Dienstag, 4. Oktober 2016

Spotlight (2015)

http://www.imdb.com/title/tt1895587/

Als eine Journalistin des Boston Globes in einem Artikel einen Missbrauchsfall in den Reihen der katholischen Kirche aufbereitet, der direkt in Boston geschah, weckt sie damit das Interesse des neuen Chefredakteurs Marty Baron (Liev Schreiber). Dieser ahnt, dass hinter der Geschichte mehr steckt und setzt das Spotlight-Team auf die Angelegenheit an, deren Recherche Schreckliches zutage fördert. Denn Spotlight-Chef Walter "Robby" Robinson (Michael Keaton) und seine Mitarbeiter Michael Rezendes (Mark Ruffalo), Sacha Pfeiffer (Rachel McAdams) und Matt Carroll (Brian D’Arcy James) stellen fest, dass weit mehr Priester in den Missbrauch von Kindern verwickelt sind als bislang angenommen. Doch die akribischen Ermittlungen der Journalisten werden durch das Schweigen der verängstigten Opfer und gut bezahlte Anwälte zunehmend erschwert. Der Film basiert auf wahren Begebenheiten.

Den Oscar in der Kategorie "Bester Film" hat "Spotlight" sicher nur aufgrund seines fairen und verantwortungsbewusstem Umgang mit dem heiklen Thema Kindesmissbrauch und Kirche von der Academy bekommen. Denn filmtechnisch ist der Film weder herausragend packend, noch bemerkenswert stilistisch inszeniert. Dennoch ist "Spotlight" einer der Filme, die den Zuschauer sowohl begeistert als auch enttäuscht zurücklassen. Begeistert aufgrund seiner Qualität und wieder einmal enttäuscht darüber, dass dies alles etwas zu fade präsentiert wird.

Tom McCarthys Investigativ-Thriller ist ein Thriller der anderen Art. Er verzichtet auf die üblichen Elemente wie laute, bedrohliche Musik, reißerische Kamerafahrten oder eine wendungsreiche Story. Rein dokumentarisch begleitet McCarthy das "Spotlight"-Team der 'Boston Globe' auf der Suche nach der Wahrheit. Nüchtern inszeniert wird einem fernab jeglicher Klischees das Ausmaß einer landesweiten, sogar weltweiten Verschwörung bewusst nähergebracht. Zusammen mit den Journalisten wird der Zuschauer in einen Sumpf aus Korruption, moralischen Mißständen und mangelnder Zivilcourage gezogen. Eine ganze Stadt blickt weg, während sich Dutzende Priester an wehrlosen Kindern vergehen. Eine grauenvolle Realität und eine Geschichte, die es wert ist, erzählt zu werden. Je mehr das Team aufdeckt, desto mehr gerät man als mündiger Zuschauer ins erschütternde Kopfschütteln.

Dabei leistet das komplette Schauspielensemble einen hervorragenden Job und es ist faszinierend, der Entwicklung dieser immer größer werdenden Zeitungsstory zuzusehen. In sehr gut geschriebenen Dialogen und genauso eindringlich inszenierten Szenen, bekommt der Zuschauer einen recht authentischen Einblick in die Welt des Journalismus vermittelt. Es ist Journalismus in einer seiner Sternstunden und für den Zuschauer begreifbar inszeniert. Die Charaktere vermitteln Authentizität und machen so das Gezeigte noch einmal wesentlich intensiver. Am Ende sitzt man da und ist einfach nur sprachlos, ja regelrecht fassungslos angesichts der Thematik, die einem (zumindest in diesem Ausmaß) nicht so recht bewusst gewesen sein mochte.

Dass der Film rückblickend durchaus einige Längen hat, kann man natürlich nicht abstreiten. Auch sein etwas zäher Beginn mag ein Kritikpunkt sein. Allerdings tut dies dem cineastischen Erlebnis keinen Abbruch. Im Gegenteil, biete es doch dem Zuschauer die Möglichkeit, die einzelnen Puzzleteile selbst zusammen zu setzen und dadurch jede Minute die Ermittlungen mit zu verfolgen. Aber so hervorragend der Film damit auch ist, umso weniger ist er für den Mainstream-Filmseher konzipiert. Man braucht schon einiges an Geduld und Sitzfleisch und muss "Spotlight" während des Sehens seine volle Aufmerksamkeit widmen. Ja, "Spotlight" kann ein fesselnder Journalismus-Thriller sein, der nachhaltig zum Nachdenken anregt und sich schon bei der Erstsichtung ins Gedächtnis brennt - wenn man die nötige Geduld und das Interesse für das Thema mitbringt. "Spotlight" bleibt sachlich, hebt hier und da kurz den Finger, aber ist eben hauptsächlich passiv. Es ist wie neutraler Investigativjournalismus: objektiv sehr gute Arbeit, aber subjektiv etwas zu trocken serviert.

7,5/10