinen Absatz in dieser Rezension, und damit ist das Haus gemeint, in dem die Ereignisse der Geschichte stattfinden. Wie bei Stanley Kubriks "The Shining" oder Norman Bate’s Motel aus "Psycho" hat das Anwesen in "Die Taschendiebin" einen eigenen Charakter und wirkt wie ein lebender, atmender Organismus. 


Es ist ein gewaltiges Anwesen, in das die junge Sookee einzieht. Ein Anwesen, das sich in elegante Speisesäle, winzige Schlafkammern und eine düstere Bibliothek verästelt. Halb viktorianisch, halb traditionell japanisch erscheint es wie Kintsugi-Porzellan, zusammengekittet aus den Scherben zweier Kulturen. So wie das Haus mehrere Epochen der Architektur in sich vereint, so führt auch "Die Taschendiebin" verschiedene Fragmente zusammen: die Geschichte des virtuosen Thrillers entstammt Sarah Waters im viktorianischen England angesiedelten Roman "Solange du lügst", doch Park Chan-wook verlegt sie in das japanisch besetzte Korea der Dreißigerjahre den 20. Jahrhunderts, das er in opulentem Szenenbild und nicht minder akribisch gearbeiteten Kostümen präsentiert. Der Stil kreuzt westliche Gotik mit traditionell japanischem Baustil. Alles in diesem Gebäude hat Struktur, stark gemusterte und im Stil konträr laufende Tapeten, extrem kräftige und dunkle Farben, und der stete Wechsel zwischen klaustrophobisch wirkenden Korridoren und weitläufigen Eingangshallen und Gärten werden von Regisseur Park Chan-Wook mit absoluter Perfektion in Szene gesetzt. Durch die Verwendung der Arri Alexa in Kombination mit einer anamorphen 1974er Kameralinse von Hawk und der meisterhaften Beleuchtung schafft Park es, ein visuelles Meisterwerk auf die Leinwand zu bringen. Es ist ein wunderschöner Film.

Jo Yeong-Wook komponierte einen Soundtrack, der permanent Gänsehaut verursacht. Gerade das Stück "My Tamako, My Sook-Hee" ist der Wahnsinn und begleitet die beste Szene im Film. Die Musik erzeugt Spannung oder unterstreicht Humor, wenn es nötig ist, und trägt in den richtigen Momenten zur emotionalen Tragweite der Szenen bei. Ein Soundtrack, wie er funktionieren und klingen muss. Dadurch dass viele der Stücke Walzer sind, wirkt der klassische Soundtrack oft sehr europäisch und erzeugt hier und einen Moment oder ein Gefühl, das vielleicht an Filme wie "Die fabelhafte Welt der Amelie" erinnert.

Die Langfassung von "Die Taschendiebin" hat eine Lauflänge von 168 Minuten und ist somit 24 Minuten länger als die Kinofassung. Nichtsdestotrotz kann man nicht so weit gehen, die Langfassung als "ungeschnitten" oder gar als "Director’s Cut" zu bezeichnen. Park Chan-Wook erzählte in einem Interview, er habe sich im Grunde von den Koreanischen Fans dazu breitschlagen lassen, so viel von dem gedrehten Material im Film unterzubringen, wie nur irgend möglich, und brachte den Film mit längerer Laufzeit für eine exklusive, einmalige Aufführung ins Kino und veröffentlichte ihn anschließend auch in dieser Fassung für koreanisches PayTV. Aufgrund der Tatsache, dass jedes Standbild ein Gemälde ist, durchaus nachvollziehbar. Und auch, wenn man bereits die Kinofassung wirklich gut fand, ist die Langfassung aus allen soeben genannten Gründen definitiv die zu bevorzugende Fassung.

9/10

Von KOCH Films erschien der Film in der "Limited Collector's Edition" im Hardcoverschuber mit umfassenden Buch zum Film, Setcards und natürlich der Kino- und Langfassung auf DVD und Blu-ray.

