Montag, 15. Juni 2026

The Testament Of Ann Lee (2025)

https://www.imdb.com/title/tt34819091/

Ann Lee (Amanda Seyfried) wächst im vorindustriellen Manchester auf. Diese Zeit bringt vor allem für einfache Arbeiter und Arbeiterinnen zahlreiche Entbehrungen mit sich. Schon früh kann Ann kein Kind mehr sein und muss in der Baumwollspinnerei schuften. Ein traumatisches Erlebnis im Zusammenhang mit dem Sexualleben ihrer Eltern brennt sich nachhaltig in Anns Gedächtnis ein – und zwar so sehr, dass sie später nur das Zölibat als Weg aus der Sünde begreifen kann. Getrieben von dieser vermeintlichen Erkenntnis und gebeutelt vom Verlust aller ihrer vier Kinder im sehr frühen Kindheitsalter, sucht sie zusammen mit Gleichgesinnten nach einem neuen Leben in Amerika. Doch dort wächst der Spalt zwischen ihr und ihrem das Zölibat ablehnenden Mann William (Lewis Pullman) nur noch weiter auf dem Boden fundamentalistischer Religiösität. Und auch die Menschen um sie herum stehen ihr und ihren Anhänger und Anhängerinnen nicht nur zunehmend misstrauisch gegenüber, sie bezichtigen sie sogar der Hexerei, was schwerwiegende Folgen nach sich zieht...

Mit "The Testament Of Ann Lee" liefert Regisseurin Mona Fastvold eines der ungewöhnlichsten Historienfilme der letzten Jahre ab. Die Verfilmung der Lebensgeschichte von Ann Lee ist weder klassisches Biopic noch konventionelles Historiendrama. Stattdessen entsteht ein faszinierendes Werk an der Schnittstelle von religiöser Vision, Musical und Charakterstudie - getragen von einer herausragenden Hauptdarstellerin und einer Inszenierung, die sich bewusst jeder einfachen Einordnung entzieht. Es ist eine geradezu hypnotische Meditation über Glauben, Hingabe und weibliche Führung. Im Mittelpunkt steht Ann Lee, die Gründerin der Shaker-Bewegung im 18. Jahrhundert. Von ihren Anhängern als spirituelle Erlöserfigur verehrt, predigte sie Gleichberechtigung der Geschlechter, gemeinschaftliches Leben und sexuelle Enthaltsamkeit. Der Film begleitet ihren Weg von persönlichen Verlusten und gesellschaftlicher Ausgrenzung bis hin zur Gründung einer religiösen Gemeinschaft, die ihre Anhänger gleichermaßen inspirierte und herausforderte. 

Die größte Stärke des Films ist zweifellos die Darstellung von Amanda Seyfried. Seyfried verleiht der historischen Figur eine bemerkenswerte Mischung aus Verletzlichkeit, Entschlossenheit und spiritueller Überzeugungskraft. Sie spielt Ann Lee nicht als Heilige, sondern als komplexe Persönlichkeit, deren innere Überzeugung ebenso faszinierend wie beunruhigend wirken kann. Vermutlich ist diese Rolle eine der stärksten Leistungen ihrer Karriere. Fastvold interessiert sich dabei weniger für historische Fakten als für die emotionale Erfahrung von Glauben. Traditionelle Shaker-Hymnen werden in eindrucksvolle musikalische und choreografische Sequenzen verwandelt, die dem Film eine beinahe tranceartige Atmosphäre verleihen. Diese Momente gehören zu den visuell beeindruckendsten Szenen des Films und machen das Werk gleichzeitig mutig, originell und außergewöhnlich. Auch die technische Umsetzung überzeugt. Die sorgfältig komponierten Bilder, das natürliche Licht und die detailreiche Ausstattung erschaffen eine Vergangenheit, die sich greifbar und lebendig anfühlt. Gleichzeitig erzeugt die Inszenierung eine fast mystische Distanz, die perfekt zur Thematik passt. Der Film versucht nicht, seinen Glauben rational zu erklären - er möchte ihn spürbar machen. 

Allerdings ist "The Testament Of Ann Lee" kein Film für jedes Publikum. Das langsame Erzähltempo und die große Ernsthaftigkeit der Inszenierung könnten viele Zuschauer abschrecken. Tatsächlich verlangt der Film Geduld und die Bereitschaft, sich auf seine ungewöhnliche Form einzulassen. Wer eine klassische historische Lebensgeschichte erwartet, könnte sich von der fragmentarischen Erzählweise und dem beinahe spirituellen Tonfall überfordert fühlen. Gerade diese Kompromisslosigkeit macht den Film jedoch so bemerkenswert. Fastvold erschafft kein gefälliges Prestige-Drama, sondern ein Werk, das Glauben, Gemeinschaft und Charisma als emotionale Erfahrungen untersucht. Dabei bleibt Ann Lee bewusst rätselhaft - eine Entscheidung, die auf der einen Seite frustriert, auf der anderen jedoch geradezu hypnotisch fasziniert.

"The Testament Of Ann Lee" ist am Ende ein Film voller Originalität, visueller Kraft und mit Amanda Seyfrieds beeindruckender Leistung als Protagonistin absolut grandios besetzt. Er ist anspruchsvoll, mutig, ungewöhnlich und oft faszinierend, ein Film, der sich konsequent seinen eigenen Regeln unterwirft. Dank Mona Fastvolds visionärer Regie entsteht ein Historienfilm, der weniger an eine klassische Biografie erinnert als an eine spirituelle Erfahrung. Nicht immer leicht zugänglich, aber gerade deshalb eines der bemerkenswertesten Arthouse-Werke des Jahres.

