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Sonntag, 26. September 2021

Don't Breathe 2 (2021)

https://www.imdb.com/title/tt6246322/

Jahre nach dem aufwühlenden Einbruch in sein Haus führt der blinde Norman Nordstrom (Stephen Lang) inzwischen wieder ein geruhsames Leben. Dabei kümmert er sich mittlerweile sogar väterlich um ein junges Mädchen namens Phoenix (Madelyn Grace), dem er nach einer schweren Tragödie ein neues Zuhause gab. Doch dauert es nicht lange, bis diese selbst geschaffene Idylle ihr jähes Ende findet: Eine Bande Unbekannter hat es auf das Mädchen abgesehen, entführt es kurzerhand und lässt das Haus des Blinden in Flammen aufgehen. Das will der natürlich nicht auf sich sitzen lassen. Um seinen Schützling aus den Fängen der Kidnapper in einer ihm unbekannten Umgebung zu befreien, muss sich der Kriegsveteran einmal mehr auf seine anderen Sinne und seine Instinkte verlassen - und mit seinen Widersachern kurzen Prozess machen. 

In der Fortsetzung zum Überraschungshit "Don't Breathe" stimmen Spannung und Atmosphäre, aber die Story wirkt wie einmal aus dem Hut gezaubert. "Don't Breathe" ist nun Mal diese Art von Film, die eigentlich keine Fortsetzung brauchen. Es kommt einem so vor, als wollte man unbedingt eine Fortsetzung machen und an den Erfolg des Erstlings anknüpfen, um noch einmal die Kassen klingen zu lassen. So kommt es, dass zwar Stephen Lang den blinden Mann erneut grandios spielt, doch die Story wirktnicht sonderlich glaubwürdig, aber darum geht es in dem Genre auch nicht. Nein, "Don't Breathe 2" hat ganz andere Qualitäten. Er ist nicht unbedingt spannender als das Original aber dafür um einiges brutaler.

Während der Vorgänger eher als Horrorfilm verstanden werden wollte, trägt Teil 2 mehr die Handschrift eines Rachethrillers und ändert auch gleich den Blickwinkel. Norman Nordstrom (Lang), der im ersten Teil noch als bedrohlicher, quasi übermenschlicher Killer sein Haus gegen die jugendlichen Eindringlinge verteidigte und dabei gerne aus dem Nichts auftauchte, ist nun der Gejagte und bekommt plötzlich eine wesentlich menschlichere Seite. Vorbei sind die Zeiten, in denen kaum auffiel, dass er blind ist, im Kampf um seinen Schützling muss er mächtig Federn lassen. "Don't Breathe 2" ist etwas dynamischer als sein Vorgänger, allerdings ähnlich abgefuckt. Allein bei der netten Familie des Mädchens hätte sich jeder Therapeut in den Tod gestürzt. Stephen Lang, der erneut den schlecht gelaunten Ex-SEAL ohne Augenlicht verkörpert, kann die bedrohliche Ausstrahlung aus dem Vorgänger mitnehmen, auch wenn die harte Schale ein paar Risse bekommt. Dem Kerl pisst man lieber nicht ans Bein. Seine Zieh-Tochter Phoenix ist glücklicherweise wenig aufdringlich und keiner dieser großfressigen Teenies, die solche Filme gerne vergiften. Was die drogenverseuchten Gegenspieler angeht, so haben diese nur anfangs ein paar Trümpfe in der Hand, bevor Norman zum Gegenschlag ausholt. Der Richtungswechsel hat definitiv nicht geschadet. Die handwerklich einwandfrei inszenierte Story kommt freilich nicht ohne Klischees und dämliches Verhalten aus, ist aber dennoch meist atmosphärisch und spannend. Ohne viel Gelaber. Schön exploitativ wird sich hier zerhackt. Das ist nicht nervenzerrend oder extrem intensiv, das ist einfach nur solides Terrorkino ohne Hänger. Und selbst das ist heute eine echte Seltenheit.  

6,5/10

Quellen
Inhaltsangabe: Sony Pictures

Donnerstag, 19. Januar 2017

Don't Breathe (2016)

http://www.imdb.com/title/tt4160708/

Der Vater von Alex (Dylan Minnette) arbeitet im Sicherheitsgeschäft – sehr praktisch, wenn man wie Alex ein Dieb ist. Das Insiderwissen hilft dem jungen Mann, die teuren Sicherheitssysteme reicher Leute zu überwinden und in Villen fette Beute zu machen. Alex ist auf diesen Diebestouren nicht allein: Rocky (Jane Levy), als sein heimlicher Schwarm die Hauptmotivation für die Einbrüche, begleitet ihn, um sich und ihrer kleinen Tochter ein besseres Leben zu ermöglichen. Dritter im Bunde ist Money (Daniel Zovatto), Rockys Freund, der des Kicks wegen mitmacht. Ein Kick der besonderen Art steht dem Trio bevor, als es in das Haus eines Kriegsveteranen (Stephen Lang) einsteigt, der nach dem Unfalltod seines einzigen Kindes ein großes Schmerzensgeld bekommen haben soll. Der Veteran ist blind, was kann also schiefgehen? Nun, eine Menge...

Nach dem sehr guten (Remake) "Evil Dead" beweist Regisseur Fede Alvarez, dass er auch (fast) ohne Blut eine gute Stimmung, eine hochspannende Atmosphäre, eine fesselnde Geschichte und somit einen echt guten Horrorthriller zustande bringt. "Don't Breathe" ist sensationell gut inszeniert und noch besser gestaltet. Der Home Invasion-Psychothriller fängt durchaus gefestigt an und steigert sich dann immer mehr. Das Setting passt, der (im Vorfeld) unterschätzte Gegner, die insgesamt gut gecasteten Schauspieler (allen voran Steven Lang als blinder Mann) und die Story allgemein bringen eine im Grunde bekannte Geschichte mittels kleiner Varianzen auf ein ganz neues Level und verstehen es, den Zuschauer von Anfang an bei der Stange zu halten.

Und so muss ein Thriller sein, genau so. Der Film ist sauspannend, teils dank des subtilen Spannungsaufbaus, teils durch fesselnde und temporeiche Spannung. Diese ergibt sich dabei hauptsächlich aus der Identifikation des Zuschauers mit der Rolle der Einbrecher - der Zuschauer kann sich recht gut in diese hineinversetzen. Der Blinde, der jederzeit aus jeder Ecke des Hauses kommen könnte, das unbekannte Terrain, das jedoch dem Hausherren natürlich alles andere als unbekannt ist. Auf die Charaktere wird zwar nur sehr geringfügig eingegangen; mehr ist hier allerdings auch nicht nötig, denn der relativ simple Plot funktioniert auch so, oder gerade deswegen bestens. Mit knapp 89 Minuten ist der Film weder zu kurz noch zu lang, sondern hat genau die richtige Laufzeit für das was erzählt werden muss. "Don't Breathe" ist schlicht ein kompromissloser und robuster Vertreter unter den neuesten Genre-Beiträgen und ein Film der zwar sicher nicht in Innovation badet, aber gerade durch seine beengende Grundstimmung Wirkung hinterlässt. Auf jeden Fall ein kleines (Horror-/Thriller-)Highlight des Jahres 2016.

8/10

Von SONY PICTURES war der Film auch im limitierten Steelbook erhältlich:

Quellen
Inhaltsangabe: Sony Pictures

Freitag, 25. Juni 2021

The Owners (2020)

https://www.imdb.com/title/tt9806370/

"The Owners" basiert auf der gleichnamigen Graphic Novel "Une Nuit de Pleine Lun"/"Vollmondnacht" von Hermann und Yves H. Mary (Maisie Williams) und ihre Freunde brauchen Geld. Doch statt dieses mühsam zu verdienen, hoffen sie auf einen Raubüberfall, der sich lohnen könnte. Ihre Opfer: das alte Ehepaar Huggins (Sylvester McCoy und Rita Tushingham). Die beiden Rentner leben in einer gemütlichen Villa und sollen ziemlich viel Geld in einem Safe bunkern. Für Mary und Co. sind die alten Menschen ein gefundenes Fressen und sie rechnen nicht mit Schwierigkeiten. Doch die Huggins lassen sich nicht einfach ausrauben. Sie sind alles andere als ungefährlich und machen das Leben der jungen Einbrecher zur Hölle.

Home Invasion-Horror geht immer. Vermutlich weil es in den Köpfen der Zuschauer nichts gruseligeres gibt, als sich in seinen eigenen vier Wänden gegen irgendwelche Angreifer zur Wehr setzen zu müssen. Regisseur Julius Berg liefert mit "The Owners" nun seinen Beitrag zum Sub-Genre ab und zeigt seien Zuschauern einen recht blutigen, aber auch amüsanten Film, der mit einem wohlwollenden, wenngleich mittlerweile etwas erwartbaren Twist aufwartet. Jäger werden zu Gejagten, das war schon bei "You're Next" oder auch "Don't Breathe" der Fall. So kommt es, dass sich "The Owners" nicht unbedingt neu anfühlt. Es ist lediglich eine Variantion bekannter Muster. Dennoch ist "The Owners" amüsant, spannend und auch etwas absurd. Das Regiedebüt reicht in seiner Intensität aber nicht an einen "Don't Breathe" heran, doch das versucht der Film auch gar nicht erst. Er ist erfrischend, mit einer gutmütigen Albernheit und gespickt mit ein paar derben, blutigen Elementen. 

