Sonntag, 6. Mai 2018

[KINO FFFnights] Revenge (2017)

http://www.imdb.com/title/tt6738136/

Unmenschlich heiß ist die flirrende Wüste, in die sich das mörderische Katz- und Mausspiel der Protagonisten entspinnt. Heiß und begehrenswert der makellose Körper der lasziv am Lollypop lutschenden Gespielin Jen (Matilda Lutz), die sich von ihrem reichen Lover Richard (Kevin Janssens) in ein paradiesisches Hideaway einladen lässt und die im Laufe der für alle sehr schmerzhaften Entwicklungen von den Männern im Bunde bodenlos unterschätzt wird. Denn sobald die Protagonistin Jen Stans (Vincent Colombe) Annäherungsversuche ablehnt, wird damit eine Reihe von Ereignissen in Gang gesetzt, die viele Vergewaltigungs- und Rachethrillern gemeinsam haben: ein von einem Mann ausgelöster Angriff, ein Beinahe-Tod und eine Wiedergeburt als Racheengel. Und dieses Mal haben die Täter die Erfahrung der Jagd, sodass Jen, unbewaffnet und stark blutend, ihre Vergeltung aus einem schwerwiegenden Nachteil heraus starten muss. Sie hat nur ihren Verstand, ihre Entschlossenheit und das Element der Überraschung...

Es gibt kaum ein heimtückischeres Horror-Subgenre als den Rape & Revenge-Rachethriller, weil dieses die schlimmsten Beispiele von Erniedrigung beinhaltet, indem er grafische Szenen sexuellen Missbrauchs mit einer grausamen Parade brutaler Kills beantwortet. Das kleine Wunder von "Revenge", einem äußerst potenten Erstlingswerk der französischen Schriftstellerin und Regisseurin Coralie Fargeat, ist, dass sie dieser altbekannten Formel entspricht, diese sich aber belebend und neu anfühlt, eine stilistische Tour-De-Force, die auch die sexuelle Sichtweise ein Stück weit auf sinnvolle Weise verändert. Fargeat bringt zum einen eine seltene Frauenperspektive auf den Tisch, aber sie liefert auch die erwarteten Werte aus und operiert letztlich am oberen Ende extremer französischer Horrorfilme wie "High Tension", "Martyrs" und vor allem "Inside".

Die frühen Szenen in "Revenge" haben sogar etwas Sinnliches, wenn Robrecht Heyvaerts Kamera die Wüstenlandschaften und das Exterieur mit der sexuellen Dekadenz der beiden Liebenden auf ihrem Ausflug verschmilzt. Fargeat liefert pflichtbewusst Low-Angle-Aufnahmen von Jens Körper, aber sie zieht eine scharfe Linie zwischen Jen, die sich dafür entscheidet, sich nur zur Schau zu stellen, und ein paar grinsenden Idioten, die das als offene Einladung interpretieren. Die Vergewaltigung geschieht, weil sich Jen nämlich laut Aussage von Stan angeboten hat, was den Vorfall als solchen mit subtilen sozialen Kommentaren über die Art und Weise, was Frauen in solchen Aufzügen denn erwarten würden und die daraus resultierenden, schwerwiegenden Konsequenzen für das Überschreiten von Grenzen, sehr düster einfärbt. Beweise müssen entsorgt werden und nachdem Jen für tot erklärt wurde, könnte ihr Wiedererscheinen durchaus als absurd abgetan werden, aber die schiere Unwahrscheinlichkeit gibt ihr eine fast übernatürliche Qualität, als wäre sie von den Seelen geschundener Frauen aus der Vergangenheit wiederbelebt worden. Als sie ihre Wut auf ihre Widersacher entkorkt, verwandelt Fargeat "Revenge" in ein angespanntes, extremst blutiges und fesselndes Katz-und-Maus-Spiel, das die verrückten Kamerafahrten und Over-the-Top-Boshaftigkeit, die die französische Horrormarke definieren, einschließt.

Die Situation könnte nicht zudem kaum roher sein - Jen will Rache; die Männer wollen sie töten - aber das befreit nur Fargeat und ihre Schauspieler, vor allem Matilda Lutz, um ihre Rollen mit Hartnäckigkeit und Mut zu spielen. Vor den sterilen weißen Wänden und Teppichen von Richards Ferienhaus würde ein Tropfen Blut herausstechen, aber Fargeat entscheidet sich stattdessen für Gallonen der roten Flüssigkeit und verwandelt die Marmorflure in ein höllisches Slip-N-Slide. Lutz erschien vor kurzem in der Hauptrolle in dem fehlgeschlagenen "Rings" und ersetzte Naomi Watts, aber "Revenge" fordert emotional mehr von ihr und gibt ihr eine körperliche Präsenz, die unbezwingbar ist, wie eine im Feuer geschmiedete Klinge. Fargeat bewegt sich also im Thema einer feministischen Vergewaltigungsrache wie in Abel Ferraras "Ms.45", aber sie hat nicht das gleiche Straßenniveau und dieselbe Psychose. "Revenge" ist ganz klar überzeichnet, anders ist der Film kaum zu erklären, anders sind die zahllosen Anschlussfehler oder offensichtlichen Goofs nicht erklärbar. Aber "Revenge" ist auch eine pure gewalttätige Fantasie, eine fiese Unterhaltung, die darauf vorbereitet ist, den Zuschauer an Grenzen zu bringen. Die redaktionelle Agenda des Films ist dabei weniger neu, dafür aber die Ausführung. Gefällt.

7/10