Donnerstag, 19. März 2026

Cuando Acecha La Maldad - When Evil Lurks (2023)

https://www.imdb.com/de/title/tt16300962/

In einem abgelegenen argentinischen Dorf geht es mit einem Mann zu Ende – jedoch nicht friedlich, sondern qualvoller als man es sich wohl jemals vorstellen könnte: Er verrottet bei lebendigem Leib. Für die Brüder Pedro (Ezequiel Rodríguez) und Jimi (Demián Salomón) scheint die Sache klar: Dieser Mann ist von einem bösartigen Dämon besessen, der direkt aus den Untiefen der Hölle aufgestiegen ist. Ein Exorzist soll das Problem lösen, doch als der in Stücke gerissen aufgefunden wird, müssen Pedro und Jimi selbst die Initiative ergreifen. Doch das scheint alles nur noch schlimmer zu machen und der böse Dämon entfesselt ungeahnte Schrecken.

"When Evil Lurks" ist einer dieser Horrorfilme, nach denen man sich waschen möchte - nicht wegen des Blutes, sondern weil er einen das Gefühl gibt, an etwas fundamental Schmutzigem teilgenommen zu haben. Demián Rugna erzählt von einer Dämonenplage auf dem argentinischen Land, aber hinter dem Splatter steckt ein bitterer Kommentar darüber, wie schnell eine Gemeinschaft kollabiert, wenn Aberglaube, Ignoranz und Angst miteinander verschmelzen. Rugna strukturiert den Film wie eine apokalyptische Odyssee: Die Brüder Pedro (Ezequiel Rodríguez) und Jimi (Demián Salomón) versuchen, Pedro’ Ex-Frau und die Kinder zu retten, landen bei der ehemaligen Cleanerinnen-Veteranin Mirtha, und geraten immer tiefer in eine Welt, in der jede falsche Regung - ein Schuss, ein falsches Wort zu einem schon "Kontaminierten" - das Böse nur weiter verbreitet. Rugna verzichtet weitgehend auf klassische Jumpscares; der Horror entsteht aus der Nüchternheit, mit der extreme Gewalt gezeigt wird, und aus dem Gefühl, dass niemand - vor allem keine Kinder - sicher ist.  Mehrere Schlüsselszenen (ein Hund, ein Kind, ein Unfall an der Landstraße) sind so schonungslos, dass der Film weniger Spaß macht als ein Gefühl von moralischer Desorientierung hinterlässt.

Visuell ist das Rural-Setting entscheidend: Die hell ausgeleuchteten Felder, die staubigen Wege, die einfachen Häuser verleihen der Besessenheit einen dokumentarischen Beigeschmack, als würde die Apokalypse auf einem ganz normalen Bauernhof beginnen. Die praktischen Effekte und das Make-up sind bemerkenswert handfest - Körper, die sich verformen, Wunden, die nicht heroisch, sondern dreckig wirken -, was die ohnehin schon sehr fiese Note noch verstärkt. Ezequiel Rodríguez spielt Pedro als Mann, der dauernd hinter seiner eigenen Schuld herläuft: Jede Entscheidung, die seine Familie retten soll, macht alles schlimmer, bis er selbst zum tragischen Motor der Katastrophe wird. Demián Salomón als Jaime ist weniger dominant, aber glaubwürdig als Bruder, der zwischen Pragmatismus und Panik schwankt. Die Nebenfiguren - die abgeklärte Cleanerinnen-Veteranin Mirtha, die verängstigte Ex-Frau, die Kinder, die zu möglichen Einfallstoren des Bösen werden - tragen zu dem Gefühl bei, dass dies kein Film über "Helden" ist, sondern über Menschen, die aus Hilflosigkeit heraus immer die falschen Entscheidungen treffen. Niemand glaubt den Regeln, bis es zu spät ist.

"When Evil Lurks" ist nicht nur ein Extrem-Horror, sondern ein Film über Verantwortung in einer vergifteten Welt. Das Demonische ist hier weniger eine religiöse Figur als eine Art Systemfehler: Eine Infektion, die sich verbreitet, weil Menschen Regeln ignorieren, Warnungen ausblenden, lieber kurzfristig aufräumen, statt sich der unangenehmen Wahrheit zu stellen. Man muss auch die Konsequenz respektieren, mit der Rugna seinen Film durchzieht: kein Trost, keine überlebensgroßen Archetypen, nur ein grauer, schmutziger Weltuntergang, in dem selbst Kinder nicht durch Plotpanzer geschützt sind. Doch der Film wirkt - bei aller Grausamkeit - nicht sadistisch, sondern wie ein verzweifelter Schrei darüber, wie leicht wir das Böse selbst beschleunigen, während wir glauben, es zu vertreiben. "When Evil Lurks" ist nichts für Zartbesaitete, aber für Horror-Fans, die mehr als bloße Erschrecker suchen, ist er ein Schlag in die Magengrube - und vielleicht das, was als eine besonders finstere, aber effektive Mitleidsmaschine bezeichnen könnte: Man leidet nicht mit den Figuren, man leidet in ihrer Welt.