Die Figuren sind durch die Bank weg gut besetzt; ein sehr amüsanter Sylvester McCoy und eine fast satanische Rita Tushingham stoßen auf eine in die Aktion wiederwillig hineingezogene Maisie Williams, einen guten Jake Curran und ebenso passenden Ian Kenny. Dass hier nicht alles nach Plan läuft ist zu erwarten, aber dass das so aus dem Ruder läuft ist schon urkomisch. Der Tresor erweist sich als unknackbar und verärgert die Gruppe von Kriminellen, die eben nur Spaß daran haben, das Haus zu verwüsten und sich zu belegen, bis die Hugginses unerwartet früh nach Hause kommen. Die Co-Autoren Berg und Mathieu Gompel haben sichtlich Spaß an der Dynamik der Gruppe - vor allem, wenn es dann plötzlich ans Eingemachte geht. Das alles ist unterhaltsam und lustig zugleich und macht aus "The Owners" einen guten Film, der hinter seinen offensichtlichen Vorbildern zwar zurückbleibt, aber dennoch für Laune beim Zuschauer sorgt.

7/10

Quellen
Inhaltsangabe
Filmstarts
Poster/Artwork: Wild Bunch

Mittwoch, 14. August 2024

Alien: Romulus (2024)

https://www.imdb.com/title/tt18412256/

Eine Gruppe junger Abenteurerinnen und Abenteurer, die das Weltall nach allem durchsuchen, was man mitnehmen und vielleicht zu Geld machen kann, glaubt, den Jackpot getroffen zu haben. Rain (Cailee Spaeny), Andy (David Jonsson), Tyler (Archie Renaux), Kay (Isabela Merced), Bjorn (Spike Fearn) und Navarro (Aileen Wu) sind auf eine scheinbar völlig verlassene Station im All gestoßen, die offenbar reich an wertvollen Schätzen ist. Doch sie ahnen nicht, was sich dort wirklich herumtreibt und dafür verantwortlich ist, dass keine Menschenseele hier mehr am Leben ist. Schon sehr bald werden sie Bekanntschaft mit der gefährlichsten und furchteinflößendsten Kreatur machen, die es im ganzen Universum gibt...

Es ist so sehr, sehr lange her, seit wir die Chance hatten, einen wirklich großartigen Alien-Film zu erleben, so lange, dass man leicht vergisst, wie er sich eigentlich anfühlt. Das schleichende Gefühl der Angst, der eklige Body-Horror, die Angst vor dem Unbekannten. Von allen Horrorerlebnissen übertrifft doch eigentlich nichts die Vorstellung, mit etwas Unbekanntem im Weltraum festzusitzen, das in einem eindringt und den Körper des Wirts als Brutkasten für seinen Nachwuchs nutzt, der dann auch noch mit einer tödlichen Explosion aus Fleisch und Blut aus dem Wirtskörper herausbricht. Und als wäre das nicht schon schlimm genug, stellt das Exterminieren dieser großen Viecher auch noch vor eine Herausforderung, denn das Säure-artige Blut frisst sich durch alles, was mit ihm in Berührung kommt. Leider haben eine Reihe schlechter Fortsetzungen und überambitionierter Spin-offs von Ridley Scotts Originalfilm "Alien" von 1979 und seiner bombastischen Fortsetzung "Aliens" von 1986 von James Cameron haben das Franchise im Laufe der Zeit zu einem weiteren Science-Fiction-Verlierer degradiert.

