https://www.imdb.com/de/title/tt10374610/In einer nicht allzu fernen Zukunft herrscht ein repressives Regime über die Vereinigten Staaten von Amerika. Angeführt von dem namenlosen autoritären Major (Mark Hamill) sichert ein gnadenloser Polizeistaat seine Macht mit strengen Regeln – und einem brutalen Wettkampf. Jedes Jahr treten insgesamt hundert Jugendliche gegeneinander an, doch nur eine Person kann gewinnen: wer den Marsch überlebt. Ray Garraty (Cooper Hoffman) meldet sich freiwillig für das blutige Spektakel an, angelockt vom Versprechen von einem sorgenfreien Leben, in dem man alles bekommt, was man sich wünscht. Doch der Weg dorthin ist tödlich. Die Teilnehmer müssen dauerhaft ein Tempo von mindestens vier Meilen pro Stunde halten. Jede Unterschreitung führt zu einer Verwarnung. Wer sich drei davon einhandelt, wird hingerichtet - ohne Ausnahme. Ray macht sich als Nummer 47 auf den Weg und setzt alles daran, am Ende als Nummer 1 zu überleben.
"The Long Walk: Todesmarsch" ist eine erstaunlich kompromisslose Stephen‑King‑Verfilmung: formal streng, emotional zermürbend und in ihrer Gesellschaftskritik so direkt, dass man sich eher beobachtet als unterhalten fühlt. Gerade im Vergleich zur Novelle wirkt der Film weniger wie eine Illustration der Vorlage, sondern wie deren destillierter Albtraum für das 21. Jahrhundert. Kings Novelle erzählt von einem totalitären Amerika, in dem 100 Jungen an einem Marsch teilnehmen, bei dem nur der letzte Überlebende gewinnt - alle anderen werden nach drei Verwarnungen erschossen. Die Stärke des Textes liegt in der Monotonie, der inneren Perspektive von Ray Garraty und der allmählichen Entmenschlichung durch ein Regime, das Gewalt als Volksfest verkauft. Francis Lawrences Film übernimmt diesen Kern fast unverändert, reduziert aber die Teilnehmerzahl auf 50 und verschiebt den Fokus stärker auf visuelle und gruppendynamische Momente. Die Handlung bleibt radikal linear: Der Film verlässt die Straße kaum, verzichtet weitgehend auf Subplots und vertraut darauf, dass die Erschöpfung der Figuren sich als Erschöpfung des Publikums fortsetzt - ein Risko, das King literarisch, Lawrence filmisch eingeht.
Cooper Hoffman spielt Raymond Garraty mit einer Zurückgenommenheit, die an Kings introspektiven Erzähler erinnert: Die Verzweiflung sitzt in den Schultern, nicht in großen Reden. Seine Entwicklung vom schüchternen Beobachter zum traumatisierten Überlebenden, der in seinem Sieg kaum noch eine Identität erkennt, ist keine Heldenreise, sondern eine schleichende Verformung – genau darin liegt die Tragik der Figur. David Jonsson als McVries bringt einen idealistischen, beinahe humanistischen Gegenpol ein, der das, was im Buch oft innere Dialoge sind, in klare, verletzliche Momente von Kameradschaft übersetzt. Charlie Plummer als Barkovitch wiederum verkörpert das hässliche Gesicht des Wettbewerbs: narzisstische Aggression als Überlebensstrategie, ein Junge, der lieber Täterpose einnimmt, bevor er Opfer wird. Über ihnen allen schwebt Mark Hamill als Major, eine eiskalte, fast abstrakte Autoritätsfigur: Er ist weniger Mensch als Symbol - die freundliche Maske des Systems, das lächelnd den Finger am Abzug hält.
Der vielleicht klügste Kniff des Films liegt im Umgang mit Gewalt: Der erste Tod eines Läufers wird drastisch und frontal inszeniert, als Schock, der den moralischen Boden wegzieht. Danach verschiebt Lawrence die Perspektive - weitere Erschießungen passieren immer häufiger im Hintergrund oder am Bildrand, als beiläufige Geräusche, als kurze Bewegungsfetzen - genau so, wie die Jungen selbst beginnen, die Gewalt auszublenden. Wo Kings Prosa ein innerer Dauermonolog des Schmerzes ist, arbeitet der Film mit Blicken, Stille und dem immer gleichen rhythmischen Geräusch der Schritte. Die Straße wird zur Bühne der Erosion: Freundschaften flammen auf und verglühen, Gespräche brechen mitten im Satz ab, wenn jemand nicht mehr kann – eine Struktur, die an Filme wie "Komm und sieh" oder "
The Road" erinnert, in denen das eigentliche Ereignis die langsame Zerstörung der Seele ist.

Kings Novelle war immer eine Allegorie auf Militarismus, Leistungswahn und eine Mediengesellschaft, die Leid zur Unterhaltung macht. Lawrence aktualisiert diese Themen, ohne sie zu plakativen Referenzen zu degradieren: Das Regime bleibt schemenhaft, doch die Inszenierung der Veranstaltung als Spektakel, als Event des Jahres, wirkt unheimlich vertraut in einer Zeit von Reality‑Shows, Social‑Media‑Streams und Gamification von Arbeit. Besonders scharf ist die Kritik an einer Kultur, in der der Wert eines Menschen an Leistungsfähigkeit gekoppelt wird - wer nicht mehr mitkommt, wird buchstäblich "aus dem System entfernt". In einer Gegenwart, in der wirtschaftlicher Druck, Prekarität und toxische Meritokratie den Ton angeben, liest sich "The Long Walk: Todesmarsch" wie eine bösartige Zuspitzung: Kein Algorithmus, keine KPI - nur die Schusswaffe als ultimative Kennzahl. Dass der Film im Kontext eines Amerika aufgefasst wird, in dem autoritäre Tendenzen und ein trumpistisch geprägtes Politikklima diskutiert werden, verstärkt die Lesart eines Staats, der Jugend als Wegwerfressource behandelt.
Das veränderte Ende ist ein entscheidender Unterschied: Wo King auf Andeutung setzt, formuliert der Film die Konsequenz expliziter aus, ohne in billige Katharsis zu fliehen. Die Hoffnungslosigkeit bleibt, vielleicht sogar geschärft, weil das Bild des letzten Schritts unmissverständlich ist - eine Verweigerung jeder romantischen Überhöhung des "Sieges".
Aus dieser Perspektive heraus ist "The Long Walk: Todesmarsch“ sicher kein perfekter Film, aber ein selten mutiger - einer, der die Einfachheit seiner Prämisse als moralische Waffe nutzt. Wer sich darauf einlässt, erlebt keine bequeme Stephen‑King‑Adaption, sondern eine beinahe asketische Studie darüber, wie ein System Menschen bricht, indem es sie dazu bringt, ihren eigenen Untergang Schritt für Schritt mitzugehen.
7/10
Quellen:
Inhaltsangabe: Filmstarts/Leonine
Poster/Artwork: Lionsgate/Manitoba Film/Video Tax Credit Program/Media Capital Technologies
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