Ein heftiger Sturm trifft auf die Küste Floridas und zwingt die Bevölkerung zur großräumigen Evakuierung, denn der Bundesstaat hat eine Hurricane-Warnung der Kategorie 5 herausgegeben. Die junge Haley Keller (Kaya Scodelario) vermisst aber ihren Vater Dave (Barry Pepper) und ignoriert die Warnung, um nach ihm zu suchen. Sie findet ihn schließlich verletzt im Keller seines abgelegenen Hauses in Coral Lake, eingeschlossenen von den Fluten, die immer höher steigen. Auch Haley weiß: Die Zeit, um dem Hurricane zu entkommen, wird immer knapper. Doch bald müssen Vater und Tochter feststellen, dass es noch eine weitere Gefahr gibt, die ihr Leben mit einem Schlag auslöschen könnte: In Gewässer, dass bereits die ganze Region bedeckt, treiben sich nämlich riesige Alligatoren herum – hungrig und stets auf der Suche nach ihrer nächsten Mahlzeit. Die Überlebenschance von Haley und Dave schwindet immer mehr...
Mit "Crawl" treibt der französische Regisseur Alexandre Aja die Statistik der fatalen Alligatorenangriffe gewaltig in die Höhe und spielt dabei gekonnt mit den Urängsten der Zuschauer. Nach Ausflügen in die Gefilde märchenhafter, düsterer Fantasy, kehrt Aja mit "Crawl" wieder zu im Wasser lebenden tödlichen Kreaturen zurück. Diese hat er bereits in seinem ultrablutigen, bewusst trashigen Remake "Piranha 3D" auf ahnungslose Party-Urlauber losgelassen und ein Leinwand-Gemetzel sondergleichen entfesselt. Trotz dieser oberflächlichen Gemeinsamkeit und der Tatsache, dass sie jeweils auf ihre Weise zu den besten Tierhorrorfilmen der letzten zehn Jahre gehören, sind beide Filme grundverschieden. "Piranha 3D" war eine ausgelassene, absurde Splatter-Partygranate, die ihre willkürlichen Nacktszenen, derben Humor und Over-the-Top-Gewalt auskostete. "Crawl" ist hingegen ein straffer, schnörkelloser und gleichzeitig spannungsgeladener Survival-Horrorfilm. Auf Gags wird verzichtet; augenzwinkernd wird es erst, wenn "See You Later, Alligator" im Abspann spielt. Seine Gewaltspitzen setzt der Film dezent, dann aber wirkungsvoll ein, und bleibt dabei auch noch relativ bodenständig. Jedenfalls so bodenständig, wie ein Film sein kann, in dem Alligatoren eine junge Frau durch ein überflutetes Haus jagen. Das klingt vielleicht ein wenig bescheuert, aber wenn schon ein Film es geschafft hat, Haie im Supermarkt ("Bait 3D") halbwegs glaubhaft auf Jagd gehen zu lassen, wirken Alligatoren in einem Haus dagegen wie eine Doku.
Im Subgenre des Tierhorrors spielen Alligatoren und Krokodile neben Haien die zweite Geige. Dass sie dennoch mindestens genauso erbarmungslos und gefährlich wirken können, führt "Crawl" sehr effektiv vor. Trotz des relativ niedrigen Budgets sehen die hauptsächlich digital erschaffenen Alligatoren im Film in den meisten Szenen sehr glaubwürdig aus. Lediglich in einigen längeren Frontalaufnahmen, die der Film wohlwissend zu vermeiden versucht, gerät der pixelige Realismus ins Wanken. Aja versteckt seine Tiere jedoch nicht, sondern setzt sie sehr wirkungsvoll ein. Mal kommen die Angriffe unvermittelt und lassen die Zuschauer zusammenzucken, mal wird die Spannungsschraube langsam angezogen, dadurch dass man bloß ihre Silhouetten unter Wasser oder gar nur kleine Wellen an der Oberfläche sieht. "Crawl" ist ein sehr simpler Film mit einer schlichten Zielsetzung: die Zuschauer erschrecken und vor Spannung schwitzen lassen. Ein Haus, zwei Leute, viele Alligatoren und ein apokalyptischer Hurrikan. Das sind die Zutaten, die Alexandre Aja zu einem unraffinierten, aber sehr zufriedenstellendem Cocktail vermischt. In der Hand eines weniger talentierten Filmemachers hätte der Film vielleicht seinen Blick fürs Wesentliche verloren oder wäre aufgrund seines räumlich eingegrenzten Settings redundant geworden. Nicht so bei Aja. "Crawl" ist nicht sein bester Film, doch auch er zeugt von Ajas gutem Gespür für die Interaktion von Setting, Atmosphäre und Spannung. Obwohl nahezu der gesamte Film innerhalb eines Hauses spielt, findet Aja immer wieder kreative Wege, seine Protagonisten, allen voran Kaya Scodelario als Haley, in neue gefährliche Situationen zu bringen. Er verschafft den Zuschauern einen guten Eindruck von der räumlichen Umgebung und trickst nicht mit hektischen Schnitten oder schwacher Beleuchtung. Man sieht meist klar, was passiert; jede Szene ist sorgfältig choreografiert und mit maximaler Effizienz umgesetzt.

Inmitten von großen effektgeladenen Sommer-Blockbustern ist "Crawl" erfrischend in seiner Schlichtheit und Gradlinigkeit. Dank dem vollen Einsatz der Hauptdarstellerin und einem Regisseur mit ausgeprägtem Gespür für Spannung und Szenengestaltung, unterhält er bestens während seiner kurzen Laufzeit. "Crawl" ist spannende, auf ironische Brechungen verzichtende Horrorkost von Alexandre Aja, der so die richtige Mischung aus Überraschungen und vertrauten Mustern findet und damit dem geneigten Tierhorrfans den Genre-Hit des Jahres liefert.
7/10
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen