Montag, 21. Dezember 2015

Das Leben der Anderen (2006)

http://www.imdb.com/title/tt0405094/

Oberstleutnant Anton Grubitz (Ulrich Tukur) beauftragt Stasi-Hauptmann Gerd Wiesler (Ulrich Mühe) damit, den Dramatiker Georg Dreyman (Sebastian Koch) und seine Lebensgefährtin, den Theaterstar Christa-Maria Sieland (Martina Gedeck), auszuspionieren. Wiesler soll herausfinden, ob der Dramatiker wirklich so politisch loyal ist, wie er vorgibt. Infolgedessen verwanzt das Ministerium für Staatssicherheit die Wohnung des Künstlers und richtet auf dem Dachboden des Hauses eine Einsatzzentrale ein, in der alles, was in Dreymanns Wohnung geschieht, aufgenommen und akribisch protokolliert wird. Doch auch an Wiesler selbst geht das Eindringen in "das Leben der Anderen" nicht spurlos vorbei. Zumal er bald herausfindet, dass es bei der ganzen Aktion eigentlich gar nicht so sehr um die Loyalität Dreymans zum Staat, sondern um seine schöne Freundin Christa-Maria geht, an der auch andere Männer Interesse haben...

"Das Leben der Anderen" ist das Spielfilmdebüt des deutschen Autorenfilmers Florian Henckel von Donnersmarck, und eine Geschichte über Mitgefühl und Empathie in einem Milieu, welches absolute emotionale Kälte verlangt. Der Film beschäftigt sich mit Überwachung in einem friedlich-dunklen Kapitel der Geschichte des 20. Jahrhunderts, und damit, wie der unbemerkt über ihnen schwebende Feind zu einem ebenso unbemerkten Schutzengel wird. Wiesler bekommt Tag für Tag alles aus dem Leben des von ihm Observierten mit, bis er selbst eine starke persönliche Bindung zu ihm entwickelt hat, und nicht zusehen kann, wie sowohl Dreyman als auch Sieland an ihren Problemen zerbrechen.
Der Film beginnt mit einer Stunde, in dem der Stasi-Hauptmann werdenden Beamten die Verhörmethoden beibringt, und dies anhand eines Tonbandes. Die verhörte Person schluchzt und weint, lallt mehr als er spricht - es wurde ihm verboten, einzuschlafen.
Ein Schüler stellt die berechtigte Frage, ob es nicht eine unmenschliche Vorgehensweise wäre. Wiesler kritzelt ein Kreuz auf den Sitzplan der Klasse beim Stuhl des Studenten, und macht die Klasse darauf aufmerksam, dass der Befragte mittlerweile in sich exakt gleich anhörende Phrasen verfallen ist - jemand, der die Wahrheit sagt, würde jedoch in unterschiedlichen Arten formulieren.

Von Donnersmarck bezeichnete die Stasi als Seelenbrecher, womit sie im harten Kontrast zur Gestapo stünde, da diese aus Knochenbrechern bestand. Dies wird klar, als die Stasi beim Einzug in den Dachboden von einer Mieterin beobachtet werden. "Ein Wort und ihre Tochter verliert ihren Studienplatz", so Wiesler. Direkt danach wendet er sich an einen Kollegen: "Lassen Sie ihr für ihre Kooperation ein Präsent zukommen." Es ist ein Beruf, der einem abverlangt, die Überwachten nicht als Personen zu sehen, nicht als fühlende Individuen, doch was passiert, wenn dieser künstlich erschaffene Abstand zwischen Stimme und Kopfhörer bebrückt wird? Als er Sieland nachgeht, stellt er sich als ein Bewunderer ihrer Schauspielkunst vor und verwickelt er sie in ein Gespräch, dessen Ziel es ist, sie dazu zu bewegen, sich nicht zu unterschätzen sondern sich wieder stark zu fühlen. Wiesler selbst begreift selbst am Wenigsten, warum er all das tut; er ist ein Mann, der vermutlich jahrelang ohne Einfühlungsvermögen seine Arbeit gemacht hat. Er weiß nur, dass diese Leute, deren Gespräche, Anrufe, Emotionen er nahezu zur Gänze kennt, beginnen, ihm etwas zu bedeuten. Und auch, dass das nicht geht. Nicht in der Situation, in der sich jetzt alle gerade befinden. Und dass er ihnen dennoch helfen will.

"Das Leben der Anderen" ist einer dieser Filme, die wieder beweisen, dass auch aus Deutschland starke Filme kommen können. Mit starken Anleihen des Thrillergenres - extrem beeindruckenden Passagen, die es innerhalb dieses ernsten Hintergrundes schaffen, knisternde Spannung zu schaffen, wenn man herzklopfend darum bittet, dass alle Figuren mit all ihren waghalsigen Vorhaben letztlich durchkommen - handelt es sich bei "Das Leben der Anderen" um ein Drama, bei welchem mit jedem Beginn einer neuen Szene unklar ist, welchen Ausgang diese, oder der gesamte Film, nehmen wird. Es ist ein Film über eine harte Zeit, und diese kann - und wird manchmal auch - jeden Moment zuschlagen. Alleine eine kurze Szene, in der ein Stasi-Mitarbeiter einen Staatsverhöhnenden reißen will und von einem Vorgesetzten ertappt, jedoch von diesem dazu ermuntert wird, ihn zu Ende zu erzählen, wird zu einem psychologischen Spiel allererster Güte, da wir bis zum Schluss unsicher sind, wie dünn das Eis, auf dem sich diese Nebenfigur bewegt, wirklich ist. Dünnes Eis. Das Leitmotiv des gesamten Filmes, welches in jeder Szene spürbar wird. Dünnes Leid und unerwünschte Empathie.

Handwerklich, schauspielerisch und vor allem in seiner Botschaft meisterhaft ist "Das Leben der Anderen" das Werk eines geborenen Filmemachers, und ein Zeugnis absoluter Filmkunst, die über den mehr als erfüllten formellen Zweck hinausgeht und sich mit den Figuren und deren Problemen auseinandersetzt, und ein intelligentes und reichhaltiges Werk mit einem Post-Finale für die Ewigkeit erschaffen hat.

8,5/10