7,5/10

Quellen:
Inhaltsangabe: Filmstarts
Poster/ArtworkMid-March Media/Annapurna Pictures/FirstGen Content/Mizzel Media/Yintai Entertainment/Kaplan Morrison/Intake Films/Film i Väst/GötaFilm/Proton Cinema/ArtClass Films/Carte Blanche

Sonntag, 14. Juni 2026

無間道III: 終極無間 - Mou Gaan Dou III - Infernal Affairs 3 - Infernal Affairs III (2003)

https://www.imdb.com/title/tt0374339/

Der tragische Tod des Undercover-Polizisten Chan Wing Yan (Tony Leung Chiu Wai) liegt zehn Monate zurück. In dieser Zeit wurde überprüft, ob sich der Ordnungshüter Lau Kin Ming (Andy Lau) etwas zuschulden kommen ließ. Obwohl er als Maulwurf für den Gangsterboss Sam (Eric Tsang) gearbeitet hat, wird er entlastet. Sein Spitzeldasein bleibt unentdeckt. Die dramatischen Ereignisse haben ihn zudem dazu bewegt, den Triaden nicht mehr zuzuarbeiten. Stattdessen will er seinen Job als Polizist ernsthaft und verantwortungsvoll ausüben. Nachdem er wieder in der Abteilung für Interne Ermittlungen arbeitet, fallen jedoch einige Polizisten einem Mörder zum Opfer, die offensichtlich als Spitzel tätig waren. Lau Kin Ming vermutet, dass ein anderer bei der Polizei eingeschleuster Triadenmitarbeiter versucht, die Enttarnung zu verhindern. Im Verdacht hat er den rivalisierenden Ermittler Yeung (Leon Lai). Lau beginnt seine gefährlichen Nachforschungen, bei denen er jederzeit ums Leben kommen kann, weil er seinen Gegner nicht kennt, der aber um ihn Bescheid weiß.

Der letzte Teil der Trilogie, "Infernal Affairs III", ist ein Film, der sich nicht als bloßer Schluss, sondern als psychologischer Nachhall versteht. Nach dem ersten Teil, der die Spannung des Maulwurfs erklärt, und dem zweiten Teil, der die Tragödie der Herkunft darlegt, konzentriert sich der dritte Teil darauf, was übrig bleibt, wenn Identität und Rolle sich so lange vermischt haben, dass sie nicht mehr trennbar sind. Der Film, erneut von Andrew Lau und Alan Mak inszeniert, setzt zehn Monate nach dem Tod von Yan an. Lau Kin-Ming, gespielt von Andy Lau, verrichtet nun seinen Dienst hinter dem Schreibtisch, weit entfernt von der Realität, die ihn einst definierte. Er ist kein Spitzel mehr, sondern ein Polizist, der sich in der eigenen Organisation nicht mehr findet. Als ein neuer Kollege, Yeung, in sein Revier kommt, glaubt Ming, dass der Neue ein Spion der Triaden ist, so wie er selbst es einst war. 

Gleichzeitig gestaltet der Film die Vergangenheit der Charaktere, die dabei eine glaubwürdige psychologische Vertiefung erfahren. Einige Monate zuvor arbeitet das Polizeispitzel Yan, gespielt von Tony Leung, erneut das Vertrauen von Gangsterboss Sam auf. Die Erzählstruktur ist nicht linear, sondern mit Flashbacks durchmischt, die sich schichtweise aufbauen und erst zum Ende ihre volle Bedeutung entfalten. "Infernal Affairs III" ist ein erzählerisches Glanzstück mit hervorragender Kameraarbeit und herausragenden Darstellern. Der Film funktioniert vor allem als Spannung und psychologische Studie, weniger als klassischer Thriller. Die Kameraarbeit ist präzise, die Darsteller sind stark, und die Handlung ist komplex, aber bewältigbar. Die Frage, ob der Film notwendig ist, wurzelt im Kern der Trilogie. Die psychologische Vertiefung ist der Kern des Films. Ming, der Polizist mit geheimer Verbrecher-Vergangenheit, kämpft mit traumatischen Erlebnissen und verdächtigt einen Kollegen, ein neuer Maulwurf der Triaden zu sein. Die Figur ist nicht einfach nur ein Krimi, sondern ein Mann, der sich in seiner eigenen Identität verwirrt. Der Film zeigt, wie die Grenzen zwischen Gut und Böse verschwimmen, und wie die Werte von Ehre und Vertrauen ausgedient haben. Die Handlung ist nicht linear, sondern mit Flashbacks durchmischt, die sich schichtweise aufbauen und erst zum Ende ihre volle Bedeutung entfalten. Diese Struktur ist nicht einfach, aber bewältigbar. Der Film zeigt, dass die inneren Schlingen der Trilogie nicht einfach zu lösen sind, sondern dass sie sich in der Psyche der Figuren verbergen. 

Doch der dritte Teil sucht auch krampfhaft nach erzählerischen Lücken, die es noch zu füllen gäbe, und ist dabei wenig mehr als Schwermut und Nostalgie. Dennoch ist er ein guter Thriller, der sich vor allem als psychologische Studie funktioniert. Am Ende bleibt "Infernal Affairs III" ein Film, der nicht immer glänzt, aber doch endet. Er ist nicht der perfekte Schluss der Trilogie, aber er ist der psychologische Nachhall, der die innere Schlinge der Trilogie durchschneidet. Wer die ersten zwei Teile mochte, wird hier einen Film bekommen, der mehr Gesprächsstoff als reine Plotbefriedigung liefert.