7/10

Quellen:
InhaltsangabeFilmstarts
Poster/Artwork: Indeed/Illusions

天空の城ラピュタ - Tenkū no Shiro Rapyuta - Laputa: Castle In The Sky - Das Schloss im Himmel (1986)

https://www.imdb.com/title/tt0092067/

Pazu ist ein Waisenjunge, der im Bergwerk arbeitet. Eines Abends passiert etwas Merkwürdiges: Ein Mädchen schwebt vom Himmel herab. Das Mädchen heißt Sheeta und ist auf der Flucht vor Piraten und Geheimagenten der Armee aus einem Luftschiff gesprungen - nur Dank des blauen Steins, den sie an einer Kette um den Hals trägt, scheint der Fall glimpflich abgelaufen zu sein. Pazu und Sheeta bleibt nicht viel Zeit, ihre Verfolger sind ihnen dicht auf den Versen. Erst nach und nach erfahren sie die Hintergründe, die den Regierungsbeamten Musca und die Piraten-Mutter Dora so sehr um den Stein kämpfen lassen: Das unbedarfte Waisenmädchen Sheeta ist in Wahrheit die rechtmäßige Thronfolgerin der legendären fliegenden Insel Laputa...

Der erste offizielle Film, der nach "Nausicaä aus dem Tal der Winde" unter dem damals neu gegründeten Studio Ghibli entstand war "Das Schloss im Himmel", ein Abenteuerfilm, der sich anfühlt wie ein klassischer Jugendroman: zwei Kinder, eine Legende, Piraten, Militärs, eine geheimnisvolle Welt - und dahinter eine erstaunlich klare Meditation über Macht, Technik und Natur. Inhaltlich ist es vielleicht einer der reichsten Filme von Hayao Miyazaki; stilistisch bleibt der typische, runde Anime-Look allerdings Geschmackssache - hier beeindruckt mehr die Fantasie der Welt als die Art, wie sie gezeichnet ist. Diese Welt ist jedoch zugleich vertraut und fremd: ein Retro-Steampunk-Universum voller Luftschiffe, dampfender Maschinen, antiker Roboter und schwebender Inseln: eine passende Mischung aus Science-Fiction und Jules-Verne-Romantik. Doch auch wer mit dem typischen Ghibli-Figurenstil - den großen Augen, runden Konturen und leicht kindlichen Proportionen - wenig anfangen kann, merkt, wie konsequent die Bildwelt durchkomponiert ist: Städte, Maschinen und Landschaften tragen eine eigene Logik, die das Fantastische glaubwürdig macht. 

Sheeta und Pazu gehören zu jenen Ghibli-Kindern, die ohne große Psychologie glaubhaft sind: zwei junge Menschen (dazu noch Waisen), deren Mut, Verletzlichkeit und Loyalität die Handlung tragen. Sheeta wächst vom gejagten Mädchen zur aktiven Figur, die über das Schicksal von Laputa (nicht ganz subtil jene Insel aus Jonathan Swifts "Gullivers Reisen", die mittels eines Diamantkerns schweben konnte) mitentscheidet; Pazu ist weniger ein klassischer Held als ein hart arbeitender, talentierter Mechaniker, dessen Mut immer wieder an die Grenze seiner Möglichkeiten stößt. Die Dola-Piraten sind ein Glücksfall: Dola beginnt als gierige Luftpiraten-Chefin und wird nach und nach zur rauen, komischen Mutterfigur, deren Bande zu einer Ersatzfamilie für die Kinder wird. Auf der Gegenseite steht Musca, ein höflicher Bürokrat mit kalten Augen, dessen Motive - Macht, Kontrolle, Waffentechnologie - kaum nuanciert, aber dafür beunruhigend real sind: Er verkörpert die Versuchung, eine wunderbare, alte Technik vollständig zum Werkzeug der Zerstörung zu machen. Thematisch verbindet der Film das (zeitgemäße) Staunen über Technik mit tiefer Skepsis: Laputa erscheint zunächst als Traum - eine Stadt im Himmel, in der Natur und Technologie in Einheit existieren -, zeigt sich dann aber als Ort, der von militärischer Macht korrumpiert wurde. Laputa selbst ist bewusst paradox angelegt: ein Paradies, das zum Kriegsschiff wurde, ein Symbol dafür, wie menschliche Erfindungsgabe entweder Leben schützen oder vernichten kann. 