Auftritt des uruguayischen Filmemachers Fede Alvarez, der dank seines wirkungsvollen "Evil Dead"-Remakes von 2013 und des schaurigen und spannenden "Don't Breathe" von 2016 bereits seit geraumer Zeit als aufstrebender Horrorfilm-Spezialist gilt. Ohne zu viel zu verraten, ist klar, dass dieser Film nicht weiter von den bedeutungsvollen, prätentiösen Prequel-Filmen "Prometheus" und "Alien: Covenant" entfernt sein könnte, mit ihrer gemeinsamen Entschlossenheit, langsam alle finsteren Details des "Alien"-Universums zu entdecken. "Alien: Romulus" spielt etwa zwei Jahrzehnte nach "Alien", also etwa 40 Jahre vor "Aliens". Alvarez schwärmte auf einer Pressekonferenz davon, Mitglieder des ursprünglichen Stan Winston-Teams zurückzubringen, das an "Alien" und "Aliens" gearbeitet hatte, sprach über den Einsatz von Animatronik und Miniaturen, um ein Gefühl von altmodischem Realismus zu erzeugen, und gab zu, dass er keine Angst hatte, sich selbst die Hände schmutzig zu machen. "Alien: Romulus" fühlt sich auch nicht wie ein Möchtegern-Blockbuster mit großem Budget an, der in ein paar Jahren in die Bedeutungslosigkeit abdriften wird. In dieser Welt des endlosen Franchise-Aufbaus - man sollte im Hinterkopf behalten, dass in Kürze Noah Hawleys "Alien"-Fernsehserie in die heimischen Wohnzimmer gestreamt werden kann - könnte es am Ende doch erfrischend sein, einen Alien-Film zu finden, der in seiner eigenen Entschlossenheit schwelgt. Und genau das macht "Alien: Romulus".

Von oben bis unten zeigt "Alien: Romulus" ein beispielhaftes Produktionsdesign, das zwar auf das anspielt, was in den in der Zukunft spielenden "Aliens" kommen wird, aber viel mehr den totemähnlichen Texturen von Ridley Scotts Originalfilm verdankt. Der industrielle Futurismus von Michael Seymours Originalsets wird in der defekten Renaissance-Station, die in die Segmente "Romulus" und "Remus" aufgeteilt ist, wunderbar nachgeahmt, die durch rote Warnlichter und Schwarztöne von H.R. Gigers Xenomorphologie gefärbt ist, während sie sich so bedrohlich wie eh und je in diese Ästhetik einfügen und teilweise bedrohlich an Videospiele wie "Doom" oder "Dead Space" erinnern. "Alien: Romulus" stellt auch die unbestreitbar stimmigste Mischung aus computergenerierten und praktischen Techniken des Franchises dar, die eingesetzt werden, um seine Schauplätze, Kreaturen und Verletzungseffekte zum Leben zu erwecken. Es heißt, dass die beste Computergrafik die ist, die man nicht bemerkt, und das Team hat hier eine weitgehend nahtlose Mischung all dieser Elemente erreicht. Die Ironie dabei ist, dass ich mir sofort selbst widersprechen muss: Es gibt ein paar Stellen, wo die CGI deutlich unangemessen wirken - eine wirklich schauderhaftes Wiedersehen mit einer alten Figur, deren CGI aber wirklich nicht gut ist und man sich fragen darf, warum das in der Post-Produktion nicht auffiel und ein dritter Akt, in dem man sehr deutlich merkt, wenn Álvarez zu Nahaufnahmen von Xenomorph-Köpfen schneidet, die in Stücke gesprengt werden. Aber diese Momente oder die Stellen, an denen man sieht, wie eine Miniatur verwendet wird, erinnern ebenso sehr an die ersten beiden Filme der Reihe wie jeder ikonische One-Liner oder jede nachgestellte Einstellung.

Álvarez lässt "Alien: Romulus" im ersten Akt atmen und nimmt sich Zeit, die zentrale Beziehung zwischen Rain (Cailee Spaeny) und dem Androiden Andy (Daniel Jonsson) zu etablieren, die als Geschwister in Schuldknechtschaft auf Weyland-Yutanis Jackson’s Star-Kolonie leben. Rain und Andy wollen unbedingt der ewig sonnenlosen Düsternis der Kolonie entkommen - die Álvarez als metallene Höllenlandschaft darstellt - und treffen sich wieder mit ihren alten Plünderer-Kumpels, der Besatzung der Corbelan IV. Rains einfallsreiche Natur und ihr Beschützerinstinkt gegenüber ihrem synthetischen Bruder ziehen das Publikum schnell auf ihre Seite, und als Darstellerin leistet Spaeny großartige Arbeit, indem sie Rain glaubhaft in den Horror eines jungen Erwachsenen einbettet, der seinen ersten Ausflug in die große, furchteinflößende Welt unternimmt und feststellt, dass sie schlimmer ist, als er es sich hätte vorstellen können. Rain ist stark lösungsorientiert, was ihr im Verlauf des Films viele Heldenmomente beschert, aber das Drehbuch von Álvarez und Co-Autor Rodo Sayagues lässt ihr nicht viel Raum, sich im Laufe des Films zu ändern oder zumindest hervorzuheben, was sie überhaupt so widerstandsfähig macht. Jonsson muss in seiner Darstellung die schwierigste Gratwanderung bewältigen, indem er ständig kindliches Zögern mit kalter Effizienz ausbalanciert und zusammenträgt, welche Informationen er anbieten und welchen seiner grundlegenden Anweisungen er folgen soll. Aber Jonsson trifft den Kern von Andy gut, sobald dieser Konflikt zentral für die Handlung wird. Die damit einhergehenden unvorhersehbaren Veränderungen in Andys Persönlichkeit dienen nicht nur dazu, die Spannung zu steigern, sondern auch als Spiegel, in dem sich die menschlichen Charaktere selbst sehen.