7/10

Quellen:
Inhaltsangabe: Filmstarts
Poster/Artwork: Media Asia Films/Basic Pictures

無間道II - Mou Gaan Dou II - Infernal Affairs 2 - Infernal Affairs II - Abstieg in die achte Hölle (2003)

https://www.imdb.com/de/title/tt0369060/

Inspektor Wong (Anthony Wong) ist zwar schon in den höheren Rängen der Polizei, doch bis nach ganz oben ist es noch ein weiter Weg. Zudem ist sein bester Freund ein Gangster. Sam (Eric Tsang) ist zwar schon Boss einer Gang, doch noch nicht die ganz große Nummer. Mit vier weiteren Familien steht sein Clan auf der zweiten Stufe, wobei er die kleinste Familie der fünf hat. Über allem thront die Familie Ngai, die mit eiserner Hand das Verbrechen in Hongkong kontrolliert und nicht nur Wong wünscht sich, dass die Familie abdankt. Als das Familienoberhaupt stirbt, scheint es soweit zu sein.

Das Prequel zu "Infernal Affairs" ist nicht bloß ein Vorgeschichte-Film, sondern die entscheidende Verdichtung eines ohnehin schon brillanten Gangsterdramas. Wo der erste Teil den Nervenkitzel des Versteckspiels ausspielt, legt das Prequel die seelischen, politischen und kriminellen Grundlagen frei, aus denen diese Tragödie überhaupt erst entstehen konnte. Der Film, erneut von Andrew Lau und Alan Mak inszeniert, setzt Jahre vor den Ereignissen des ersten Teils an und erzählt, wie die späteren Gegenspieler und Spiegelbilder in ihre Rollen geraten. Im Zentrum stehen Chan Wing-yan, gespielt von Shawn Yue, und Lau Kin-ming, gespielt von Edison Chen, deren Karrieren an der Polizeiakademie beginnen, während sich parallel die Machtkämpfe innerhalb der Triaden zuspitzen. Zugleich wird die Rivalität zwischen den zukünftigen Oberhäuptern und den Männern im Hintergrund aufgebaut, insbesondere zwischen Wong, Sam, Mary und den Ngai-Gegenspielern. 

Das Faszinierende an "Infernal Affairs II" ist, dass der Film schon früh weiß, dass er nicht vom Überraschungseffekt leben kann. Stattdessen baut er Spannung aus Vorherbestimmung auf. Man weiß ja, wohin diese Welt führt, und genau deshalb bekommt jede Entscheidung mehr Gewicht. Der Film verwandelt Herkunft in Schicksal und zeigt, dass das moralische Labyrinth der Trilogie nicht zufällig entstanden ist, sondern das Ergebnis von Loyalitäten, Verrat, Erpressung und falschen Bündnissen. Das Prequel ist quasi perfekt inszeniert und gespielt und baut in epischer Breite die Rivalität zwischen den späteren Vorgesetzten der Spitzel auf. Besonders wichtig ist dabei die Beobachtung, dass sich die Eindeutigkeit von Gut und Böse noch stärker relativiert als im ersten Teil. Genau darin liegt die eigentliche Stärke des Films: Er entwirft keine simple Vorgeschichte, sondern eine moralische Vorphase, in der fast jede Figur zugleich Opfer und Täter, Stratege und Getriebener ist. Das Ergebnis ist ein Thriller, der nicht auf Gimmicks setzt, sondern auf Präzision, Kälte und Eskalation. 

Besonders stark ist der Film, wenn er das Machtgefüge der Unterwelt zeigt. Eric Tsang als Sam, Francis Ng als Hau und Anthony Wong als Inspektor Wong liefern keine bloßen Gegenspielerrollen, sondern Figuren, deren Handlungen aus Kalkül, Angst und Ehrgeiz gespeist sind. Die Beziehungen zwischen ihnen wirken nicht wie dramaturgische Funktionen, sondern wie dauernd gefährliche Verhandlungen über Kontrolle. Auch stilistisch ist "Infernal Affairs II" beeindruckend. Die Inszenierung bleibt kühl, elegant und kontrolliert, mit einer Bildsprache, die die Figuren oft in Glas, Beton und Schatten einschließt. Dadurch wirkt die Welt des Films wie ein System, dem niemand entkommt. Selbst wenn die Handlung an politischen Wendepunkten oder familiären Tragödien ansetzt, behält sie immer jene strenge, fast musikalische Form, die die Trilogie so markant macht. Im Vergleich zum ersten Teil ist das Prequel brutaler und breiter angelegt, aber nicht weniger präzise. Gerade weil die Geschichte noch einmal zurückspringt, gewinnt das spätere Drama zusätzliche Tiefe: Figuren, die man zunächst als Funktionsträger wahrnahm, erscheinen nun als Produkte eines zermürbenden Systems. Das macht "Infernal Affairs II" nicht nur zu einer Ergänzung, sondern zu einer wesentlichen Erweiterung des Gesamtwerks. 

Am Ende bleibt der Eindruck eines Films, der genau weiß, dass er im Schatten eines großen Erfolgs steht, und daraus seine eigene Stärke zieht. "Infernal Affairs II" erklärt nicht bloß, wie die ersten Lügen entstanden sind; er zeigt, wie sich in einer korrupten Gesellschaft ganze Identitäten verformen. Deshalb ist er mehr als nur ein Prequel. Er ist ein tragischer Baustein, ohne den das Gebäude der Trilogie nicht vollständig wäre. 