Freundschaft und Vertrauen zwischen Sheeta und Pazu sind der Mittelpunkt der Geschichte; ihre Partnerschaft bleibt unschuldig, romantikarm, aber umso glaubwürdiger als Bündnis zweier Kinder, die aufeinander angewiesen sind. Joe Hisaishis Musik - lyrische Themen für den Flug, dramatische Fanfaren für Kämpfe und Zerstörung - macht viele Momente größer, als es die Zeichnungen allein tun: Der Score trägt jene Erhabenheit, die der eher simple Figurenstil für manche Augen nicht sofort hergibt. Auch wenn man mit dem Stil nicht viel anfangen kann, kann man doch aus Sicht eines Filmfans zugestehen, dass "Das Schloss im Himmel" eine große Leistung des frühen Studio Ghibli war: ein mitnehmenden Abenteuer, episch und doch zugänglich, kindgerecht und zugleich philosophisch aufgeladen. Gerade wer mit Anime-Ästhetik hadert, entdeckt hier, wie sehr Story, Figurenführung und Weltbau den visuellen Stil überragen: Die emotionale Wirkung entsteht aus der Reise, den Entscheidungen der Kinder und der Ambivalenz von Laputa, nicht aus der dekorativen Oberfläche."Das Schloss im Himmel" beweist damit , dass Zeichentrick nicht durch seinen Stil, sondern durch seine Vorstellungskraft definiert wird. Eine großartige Geschichte, wundervolle Charaktere, gewaltige Fantasie; die Bilder sprechen mit solcher Klarheit, dass selbst eine gewisse Distanz zum Zeichenstil die Faszination nicht brechen kann.

8/10

Quellen:
InhaltsangabeFilmstarts
Poster/Artwork

Dienstag, 17. März 2026

Wrath Of The Titans - Zorn der Titanen (2012)

https://www.imdb.com/title/tt1646987/

Ein Jahrzehnt, nachdem Perseus (Sam Worthington), der Halbgott-Sohn von Zeus (Liam Neeson), den Kraken besiegt hat, sehnt er sich nach einem ruhigen Leben als Fischer in einem kleinen Dorf und möchte sich ganz der Erziehung seines zehnjährigen Sohnes Helius widmen. Doch unterdessen tobt ein Krieg um die Vorherrschaft auf dem Olymp zwischen Göttern und Titanen. Die Götter verlieren zunehmend die Kontrolle über die eingesperrten Titanen und deren Anführer Kronos, dem Vater von Zeus, Hades (Ralph Fiennes) und Poseidon (Danny Huston). Als Hades einen Putsch gegen Zeus plant, um mit Kronos‘ Hilfe die Herrschaft an sich zu reißen, muss Perseus erneut in den Kampf ziehen und zusammen mit der Kriegerkönigin Andromeda (Rosamund Pike), Poseidons Halbgöttersohn Agenor (Toby Kebbell) und dem gefallenen Gott Hephaestus (Bill Nighy) in die Unterwelt hinabsteigen, um seinen Vater zu retten und die Titanen endgültig zu bezwingen.

Die Fortsetzung "Zorn der Titanen" ist von der Sorte, die einfach noch mehr von dem liefert, was am Vorgänger funktionierte - und fast nichts von dem, was ihm hätte Tiefe geben können. Der Film ist straffer, actionlastiger und visuell eindrucksvoller als "Kampf der Titanen", bleibt aber ein lautstarkes Spektakel, das eher von Effektspitzen als von Figuren oder Mythologie her denkt. Regisseur Jonathan Liebesman inszeniert konsequent auf Kinetik: Die Kämpfe gegen Chimära, Zyklopen, Minotaurus und schließlich Kronos sind klarer gebaut und rhythmischer als im Vorgänger - aus diesem Blickpunkt ist "Zorn der Titanen" eine klare Steigerung. Die Effekte - vom brennenden Lavariesen Kronos bis zum sich verschiebenden Labyrinth - sind wuchtig und eindeutig für die große Leinwand entworfen, auch wenn das Dauerfeuer an Zerstörung die Figuren vollständig in den Hintergrund drängen. 

