Sonntag, 6. Mai 2018

[KINO FFFnights] Isle Of Dogs - Ataris Reise (2018)

http://www.imdb.com/title/tt5104604/

In naher Zukunft ist die Hundepopulation in Japan explodiert. Als dann auch noch die sogenannte Hundegrippe ausbricht und die Menschen um ihre Gesundheit fürchten, werden alle Hunde aus Megasaki City verbannt und auf die abgelegene Insel Trash Island verfrachtet, die nur aus Müll besteht. Das gefällt den Vierbeinern Boss (Stimme: Bill Murray), Chief (Bryan Cranston), Rex (Edward Norton), Duke (Jeff Goldblum) und King (Bob Balaban) gar nicht. Sie sind stolze Alphahunde und sollen jetzt Müll fressen? Also schließen sie einen Pakt und machen sich auf die Suche nach besserem Futter. Als jedoch der zwölfjährige Atari Kobayashi (Koyu Rankin) mit einem gekaperten Flugzeug auf der Insel landet und verzweifelt sein Haustier Spots sucht, beschließt die Alphahunde-Einheit, ihre Mission zu ändern und dem Jungen bei der Suche zu helfen.

Stop-Motion-Filme muss man irgendwie mögen. Der Stil ist nicht Jedermanns Sache und so braucht es schon sehr viel, damit ein solcher Film auch bei Leuten anschlägt, die allein schon dem Stil skeptisch gegenüber stehen. So nähert man sich als Zuschauer dieser Art Film auch mit einer Art Beklommenheit und in der Tat schien das Konzept - kranke Hunde, die auf einer japanischen Müllinsel leben - so eigensinnig zu sein, dass man zunächst denken mag, der Teaser-Trailer sei ein Schwindel. Doch "Isle Of Dogs" ist eine Freude: lustig, berührend und voller Herzlichkeit und Witz mit atemberaubenden Visuals und einem unheimlich gutem Auge für Hundeverhalten, überträgt es kinderfreundlichen Charme in die postapokalyptischen Landschaften von "Mad Max" über das japanische Kino von Yasujiro Ozu, Seijun Suzuki und vor allem Akira Kurosawa.

Nach einem szenenprägenden Prolog "Vor dem Zeitalter des Gehorsams" schreitet die Handlung schnell voran zum japanischen Archipel, 20 Jahre in der Zukunft. Als Reaktion auf die Ausbrüche von Hundegrippe und Schnupfen verbannt der Bürgermeister Kobayashi (nach dem Vorbild des großen japanischen Leinwandschauspielers Toshiro Mifune und gesprochen von Co-Autor Kunichi Nomura) die Köter von Megasaki City auf Trash Island, angefangen bei seinem eigenen Sohn und dessen Hund, Stars. Durch den Verlust seines besten Freundes stellt Kobayashis zahnlückiger Sohn Atari (Koyu Rankin) diese "Junktopia", in Zweifel und beginnt eine Rettungsaktion, die ihn zur Insel der Hund bringt, wo er auf ein Rudel Alpha-Hunde stößt, deren Anderson-artiger Schlachtruf lautet: "Lasst und abstimmen!". Auf seiner Suche nach Spots wird Atari durch den klatschsüchtigen Duke (Jeff Goldblum), den ehemaligen Hunde-Promi King (Bob Balaban), das Sportmaskottchen Boss (Bill Murray), dem tapferen Rex (Edward Norton) und den missverstandenen Streunerhäuptling (Bryan Cranston) unterstützt. Letzterer ist ein Tramp, ein Streuner, der die Dame seines Herzens in der 'Femme-fatale-Form" der Show-Hündin Nutmeg (Scarlett Johansson) findet. "Ich sitze nicht", warnt Chief von Zeit zu Zeit. "Ich beiße!"

So auch Andersons Film. Früh wird einem Hund das Ohr abgebissen, während unser menschlicher Held einen Propellerbolzen in seinem blutigen Kopf steckt. Wenn einem Charakter gesagt wird "hör auf, deine Wunden zu lecken", ist das wörtlich gemeint. Eine gleichermaßen witzige wie verstörende Sushi-Sequenz beinhaltet wie sich Fische, Krabben und Tintenfische sich winden, während sie fröhlich zerstückelt werden. Man bekommt sogar eine überraschend grafische Nierentransplantation zu sehen. Trotz dieser entzückend schaurigen Details behält "Isle Of Dogs" ein weiches, slapstickartiges Herz. Die regelmäßigen Kämpfe sind animiert wie in einem "Tex Avery"-Cartoon oder ein Standbild aus dem Beano, mit zufälligen Gliedmaßen, die aus einer wirbelnden Staubwolke ragen. Wie die Hunde selbst, hat der Stop-Motion eine liebenswert kratzige Qualität, eine strukturierte Rauheit, die im Kontrast zur symmetrischen Perfektion des Rahmens steht. Das Animations-Team von Anderson arbeitet hauptsächlich in den 3 Mills Studios in London und sorgt mit Wattewolken und Zellophanflüssen für eine bewundernswerte Körperlichkeit, die oft den Eindruck vermitteln,d ass dies gar kein Stop Motion wäre, sondern eher Computeranimiert. Die Bilder auf Fernsehbildschirmen werden hingegen als handgezeichnete Cartoons der alten Schule wiedergegeben.

Auf einer Ebene kann "Isle Of Dogs" als eine Parabel von Entrechtung gelesen werden, die Geschichte von Menschen wird an den Rand gedrängt. Auf der anderen Seite ist es eine einfache Geschichte von einem Jungen und seinem Hund, eine herzerwärmende Story mit Tönen der vor allem in Japan vielgeliebten "Hachikō"-Geschichte. Es gibt sogar auch eine Kritik am Tierrecht von Richard Adams "The Plague Dogs" auf dem experimentellen Teil der Insel. Doch Interpretationen sind notwendigerweise offen. Während sämtliches Bellen ins Englische übersetzt werden, ist die menschliche Sprache, viel Japanisch, weitgehend unausgesprochen. "Du verstehst die Worte nicht", hat Anderson bei der Premiere seinem Publikum gesagt, "aber du verstehst die Emotionen." Einige haben argumentiert, dass diese Technik nicht die Menschen in den Vordergrund stellt, sondern die japanischen Charaktere - und nicht die Menschen im Allgemeinen - als "andere". Aber Anderson ist eindeutig von dieser Welt und seiner Kultur beseelt und die Dialoge haben tatsächlich eine musikalische Kadenz, die ihn verständlicher machen, als man sich vorstellen kann. In der Zwischenzeit mischt Alexandre Desplats Partitur Taiko-Trommeln mit seltsamen jazzigen Holzbläsern, während die melancholischen Klänge einer West-Coast Pop-Art Experimental Band der 60er Jahre an der Partitur eines Prokofjew kratzen und zu Akira Kurosawas "The Seven Samurai" wippen.

Was jedoch am Eindrucksvollsten ist, ist jedoch die seltsame Schönheit dieser "Müllschlucht"-Landschaften. Zusammen mit Kameramann Tristan Oliver zaubert Anderson Unterkünfte aus bunten Flaschen und gebrauchten Sake-Dosen, in denen unsere fantastisch einfühlsamen Hunde Zuflucht suchen. Bei all der Krankheit und Not ist dies eine wunderbare Welt voller Charaktere, in dem der Zuschauer Vertrauen, Sympathie und Liebe investieren kann und er bekommt einen tollen Film voller Spannung, Gefühl und Unterhaltung. Wirklich toll und unkonventionell.

8,5/10