8/10

Quellen:
Inhaltsangabe: Filmstarts
Poster/Artwork: Media Asia Films/Basic Pictures

Samstag, 13. Juni 2026

Disclosure Day - Disclosure Day: Der Tag der Wahrheit (2026)

https://www.imdb.com/title/tt15047880/

Margaret Fairchild (Emily Blunt) arbeite als Wettermoderatorin bei einem Fernsehsender in Kansas City, sie sehnt sich jedoch nach anspruchsvolleren Aufgaben als Journalistin. Dieser Wunsch geht auf unerwartete Weise in Erfüllung, als sie live während eines TV-Auftritts plötzlich von einem unerklärlichen Phänomen heimgesucht wird. Während die Behörden zu vertuschen versuchen, dass Außerirdische dahinter stecken könnten, will der Aktivist Dr. Daniel Kellner (Josh O'Connor) die Weltöffentlichkeit über die Wahrheit informieren. Der Cybersicherheitsexperte saß früher bereits wegen eines Hackerangriffs im Gefängnis, nun arbeitet er für die Geheimorganisation WARDEX, die sämtliche Information über UFOs und außerirdisches Leben archiviert. Noah Scanlon (Colin Firth), der Leiter der Organisation, möchte diese gesammelten Information aus politisch motivierten Gründen jedoch mit allen Mitteln vor der Öffentlichkeit verbergen.

Fast fünf Jahrzehnte nach "Unheimliche Begegnung der dritten Art" und mehr als zwanzig Jahre nach "Krieg der Welten" kehrt Steven Spielberg mit "Disclosure Day: Der Tag der Wahrheit" erneut zu jenem Thema zurück, das ihn wie kaum ein anderes durch seine Karriere begleitet hat: die Frage, wie die Menschheit auf den endgültigen Beweis außerirdischen Lebens reagieren würde. Das Ergebnis ist ein ambitionierter Science-Fiction-Thriller, der große Ideen, emotionale Momente und klassische Spielberg-Magie miteinander verbindet - auch wenn nicht jede seiner ambitionierten Komponenten vollständig aufgeht. Im Mittelpunkt der Geschichte stehen der Cybersicherheitsexperte Daniel Kellner (Josh O'Connor) und die TV-Meteorologin Margaret Fairchild (Emily Blunt). Während Daniel Beweise für jahrzehntelang vertuschte Kontakte mit außerirdischem Leben ans Licht bringen will, wird Margaret zunehmend in Ereignisse hineingezogen, die ihr Verständnis von Realität und Identität erschüttern. Gleichzeitig versucht ein mächtiger Konzern und dessen einflussreicher Anführer Noah Scanlon (Colin Firth), die Wahrheit unter allen Umständen verborgen zu halten. 

Schon früh wird deutlich, dass "Disclosure Day" weniger an spektakulären Invasionen interessiert ist als an den gesellschaftlichen und menschlichen Folgen einer Offenlegung. Spielberg verbindet Verschwörungsthriller, Science-Fiction und Charakterdrama zu einem Werk, das oft an seine früheren Klassiker erinnert, ohne sie einfach zu kopieren. Besonders die Themen Wahrheit, Vertrauen und Hoffnung ziehen sich wie ein roter Faden durch die Handlung. Viele Kritiker hoben hervor, dass der Film vertraute Spielberg-Motive in einer zeitgemäßen Form neu interpretiert.

Der größte Trumpf des Films ist Emily Blunt. Ihre Darstellung von Margaret Fairchild verleiht der Geschichte emotionale Glaubwürdigkeit und eine menschliche Perspektive, die den Zuschauer selbst durch die komplexeren Handlungspassagen trägt. Zahlreiche Kritiken bezeichneten ihre Leistung als eine der stärksten ihrer Karriere. Auch Colin Firth überzeugt als kontrollierter und charismatischer Antagonist, während Josh O'Connor einen glaubwürdigen, wenn auch etwas weniger markanten Protagonisten abgibt. 

Visuell präsentiert sich "Disclosure Day" auf beeindruckendem Niveau. Janusz Kamińskis Kameraarbeit erschafft Bilder voller Staunen und Geheimnis, während Spielberg die großen Enthüllungen mit dem Gespür eines Regisseurs inszeniert, der das Blockbuster-Kino maßgeblich geprägt hat. Besonders das Finale bietet mehrere Momente, die an die emotionale Wucht seiner bekanntesten Science-Fiction-Filme erinnern. Auch die Musik trägt erheblich zur Wirkung des Films bei und verleiht den zentralen Szenen die nötige Größe. Allerdings sind die CGI-Effekte - vor allem die der Tiere - auf extrem billigem Niveau. Jedem Tier sieht man die Künstlichkeit sofort an, egal ob es ein Close-up oder eine Totale ist. Es stört einfach, wenn man einen hochwertigen Film vorgesetzt bekommt - und dann sehen schon die animierten Tiere billig aus und stehen im krassen Kontrast zu den anderen CGI-Effekten, die sich aber nahtlos in die Szenerie einfügen. 