Quellen
Inhaltsangabe: Koch Films

Donnerstag, 7. Dezember 2017

Wrecker - Wrecker: Death Truck (2015)

http://www.imdb.com/title/tt4227282/

Emily (Anna Hutchison) und Lesley (Andrea Whitburn) machen einen Road Trip durch die Wüste. Zunächst haben die besten Freundinnen noch Spaß, doch dann entscheidet sich Emily für eine Abkürzung über eine wenig genutzte Straße. Dort rücken sie ins Visier eines mörderischen Truckers, der von nun an nichts unversucht lässt, um die beiden mit seinem massiven Gefährt von der Straße zu drängen...

"Wrecker: Death Truck" ist der hässliche, peinliche, kleine Möchtegern-Doppelgänger von Filmen wie "Joy Ride" und "Duell". Nur leider ist dieses Machwerk hier auf mehreren Ebenen seinen Vorbildern alles andere als ebenbürtig. Neben den von Anfang an völlig talentfreien Darstellern bis zu den sich immer wiederholenden Szenarien ist dieser Film eine einzige Qual. Die Fahrzeuge fahren völlig sinnfrei die immergleichen Streckenabschnitte hin und her. Dazu Filmfehler, die selbst ein Blinder bemerkt: mal spiegelt sich das Kamerafahrzeug im Lack wieder, mal tauchen in einer Einstellung mehrere Fahrzeuge auf, nur um Sekunden später bei der nächsten Einstellung wieder verschwunden zu sein und ständig tauchen Objekte binnen Sekunden mal auf der Fahrer-, mal auf der Beifahrerseite auf.

Kurzum: All jene Filmfehler, die von Komödien wie "Black Dynamite" genüsslich aufs Korn genommen werden, werden hier unverblümt und mit der vollen Ernsthaftigkeit begangen. Ansonsten wird hier völlig ungeniert auf der gesamte Klischee-Klaviatur dieses Genres gespielt. Man ist sich hier wirklich für keine Plattitüde zu schade und unterm Strich bietet "Wrecker" damit nicht nur flache Charaktere, miese Dialoge und dumme Handlungsverläufe, sondern auch extreme Blutarmut und kaum Spannung. Und das ist nicht gerade das, was man von einem Film erwarten würde, in dem die Protagonisten bei 120 Meilen pro Stunde über schmale Bergpässe gejagt werden...

3/10

Montag, 4. Dezember 2017

Colors - Colors: Farben der Gewalt (Unrated Cut) (1988)

http://www.imdb.com/title/tt0094894/

Die Straßenbanden von Los Angeles: Sie sind fast noch Kinder, bekämpfen sich aber bis aufs Blut. Um die Welle der Gewalt einzudämmen, setzt eine Spezialeinheit des LAPD den erfahrenen Polizeioffizier Bob Hodges (Robert Duvall) auf die Jugendlichen an. Ihm zugeteilt wird der junge Danny McGavin (Sean Penn). Doch mit seinem aggressiven Verhalten bringt der heißspornige Neuling schnell die Gangs gegen sich auf. Die beiden völlig gegensätzlichen Cops finden sich schon bald mitten im Krieg zwischen den rivalisierenden Bloods und den Crips wieder, die selbst vor Mord - auch an Polizisten - nicht zurückschrecken...

Mit "Colors" gelingt Dennis Hopper 1988 ein erstaunlich stilsicherer Blick auf die Gang-Szene von Los Angeles und gleichzeitig ein herausragender Beitrag zum sogenannten Police-Procedural-Film. Die Grundkonstellation von "Colors" dürfte dem Zuschauer bekannt vorkommen: ein Copthriller aus Los Angeles mit einem erfahrenen Polizisten und einem jungen Heißsporn als schicksalsträchtiges Doppelgespann. Probleme sind natürlich vorprogrammiert. Nur spielt es nicht wie im sehr populären Fuqua-Streifen "Training Day" zur Jahrtausendwende, sondern Ende der 80er Jahre. Es ist ein Buddy-Movie, dem allerdings der kumpelhafte Humor anderer Vertreter wie "Red Heat" aus dem gleichen Jahr und der "Lethal Weapon"-Reihe abgeht. Die Konstellation des erfahrenen Cops, der einen Rookie unter seine Fittiche nimmt, war auch 1988 nicht mehr neu, wird aber von Robert Duvall und Sean Penn mit feinfühliger Schauspielkunst zum Leben erweckt. Hopper führt den Zuschauer mit voller Inbrunst in diese Zeit zurück. Da reicht es schon, wie die Kameraführung es im Vorspann vollführt, lediglich aus dem fahrenden Polizeiwagen auf die unterschiedlichsten Straßenzüge zu blicken.