Was die Crew der Corbelan betrifft - die Geschwister Tyler (Archie Renaux) und Kay (Isabela Merced) sowie Bjorn (Spike Fearn) und Navarro (Aileen Wu) -, verwenden Álvarez und Sayagues Archetypen, die Fans sofort vertraut sein werden. Während zahlreiche Filme des Franchise mit Slasher-Konventionen flirten, verpflichtet sich "Alien: Romulus" stärker als je zuvor zur typischen Struktur des Subgenres. Durch diese Struktur kann das Publikum der Handlung gelegentlich vorauseilen, doch Álvarez lässt genügend Überraschungen aufkommen und führt den Zuschauer in die Irre, um das auszugleichen. Álvarez etabliert das Ensemble sparsam, insbesondere während Corbelans Reise in die Renaissance, wo Schnitte zu jeder Figur zeigen, wie sie in Stresssituationen reagiert, und diese Archetypen verstärken. Kay bekommt das persönlichste Material, verbringt einen Großteil des Films getrennt von der Hauptgruppe und versucht, auf zunehmend schreckliche Weise aufzuholen. Während diese Schnitte als eigene kleine Alien-Story gut funktionieren, sollte beachtet werden, dass sie, wenn sie im zweiten Akt auftauchen, den Fokus ein wenig zersplittern und zu "Alien: Romulus"' einzigen echten Tempoproblemen führen. Das heißt jedoch nicht, dass die Art und Weise, wie diese Zeit verbracht wird, keinen Nutzen hat: Kays Plan ist komplizierter als der ihrer Freunde, was nicht nur die Tür seiner unverschämtester Themenarbeit öffnet (deren Natur hier nicht gespoilert wird), sondern auch für späte Wendungen, die den kühnen und unerträglich angespannten Showdown des Films einleiten.

"Alien: Romulus" scheut sich selten davor, seine Vorgänger zu feiern, meist im Guten, aber in einem bedeutenden Fall definitiv im Schlechten. Álvarez versteht genau, wie und wann er die ikonischsten Bilder von Alien einsetzen muss. Obwohl die anfängliche Erkundung der verlassenen Renaissance durch die Plünderer eine ruhige, angespannte Angelegenheit ist, kann man unter der Oberfläche spüren, wie Álvarez‘ Hand den Raum einrichtet wie ein Kind, das einem mit einem Mal alle seine Spielzeuge vorführt, bevor es sich entscheidet, welches es zuerst mit einem teilen möchte. Kanalsysteme, Luftschleusen, Elektroschockstäbe, Bewegungssensoren, ein toter Kunststoff, vielleicht hier und da die eine oder andere Änderung von Flammen- zu Gefrierschleuder. Aber Álvarez verbringt nicht zu viel Zeit damit, diese leblosen Objekte zu fetischisieren; sie sind rein funktional und haben daher nicht das Gefühl, dass sie die Grenze zum Fanservice um des Fanservices willen überschreiten.

"Alien: Romulus" findet sogar Zeit, um Elemente des hervorragenden Spiels "Alien: Isolation" einzubauen. Ob es nun die Registrierungspunkte sind, die Álvarez einsetzt oder die Leuchtraketen, die zu cleveren praktischen und defensiven Zwecken eingesetzt werden, ein Ethos, das den ganzen Film vorantreibt und seine schockierendsten erzählerischen Wendungen freisetzt. Natürlich bringt "Alien: Romulus" auch seine eigenen neuen Spielzeuge und Tricks mit, von denen der bedeutendste die Schwerelosigkeit ist. Es ist verblüffend, wenn man bedenkt, dass das Franchise die Schwerelosigkeit in der Vergangenheit nicht wirklich stärker genutzt hat, und sie wird hier gut eingesetzt, nicht nur um einige Begegnungen mit Xenomorphs aufzupeppen, sondern auch wiederholt als tickendes Hindernis, das die Plünderer aufgrund des nicht funktionierenden Schwerkraftantriebs der Renaissance umgehen müssen. Und doch kann "Alien: Romulus", wie es Weyland-Yutani bekannt ist, einige Ideen nicht aufgeben, die auf den ersten Blick ein unschönes Ende zu nehmen scheinen. "Alien: Romulus" beschwört die genetische Spielkarte herauf, die in diesen Filmen immer Unheil bedeutet, und ist eine schlanke, gemeine, chimäre Schönheit. Fede Álvarez beweist, dass sein "Evil Dead"-Remake kein Zufall war: Der Regisseur greift nahtlos die erzählerischen und ästhetischen Eckpfeiler der Reihe auf und führt sie zu atemberaubenden Enden. "Alien: Romulus" biegt tempomäßig gelegentlich in eine Sackgasse ab - und leider ist seine kühnste Brücke in die Vergangenheit der Reihe extrem wackelig - aber diese Fehltritte sind verzeihlich, wenn man bedenkt, wie selbstbewusst und umsichtig Álvarez sie an anderer Stelle handhabt. Unterstützt von einem talentierten Ensemble junger Schauspieler und einem Produktionsdesign in Referenzqualität, bringt "Alien: Romulus"' Back-to-Basics-Ansatz zum Blockbuster-Horror alles, was die Fans an der klanglich fließenden Reihe lieben. Nun muss man sich für "Alien" und "Aliens" am Stück mehr Zeit nehmen, denn "Alien: Romulus" passt perfekt dazwischen..