Die Story ist zugleich kohärenter und dünner: Der Konflikt zwischen Göttervater und Söhnen, Verrat und Versöhnung, Schuld und Vergebung ist in den ersten Minuten etabliert, danach dominieren Setpieces. Im Grunde eine Michael Bay-Version von "Der Herr der Ringe" - ein aufrichtiges Kompliment für die Schlachtchoreografie, ein herber Vorwurf für das schwache Skript. Die griechische Mythologie bleibt lediglich Kulisse; Nuancen oder echte Tragik werden zugunsten von One-Linern und Monsterdesign geopfert, auch wenn der Versöhnungsbogen zwischen Zeus und Hades ein unerwartet versöhnliches Motiv ins Effektgewitter schmuggelt. Dramaturgisch bleibt "Zorn der Titanen" ebenso hohl wie sein Vorgänger; das Original wird lediglich in Action und Tempo übertroffen. Dialog, Charakterzeichnung sucht man beinahe vergebens und damit bleibt die Fortsetzung ein effizienter, gut geölter Action-Mythos, der einen mit Staub, Lava und Götterblitzen ermüdet, lange bevor er einen wirklich bewegt. Aber das war wohl auch nicht wirklich das Ziel.

5/10

Quellen:
InhaltsangabeFilmstarts
Poster/Artwork: Warner Bros.

Clash Of The Titans - Kampf der Titanen (2010)

https://www.imdb.com/de/title/tt0800320/

Die Soldaten der freigeistigen Stadt Argos blasen zum Sturm gegen die Monumente ihrer olympischen Herren. Daraufhin überzeugt der zornige Hades (Ralph Fiennes) seinen Bruder Zeus (Liam Neeson) davon, gegen die Aufständischen vorzugehen. Als sein Ziehvater beim ersten Vergeltungsschlag des Unterweltfürsten ums Leben kommt, schwört Perseus (Sam Worthington) Rache. Umso mehr verstört ihn die Eröffnung der Halbgöttin Io (Gemma Arterton), er sei der leibliche Sohn des Zeus. Bevor Argos seine Prinzessin opfern oder seiner Zerstörung durch den fürchterlichen Kraken harren muss, zieht Perseus mit Draco (Mads Mikkelsen) und dessen Eliteschar gegen die Götter aus. Auf ihrer gefährlichen Reise zur Lauer der Medusa, deren tödlicher Blick alleine den Kraken bezwingen kann, muss Perseus seine Identität zwischen Mann und Gott finden, um das Schicksal aller zu bestimmen...

Das 2010er Remake von "Kampf der Titanen" ist ein bombastischer, bewusst simpler Fantasy-Actionfilm: kein gutes Kino, aber durchaus vergnügliches Spektakel, dazu handwerklich solide, schauspielerisch eher roh als subtil, doch voller Energie, Einfälle und fröhlicher Albernheit. Die griechische Mythologie wird dabei eher als Steinbruch für Monster und Setpieces denn als ernsthafte Vorlage benutzt: Perseus als widerwilliger Halbgott-Held, Zeus und Hades als familiär zerstrittene Götterväter, Titanen als zu besiegende Endgegner. Regisseur Louis Leterrier inszeniert den Film als Vollgas-Action-Adventure - schnell, laut, ohne ironische Distanz. Die Kreaturen - vor allem die riesigen Skorpione, Medusa und der Kraken - sind visuell beeindruckend. Mythologisch ist das Ganze ein wilder Mix griechischer Motive: Figuren, Namen und Monster werden frei kombiniert, um das Popcorn-Publikum nicht zu überfordern und eine leicht verdauliche Fantasy-Welt zu schaffen. Ja, das Update von "Kampf der Titanen" ist definitiv kein gutes Kino im klassischen Sinn, aber ein Film, der als lautes, kindliches Vergnügen funktioniert, sobald der Krake losgelassen wird. In diesem Geist ist er eher ein überzeichnetes, mythologisches Jahrmarkts-Spektakel, das man nicht ernst nehmen darf, um es wirklich genießen zu können.

5,5/10

Quellen:
InhaltsangabeFilmstarts
Poster/Artwork: Warner Bros.

