Donnerstag, 11. August 2016

Fargo - Fargo: Blutiger Schnee (1996)

http://www.imdb.com/title/tt0116282/

Jerry Lundegaard (William H. Macy), ein spießiger Autohändler, ist fast pleite. Er spekuliert auf das Geld seines vermögenden Schwiegervaters Wade Gustafson (Harve Presnell), doch der rückt so schnell nichts raus. Da kommt Jerry die ultimative Idee: Er heuert zwei Kleinganoven (Steve Buscemi und Peter Stormare) an, die seine Frau (Kristin Rudrüd) entführen sollen. Von dem Lösegeld, das natürlich nicht Jerry, sondern sein Schwiegervater zahlen soll, geht ein Teil an die Gangster, der Rest hilft Jerry aus der finanziellen Misere. Eigentlich ein einfacher Plan, doch Jerry hat die geistige Größe der Kriminellen überschätzt und es geht einfach alles schief, was schief gehen kann. Aus dem unblutig geplanten Scheinverbrechen wird ein brutaler Amoklauf, der viele unschuldige Opfer fordert. Die ebenso clevere wie hochschwangere Kleinstadt-Polizistin Marge Gunderson (Frances McDormand) heftet sich an die Fersen des gewalttätigen Gangsterduos...

"Minnesota ist wie Sibirien. Nur die Restaurants sind etwas netter", sollen die Coen-Brüder einst über ihre Heimat im Mittleren Westen der USA gesagt haben. Klimatisch sind sich beide Regionen tatsächlich sehr ähnlich, doch so richtig freundlich scheint es in den verschneiten Provinznestern zwischen Fargo (North Dakota) und Brainerd (Minnesota) nicht wirklich zuzugehen. Distanziert, schroff, misstrauisch ist man hier. Ab und an auch etwas aufbrausend, abweisend und doch hat dieser gewisse Looser-Typus vom Land mit seiner unkommunikativen, dusseligen und leicht dümmlichen Art etwas Sympathisches an sich. Hier spricht man nicht oft miteinander. Und wenn, dann tut man es mit erhobener Stimme, laut, krächzend, schonungslos ehrlich oder aber man redet gänzlich aneinander vorbei. "Fargo" gibt einen unverhohlenen, pessimistischen, aber irgendwie auch realistischen Blick auf einen Zustand, der sich zweifelsohne auch auf die zwischenmenschlichen Beziehungen über die Grenzen von Minnesota hinaus projizieren lässt.

Für die Coen Brothers hat dieses eigenwillige Dasein jedoch sentimentalen Wert, nicht umsonst gibt sich "Fargo" auch zweifelsohne als eine Art Heimatfilm zu verstehen. Natürlich spielen die Coens dabei mit den Klischees der rauen Hinterwäldler-Bevölkerung, die neben ihren typischen Ausdrücken wie "Oki-Doki", "Jepp", "Nope" und "Oh Jeez" eher einen beschränkten Wortschatz zu haben scheint. Doch es ist nicht Bosheit, die sie dazu antreibt, sondern die Verbundenheit zu ihrer Heimat. Sie wissen, wie die Uhren einer Gesellschaft, in der das Individuum nicht zuletzt durch Ungereimtheiten und einer Menge Missverständnisse nur noch an sich denkt und glaubt, ticken. Wie es sich an diesem verlassenen Fleckchen Erde mit viel Schnee und sonst nichts lebt. Und sie verstehen es perfekt, diese Lebensart liebenswürdig in einem Film zu verpacken. Und obgleich sich die Brüder über - und auf Kosten dieser - jene lokale Eigenart amüsieren, lieben sie merklich diese Gepflogenheiten, die Einheimischen, innig und eröffnen dem Zuschauer so herrlich ungeschliffene Porträts unterschiedlicher Menschen, die durch ein Szenario stolpern, das in seiner ganzen Absurdität vollkommen dem Leben selbst entspricht. Menschen, die sich durch ihren Egoismus, ihre Dummheit, ihre Verzweiflung und auch durch ihre Güte auszeichnen.

"Kennst du schon den Witz über den Kerl, der sich kein Nummernschild mit seinen Initialen leisten konnte und seinen Namen in J3L-2404 ändern ließ?" - "Ja, der ist richtig gut!"

Ihre komödiantisch-dramatische Krimi-Groteske rund um einen nicht plangemäß verlaufenen Entführungsfall verfrachten die Coens genau in dieses nicht allzu oft verfilmte Milieu mitsamt seiner gleichzeitig verlassenen und doch einladenden Schneelandschaft, die das Blut der gerne und gezielt eingesetzten Splattereinlagen hervorragend kontrastiert. In Minnesotas Provinzialität, eingefangen von einer virtuosen Kameraführung, die oft nah an den Charakteren ist und einen wohligen 90er Flair versprüht, darf sich der achtsame Cast um William H. Macy, Frances McDormand, Steve Buscemi und Peter Stormare mit leichtem Overacting austoben und seine Figuren in eine brenzlige Situation nach der anderen manövrieren.

Das gibt unterm Strich eine runde Mischung aus stellenweise nervenzährender Spannung, gelegentlichem Witz, viel schwarzem Humor, Tragik und Schrägheit, kurz und knackig in 98 Minuten verpackt und mit dem Herz definitiv am rechten Fleck. "Fargo" ist ein Film über eben solche unverstellte Menschen und über die Nadeln des individuellen moralischen Kompasses, die immer wieder in verschiedene Richtungen ausschlagen. Unkonventionelles, aber dennoch schlichtweg brillantes Erzählkino, das sich glücklicherweise erlaubt, Freiräume für eigene Gedanken zu lassen, in seiner Struktur aber immer so homogen wie harmonisch wirkt. Kunst. Coen'sche Kunst. Kein Meisterwerk wie etwa "The Big Lebowski", aber dennoch ein äußerst gelungenes und erinnerungswürdiges Relikt aus den Mittneunzigern, das sich ganz Coen-esk abseits des Hollywood-Mainstreams bewegt und gerade durch diese perfektionierte Bizarrerie hervorragend funktioniert.

9/10