Wie es Dutzende Filme vor und nach ihm gezeigt haben, hatte die Stadt immer ihre Vorzüge und zugleich ihre Schattenseiten. Eine solche sind die blutigen Bandenkriege, womit der Film sogleich startet und damit auch Bezug auf die damalige Realität genommen hat (unter anderem die real existierenden Gangs namens 'Crips' und 'Bloods'). Die Aufklärung einer Schießerei bildet den Auftakt, dessen Handlungsstrang aber neben der charakterlichen Ausgestaltung unserer beiden Protagonisten vergleichsweise locker weitergeführt wird. In diesem Fall kann man das dennoch sehr mögen. Sowieso ist die große Stärke des Films viel mehr die detaillierte Gesellschaftsstudie und ein Einblick in den generellen Umgang der Polizeiapparate mit diesem Thema. Sanfter, abgeklärter Kumpelton oder hartes, konsequentes Eingreifen? Die beiden tollen Hauptdarsteller Robert Duvall und Sean Penn verkörpern diesen Kontrast durch ihr Auftreten auf sehr eindrucksvolle Weise, ohne jedoch dies unnötig plakativ auszureizen. Final wird die ansonsten sehr differenziert ausgearbeitete Geschichte nachvollziehbarerweise auf einen dramatischen Höhepunkt zulaufen, mit einer sehr interessanten Epilogszene hat Hoppers Regiearbeit einen starken Nachhall hinterlassen. Gutes Ding.

7/10

Von CAPELIGHT PICTURES erschien der Film in beiden Versionen (Kinofassung und der hier besprochene Unrated Cut) in HD in einem tollen Mediabook in VHS-Optik:

Sonntag, 3. Dezember 2017

Dr. Giggles (1992)

http://www.imdb.com/title/tt0104139/

Der kleine Evan muss miterleben, wie sein Vater, ein angesehener Arzt, zum gefährlichen Serienkiller wird, in der Hoffnung, die todkranke Mutter zu retten. Viele Jahre später entkommt der inzwischen erwachsene Evan aus seiner Nervernheilanstalt, nachdem er einen Wachmann im Operationssaal einer sehr tödlichen Behadnlung unterzogen hat. Er kehrt zurück in seine Heimatstadt Moorehigh und ist vom gleichen Wahn getrieben wie sein Vater - um jeden Preis das passende Herz zu finden. Dabei will er auch gleich den Mord an seinem Vater rächen, den die Bewohner damals lynchten.

"Dr. Giggles" ist eine unterhaltsame Slasher-Komödie, der es leider an Spannung fehlt. Dafür ist die Handlung aber generell recht ausgewogen und wird in angemessener Geschwindigkeit erzählt, sodass keine Längen entstehen. Außerdem kann Larry Clarke viel überbrücken, da er den psychopathischen Arzt Dr. Giggles herrlich skurril spielt, ihn jedoch hätte vielleicht etwas beängstigender praktizieren lassen können. Doch da so ein Arztkoffer zum Glück viel hergibt, fallen seine alternativen Behandlungsmethoden ideenreich und teilweise herrlich makaber aus. Zudem sind auch die Einsatzorte abwechslungsreich gestaltet und er hat immer einen passenden, sarkastischen Spruch auf den Lippen. Leider wird vieles nur angedeutet oder passiert im Off. Außerdem hätte neben den bissigen Kommentaren noch etwas schwarze Situationskomik nicht geschadet. Geschenkt.