Sonntag, 15. März 2026

Good Luck, Have Fun, Don’t Die (2026)

https://www.imdb.com/title/tt1341338/

Ein seltsam gekleideter Mann betritt ein Diner in Los Angeles und behauptet, aus einer dystopischen Zukunft zu stammen, in der eine Künstliche Intelligenz die Menschheit versklavt hat. Er erklärt den irritierten Gästen, er müsse genau die "richtige Kombination" von Personen rekrutieren, um in dieser Nacht die Entstehung jener KI zu beeinflussen und damit die Apokalypse zu verhindern - es sei bereits sein 117. Versuch, weil alle vorherigen Zeitreisen gescheitert sind. Nach anfänglichem Spott und Unglauben zwingt er einige der Anwesenden - darunter Mark und Janet, ein Lehrer-Ehepaar, sowie Susan und Ingrid - mit der Drohung, das Diner in die Luft zu sprengen, sich ihm anzuschließen, während andere freiwillig mitkommen. Als die Polizei das Lokal umstellt und ein Gast getötet wird, gelingt der Gruppe zusammen mit dem Mann aus der Zukunft die Flucht durch einen Service-Tunnel. Die Mission der Gruppe besteht darin, einen neunjährigen Jungen zu finden, der kurz davorsteht, jene übermächtige KI zu erschaffen; und der Mann will ihm lediglich ein Sicherheitsprotokoll unterschieben, das die schlimmste Entwicklung verhindern soll...

Es gibt Science-Fiction-Filme, die dem Zuschauer erklären, warum die Welt untergehen wird. Dieser hier erklärt, warum man sie trotzdem noch retten wollen würde. Gore Verbinskis "Good Luck, Have Fun, Don’t Die" ist eine Mischung aus Endzeit-Vorhersage, Zeitreise-Farce und Gamer-Meta-Witz - und funktioniert, weil er mitten in seinem Chaos noch an so etwas Altmodisches glaubt wie den menschlichen Funken. Um 22:10 Uhr betritt ein Mann in transparentem Regenmantel, seltsamen Schuhwerk und etwas, das wie eine computerisierte Sprengstoffweste aussieht, ein Diner in Los Angeles. Er behauptet, aus der Zukunft zu kommen, um eine bevorstehende KI-Apokalypse zu verhindern - und genau die richtige Kombination aus Gästen rekrutieren zu müssen, um zu gewinnen. Dies sei Versuch Nummer 117; alle anderen seien gescheitert. Sam Rockwell spielt diesen "Mann aus der Zukunft" als Mischung aus Prophet, Obdachlosem und Verschwörungstheoretiker, der seine Rekruten halb mit Charisma, halb mit der sanften Drohung überzeugt, das Diner in die Luft zu jagen.  Am Ende folgen ihm widerwillig Mark (Michael Peña), Janet (Zazie Beetz), Scott (Asim Chaudhry), Susan (Juno Temple), Ingrid (Haley Lu Richardson) und andere, und der Film kippt aus der Kammerspiel-Situation in ein treibendes Actionmovie - mit Reset-Knopf am Sprenggürtel, der die Handlung in echter "Und täglich grüßt das Murmeltier"-Manier immer wieder zurückspulen kann.

Der Titel ist Programm: Der Film baut sich wie ein Koop-Videospiel auf - mit Leben, Läufen und Insider-Jokes in richtiger Party-Konstellation, die von "The Cake Is A Lie" bis zu Anspielungen auf "Mass Effect 2" reichen. Verbinski erdet zudem Genrekonzepte an einzelnen Figuren. Der Plot ist wild und oftmals schräg, aber die emotionalen Fäden sind klar: Susan, eine alleinerziehende Mutter, deren Sohn bei einem Schulmassaker starb, sucht verzweifelt nach einem Weg, ihn zurückzubekommen - erst durch einen Klon, dann durch eine virtuelle Wiederbelebungs-KI. Ingrid, die in einem zerschlissenen Prinzessinnenkleid herumläuft, hat eine physische Allergie gegen Elektronik und verlor ihren Partner Tim an eine VR-Welt, die "besser als die Realität" sein sollte. Mark und Janet, ausgerüstet mit einer Art selbstgebauten EMP-Waffen, die Handys lahmlegen, opfern sich, um eine Horde Smartphone-besessener Teenager aufzuhalten, die wie eine ferngesteuerte Masse über das Nachbarhaus herfallen, das die Quelle der KI beherbergt. Und dann ist da Sam Rockwell. Er spielt den Mann aus der Zukunft als pure Energie, ständig zwischen Euphorie, Zynismus und Zusammenbruch, halb Visionär, halb Hochstapler, und der Film lebt davon, dass man nie ganz sicher sein kann, wie sehr man ihm trauen darf. Haley Lu Richardson bringt als Ingrid eine verletzliche Erdung hinein, während Juno Temple als Susan ein absolute Fragment ist - eine fiebrige, getriebene Energie, die den Film immer wieder aus der bloßen Komik in Schmerz kippen lässt. Der Zynismus ist so grandios überbordernd, dass einem an mancher Stelle sogar das Lachen im Hals steckenbleibt, etwa, wenn Susan auf einer Selbsthilfe-Party für Hinterbliebene von Schulmassakern erfährt, dass manche schon zum vierten Mal hier sind - selbstverständlich nicht immer mit demselben Kind - , und sich langsam einen Spaß daraus machen.

