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In den 1950er Jahren im neuseeländischen Christchurch lernen sich die jugendlichen Außenseiterinnen Pauline Rieper (Melanie Lynskey) und Juliet Hulme (Kate Winslet) kennen und entwickeln eine intensive Freundschaft. Die Mädchen haben viele Gemeinsamkeiten: Sie leiden beide unter einer schweren Krankheit und verehren den italo-amerikanischen Opernsänger Mario Lanza. Um der langweiligen und geschniegelten Realität Christchurchs zu entfliehen, schaffen die Freundinnen gemeinsam eine Fantasiewelt, die von Einhörnern, übergroßen Schmetterlingen und einer dekadenten Königsfamilie bevölkert wird. Ihre Eltern erkennen in der immer intensiver werdenden Bindung der Mädchen schon bald den Beginn einer "gefährlichen homosexuellen Beziehung" und versuchen sie mit allen Mitteln auseinanderzubringen. Doch Pauline und Juliet sind zum Äußersten bereit, um sich und ihr Königreich gegen diesen Angriff zu verteidigen...
"Heavenly Creatures" ist ein Film, der einen zunächst mit seiner fantasievollen, beinahe märchenhaften Oberfläche lockt - und einen dann ziemlich unbarmherzig daran erinnert, dass hinter dieser Fantasie etwas zutiefst Verstörendes steckt. Peter Jackson erzählt darin die wahre Geschichte der beiden Jugendlichen Pauline Parker (Melanie Lynskey) und Juliet Hulme (Kate Winslet), die sich im Neuseeland der 1950er-Jahre anfreunden und eine gemeinsame Fantasiewelt erschaffen. Aus dieser intensiven Freundschaft entwickelt sich schließlich eine Katastrophe. Was mich an dem Film besonders beeindruckt, ist, wie konsequent Jackson die Welt durch die Augen der beiden Mädchen zeigt. Christchurch wird für Pauline und Juliet schnell zu einem langweiligen, einengenden Ort, aus dem sie sich in ihre eigene „Vierte Welt“ flüchten. Dort gibt es Königreiche, Monster, Helden und große Abenteuer. Ihre Fantasie ist nicht bloß ein gelegentlicher Ausweg aus dem Alltag, sondern wird zunehmend zu ihrer eigentlichen Realität. Jackson visualisiert diese Vorstellungen mit enormer Kreativität: Plastilinfiguren erwachen zum Leben, Landschaften verwandeln sich in märchenhafte Kulissen, und die Grenzen zwischen Spiel und Wirklichkeit verschwimmen immer stärker.
Gerade diese Szenen sind visuell herausragend. Die Kamera bewegt sich oft geradezu euphorisch durch die Bilder, die Musik wird zum emotionalen Verstärker, und die Fantasiesequenzen besitzen eine fiebrige, manchmal fast psychedelische Energie. Gleichzeitig wirkt das Ganze nie nur verspielt. Schon früh liegt über der Freundschaft etwas Unruhiges, Übersteigertes. Die Mädchen erleben ihre Verbindung als etwas Absolutes, als hätten sie füreinander eine eigene Welt geschaffen, in der die Regeln der Erwachsenen nicht mehr gelten. Dass diese Welt zunehmend bedrohliche Züge annimmt, macht den Film so faszinierend. Melanie Lynskey und Kate Winslet sind dabei schlicht großartig. Lynskey spielt Pauline als verschlossene, empfindsame und zugleich zunehmend besessene Jugendliche. Man spürt, wie sehr sie sich nach Anerkennung und Nähe sehnt, aber auch, wie schwer es ihr fällt, ihre Gefühle einzuordnen. Winslet ist als Juliet zunächst charismatischer und selbstsicherer. Sie besitzt eine ansteckende Energie, wirkt aber ebenfalls exaltiert und emotional instabil. Die beiden ergänzen sich hervorragend, weil ihre Freundschaft sowohl von echter Zuneigung als auch von gegenseitiger Verstärkung lebt.