8/10

Quellen:
Inhaltsangabe: Twentieth Century Studios
Poster/ArtworkTwentieth Century Fox/Disney

Samstag, 14. Juni 2025

L'orafo - The Goldsmith (2022)

https://www.imdb.com/de/title/tt15307448/

Drei schon seit ihrer Kindheit befreundete Kriminelle – Stefano (Mike Cimini), Arianna (Tania Bambaci) und Roberto (Gianluca Vannucci) – glauben das perfekte Ziel für ihren nächsten Raubzug entdeckt zu haben: ein Bauernhaus mitten im Nirgendwo, in dem der Goldschmied Antonio (Giuseppe Pambieri) und seine Ehefrau Giovanna (Stefania Casini) leben. Trotzdem geht alles schief, nachdem sie die alten Leute gefesselt und sich Zutritt zur Werkstatt des Mannes verschafft haben. Denn die stählerne Tür des Kellerraums schließt sich plötzlich und sie sind eingeschlossen. Nach sinnlosen Versuchen zu entkommen, wird dem Trio erschreckend klar, dass diese Mausefalle ganz speziell für sie entworfen wurde. Denn der eben noch so hilflos erscheinende Goldschmied und seine Gattin beginnen die Lage ihrer ungebetenen Besucher gnadenlos auszunutzen, indem sie sie gegeneinander ausspielen und sie dazu zwingen, exakt die Geheimnisse preiszugeben, die jeder von ihnen seit Jahren vor den anderen zu verbergen versucht. Und das ist noch längst nicht alles, was das greise Pärchen in petto hat …

"The Goldsmith" ist ein italienischer Thriller-Horrorfilm aus dem Jahr 2022, der auf dem Papier eigentlich vielversprechend klingt: Eine abgelegene Villa, eine Gruppe skrupelloser Einbrecher, ein geheimnisvoller Goldschmied - das Setup hätte ein Kammerspiel voller psychologischer Spannung und düsterer Wendungen werden können. Leider entpuppt sich der Film unter der Regie von Vincenzo Ricchiuto als ein Paradebeispiel dafür, wie schnell Potenzial durch klischeehafte Inszenierung, dünne Charakterzeichnung und peinlich konstruierte Dialoge verpuffen kann.

Das größte Problem von "The Goldsmith" ist sein miserabel geschriebenes Drehbuch. Die Geschichte beginnt mit einem Einbruch, entwickelt sich schnell in Richtung Home-Invasion-Thriller und versucht dann plötzlich, ein makabres Märchen à la "Saw" oder eben "Don't Breathe" zu sein - nur ohne das erzählerische Geschick oder die psychologische Tiefe. Überraschungen gibt es zwar, aber sie wirken eher wie schlechte Laune des Autors als logische Entwicklungen. Charaktere treffen Entscheidungen, die weder glaubwürdig noch nachvollziehbar sind, und manche Szenen scheinen nur dazu da zu sein, das Publikum durch Schockeffekte wachzuhalten, nicht um etwas Sinnvolles zu erzählen. Die drei Einbrecher, die das Gold des mysteriösen alten Paares rauben wollen, sind Abziehbilder aus dem Handbuch für stereotype Kriminelle: Der brutale Muskelprotz, die kühle Femme Fatale, der junge Naivling. Keine Figur bekommt Tiefe, keine hat eine überzeugende Motivation. Auch die titelgebenden Gastgeber, der Goldschmied und seine Frau, bleiben trotz ihrer zentralen Rolle schematisch und überzeichnet. Die Darsteller versuchen zwar, Leben in ihre Rollen zu bringen, aber was will man spielen, wenn das Drehbuch einem kaum Substanz bietet?