"Good Luck, Have Fun, Don’t Die" könnte man als Mischung aus "Terminator 2" und "Und täglich grüßt das Murmeltier" beschreiben. Verbinski kehrt nach fast einem Jahrzehnt Pause mit einer inszenatorischen Wucht zurück, die man aus "Fluch der Karibik" kennt: rasende Kamerafahrten, visuelle Gags im Hintergrund, eine Welt, die sich für den Mann aus der Zukunft bei jedem Reset subtil verändert, abhängig davon, wie die Figuren reagieren. In der zweiten Hälfte bekommt der Film fast die Struktur eines immer wieder neu generierten Spielelevels: Der Weg zum Ziel, in dem ein Kind sitzt, das als Vehikel für die entstehende Super-KI fungiert, ist jedes Mal anders. Mal sind es bewaffnete Maskenmänner, mal die Teenager-Masse, mal die scheinbar perfekten Eltern, die sich als feindliche Avatare entpuppen. Einmal gelingt es, einmal scheitert alles brutal - und der Mann drückt erneut auf seinen Reset-Schalter. Die Actionsequenzen sind dabei nicht nur Spektakel, sie dienen als Variationen eines Themas: Wie weit lassen sich Menschen manipulieren, wenn Algorithmen ihre Aufmerksamkeit, ihre Trauer, ihr Begehren steuern? Im Zentrum steht nämlich ein erstaunlich bitterer Gedanke für eine Sci‑Fi-Komödie: Die größte Gefahr der KI ist nicht die Explosion, sondern der Trost. Susan lässt sich auf eine Firma ein, die verspricht, ihren toten Sohn zu klonen; als der Klon sich unnatürlich verhält (und - weil sie das Werbemodell genommen hat, weil es günstiger war, immer mal wieder nicht ganz so subtile Advertisements von sich gibt), sucht sie Zuflucht bei einer alternativen KI, die ihren Sohn virtuell zurückbringt - perfekt, gefügig, nie wirklich widersprechend. Das Ende ist dann auch genau so gemein, wie es nur hätte sein können und spätestens hier kapiert der Zuschauer: In einer Welt, in der jede Utopie synthetisch generierbar ist, besteht der menschliche Akt darin, der Illusion zu misstrauen. "Good Luck, Have Fun, Don’t Die" ist sicherlich chaotisch, überladen, irgendwo lächerlich und tonal etwas zu laut, aber zugleich eben kreativ, zutiefst aufrichtig und einfach nur stark - ein Film, der seine Angst vor technologischer Überwältigung in Humor verwandelt, nicht um sie zu verharmlosen, sondern um sie erträglich zu machen. 

"Good Luck, Have Fun, Don’t Die" ist vermutlich weniger interessant als reine Genre-Spielerei, sondern eher als Film darüber, wie Menschen Geschichten benutzen, um die Angst vor dem Ende in Sichtweite zu strukturieren. Die Loops sind dabei nicht nur Zeitreise-Gags, sie sind unsere Versuche, es beim nächsten Mal besser zu machen - im Leben, im Umgang mit Technologie, in der Art, wie man mit Verlust umgeht. Rockwells Figur ist dabei grandios: ein Mann, der buchstäblich die Savegames eines gescheiterten Universums in sich trägt und trotzdem noch versucht, andere zu überzeugen, dass dieses eine Leben zählt. Und er hätte die leisen Szenen mit Susan und Ingrid bemerkt, in denen der Film plötzlich aufhört, witzig sein zu wollen - und einfach zwei Menschen zeigt, die den Sirenengesang einer Maschine widerstehen, die ihnen verspricht, den Schmerz wegzupatchen. "Good Luck, Have Fun, Don’t Die" ist ein Film wie ein überforderter Browser mit zu vielen Tabs: alles blinkt, alles schreit, und irgendwo dazwischen sitzt ein kleines, trotziges Stück Menschlichkeit. Sicher gibt es hier und da ein paar Logiklöcher und spürbare Ungereimtheiten, doch der Ritt, angefangen in der 117. Version des Diners, ist von Beginn an unterhaltsam, urkomisch und teilweise sogar mild schockierend. Und das alles in einer wunderbar einnehmenden Mischung, die einen über die knapp 2 Stunden wunderbar unterhält. 

