Montag, 16. April 2018

Zwartboek - Black Book - Das schwarze Buch (2006)

http://www.imdb.com/title/tt0389557/

September 1944: Sämtliche Familienmitglieder der jüdischen Revuesängerin Rachel (Carice van Houten) werden bei einem Hinterhalt ermordet. Sie muss während des Zweiten Weltkriegs aus Berlin vor den Nazis fliehen und sucht im Süden der Niederlande Unterschlupf. Rachel schließt sich einer jüdischen Widerstandsgruppe an. Sie nennt sich nun Ellis de Vries und wird als Spionin der Niederländer bei den Nationalsozialistin eingeschleust. Damit will sie sich auch an denen rächen, die das Leben ihrer Liebsten auf dem Gewissen haben. Sie bändelt schließlich mit dem ranghohen SS-Offizier Müntze (Sebastian Koch) an. Er fühlt sich zu der jungen Frau hingezogen und bietet ihr eine Stelle als Schreibkraft an...

Sechs Jahre nach "Hollow Man" meldete sich der einstige Skandalregisseur Paul Verhoeven mit einem Beitrag zur Kriegszeit zurück, der beinahe schon ein wenig untypisch für ihn ist. Überzeichnete Darstellung von Gewalt und Sex findet sich hier nicht, ebensowenig wie schwarzer Humor und fieser Zynismus - was dem Werk aber auch nicht gut getan hätte. Nein, "Zwartboek" ist ein sehr spannender Kriegsthriller, der den holländischen Widerstand zur Zeit der Nazibesatzung gegen Ende des Zweiten Weltkriegs thematisiert. Man wird Zeuge des Geschehens durch die Augen der Jüdin Rachel Stein, die ihre Familie in einem Hinterhalt der Nazis verliert, sich danach den Widerstandskämpfern anschließt und für sie als Spionin arbeitet. Dabei gerät sie in ein brandgefährliches Spiel aus Lügen und Verrat, bei dem sie ihr Leben mehr als einmal aufs Spiel setzt. Verhoevens "Zwartboek" ist von der grundlegenden Thematik, der Ausstattung und der Besetzung her durchaus vergleichbar mit Tarantinos "Inglourious Basterds", nähert sich der Geschichte allerdings auf weitaus realistischere Weise. Bei Verhoeven gibt es keine Schwarzweißmalerei, sämtliche Charaktere sind ambivalent, allein den "guten Widerstandskämpfer" und den "bösen Nazi" gibt es hier nicht. Keiner der Charaktere hat hier wirklich eine weiße Weste, jeder macht sich auf irgendeine Art und Weise schuldig. Dies zeigt sich besonders darin, dass der Film mit dem Ende des Krieges selbst noch lange nicht beendet ist und man hier Zeuge wird, wie die einstigen Opfer selbst zu Tätern werden, was in der allgemeinen Rezeption des Krieges viel zu selten thematisiert wird. Ohne die Verbrechen der Nazis relativieren zu wollen, entschuldigt derFilm dennoch nicht, dass Kollaborateuren (die teilweise ja durchaus nachvollziehbare Gründe für ihr Handeln hatten) nach dem Krieg Schlimmes angetan wurde.

Zudem ist auch positiv anzurechnen, dass die Nazis hier nicht Hollywoodlike dämonisiert, sondern als Menschen dargestellt werden. Den, wenn man so will, "Oberbösewicht" des Films (also besser gesagt, den negativsten Charakter) sieht man hier beispielsweise in einer Szene besoffen und nackt auf die Toilette wanken. Als diabolische Monster erscheinen die Nazis hier nicht - was sie freilich nicht weniger widerwärtig macht. Besonders erwähnenswert ist auch die Tatsache, dass Verhoeven hier versteckte Kritik an der Außenpolitik der USA eingebaut hat. Wenn die Nazis hier ähnliche Foltermethoden wie amerikanische Soldaten und Geheimdienstmitarbeiter in Gefängnissen wie Guantánamo anwenden oder sich strikt weigern "mit Terroristen zu verhandeln", kommt einem da schon George W. Bush und sein "Krieg gegen den Terror" in den Sinn. Verhoeven übt hier Kritik am Krieg an sich, an militärischen Institutionen und generell dem Einbeziehen der Zivilbevölkerung in militärische Konflikte. Der Film wurde dabei auch mit vereinzelten Nóir-Anleihen angereichert. Es geht um Spionage, Verrat, Macht, Gier, Opportunismus und vor allem um die Frage, wem man in solchen Zeiten vertrauen kann. Die Hauptfigur wird fast zu einer Art Femme Fatale und ist anderen Frauenfiguren aus Verhoevens Filmen (wie der Prinzessin Agnes aus "Flesh + Blood") sehr ähnlich. Um zu überleben, setzt sie vor allem ihre Reize ein und ist letztlich hin- und hergerissen zwischen zwei Parteien. Besonders loben muss man natürlich Verhoevens Gespür für gute Schauspieler. Der Film wird getragen von einer wirklich exzellenten internationalen Besetzung. Carice van Houten wirkt als Rachel mal verletzlich, mal manipulativ, aber immer nahbar für den Zuschauer. Sebastian Koch überzeugt als SS-Mann mit einem Gewissen. Die hassenswerten Charaktere geben Waldemar Kobus und Christian Berkel, wobei besonders letzterer äußerst bedrohlich und respekteinflößend wirkt. Der restliche Cast ist auch nur zu loben. Paul Verhoeven hat mit "Zwartboek" einen sehr spannenden, realistischen Thriller abgeliefert, der immer authentisch wirkt und der zeigt, dass es im Krieg keine Sieger gibt und Geschichte sich auf irgendeine Weise immer wiederholt (das macht besonders das Ende mit seiner bösartigen Pointe deutlich). In Amerika wäre diese Art Film vermutlich wohl nicht gedreht worden, diese europäische Produktion hat Hollywood da so einiges voraus. Komplex und vielschichtig, stellenweise brutal und auch mit vereinzelter Erotik, was aber immer in den Dienst der Geschichte gestellt wird und nie zum Selbstzweck verkommt. Sehr sehenswert.

8,5/10