Sonntag, 11. Juni 2017

아가씨 - Agassi - The Handmaiden - Die Taschendiebin (2016)

http://www.imdb.com/title/tt4016934/

Korea in den 1930er Jahren, während der Besatzung durch die japanischen Invasoren: Die junge Sookee (Kim Tae-Ri) ist eine gerissene Taschendiebin, die sich von der reichen japanischen Erbin Hideko (Kim Min-Hee) als Dienstmädchen einstellen lässt. Sookee zieht auf das abgelegene Anwesen, auf dem Hideko völlig zurückgezogen mit ihrem Onkel Kouzuki (Jin-Woong Cho) lebt. Was Hideko allerdings nicht weiß: Sookees Anstellung als Dienerin ist Teil eines perfiden Plans, den sie zusammen mit einem Heiratsschwindler (Jung-Woo Ha), der sich als Graf Fujiwara ausgibt, ausgeheckt hat. Der falsche Graf und das Dienstmädchen planen, die junge Erbin um ihr gesamtes Vermögen zu erleichtern. Und zunächst läuft alles wie am Schnürchen – bis ganz unerwartet Sookee und Hideko echte Gefühle füreinander entwickeln...

Park Chan-wooks neuer Film, eine Adaption des Kriminalromans "Solange du lügst" (Originaltitel: "Fingersmith") von Sarah Waters, erzählt vor allem eine große, sehnsüchtige, wunderschöne Liebesgeschichte. Aber ansonsten ist in den erlesen fotografierten Bildern nichts, wie es scheint. Jeder verstellt sich, alle betrügen alle, keiner sagt die Wahrheit. In seinen besten Momenten spielt "Die Taschendiebin" dabei mit den Wechselwirkungen aus Macht, Abhängigkeit und Leidenschaft, denn die Bedürfnisse aller Protagonisten sind miteinander verwoben und ihr Verhältnis zueinander befindet sich stets im Fluss, was dem Film sein Suspense verschafft.


Das abgelegene Haus ist eine im doppelten Sinne koloniale Trutzburg: halb englisches Herrenhaus, halb japanisches Anwesen, angefüllt mit allerlei luxuriösen Interieur, Möbeln und Stoffen der westlichen und der östlichen Überkultur. Wie ein übermächtiges Lebewesen wirkt das Gebäude, in dessen Keller Dinge vorgehen, von denen man eigentlich nichts wissen möchte. "Die Taschendiebin" ist damit auch ein Märchen im Gewand eines Thrillers. Es handelt von zwei einsamen schönen jungen Frauen, zwei Waisenkindern, die einander Halt geben. In den intimen Winkeln des Gebäudes kommen die vermeintliche Zofe und ihre Herrin einander näher. Geradezu fetischistisch fährt die Kamera zu Beginn mit den Augen der Taschendiebin über Hidekos Schuhe, Handschuhe, Kleider, Juwelen. Erotische und materielle Faszination sind eins. Bis zu einer Liebesszene, die in der beiderseitigen Verstellung beginnt und sich im Exzess befreit: Hideko bittet ihre Zofe, ihr zu zeigen, wie der um sie werbende Graf sie lieben wird. 

Parks Werk sinniert in drei Akten geschickt über den schmalen Grat zwischen Leidenschaft und Fetisch, zwischen positiven Kräften, die die Figuren antreiben und negativen, die sie in den Untergang ziehen. Dabei gelingt es dem Regisseur fabelhaft, das Geschehen wahlweise durch ein wohlwollendes Augenzwinkern zu ironisieren, oder es aber leicht spöttisch zu hinterfragen und als grotesk zu entlarven. Die Exzesse aus Parks früheren Werken finden sich auch hier, allerdings deutlich vergeistigt – wo die Gewalt von "Oldboy" oder "Sympathy For Mr. Vengeance " die Körper der Figuren malträtierte, verkehrt Park den Ansatz in "Die Taschendiebin" ins Gegenteil und schildert gleich im doppelten Sinne die Befreiung aus geistiger Gefangenschaft durch die Freuden der Körperlichkeit.

Selbst der erste Teil des Films, dessen stockender Handlungsverlauf erst androht ins Leere zu laufen, verschlingt den Zuschauer. Die Opulenz der Inszenierung und die langen bewusst gesetzten Einstellungen um zum Beispiel die unwirkliche Ästhetik der mit prachtvollen Bäumen gesäumten Allee einzufangen sind in Perfektion vollendet. Mit dem zweiten Teil mindert sich zwar nicht die visuelle und akustische Virtuosität, aber die Handlung fängt an sich zu entwickeln und den Zuschauer zu greifen. Durch das Durcheinanderwirbeln der Charakterkonstellationen, gewinnen die Figuren an Leben und damit die Handlung an Spannung. Das baldige Erahnen des weiteren Verlaufs löst die Spannung nicht auf, denn die Umsetzung weiß immer wieder zu überraschen. Im Rollenspiel entgleiten die Rollen, entsteht zwischen Küssen, Stöhnen, ineinander verschlungenen Körpern, sexueller Ekstase der erste Moment der Aufrichtigkeit zwischen den beiden Frauen. Von nun an scheint es, als müssten Hideko und Sookee sich und ihre Gefühle vor der Allgewalt des Gebäudes verstecken. Die Kamera erspäht ihre Gesichter zwischen Wänden und Lampenschirmen, erblickt sie durch hölzerne Treppengeländer, hinter Fensterrahmen und Säulen.


So erzählt Park Chan-Wook abermals auf untergründige Weise auch von der Gewaltgeschichte seines Landes. In seinem Film "Oldboy", der ihn 2003 schlagartig zu einem Star des internationalen Autorenkinos machte, hallten die ungesühnten Verbrechen der koreanischen Militärdiktaturen mit. Der Film war der Beginn einer extrem stilisierten, extrem gewalttätigen Rache-Trilogie. In "Die Taschendiebin" wird die japanische Kolonisierung zur Grundlage aller weiteren, auch privaten Machtverhältnisse. In einer Szene, als Sookee auf dem Anwesen ankommt, muss die junge Zofe ihren koreanischen Namen für einen japanischen abgeben. Auf die Frage, weshalb er die Kolonisatoren bewundere, sagt Hidekos koreanischer Onkel: "Japan ist schön, Korea ist hässlich." In der gigantischen Bibliothek des Anwesens hat der alte Lüstling eine riesige Sammlung erotischer und pornografischer Werke zusammengetragen, die er sich und seinen männlichen Gästen von seiner Nichte auf Japanisch vorlesen lässt. Es ist ein Missbrauch im Zeichen der kulturellen Raffinesse.
So klug, komplex und vielschichtig "Die Taschendiebin" ist, bleibt der Film im Kern doch schlagend einfach: Männer sind Schurken, und Frauen versuchen, sich von den Schurken zu befreien. Unterhaltsamer und ästhetischer kann man den Geschlechterkampf nicht inszenieren. Aber am Ende bleibt ein Film über einen kleinen Sieg sinnlicher, authentischer, weiblicher Sexualität gegen die Sexualität einer patriachaischen Welt, in der sie nur noch als brutale Perversion existieren darf.

8,5/10

Von KOCH Media erschien der Film in der "Limited Collector's Edition" im Hardcoverschuber mit umfassenden Buch zum Film, Setcards und natürlich der Kino- und Langfassung auf DVD und Blu-ray.