https://www.imdb.com/de/title/tt32237537/https://letterboxd.com/film/wall-to-wall/Woo-seong (Kang Ha-neul) kann sich endlich seinen Traum erfüllen: Jahrelang hat er dafür gespart, sich eine Eigentumswohnung in einem großen Apartmentkomplex zu kaufen und nun ist es soweit. Doch schon kurz nach seinem Einzug mehren sich die Zeichen, dass in dem Gebäude etwas nicht stimmt. Wer oder was erzeugt diese seltsamen Geräusche in den Nachbarwohnungen und zu welchem Zweck? Während Woo-seong versucht, den Geschehnissen auf den Grund zu gehen, wird er selbst von den Nachbarn verschiedener Dinge beschuldigt – und schließlich vernimmt er das Gerücht, dass im benachbarten Wohnkomplex jemand ermordet worden sein soll. Könnte er der nächste sein, dem dieses Schicksal blüht?
Es gibt kaum ein Land, das gesellschaftliche Ängste derzeit so wirkungsvoll in Thriller verpackt wie Südkorea. Regisseur Kim Tae-joons "84m²" Film beginnt als beklemmender Psychothriller über Lärmbelästigung in einem Apartmentkomplex, entwickelt sich dann aber immer stärker zu einem Verschwörungsdrama, das letztlich mehr erzählen möchte, als ihm tatsächlich guttut. Der Titel ist dabei weit mehr als eine nüchterne Wohnflächenangabe. 84 Quadratmeter gelten in Südkorea als das Sinnbild der idealen Eigentumswohnung - bezahlbar für die Mittelschicht, gleichzeitig aber für viele Menschen nur durch jahrzehntelange Verschuldung erreichbar. Genau dieser Traum wird für Woo-seong zum Albtraum. Nachdem er sämtliche Ersparnisse investiert und hohe Kredite aufgenommen hat, scheint das Eigenheim endlich den erhofften sozialen Aufstieg zu ermöglichen. Doch kaum ist er eingezogen, beginnen mysteriöse Geräusche aus den Nachbarwohnungen seine Nächte zu beherrschen. Schnell wird aus alltäglicher Lärmbelästigung ein psychischer Ausnahmezustand, in dem Realität, Misstrauen und Paranoia zunehmend miteinander verschwimmen.

Tae-joon versteht es hervorragend, aus einer eigentlich banalen Situation ein permanentes Gefühl der Unsicherheit entstehen zu lassen. Jeder Schritt im Treppenhaus, jedes Klopfen an der Decke und jede Begegnung mit den Nachbarn entwickelt eine unangenehme Spannung. Die Wohnung selbst wird zum Gefängnis, dessen Wände den Protagonisten nicht schützen, sondern seine Isolation verstärken. Einen erheblichen Anteil daran hat Kang Ha-neul. Seine Darstellung von Woo-seong ist ansprechend nuanciert. Er spielt keinen klassischen Thrillerhelden, sondern einen gewöhnlichen Mann, dessen Traum vom Eigenheim ihn langsam innerlich zerbrechen lässt. Verzweiflung, Erschöpfung und wachsende Besessenheit spiegeln sich glaubwürdig in jeder Szene wider. Auch Yeom Hye-ran und Seo Hyun-woo liefern überzeugende Nebenrollen ab und verleihen den Bewohnern des Apartmentkomplexes genau jene Ambivalenz, die notwendig ist, damit der Zuschauer niemandem vollständig vertraut. Technisch überzeugt der Film ebenfalls. Die Kamera arbeitet geschickt mit engen Räumen, langen Fluren und kalten Betonlandschaften. Das Sounddesign entwickelt sich beinahe zum eigentlichen Antagonisten des Films. Klopfgeräusche, dumpfe Schläge und scheinbar alltäglicher Lärm erzeugen eine permanente Anspannung, die den Zuschauer fast ebenso mürbe macht wie den Protagonisten. Gerade weil Kim Tae-joon auf übernatürliche Schockeffekte weitgehend verzichtet, entsteht ein realistischer Horror, den wohl jeder nachvollziehen kann, der schon einmal in einem hellhörigen Mehrfamilienhaus gelebt hat.
Leider gelingt es dem Film nicht, dieses hohe Niveau bis zum Ende zu halten. Je weiter die Handlung voranschreitet, desto mehr entfernt sie sich von ihrem ursprünglich faszinierenden Kern. Aus dem beklemmenden Kammerspiel wird zunehmend ein Mix aus Immobilienkritik, Finanzdrama, Korruptionsgeschichte und Verschwörungsthriller. Hinzu kommen mehrere Wendungen, die zwar überraschen sollen, der Geschichte jedoch einen Teil ihrer Glaubwürdigkeit nehmen. Statt die psychologische Spannung weiter zu verdichten, verliert sich das Drehbuch in immer neuen Ideen, von denen keine vollständig ausgearbeitet wird. Dabei wäre weniger tatsächlich mehr gewesen. Die stärksten Momente entstehen immer dann, wenn "84m²" den Mut besitzt, beim alltäglichen Wahnsinn zu bleiben. Das beklemmende Gefühl, den eigenen vier Wänden nicht mehr vertrauen zu können, trägt den Film wesentlich besser als die späteren Eskalationen. Man spürt, dass Kim Tae-joon wichtige gesellschaftliche Themen wie Wohnungsnot, Immobilienblasen, Leistungsdruck und soziale Isolation ansprechen möchte. Diese Themen sind hochaktuell und werden insbesondere für ein südkoreanisches Publikum eine besondere Resonanz entfalten. Dennoch wirkt der Film gegen Ende überladen, weil jede dieser Ideen gleichzeitig ihren Platz finden soll.
Vergleiche mit "Parasite" drängen sich zwar auf, greifen aber letztlich zu kurz. Bong Joon-ho verband Gesellschaftskritik und Thriller mit bemerkenswerter Eleganz und erzählerischer Präzision. "84m²" erreicht diese Balance nicht und bleibt dennoch ein sehenswerter Vertreter des modernen koreanischen Genrefilms. Er besitzt genügend handwerkliche Qualität, starke Darsteller und gesellschaftliche Relevanz, um über weite Strecken zu fesseln. Gleichzeitig verhindert ein überambitioniertes Drehbuch, dass aus einem sehr guten Thriller ein wirklich herausragender wird.
6/10
Quellen:
Inhaltsangabe: Filmstarts
Poster/Artwork: Mizi Film