Neben dem Haupt-Handlungsstrang gibt es noch zwei weitere. Und zwar bekommt man noch einige Passagen aus Dr. Giggles Kindheit zu sehen, die dem Zuschauer nahelegen, woran sein Vater arbeitete, was die Bewohner aufgrund dessen mit ihm anstellten, wie der Kicher-Knirps entkommen konnte und warum er zum verrückten Doktor wurde. Ein weiterer Handlungsstrang handelt von Jennifer Campbell (Holly Marie Combs), die mit einem Herzklappenfehler zu kämpfen, Probleme mit der Stiefmutter und den üblichen Stress mit dem Freund hat. Doch Jennifer ist auch die perfekte Patientin für Dr. Giggles, um das unvollendete Werk seines Vaters fortzuführen. Also dauert es nicht lange, bis sich beide in die Arme laufen. Das heißt, dass beide sogar etwas charakterliche Tiefe bekommen. Nicht schlecht. Auch das Finale enttäuscht nicht und deswegen ist - insgesamt betrachtet - "Dr. Giggles" dem Genre-Freund durchaus zu empfehlen.

6,5/10

Von X-CESS ENTERTAINMENT erschien der Film uncut und in HD im limitierten Mediabook.

Munich - München (2005)

http://www.imdb.com/title/tt0408306/

Während der olympischen Sommerspiele 1972 in München kommt es zu einem feigen Terroranschlag durch die palästinensische Terrorgruppe Schwarzer September, bei dem elf israelische Athleten ermordet werden. Getreu dem Motto "Auge um Auge, Zahn um Zahn" stellt die israelische Regierung eine Todesliste zusammen, auf der die Namen von elf Verantwortlichen stehen. Der junge Mossad-Agent Avner Kaufman (Eric Bana), Sohn eines israelischen Helden, wird speziell für diesen Auftrag ausgesucht, der ausschließlich jenseits des Eisernen Vorhangs in Europa durchgeführt werden soll. Außerpolitische Komplikationen sollen dadurch vermieden werden. Auf sich allein und sein Team gestellt, nimmt Avner den Auftrag an und bekommt von seinem Vorgesetzten Ephraim (Geoffrey Rush) die Namen der in das Attentat Involvierten.

Steven Spielberg entschied sich für "Munich" als Titel seines Politthrillers und dieser Titel verwirrt in der Tat, man könnte erwarten hier eine Nachstellung des furchtbaren Geiseldramas präsentiert zu bekommen - statt dessen gibt's das Massaker nur in ein paar Rückblenden (die trotzdem ihre Wirkung nicht verfehlen) und der Film beschäftigt sich mit den Folgen. Man könnte jedoch der Hollywood-Legende eine bewusste Täuschung unterstellen. Eine ausgeklügelte Marketingstrategie anlässlich der Fokussierung auf ein bedeutendes, geschichtliches Ereignis zu unterstellen wäre dabei aufgrund des enormen, weltweiten Bekanntheitsgrades der Regielegende vermessen, von der wahren Botschaft des Filmes abzulenken jedoch eher in Betracht zu ziehen, denn der Titel der (fiktiven) Buchvorlage lautet "Vengeance" - und trifft den Kern der Sache auf den Punkt.

Schnell wird dem Zuschauer klar, dass ideologische, politische, wirtschaftliche und vorallem profitgierige Interessen längst ein weltweites, verworrenes und undurchschaubares Netz aus Terror und Tod gesponnen haben, in dessen klebrigen Fäden irgendwo als kleines Opferteilchen auch die damaligen Ereignisse aus München auftauchen. Die schonungslose und brutale Darstellung der blutigen Kettenreaktion, welche das olympische Desaster ausgelöst hat, wird von den Machern leider Pro-Israel geführt, wenn auch lediglich anhand der Hauptcharaktere um den Anti-Helden Eric Bana. Dies ist verständlich, aufgrund dramaturgischer Überlegungen, denn irgendwo muß der Zuschauer nun mal seine Emotionen und seine Anteilnahme lassen, oder? Nein, denn ohne diese Positionierung wäre "Vengeance" wohl als Meisterwerk durchgegangen, offenbart es doch (fast) ultimativ die Sinnlosigkeit der weltweiten Vergeltungsspirale, welche seit Jahrhunderten existiert und wohl auch leider niemals enden wird. 

Der Weg den Spielberg dabei einschlägt ist aber verwirrend: er will eigentlich die Ereignisse aufzeigen und im Grunde mahnen das Gewalt eben Gegengewalt erzeugt (ein Kritiker nannte den Film "ein Gebet für Frieden"), benutzt aber dabei sehr viele Thrillerelemente um den Film unterhaltsam zu machen. Letztlich ist es ein düsterer, deprimierender Agentenfilm geworden in dessen Mittelpunkt das Gewissen seiner Hauptfigur steht (Eric Bana bringt als gewissensgebeutelter Agent eine Superdarstellung) und der auf der Grundlage realer Ereignisse basiert.