Die Kameraarbeit ist - zugegeben - nicht schlecht. Einige Einstellungen erzeugen Spannung, und das Produktionsdesign der Villa ist angenehm morbide. Doch das reicht nicht, um das Gefühl zu vertreiben, man schaue einem besseren Studentenfilm zu. Besonders die Musik wirkt aufdringlich und scheut sich nicht, auch die plumpesten Spannungsmomente mit dumpfen Streichern zu unterstreichen. Subtilität sucht man hier vergeblich. Damit wird "The Goldsmith" zu einem Film, der auf eine brillante Wendung oder ein cleveres Ende hofft, um seine Schwächen zu kaschieren - doch beides bleibt aus. Stattdessen verliert sich der Film in blutleeren Klischees, unmotivierter Gewalt und einem überambitionierten Skript, das seine eigene Geschichte nicht ernst nimmt. Am Ende bleibt kein goldener Schatz, sondern ein bleierner Nachgeschmack - besser geeignet als Hintergrundrauschen bei Schlaflosigkeit denn als ernstzunehmender Thriller.

4/10

Quellen:
Inhaltsangabe: Plaion
Poster/ArtworkFulltime Studio

Samstag, 22. April 2023

Sisu (2022)

https://www.imdb.com/title/tt14846026/

In den letzten verzweifelten Tagen des Zweiten Weltkriegs kreuzen sich die Wege des einsamen Goldsuchers Aatami Korpi (Jorma Tommila) und der Nazis in einem Rückzugsgebiet im Norden Finnlands. Als die Nazis sein Gold stehlen, stellen sie schnell fest, dass sie es nicht mit einem gewöhnlichen Bergarbeiter zu tun haben. Es gibt zwar keine direkte Übersetzung für das finnische Wort "sisu", aber dieser legendäre Ex-Kommandant verkörpert, was "sisu" bedeutet: eine Form von Mut und unvorstellbarer Entschlossenheit im Angesicht überwältigender Hindernisse. Und egal, was die Nazis ihm vorwerfen, die Ein-Mann-Todesschwadron wird alles tun, um ihr Gold zurückzubekommen - selbst wenn das bedeutet, jeden einzelnen Nazi auf ihrem Weg zu töten...

Jalmari Helander letzter abendfüllender Spielfilm datiert aus dem Jahr 2014. "Big Game" war ein unverschämter, bombastischer, gut gelaunter Action-Publikumsliebling, der tatsächlich einen gewissen Charme versprühte. Helanders neuester Film "Sisu" ist in vielerlei Hinsicht aus demselben Stoff wie "Big Game": ein spritziges Popcorn-Actionstück, das sich nicht um Glaubwürdigkeit schert und abgedroschene Ideen zu haarsträubenden und unverschämt unterhaltsamen Ergebnissen führt. Aber der Autor und Regisseur hat sich abgesichert, indem er die wichtige Figur im Spiel alterstechnisch angepasst hat: statt eines jugendlichen Protagonisten bekommt man diesmal einen mürrischen Kauz, der rüstig genug ist, es mit allen Gegnern aufzunehmen. Und die Gegner sind wieder einmal die bösen Nazis oder vielmehr das gesamte "Dritte Reich". Die daraus resultierende Mischung aus "John Wick" und "Inglourious Basterds" ist ein Film, der es schafft, seinen Witz mit Esprit aufrechtzuerhalten. Der Film ist herrlich übertrieben und nutzt Explosionen und blutige Wunden so gekonnt für komische Effekte. Er ist eine "Feelgood"-Übung mit schlechtem Geschmack, die viele begeistern wird, auch wenn sie definitiv nicht für jeden geeignet ist. 