Und auch sonst ist "Disclosure Day" nicht frei von Schwächen. Mit einer Laufzeit von rund zweieinhalb Stunden wirkt der Mittelteil stellenweise etwas ausgedehnt, manche Verschwörungselemente und Nebenhandlungen werden auch nicht vollständig ausgearbeitet und einzelne Logiklücken und offensichtliche Filmfehler stören. Dass manche Antworten bewusst offen bleiben kann man da akzeptieren. Doch gerade Zuschauer, die eine konsequentere oder wissenschaftlichere Auseinandersetzung mit dem Thema erwarten, könnten sich hier etwas unbefriedigt fühlen.  Es ist aber kaum davon auszugehen, dass dies Spielbergs Intention war. Er wollte einen unterhaltsamen quasi zweiten Teil von "Unheimliche Begegnung der dritten Art" abliefern - und das tut er. "Disclosure Day" langweilt nicht, die zweieinhalb Stunden gehen trotzdem schnell vorbei und von Langeweile kann keine Rede sein. Die emotionale Wirkung, die Atmosphäre und Blunts Darstellung sind sehr lobenswert, wohingegen die Handlung etwas überladen und das Ende weniger überraschend als erhofft daherkommt. 


Letztlich ist "Disclosure Day" vielleicht nicht der große Science-Fiction-Meilenstein, den manche nach den frühen Vorschusslorbeeren erwartet haben. Doch er ist ein intelligenter, visuell beeindruckender und emotional aufrichtiger Film, der zeigt, warum Spielberg noch immer zu den wichtigsten Geschichtenerzählern des modernen Kinos gehört. Seine Mischung aus Spannung, Menschlichkeit und Staunen funktioniert über weite Strecken hervorragend - selbst wenn nicht jede Idee vollständig ausgearbeitet ist. Er ist eben ein zwar gelungener, wenn auch nicht makelloser Science-Fiction-Thriller. Steven Spielberg liefert auch keine absolut neue Genre-Revolution, wohl aber ein mitreißendes Kinoerlebnis, das von einer großartigen Emily Blunt, starken Bildern und einer zeitlosen Faszination für das Unbekannte getragen wird. Für Fans intelligenter Science-Fiction und klassischer Spielberg-Themen ist der Film trotz einiger erzählerischer Schwächen absolut sehenswert. 

7/10

Quellen:
Inhaltsangabe: Filmstarts
Poster/Artwork: universal Pictures/Amblin Entertainment

Rising Sun - Die Wiege der Sonne (1993)

https://www.imdb.com/de/title/tt0107969/

In den Büros eines japanischen Unternehmens findet man eine Frauenleiche. Kurz vor ihrem Ableben hatte die professionelle Mätresse scheinbar noch Sex. Polizeiinspektor Smith (Wesley Snipes) wird hinzugezogen, bekommt aber zuvor die Instruktion, einen John Connor (Sean Connery) abzuholen, der als Experte für die japanische Kultur gilt. Als die beiden dann schließlich vor Ort sind, ist für Web die Sache eindeutig. Connor meint jedoch, dass hinter dem Mord noch ganz andere Motive stehen. Die Firma, in der die Frau getötet wurde, gehört zu den einflussreichsten japanischen Kartellen. Die Ermittler decken einen Krieg auf, geführt hinter edlen Kulissen und mit unterschiedlichsten Waffen...

"Rising Sun" ist einer jener 90er-Jahre-Thriller, die zugleich größer und kleiner wirken, als sie auf den ersten Blick erscheinen. Größer, weil sie mit Sean Connery und Wesley Snipes zwei starke Stars in eine Geschichte über Mord, Macht und kulturelle Reibung setzen; kleiner, weil der Film unter seiner elegant polierten Oberfläche nie ganz die Schärfe erreicht, die sein Stoff eigentlich verspricht. Der Film, inszeniert von Philip Kaufman nach dem Roman von Michael Crichton, beginnt mit einem Mordfall in einem Hochhaus einer japanischen Firma in Los Angeles. Die Ermittlungen führen die Detectives John Connor, gespielt von Sean Connery, und Web Smith, gespielt von Wesley Snipes, in ein Netz aus Videoaufnahmen, Unternehmensintrigen, politischen Spannungen und einem Verdacht, der sich immer wieder verschiebt. Was "Rising Sun" sofort interessant macht, ist sein Doppelcharakter. Einerseits ist es ein klassischer Thriller über einen möglicherweise manipulierten Tatort und eine Vertuschung, andererseits ist er auch ein Film über den Blick selbst: Wer beobachtet wen, wer kontrolliert die Bilder, und wie viel Wahrheit steckt in einer Aufnahme, die vielleicht schon verändert wurde? "Rising Sun" lebt stark von Präsenz, Dialog und Atmosphäre, aber die eigentliche Kriminalgeschichte ist eher mechanisch als überraschend.

Trotzdem wäre es zu einfach, den Film auf seine Schwächen zu reduzieren. Seine Bildsprache und seine stilistische Sicherheit ist grandios, und liefert fesselnde Spannung und zwei brillante Stars. Er ist oft reizvoller, wenn man ihn als Stimmungskino betrachtet, weniger als streng konstruierten Whodunit. Der Umgang mit dem Japan-Thema ist daher der vielleicht heikelste Aspekt des Films. Bereits bei Erscheinen wurde "Rising Sun" für seine Darstellung japanisch-amerikanischer Machtverhältnisse kritisiert und teils als japanfeindlich gelesen. Die Verfilmung versucht zwar, die schärfsten Kanten des Romans abzuschleifen, doch ganz los wird sie den Verdacht nicht, dass kulturelle Differenz hier öfter als dramatischer Motor denn als wirklich differenziert betrachtetes Thema genutzt wird. Gerade deshalb ist die Frage nach dem Blickwinkel zentral. Der Film spielt in einer amerikanischen Großstadt, wird aber durch japanische Unternehmensarchitektur, Verhaltensrituale und Machtcodes geprägt. Dadurch entsteht eine Atmosphäre, die für das westliche Thrillerkino damals frisch wirkte, heute aber auch als Produkt eines bestimmten exotisierenden Zugriffs lesbar ist. Spätere Kritiken und Rückblicke betonen genau diesen Punkt: Die filmische Welt ist interessant, aber sie ist nicht immer frei von den kulturellen Vereinfachungen ihrer Zeit. 