8/10

Samstag, 2. Dezember 2017

Lion - Lion: Der lange Weg nach Hause (2016)

http://www.imdb.com/title/tt3741834/

Mit fünf Jahren wird der kleine indische Junge Saroo (Sunny Pawar) von seiner Familie getrennt, woraufhin er sich schließlich tausende Meilen von Zuhause entfernt und verwahrlost in Kalkutta wiederfindet. Nach dieser beschwerlichen Odyssee nehmen ihn Sue (Nicole Kidman) und John Brierley (David Wenham) auf, ein wohlhabendes australisches Ehepaar, das ihn in ihrer Heimat wie seinen eigenen Sohn aufzieht. Doch seine Wurzeln hat Saroo nie vergessen und so macht er sich als junger Mann (nun: Dev Patel) mit Hilfe seiner trüben Erinnerungen und Google Earth auf die Suche nach seiner wahren Mutter. Während seiner Reise in die eigene Vergangenheit hofft er endlich auf jenes Dorf zu treffen, das sich mit seinen Erinnerungen ans Vergangene deckt...

"Lion" ist die unglaubliche, aber wahre Geschichte um den indischen Jungen Saroo Brierley, der im Alter von fünf Jahren verloren ging und 25 Jahre später wieder zurück nach Hause findet. Regisseur Garth Davis Debütfilm schöpft dabei komplett aus dem Vollen. So eine wahre herzzerreißende Geschichte mit einem verzweifelten Jungen punktet ja immer, man muss schon fast Angst davor haben, emotional manipuliert zu werden. "Lion" nimmt sich seine Zeit. Das erste Drittel zeigt nur den jungen Saroo, wie er sein ärmliches Leben als kleiner Junge in Indien lebt. Erst relativ spät kommt der Film in der nahen Gegenwart an, wo Saroo als Erwachsener gezeigt wird. Und dann dauert es erneut einige Zeit bis ihm klar wird, dass er seine leibliche Familie wiedersehen muss. Dies alles wird sehr ruhig, mit sehr hochwertigen Bildern eindrucksvoll und eindringlich geschildert.

Dev Patel, der den Saroo der Gegenwart spielt, macht dabei einen sehr guten Job, auch David Wenham und Nicole Kidman, die endlich mal wieder eine Rolle spielt, in der sich sich nicht nur auf einen Gesichtsausdruck verlassen kann, sind glaubwürdig und hervorragend, aber ausgestochen werden sie alle, ohne Ausnahme, von dem jungen Sunny Pawar, der den Saroo im Alter von fünf Jahren spielt. Man kann ihn und seinen Charakter innerhalb von Sekunden ins Herz schließen und bereits nach 10 Minuten Film klammert man sich an Taschentücher und versucht mit Mühe, die Tränen zu unterdrücken, sofern dies einem überhaupt gelingt. Ja, "Lion" ist dramatisch und berührend. Mehr als das, er ist geradezu Herzzerreißend, wenn man mit dem kleinen Saroo mitgerissen wird und sein Leben verfolgt. Dabei gibt es immer wieder total dramatische Elemente, die durch glückliche Fügung oder Cleverness des Kleinen aufgelockert werden.

Eine Stärke des Films ist auch der Stimmungswechsel in die Gegenwart, wo Saroo nun ein schönes Leben in Australien leben darf. Dieser Kontrast lässt Indien und Australien fast wie zwei verschiedene Welten wirken. Aber obwohl von außen gesehen alles super läuft, er dank seiner priveligierten Eltern alle Chancen der Welt erhält, ist nicht alles so heile Welt wie es auf den ersten Blick wirkt. Diese Familiendramatik packt den Zuschauer, Saroo's Zerrissenheit wird sehr gut übersetzt, aber auch wie sich die Familie fühlt und wie ihn der durch eine Erinnerung erweckte Gedanken seine echte Familie wiederzusehen aus dem Konzept bringt ist nachvollziehbar. Leider schleichen sich in diesen Part gewisse Längen ein, die man so hätte etwas besser hätte ausarbeiten können.


