Mittwoch, 7. März 2018

Lolita (1962)

http://www.imdb.com/title/tt0056193/
Berühmte Verfilmung von Vladimir Nabokovs ebenso berühmtem Roman: Der geschiedene Literaturprofessor Humbert Humbert (James Mason) kommt in das Städtchen Ramsdale in New Hampshire und mietet dort ein Zimmer im Haus von Charlotte Haze (Shelley Winters). Seine Vermieterin hat es gleich auf Humbert abgesehen, aber der ist viel mehr von deren jugendlicher Tochter Lolita (Sue Lyon) fasziniert. Bald ist er von dem Mädchen förmlich besessen. Als Lolita von Charlotte ins Sommercamp geschickt wird, ist Humbert ganz krank vor Eifersucht. Schließlich holt er das Mädchen aus dem Ferienlager und will mit ihm durchbrennen. Das bleibt nicht unbemerkt und Clare Quilty (Peter Sellers) droht, Humbert bloßzustellen ...

Man sagt ja immer wieder, dass das Herz will, was es will. Doch die Liebe ist viel mehr als nur Küsse unterm Mondschein, sie ist etwas, was den Menschen geistig und seelisch beeinflusst und ihn zu Taten verleitet, wie man sie sich nicht vorgestellt hätte. Man darf das als gut und schlecht interpretieren. Natürlich darf man die Liebe nicht als etwas Schlechtes ansehen, doch darf man auch nicht den psychischen Einfluss, den sie ausübt, ignorieren. Die Liebe ist das Mächtigste auf der Welt, sagen viele. Während das einige als Kitsch ansehen, ist dies doch eher die Wahrheit. Auch hier im guten und schlechten Sinne. Und manchmal verliebtsich ein Mensch eben in eine Person, von der die Mehrheit der Meinung wäre, dass es falsch wäre, sich in sie zu verlieben. So waren viele Menschen von dem Roman "Lolita" empört, da viele sich nicht an den Gedanken gewöhnen wollten, dass sich ein Erwachsener in ein Kind verliebt.

Wie sollte Stanley Kubrick, der das gleichnamige Buch des russischen Schriftstellers Vladimir Nabokov 1962, 7 Jahre nach dessen Erstveröffentlichung verfilmte, diese außergewöhnliche Liebe rechtfertigen? Kubrick beantwortet diese Frage ganz simpel: gar nicht. Statt dass er die Geschichte um Humbert Humbert (grandios gespielt von James Mason), der sich in die Tochter (Sue Lyon) seiner Vermieterin Charlotte Haze () verliebt, verharmlost darstellt, macht er genau das Gegenteil. Man mag zwar sagen, dass die Erotik fehlen würde, doch zu damaliger Zeit hätte man nie zugelassen, dass sexuelle Interaktion zwischen Mann und Kind gezeigt wird. Doch gibt sich Kubrick Mühe, die sexuellen Interessen von Humbert subtil darzustellen. Sei es wenn er mit seiner Frau Charlotte kuschelt und seine Augen währenddessen nur auf das Bild von Lolita fixiert sind oder er in ihr Bett steigen will, als er mit ihr im Hotel übernachtet. Kubrick zeigt jedoch kein Interesse daran, sein Verhalten als unmöglich darzustellen, sondern setzt sich eher mit dem psychischen Druck der Liebe auseinander und in welchen Formen sie auftreten kann – eine Idee, die er erst knapp 35 Jahre später in "Eyes Wide Shut" noch weiter vertiefen konnte.

Mag Humbert zu Anfang noch seine Faszination über Lolita in sein Tagebuch schreiben, so verwandelt sich diese schnell in Obsession. Es geht sogar so weit, dass er sich schon Gedanken über den perfekten Mord macht, um seine Frau, die er ohne wirklich darüber nachzudenken, geheiratet hat, vermutlich nur um Lolita nahe zu bleiben, ein für alle Mal loswerden will - eine ziemlich verstörende Vorstellung. Ohne zu viel zeigen müssen, schafft es Kubrick, seine Botschaften klar und mit demselben Niveau an Schockemotionen zu vermitteln, wie wenn es ihm erlaubt gewesen wäre, so explizit wie möglich bei seinem Film vorzugehen.

Humberts Gefühle für Lolita führen dazu, dass er sein Bestes gibt, Lolita zu kontrollieren, als wäre sie sein Eigentum. Er springt hin und her zwischen der Vaterfigur und dem Liebhaber, dass man sich fragt, welche Seite von ihm in welcher Szene zum Vorschein kommt. Egal wie schwer der Film es dem Zuschauer machen will, dass man mit ihm als dem Protagonisten sympathisiert (eine Tradition, die Kubrick bei einigen von seiner späteren Filme fortgeführt hat), kann man kaum anders als sich für sein Benehmen und seine Entscheidungen zu faszinieren. Kubrick war nicht daran interessiert, sich ein Bild von der Realität zu machen, sondern wie er sagte, sich ein Bild vom Bild der Realität zu machen. Und schon gab es die ersten Anzeichen für den Aufstieg des Regisseurs, der sich nicht scheute, die Grenzen des filmischen Status Quo zu brechen und mit der Verfilmung des Romans, der viele Leser schockierte, seine ersten Schritte machte. Kubrick schuf mit "Lolita" also nicht nur einen außergewöhnlichen Liebesfilm, sondern entwickelte in gewissem Maße auch seine Liebe für den Film.

8/10