In der Besetzung liegt dennoch viel von der anhaltenden Attraktivität des Films. Sean Connery spielt John Connor mit jener Mischung aus Autorität, Charme und Ironie, die ihn in den 90ern so verlässlich machte. Wesley Snipes bringt als Web Smith eine ruhigere, wachere Energie ein, die dem Film gut tut, und Harvey Keitel verleiht der Geschichte eine rauere, bedrohlichere Kante. Auch Cary-Hiroyuki Tagawa wird in mehreren Rückblicken als bemerkenswerte Präsenz hervorgehoben. Phil Kaufman inszeniert das Ganze mit einer für Hollywood-Thriller jener Zeit typischen Mischung aus Glanz und Paranoia. Die 125 Minuten Laufzeit lassen den Film stellenweise etwas schwerfällig erscheinen, und diese Patina aus Dialoglast, Plotverdichtung und Unentschlossenheit wiegt irgendwo zu schwer.  Dennoch funktioniert "Rising Sun" in vielen Momenten gerade deshalb, weil er nicht nur auf Action setzt, sondern auf Misstrauen, Machtspiele und die Spannung zwischen institutioneller Ordnung und versteckter Gewalt. 

Das Ergebnis ist kein großer Genre-Klassiker, aber ein intelligenter, oft sehr sehbarer Thriller, der sich bis heute nicht vollständig auf eine einfache Bewertung reduzieren lässt. Wer einen straffen Krimi mit überraschender Härte erwartet, wird gelegentlich auf Distanz gehalten. Wer aber Interesse an einem stilbewussten, politisch und kulturell aufgeladenen Thriller aus der Hochphase der 90er-Jahre hat, bekommt hier einen Film, der mehr Gesprächsstoff als reine Plotbefriedigung liefert. Und am Ende bleibt "Rising Sun" ein Film der Reibung: zwischen Starpower und Skript, zwischen Atmosphäre und Logik, zwischen politischer Brisanz und Genre-Unterhaltung. Er ist nicht der schärfste Thriller seiner Zeit, aber einer der interessantesten, weil er zeigt, wie ein großes Studioformat zugleich faszinierend, irritierend und unvollständig sein kann. Genau das macht ihn auch heute noch sehenswert.

6,5/10

Quellen:
Inhaltsangabe: Filmstarts
Poster/ArtworkTwentieth Century Fox/Walrus & Associates

Freitag, 12. Juni 2026

Black Rain (1989)

https://www.imdb.com/de/title/tt0096933/

Die beiden New Yorker Polizisten Nick Conklin (Michael Douglas) und Charlie Vincent (Andy Garcia) sollen das japanische Yakuza-Mitglied Sato (Yusaku Matsuda) nach Japan begleiten, um ihn der dortigen Polizei auszuliefern. Zuvor hatte Sato in New York einen Mord begangen. Alles läuft scheinbar glatt, aber aufgrund einer Panne liefern Conklin und Vincent Sato nicht etwa den japanischen Ordnungskräften, sondern seinen Freunden von der Yakuza aus. Um den Fehler wieder gut zu machen, bleiben die beiden amerikanischen Cops in Japan und machen unter der Führung des Polizisten Masa (Ken Takakura) Jagd auf den flüchtigen Sato. Dabei geraten sie zwischen die Fronten des organisierten Verbrechens, das sie zu zermalmen droht. Aber auch die kulturellen Unterschiede erweisen sich als Fallstricke beim Aufenthalt in Japan. Immerhin kann Conklin auf die Amerikanerin Joyce (Kate Capshaw) zählen, die schon seit Jahren in Japan lebt und ihm unterstützend zur Seite steht.

Ridley Scotts "Black Rain" ist ein Film, der fast vollständig aus Oberfläche besteht, aber diese Oberfläche mit solcher Wucht und solcher Kontrolle gestaltet, dass man sich ihr nur schwer entziehen kann. Er ist ein düster glänzender, von Neon, Stahl und Nässe durchzogener Kriminalthriller, der mehr an Atmosphäre interessiert ist als an Glaubwürdigkeit, und genau darin liegt seine eigentümliche Faszination. Der Film beginnt in New York mit den Detectives Nick Conklin, gespielt von Michael Douglas, und Charlie Vincent, gespielt von Andy Garcia, die einen Mord in einer Bar beobachten und den Täter Sato verhaften, einen Yakuza-Mann aus Osaka. Als sie ihn nach Japan überführen, entgleitet ihnen der Fall jedoch schnell: Sato wird befreit, und Nick sowie Charlie geraten tiefer in die japanische Unterwelt, wo sie zwischen Polizei, Mafia und kultureller Entfremdung einen Weg suchen müssen. Schon die Grundidee verrät den Reiz und das Problem des Films zugleich. "Black Rain" will ein klassischer Cop-Thriller sein, aber einer, der sich in einer fremden, von Regeln, Ritualen und Machtstrukturen geprägten Welt verliert; dadurch bekommt der Film etwas Fremdes, Abweisendes und zugleich sehr Cinematografisches. Genau das hebt die Rotten-Tomatoes-Kritik zusammenfassend hervor: Der Film besitzt Ridley Scotts visuelles Talent, bleibt erzählerisch jedoch in Genre-Konventionen gefangen. 