Besonders stark ist, dass Jackson die beiden nicht einfach als unschuldige Opfer einer verständnislosen Erwachsenenwelt darstellt. Natürlich fühlen sie sich von ihren Eltern, der Schule und den gesellschaftlichen Erwartungen eingeengt. Ihre Fantasie ist auch ein Ausdruck jugendlicher Selbstbehauptung. Aber der Film zeigt ebenso deutlich, wie egozentrisch, manipulativ und gefährlich diese Abgrenzung werden kann. Pauline und Juliet sind keine eindimensionalen „bösen Mädchen“, aber auch keine romantischen Rebellinnen. Sie sind Jugendliche, die sich in ihrer eigenen emotionalen Dynamik immer weiter verlieren. Die Erwachsenen bleiben dabei bewusst etwas auf Abstand. Das ist einerseits konsequent, weil die Geschichte aus der Perspektive der Mädchen erzählt wird. Andererseits hätte ich mir stellenweise etwas mehr Tiefe bei den Eltern gewünscht. Ihre Sorgen und Reaktionen sind nachvollziehbar, doch sie erscheinen oft vor allem als Gegenspieler der Fantasiewelt. Gerade dadurch wird die Isolation der beiden Hauptfiguren verstärkt - allerdings verliert der Film gelegentlich an sozialer Ausgewogenheit.Auch das Drehbuch von Peter Jackson und Fran Walsh ist bemerkenswert. Es versucht nicht, den realen Kriminalfall nüchtern nachzuerzählen, sondern interessiert sich für die emotionale Entwicklung, die zu ihm führt. Dabei bleibt die konkrete Psychologie nicht immer vollständig erklärbar. Warum aus einer intensiven Freundschaft eine derart zerstörerische Dynamik entsteht, beantwortet der Film nicht eindeutig. Das kann man als Schwäche empfinden, für mich passt es aber zur verstörenden Wirkung: "Heavenly Creatures" zeigt keinen sauber analysierbaren Abstieg, sondern einen Sog, dem sich die Figuren selbst immer weniger entziehen können. Die Inszenierung ist zweifellos Jacksons größte Leistung. Wer ihn nur von seinen späteren Großproduktionen kennt, dürfte überrascht sein, wie verspielt, mutig und experimentierfreudig dieser frühe Film ist. Die Kamerafahrten, die Farbgestaltung, die Musik und die Übergänge zwischen Realität und Fantasie wirken ausgesprochen einfallsreich. Gleichzeitig ist die Bildsprache nicht bloß Selbstzweck. Die märchenhaften Bilder machen sichtbar, wie Pauline und Juliet ihre Umwelt wahrnehmen - und wie gefährlich es wird, wenn diese Wahrnehmung keinen Korrektiven mehr begegnet. Das Erzähltempo ist allerdings nicht immer vollkommen ausgewogen. Gerade im Mittelteil verliert sich der Film gelegentlich etwas in der ausufernden Darstellung der Fantasiewelt und der emotionalen Abhängigkeit der Mädchen. Die Faszination ihrer Freundschaft ist zwar nachvollziehbar, doch manche Szenen wiederholen ähnliche Zustände von Euphorie, Trotz und gegenseitiger Bestätigung. Dadurch wirkt der Film stellenweise leicht überladen. Gleichzeitig ist diese Übersteigerung natürlich auch Teil seines Konzepts. Das Ende gehört dann zu den verstörendsten Momenten des Films. Jackson inszeniert die Katastrophe nicht als sensationellen Schockeffekt, sondern als erschreckende Konsequenz einer Entwicklung, die sich zuvor bereits angekündigt hat. Gerade weil der Film die Mädchen so intensiv in ihrer Fantasie begleitet, trifft der Bruch mit dieser Welt umso härter. Die märchenhafte Oberfläche wird rückwirkend zu etwas Tragischem und Unheimlichem.
"Heavenly Creatures" ist ein außergewöhnlicher Film über Freundschaft, Fantasie, emotionale Abhängigkeit und die gefährliche Grenze zwischen Vorstellung und Realität. Peter Jackson erzählt den Stoff mit einer beeindruckenden visuellen Energie, ohne die verstörende Dimension der Geschichte aus den Augen zu verlieren. Melanie Lynskey und Kate Winslet liefern herausragende Leistungen und machen die Beziehung ihrer Figuren gleichermaßen faszinierend und beunruhigend. Nicht jede Nebenfigur ist tief ausgearbeitet, und die Inszenierung ist gelegentlich etwas überbordend – trotzdem bleibt dieser Film lange im Gedächtnis. Ein eigenwilliges, intensives und visuell herausragendes Drama.
8/10


