Davis brüllt sein "Lion" jedoch insgesamt so zurückhaltend, fast schon sparsam, dass sich ein wunderbar sanfter filmischer Sog entfalten kann. Natürlich ist die erste Hälfte des Films alles andere als 'Feel-Good-Kino', aber Davis deutet vieles nur an und überlässt es uns Zuschauern, die Bilder in Schwarz oder Bunt auszumalen. Die zweite Hälfte ist damit eigentlich ein komplett anderer Film. Was "Lion" allerdings zu einem Ganzen verbindet, ist genau das, was man an Dramen so lieben kann: emotional herausfordernd, ganz wunderbar gefilmt und mit einem schönen Score unterlegt, schauspielerisch herausragend und am Ende Herzen sprengend. "Lion" reisst von Anfang an mit und entlässt mit einer bitter-süßen, klaffenden Wunde in den Familienalltag.

9/10

Freitag, 1. Dezember 2017

47 Meters Down (2017)

http://www.imdb.com/title/tt2932536/

Die beiden Schwestern Lisa (Mandy Moore) und Kate (Claire Holt) gönnen sich eine Auszeit in Mexiko, nachdem Lisas Freund gerade mit ihr Schluss gemacht hat. Seine Begründung lautete, Lisa wäre zu langweilig gewesen. Um solch ein Ereignis für die Zukunft auszuschließen, lässt sich Lisa zu einem abenteuerlichen Ausflug aufs Meer überreden: Einige gutaussehende Männer, die sie vor Ort kennenlernen, unternehmen nämlich eine Haikäfig-Tauchfahrt und die beiden Schwestern sind natürlich mit von der Partie. Draußen auf dem Wasser tritt dann der absolute Albtraum ein: Als der Käfig mit den beiden Frauen im Inneren hinabgelassen wird, reißt das Sicherheitsseil und schickt Lisa und Kate auf den Meeresgrund - umringt von Haien! Während der Sauerstoff zur Neige geht, beginnt eine verzweifelte Rettungsaktion, dessen erstes Hindernis die unterbrochene Kommunikation zum sicheren Boot ist. Denn in 47 Metern Tiefe versagen die Funkgeräte...

Nachdem mit dem grandiosen "The Shallows" der Hai-Horror quasi wiederbelebt wurde, kommt mit "47 Meters Down" nun der nächste klassische Hai-Thriller, bei dem das "Gefängnis" diesmal kein Fels ist, der in der Flut zu versinken droht, sondern ein Beobachtungskäfig, in dem zwei Schwestern auf den Grund des Meeres gesunken sind. Neben den Haien, die auf Grund des trüben Wassers und der geringen Sichtweite meist erst in letzter Sekunde zu sehen sind und so für die ein oder andere Schrecksekunde sorgen, ist diesmal der zur Neige gehende Sauerstoff das größte Problem. Wie in "The Shallows" ist das Setting also sehr begrenzt und wie in "The Shallows" gibt es wieder eine Backstory, die es zu überwinden gilt und die in diesem Falle aber deutlich schwächer ausfällt. Der Aufbau ist zudem etwas zäher, die Bilder sind nicht ganz so beeindruckend, wenngleich weitaus realistischer, und das Unterwassersetting wird auf Dauer leider etwas eintönig - hier wäre die ein oder andere originelle Idee für etwas mehr Abwechslung vielleicht hilfreich gewesen - andererseits spielt "47 Meters Down" auch in einer deutlich geringeren Budget-Klasse als "The Shallows" und dafür macht er - das muss man fairerweise sagen - seine Sache dann doch recht gut: die Haie sehen ordentlich aus und zweifelsohne gelingt es dem Werk, eine beklemmende Atmosphäre aufzubauen. Dazu kommt ein gelungener Schlussakt, so dass Freunde von Tierhorrorfilmen auf jeden Fall einen Blick riskieren können.

6,5/10

Quellen
Inhaltsangabe: Universum Film
Poster/Artwork: Tea Shop Productions/Dimension Films/Lantica Pictures