Der Eröffnungstext erklärt den Titel "Sisu" als unübersetzbaren lokalen Begriff für "eine verzweifelte Form von Mut und unvorstellbarer Entschlossenheit, wenn alle Hoffnung verloren ist." Die Texte fassen kurz zusammen, was Finnland während des Zweiten Weltkriegs durchmachte, als es zunächst die Sowjets abwehren musste, die versuchten, eine Nation wieder anzugliedern, die erst zwei Jahrzehnte zuvor ihre Unabhängigkeit erklärt hatte, und dann von den Nazis überrannt wurde. Im Jahr 1944, in dem diese Geschichte spielt, waren Hitlers Armeen auf dem Rückzug und der Krieg so gut wie verloren. Doch als sie von den alliierten Streitkräften aus den Kampfgebieten Lapplands nach Hause gezwungen wurden, waren sie entschlossen, "alles zu zerstören, was sich ihnen in den Weg stellte". Inmitten dieser kargen nördlichen Landschaften trifft man nun auf einen Mann, der "beschlossen hat, den Krieg für immer hinter sich zu lassen". Allein mit seinem Pferd und seinem Hund macht sich dieser ergraute Goldsucher (Jorma Tommila) auf die Suche nach Gold. Tatsächlich findet er eine fette Ader, und sein Glück beschert ihm einen dicken Sack voller Nuggets. Aber der Krieg ist eben noch nicht fertig mit ihm. Als er mit der Beute zurück auf der Straße ist, stößt er auf eine große deutsche Truppe mit Panzern, Truppen und Gefangenen (ein halbes Dutzend grimmig dreinschauender junger Finninnen), angeführt von dem glasäugigen Bruno (Aksel Hennie) und seinem schmierigen Untergebenen Wolf (Jack Doolan). Während sie die Anwohner einfach nur so umgebracht haben, scheinen sie diesen alten Mann zu verschonen, der ohnehin schon halb tot aussieht ... bis sie sein Gold entdecken. Diese Beute sollte einfach sein. Doch das graubärtige Relikt entpuppt sich als erstaunlich flinker, einfallsreicher und tödlicher Gegner, der das Personal der Achsenmächte ausschaltet wie ein Insektvernichter die Mücken. Bald müssen die Gegner feststellen, dass sie auf einen "Aatami" gestoßen sind, der mehr als 300 russischen Soldaten das Leben genommen haben soll, nachdem die Rote Armee seine Familie getötet hatte. Wegen seiner scheinbaren Unbesiegbarkeit nannten sie ihn "Immortal", was sich hier schnell als Realität erweist. Doch trotz der rapide ansteigenden Verluste und der offiziellen Anweisung, den Kurs zu ändern, treibt die Gier Bruno dazu, die Verfolgung fortzusetzen.

"Sisu" erinnert ein wenig an "Don't Breathe", spielt aber in einer ganz anderen Liga. Der Film besteht aus einzelnen Episoden (mit Titeln wie "Scorched Earth" und "Kill 'Em All") von jeweils etwa 10-15 Minuten Länge und erinnert an einen Road-Runner-Cartoon als Live-Action, wenn auch mit deutlich mehr grausamen Szenen. In jeder dieser Szenen nutzt Aatami absurde Chancen zu seinem Vorteil, sei es in einem Minenfeld, beim Überleben einer Strangulation oder beim Festhalten an der Unterseite eines Flugzeugs. Die Kombination aus stumpfem Tenor - unser Held ist so lakonisch, dass er bis zum Fadeout kein einziges Wort spricht - und extremer Gewalt, die als präziser Slapstick gespielt wird, schafft es dank Helanders geschickter Handhabung, Monotonie zu vermeiden. Das macht auch jegliche Zweifel an der Plausibilität überflüssig. Wie Tarantinos "Inglourious Basterds" ohne das ganze Blabla ist dies keine Geschichtsstunde, sondern eine reine Fantasie gegen Bösewichte. Hier gibt es keine "guten Nazis", die man bemitleiden könnte. Und ja, die gefangenen Frauen bekommen ihre ganz eigene Rache.

Der schräge Spaß von "Sisu" wird durch die erstklassige Ausstattung unterstrichen, von Kjell Lagerroos' sehr schöner (wenn auch nie geschönter) Fotografie über Juho Virolainens messerscharfen Schnitt bis hin zu einer Reihe von beeindruckenden Stunts und Effekten. Die Originalmusik von Juri Seppa und Tuomas Wainola enthält verschiedene Einflüsse, erinnert aber vor allem an die klassische Coolness von Morricones Spaghetti-Western-Soundtracks für einsame Schützen. (Unter den visuellen Elementen ist ein bemerkenswerter Cineasten-Witz eine Hommage an "Dr. Strangelove"). Die Darsteller sind gleichermaßen treffsicher, archetypisch, aber nicht karikaturistisch - die Handlung selbst ist schon karikaturistisch genug. Der Sohn von Hauptdarsteller Tommila, Onni, kehrt nach seinen jugendlichen Hauptrollen in den beiden vorherigen Filmen des Regisseurs zurück, auch wenn seine Rolle hier (wie alle anderen, die bisher nicht erwähnt wurden) eine relativ kleine ist.

8/10

Quellen
Inhaltsangabe: Filmstarts
Poster/Artwork: Sony Pictures