Das ist auch der Punkt. "Black Rain" ist und bleibt, trotz all seiner Widersprüche und wiederverwerteten Klischees, ein Designer-Movie, der sehr gut aussieht, aber das Herz vermissen lässt. Michael Douglas spielt Nick Conklin bewusst kantig, kühl und oft geradezu abweisend, was den Film zwar härter macht, aber nicht unbedingt sympathischer. Und doch ist es unmöglich, über "Black Rain" zu sprechen, ohne seine visuelle Kraft zu würdigen. Scott verwandelt Osaka in eine glitzernde, feuchte, neongetränkte Metropole, in der jede Straße, jede Werkhalle und jede Gasse wie unter Spannung steht. Ein späterer Kritiker lobte genau diesen Eindruck: Die Farben seien Stahlgrau, trübe Blautöne, nasser Beton, dazwischen Neonlichter, Funkenregen und explodierende Autos. Der Film ist in diesem Sinn nicht bloß ein Thriller, sondern eine Stimmung, die sich in Bilder gegossen hat. Gerade deshalb wirkt der Film oft stärker, wenn er beobachtet, als wenn er erklärt. Die kulturelle Reibung zwischen amerikanischer Härte und japanischer Ordnung ist nicht immer subtil, und kulturelle Klischees und problematische Vereinfachungen sind an der Tagesordnung. Trotzdem besitzt der Film eine merkwürdige Ehrlichkeit in seiner Perspektive: Er zeigt einen Mann, der in einer Welt unterwegs ist, die er nicht versteht, und dessen Gewissheiten im Regen Japans langsam weggespült werden.

Auch die Nebenfiguren tragen zu diesem Eindruck bei. Andy Garcia gibt Charlie Vincent eine ruhige, beobachtende Energie, die gut zu Douglas’ störrischem Auftreten kontrastiert, während Ken Takakuras Masahiro Matsumoto dem Film die nötige Würde verleiht. Dass gerade die Beziehung zwischen Nick und Masahiro zu den stärkeren Momenten gehört, ist kein Zufall; hier findet der Film so etwas wie moralische Spannung, die über das bloße Abhaken von Actionbeats hinausgeht. Gleichzeitig darf man nicht übersehen, dass "Black Rain" auch ein Produkt seiner Zeit ist. Die Mechanik des Plots ist klassisch, manchmal sogar vorhersehbar, und einige Wendungen wirken konstruiert. Das ist der Preis für einen Film, der sich so konsequent auf Stil, Klang und Bewegung verlässt. Heute erscheint "Black Rain" vielleicht überzeugender als zur Zeit seiner Premiere, weil man den Film weniger als präzisen Krimi denn als atmosphärisches Autoren-Actionkino lesen kann. Er ist kein perfekter Film, und er will es auch nicht sein. Aber er ist ein stark gebauter, visuell unvergesslicher Thriller über Entfremdung, Korruption und die Unmöglichkeit, sich in einer fremden Ordnung einfach mit Gewalt durchzusetzen.

"Black Rain" bleibt aber genau deshalb im Gedächtnis: nicht wegen seiner plotgetreuen Sauberkeit, sondern wegen seines Regens, seiner Neonflächen, seines grimmigen Tons und der Art, wie Ridley Scott selbst aus einem vermeintlich konventionellen Cop-Film eine düstere, fast metallische Welt formt. Wer ihn nur als Actionfilm betrachtet, wird an seinen Schwächen hängen bleiben. Wer ihn aber als Studie über Stil, Stimmung und kulturelle Verlorenheit sieht, erkennt einen Film, der mehr Substanz hat, als sein Ruf manchmal vermuten lässt.

7/10

Quellen:
Inhaltsangabe: Filmstarts
Poster/ArtworkPegasus Film Partners/Paramount Pictures/Jaffe-Lansing

Donnerstag, 11. Juni 2026

RocknRolla - RockNRolla (2008)

https://www.imdb.com/de/title/tt1032755/

Der Unterwelt-Pate Lenny Cole (Tom Wilkinson) hat drei Londoner Kleinganoven bei einer Grundstückspekulation böse auflaufen lassen. Am Ende der verunglückten Aktion hat das Trio aus One Two (Gerard Butler), Bob (Tom Hardy) und Mumbles (Idris Elba) Schulden von zwei Millionen Pfund. Da kommt ihnen ein Geschäft, das die gerissene Buchhalterin Stella (Thandie Newton) vorschlägt, gerade recht. Ihr Boss, der skrupellose russische Milliardär Uri Obomavich (Karel Roden), will Lennys Kontakte im Stadtrat nutzen, um sich eine Baugenehmigung zu erschleichen. Die sieben Millionen Pfund Schmiergeld fangen die drei Kleinganoven auf Stellas Tipp hin bei der Übergabe ab. Doch das ist nur der Anfang von nicht enden wollenden Verwicklungen...

"RocknRolla" ist kein perfekter Gangsterfilm, aber ein sehr lebendiger. Guy Ritchie kehrt hier nach den eher enttäuschenden Zwischenstationen seiner Karriere mit einem Film zurück, der sich deutlich an den Energiequellen seiner frühen Erfolge orientiert und genau daraus seine Wirkung bezieht: aus Tempo, Sprachwitz, Milieustudie, Musik und einem permanenten Gefühl von geschäftiger Unordnung. Der Film erzählt von einer Londoner Unterwelt, die sich im Wandel befindet. Der altgediente Gangster Lenny Cole, gespielt von Tom Wilkinson, kontrolliert noch immer die etablierten Strukturen, doch ein russischer Geschäftsmann namens Uri Obomavich will über einen Immobilien-Deal in großem Stil mitmischen. Dazwischen geraten Kleinganoven wie One Two, Mumbles und Handsome Bob, außerdem die Buchhalterin Stella, die selbst mitspielen will, und Johnny Quid, der ausgerechnet als Rocker mit Selbstzerstörungsinstinkt eine zentrale Rolle im Geflecht von Verrat, Geld und Macht übernimmt. 

