Montag, 9. April 2018

Grave - RAW (2016)

http://www.imdb.com/title/tt4954522/

Justine (Garance Marillier) ist noch 16 junge Jahre alt und wächst in einer ziemlich eigenwilligen Familie auf. Denn in ihrem Umfeld befinden sich ausschließlich Tierärzte, die zudem auch noch allesamt Vegetarier sind. Von daher scheint es jetzt schon klar zu sein, dass auch die Teenagerin den gleichen Weg einschlägt. Doch als sie ihr Studium an einer tierärztlichen Hochschule aufnimmt, wird sie in eine ganz andere Welt gezogen, die pervers und ziemlich verführerisch ist. Gleich zu Beginn muss sie an kranken Aufnahmeritualen teilnehmen, damit sie den Anschluss an ihre Kommilitonen findet – und dabei isst sie das erste Mal Fleisch. Und der Verzehr dieser für sie neuen Köstlichkeit hat unerwartete Folgen. Denn auf einmal entwickelt Justine einen unkontrollierbaren Hunger nach Blut, der auch vor Menschen nicht halten macht…

Es ist ein beeindruckender Debüt-Film, der eine Rezension schwer macht. "RAW" hebt sich nämlich als jugendlich-ungestümer Debütfilm schnell von so manchem Bodyhorror-Drama ab. Man sollte bei "RAW" (oder im Original "Grave") somit auch nicht den Kannibalen-Horror erwarten, der vielerorts so derbe angepriesen wird. Bei "RAW" handelt es sich vielmehr um ein höchst interessantes Jugenddrama mit einigen Horrorelementen, sowie visuell-bizarren Aufnahmen und einem geradezu InstantClassic-Themesong. Die französisch-belgische Produktion gestaltet sich besonders durch all die befremdlichen Plot-Komponenten durchweg interessant und birgt neben so einigen derben Bildern, welche Einem, vor allem auch wegen der vorbildlichen Effekte, das Hinsehen nicht immer einfach machen, auch einen superb auftretenden Cast. Insbesondere Garance Marillier weiß sich in den Kopf des Zuschauers zu fressen, bedenkt man zudem, dass sie mit "RAW" ihr filmisches Leinwand-Debüt ablieferte.

"RAW" ist eine bluttriefende Märchenversion des Frauwerdens inklusive düsterer Pointe am Ende. Ein pulsierender Trip durch die wilden Gefühle von Teenagern, die sich das erste Mal außerhalb des Nests beweisen müssen und zwischen Erfolgsdruck, Drogen, Sexualtrieb und unersättlicher Neugierde stehen. Eine grelle, von Körperflüssigkeiten und einer Wahnsinnsschauspielerin begleitete Charakterstudie, welche Verlangen und Lust so darstellt, wie der Titel verspricht: roh. Neben der schnell unausweichlichen Kannibalenkomponente ist die volle Gefühlspalette mitsamt Liebe, Wut und triefender Geilheit Bestandteil des kantigen Genrecocktails, der nicht selten auch in schwarzhumorige Bereiche abdriftet. Was den Film aber ganz besonders auszeichnet ist seine Atmosphäre, die den Zuschauer einlullt, ihn in sich aufsaugt und bis zum Ende nicht mehr gehen lässt. Eine halbe Stunde mehr, um einige Inhalte etwas ausgiebiger zu beleuchten, wäre wünschenswert gewesen, nichtsdestotrotz ist der krasse Campus-Trip lohnenswert. Dafür findet der Film immer wieder skurrile bis ekstatische Bilder, die in ihren impulsivsten Momenten an die rohe Neonatmosphäre des wesensverwandten "Der Nachtmahr" erinnern. In beiden Fällen ist das Monster am Leben, macht sein Ding und genauso deshalb verkörpert "RAW" in jeder Hinsicht das, was sein Titel bereits verspricht.

7/10