8/10

Quellen:
InhaltsangabeFilmstarts
Poster/Artwork: Constantin Film/Blind Wink Productions/3 Arts Entertainment

Romeo Must Die (2000)

https://www.imdb.com/de/title/tt0165929/

In San Franciscos Hafenviertel Oakland herrscht schon seit vielen Jahren ein aggressiver Konflikt zwischen dem Syndikat des schwarzen Gangsterbosses Isaak O'Day (Delroy Lindo) und den Leuten seines chinesischen Konkurrenten Ch'u Sing (Henry O), bei dem auch vor Waffengewalt nicht zurückgeschreckt wird. Als Ch'us Sohn PO (Jon Kit Lee) ermordet im Schwarzenviertel aufgefunden wird, droht die Auseinanersetzung endgültig zu eskalieren. Als Pos Bruder Han (Jet Li) vom Tod seines Bruders erfährt, bricht er aus dem Staatsgefängnis aus, um die verantwortlichen Mörder zur Rechenschaft zu ziehen. Bei seinen Nachforschungen lernt er die schöne Trish (Aaliyah) kennen und verliebt sich in sie. Allerdings stellt sich schon bald heraus, dass es sich bei Trish um Isaak O'Days Tochter handelt...

"Romeo Must Die" ist einer dieser Filme, bei denen der Titel ein Shakespeare-Update verspricht - und man stattdessen in einem hybriden Gebräu aus Hip-Hop-Ästhetik, B-Gangsterfilm und CGI-veredeltem Martial-Arts landet. Das Ergebnis ist weniger tragische Liebesgeschichte als Schaukasten für Jet Lis ersten großen US-Lead und für Aaliyahs Charisma, eingebettet in eine Handlung, die eher von Plattenverträgen und Soundtrack-Verkäufen als von Shakespeare inspiriert scheint. Was den Film dennoch trägt, ist Jet Li - zumindest in den Momenten, in denen man ihn tatsächlich kämpfen lässt. Der Film beginnt mit einem spektakulären Gefängnisausbruch, in dem Lis Bewegungen kurz an seine Hongkong-Zeit erinnern, bevor die Inszenierung sie in hektische Schnittgewitter und digitale Gimmicks zerlegt. Die berüchtigten "Röntgen"-Einstellungen, in denen Knochen in CGI brechen, sollten wohl den Impact der Schläge verstärken; in der Praxis unterbrechen sie den Fluss der Choreografie und lassen Lis Kunst fast so künstlich erscheinen wie einen Cartoon. Das Finale - ein wuchtiger Showdown gegen Russell Wong - hat immerhin Härte und Sadismus, die dem Titel gerecht werden: Ein Gegner, der den verbrannten Arm des Helden traktiert, ein Kampf, der nicht "sauber" sein will. Doch insgesamt bleibt der Einsatz von Lis Fähigkeiten unter den Möglichkeiten.

Ironischerweise sind es nicht die Kämpfe, sondern die Schauspieler, die dem Film Leben einhauchen. Delroy Lindo bringt Isaak O’Day eine Gravitas, die weit über das übliche Gangsterstereotyp hinausgeht; Isaiah Washington legt Mac als undurchsichtigen Vertrauensmann an, dessen späte Wandlung jedoch dramaturgisch unterfüttert fehlt. Aaliyah wiederum hat eine entspannte, genaue Präsenz, die andeutet, was sie als Filmschauspielerin hätte werden können: Sie wirkt natürlich, hat Timing, kann liebenswert und scharfzüngig in einem Satz sein. Das Problem liegt weniger in den Performances als in den Beziehungen, die das Drehbuch nicht zu Ende denkt. Die angebliche Verbindung zwischen Han und Trish bleibt skizzenhaft; die fast völlige Abwesenheit sexueller Chemie, lässt den Shakespeare-Bezug hohl erscheinen. 

Regisseur Andrzej Bartkowiak inszeniert den Film als Hip-Hop-noir des Jahres 2000, komplett mit lauterem, dominanten Soundtrack und einem Bildstil, der Musikvideos und Matrix-Mode zitiert. Die Kombination aus urbanem Setting, R&B-/Rap-Sound und Martial-Arts-Ikone war damals durchaus frisch; gleichzeitig wirkt vieles heute wie ein Zeitdokument: die überzeichneten Gangsterposen, die digitalen Effekte und die Klarheit von Li's Action, welche die formelhaften Stilentscheidungen überdeckt. Und doch hat der Film eine eigentümliche Anziehungskraft. Er ist überladen, tonal uneinheitlich, dramaturgisch holprig, aber er ist auch ein früher, sichtbarer Versuch, asiatisches Martial Arts, schwarze Popkultur und Studiomainstream zu verbinden. In diesem Sinne ist er weniger ein geglückter Film als eine interessante Wegmarke. 