Was "RocknRolla" sofort von vielen konventionellen Gangsterfilmen trennt, ist seine Haltung. Ritchie interessiert sich weniger für psychologische Tiefe als für Bewegung, Rhythmus und ein Milieu, das sich über Sprache, Kleidung, Gesten und Statusspiele definiert. epd Film beschreibt den Film als kraftvoll, vital und selbstbewusst; der Titel sei Programm. Genau das ist der richtige Zugang: *RocknRolla* will nicht moralisch ergründen, sondern elektrisieren. Dabei ist der Film ganz offensichtlich auch eine Rückkehr zu bekannten Mustern. Es ist ein lässiges, hippes Gangster-Genrestück, das sich an "Bube, Dame, König, grAs" und "Snatch" orientiert, ohne diese beiden Filme einfach zu wiederholen. Der Vorwurf der Selbstwiederholung liegt nahe, doch gerade diese Wiedererkennbarkeit ist hier Teil des Vergnügens. Ritchie arbeitet mit seinen eigenen Werkzeugen: verschachtelte Handlung, schnelle Schnitte, lakonische Dialoge, Popmusik als Motor und Figuren, die noch cooler wirken wollen, als sie ohnehin schon sind. Die große Stärke des Films liegt in seiner Besetzung. Gerard Butler gibt One Two genug lässige Energie, um als Einstiegspunkt in dieses Geflecht zu funktionieren, während Tom Wilkinson als Lenny Cole mit kalter Autorität und köstlicher Eitelkeit auftritt. Mark Strong spielt Archy mit kontrollierter Bedrohlichkeit, Thandie Newton bringt als Stella Eleganz und Berechnung zusammen, und Toby Kebbell stiehlt als Johnny Quid viele Szenen mit einer Mischung aus Punk-Attitüde, Chaos und Anarchie. 

Gerade Johnny Quid ist derjenige, an dem sich der Film am deutlichsten entzündet. Er ist nicht nur eine Figur, sondern ein Ausdruck des ganzen Films: exzessiv, unzuverlässig, musikalisch, selbstzerstörerisch und doch irgendwie magnetisch. In ihm bündelt Ritchie die Idee, dass Macht, Image und Inszenierung im kriminellen London untrennbar miteinander verbunden sind. Dazu passt auch die Beobachtung der Kritiken, dass "RocknRolla" den Wandel des Milieus ernst nimmt: Statt Drogengeschäften geht es um Immobilien, Schmiergeld und städtische Machtverhältnisse. Visuell und rhythmisch ist der Film stark auf Wirkung gebaut. Die Musik treibt die Szenen voran, die Kamera sucht nach Glanz in einer schmutzigen Welt, und der Schnitt gibt dem Ganzen eine fast musikalische Struktur. Das ist die eigentliche Qualität von "RocknRolla": Es geht nicht nur darum, was passiert, sondern wie sich ein Ereignis in einen Flow verwandelt. Natürlich hat diese Form ihren Preis. Der Film ist zu sehr an Oberfläche, Coolness und Verwicklungen interessiert ist und bleibt emotional auf Distanz. 

"RocknRolla" ist kein großes Epos über Schuld und Vergebung, sondern ein pointierter, manchmal überdrehter, oft sehr unterhaltsamer Gangsterfilm über Gier, Loyalität und Selbstdarstellung. Er lebt davon, dass er sich selbst mit einem gewissen Augenzwinkern betrachtet, ohne in reine Parodie abzugleiten. Deshalb funktioniert er besser als spätes Lebenszeichen eines Regisseurs, der seine eigene Handschrift wiedergefunden hat, als als radikale Neuerfindung. Auch retrospektiv wirkt der Film interessant, weil er kurz vor der Finanzkrise entstand und ausgerechnet im Immobiliengeschäft die Brutstätte krimineller Macht sieht. Das verleiht ihm im Nachhinein eine gewisse Schärfe, die man bei der Erstaufführung vielleicht weniger stark wahrnahm. Ritchie zeigt eine Welt, in der alte Bosse und neue Geldeliten um denselben Kuchen kämpfen, und genau darin liegt mehr Gegenwartsbezug, als der lässige Ton zunächst vermuten lässt. Am Ende ist "RocknRolla" kein Meisterwerk, aber ein sehr gelungenes Comeback. Der Film ist schnell, laut, selbstverliebt, oft herrlich komisch und in seinen besten Momenten genau so cool, wie er sein möchte. Er kopiert nicht bloß seine Vorbilder, sondern aktualisiert seine eigene Formel für eine neue Londoner Gangsterwelt. Wer Ritchies frühe Filme mochte, bekommt hier eine entschlossene Rückkehr zur Form; wer mehr Tiefe erwartet, wird die Lackschicht sehen und nicht die Maschine darunter. Beide Reaktionen sind verständlich, doch nur die erste wird dem Film ganz gerecht. 

6,5/10

Quellen:
Inhaltsangabe: Filmstarts
Poster/Artwork: Warner Bros./Studiocanal/Toff Guy Films/Dark Castle Entertainment