Donnerstag, 1. Dezember 2016

Musarañas - Shrew's Nest (2014)

http://www.imdb.com/title/tt3417756/

Spanien in den 1950er Jahren: Nach dem Tod ihrer Mutter und dem anschließenden Verschwinden des Vaters musste sich Montse (Macarena Gómez) alleine um ihre kleine Schwester kümmern. Gemeinsam leben sie zurückgezogen von der Außenwelt in einer finsteren Wohnung in Madrid. Mit der Zeit hat die ältere Schwester eine psychische Störung entwickelt, die es ihr unmöglich macht, einen Fuß vor die Tür zu setzen. Als sich jedoch eines Tages der junge Nachbar Carlos (Hugo Silva) im Treppenhaus verletzt und bei den Schwestern um Hilfe bittet, lässt Montse den Mann trotz ihrer Ängste in das Apartment. Zunächst nimmt sie sich des Verletzten fürsorglich an, doch nach und nach entwickelt sie eine regelrechte Obsession. Als sie dann bemerkt, dass sich Carlos offensichtlich mehr zu ihrer Schwester hingezogen fühlt, werden in ihr ungeahnte Gefühle wach, die sich unaufhaltsam in Gewalt ausschlagen.

Aus Spanien kommen mitunter tatsächlich die größten Horrorperlen. "Musarañas" ist nun ein weiterer Vertreter seiner Art, der an einigen Stellen doch mehr als nur etwas an Stephen King's "Misery" erinnert. Ein ganz leichter Hauch von Hitchcock weht durch das bestechend fotografierte Beinah-Kammerspiel, bis der ambivalente Suspense-Nebel etwas zu schnell aufbricht und dennoch nicht zwingend an Reiz einbüßt. Damit ist der Streifen wieder ein toller Genrebeitrag, bei dem man sich nur wünschen kann, dass er von Fans von Horror und Thriller, die genug vom ewigen Hollywood-Grusel haben, noch mehr Aufmerksamkeit bekommt.

Die Geschichte ist originell, spannend, entwickelt sich sehr bedächtig, aber jederzeit konsequent und zieht in dem (wirklich überraschend blutigen Finale) die Spannungsschraube noch einmal ordentlich an. Die Fronten sind eher geklärt als erwartet und "Musarañas" wird rasch zur beengten Variation von "Misery", mit einer entscheidenden Hauptperson mehr, stetig begleitet von den Geheimnissen und Geistern der Vergangenheit, die genau wie Montse (Macarena Gómez) die Wohnung nie verlassen werden. Neben der erstaunlich abgebrühten, stilistisch sicheren Regie überzeugt der Film besonders auf darstellerischer Ebene, wobei einen Hauptteil auch Luis Tosar mitträgt, vielleicht auch einfach deswegen weil sein markanter Charakter bereits in ähnlich angesiedelten Filmen überzeugen konnte.

Wenn sich "Musarañas" etwas vorwerfen lassen muss (das dafür aber relativ deutlich), dann das Auslassen seines Potenzials. Nun muss man bei einem Debüt nicht automatisch gleich ein Meisterwerk erwarten, dennoch sollte der Ansatz nicht vernachlässigt werden. Denn in diesem Film stecken exzellente Ansätze, wie die für die Plotentwicklung ausschlaggebende Agoraphobie der Protagonistin, die im Gesamtkontext einer äußerst bittere Note beinhaltet und zeitgleich das Szenario ergänzend eineingt, aber in Richtung Finale kaum bis gar keine relevante Berücksichtigung mehr findet. Außer für den finalen, erklärenden Twist, denn man so sicher nicht auch nur erahnen konnte. Damit holt "Musarañas" aus seiner tragisch-traumatischen Prämisse zwar nicht das Optimum heraus, verläuft sich etwas in einem leicht konventionellen Finale und versäumt knapp den ganz cleveren Höhepunkt, trotzdem ist er ein toll inszenierter und bemerkenswerter Film, dem nur der entscheidende Feinschliff fehlt.

8/10