6,5/10

Quellen:
InhaltsangabeFilmstarts
Poster/Artwork: Warner Bros.

Freitag, 13. März 2026

Amsterdamned - Verfluchtes Amsterdam (1988)

https://www.imdb.com/de/title/tt0094651/

In den trüben Gewässern der Amsterdamer Grachten wird eine junge Prostituierte tot aufgefunden - kopfüber von einer Brücke baumelnd, von Touristenbooten aus sichtbar, der Körper brutal zerfetzt und blutleer. Inspektor Eric Visser (Huub Stapel), ein routinierter Polizist und Vater einer rebellischen Tochter, übernimmt die Ermittlungen unter enormem Druck: Die Medien spekulieren über einen Serienmörder, der aus dem Wasser zuschlägt, und der Bürgermeister fürchtet um den Ruf der Stadt als Touristenmagnet. Die ersten Ermittlungen laufen gerade, schon werden weitere Frauen kaltblütig abgeschlachtet. Wie es scheint, taucht der Mörder vollkommen überraschend für seine Opfer aus dem Wasser auf. Nachdem Visser die hübsche Taucherin Laura (Monique van de Ven) kennenlernt, ergeben sich plötzlich merkwürdige Verbindungen zu dem gnadenlosen Killer... Die Ermittlungen führen durch Amsterdams Unterwelt - von Rotlichtvierteln über belebte Grachten bis in die labyrinthartige Kanalisation -, begleitet von atemlosen Bootjagden und nächtlichen Tauchgängen, während die Angst vor dem unsichtbaren Räuber die Stadt lähmt. 

Dick Mass' nasskalter, dreckiger Genremix aus Slasher, Cop- und Action-Thriller aus den Kanälen einer Stadt, die sonst nur für Tulpen und Fahrräder bekannt ist liefert genau die Art von 80er-Jahre-Unterhaltung, die man sich in einer Sommernacht auf VHS reinzieht, auch wenn die finale Auflösung etwas patzt. In "Verfluchtes Amsterdam" (der Originaltitel "Amsterdamned" ist um so vieles besser!)  wird die titelgebende Stadt nicht als Postkartenidylle inszeniert, sondern als finsteres Labyrinth: trübe Grachten, Rotlichtviertel, modrige Hinterhöfe und eine Kanalisation, die wie ein Abgrund wirkt. Maas nutzt die Stadt genial als Spielfeld - die berüchtigte Leichen-Szene, in der eine Tote über das Glasdach eines Schulboots rutscht und eine rote Blutspur zieht, ist ein bitterböser Höhepunkt, der an Dario Argentos Werke  erinnert. Die Bootsjagd durch enge Kanäle fühlt sich wie ein europäischer James Bond an, mit Carpenter-ähnlichem Synthie-Score und düsterer Atmosphäre, die in den ersten zwei Akten greift. Der Killer bleibt lange ein Schatten im Wasser, was Spannung erzeugt, ohne in Klischees abzugleiten. 

Huub Stapel trägt den Film als sympathischer Cop, der Raubüberfälle im Vorbeigehen löst und mit seiner Tochter herumfrotzelt - ein Hauch von Humor mildert die Brutalität. Monique van de Ven als Taucherin Laura bringt Chemie rein, während das Ensemble (Serge Henri Valcke, Tatum Dagelet) die Ermittlerfamilie abrundet. Es ist kein Deep-Acting-Kino, aber solide für B-Movie-Niveau. "Verfluchtes Amsterdam" liefert genau, was man erwartet und ist unterm Strich ein unterhaltsamen Genre-Mix aus Thriller, Slasher und Action“ - und ja, es stimmt: Amsterdam glänzt als Kulisse, die Morde sind kreativ und blutig, die Stunts echt. Kritik muss sich der Film dann lediglich im Finale gefallen lassen, denn dieses wirkt gehetzt, die Motive des Täters  sind geradezu haarsträubend und völlig aus dem Kontext gerissen, doch seis drum - bis hierhin hatte man eine gute Zeit. "Verfluchtes Amsterdam" ist damit zwar irgendwo Kult, aber kein Meisterwerk. Er bietet Nervenkitzel, er ist blutig, wartet mit einem herrlich-bissigen schwarzem Humor auf - und einer Erinnerung daran, dass selbst europäische Genrefilme der 80er international mithalten konnten.

7/10

Quellen:
InhaltsangabeFilmstarts
Poster/Artwork: First Floor Features