Ann Lee (Amanda Seyfried) wächst im vorindustriellen Manchester auf. Diese Zeit bringt vor allem für einfache Arbeiter und Arbeiterinnen zahlreiche Entbehrungen mit sich. Schon früh kann Ann kein Kind mehr sein und muss in der Baumwollspinnerei schuften. Ein traumatisches Erlebnis im Zusammenhang mit dem Sexualleben ihrer Eltern brennt sich nachhaltig in Anns Gedächtnis ein – und zwar so sehr, dass sie später nur das Zölibat als Weg aus der Sünde begreifen kann. Getrieben von dieser vermeintlichen Erkenntnis und gebeutelt vom Verlust aller ihrer vier Kinder im sehr frühen Kindheitsalter, sucht sie zusammen mit Gleichgesinnten nach einem neuen Leben in Amerika. Doch dort wächst der Spalt zwischen ihr und ihrem das Zölibat ablehnenden Mann William (Lewis Pullman) nur noch weiter auf dem Boden fundamentalistischer Religiösität. Und auch die Menschen um sie herum stehen ihr und ihren Anhänger und Anhängerinnen nicht nur zunehmend misstrauisch gegenüber, sie bezichtigen sie sogar der Hexerei, was schwerwiegende Folgen nach sich zieht...
Mit "The Testament Of Ann Lee" liefert Regisseurin Mona Fastvold eines der ungewöhnlichsten Historienfilme der letzten Jahre ab. Die Verfilmung der Lebensgeschichte von Ann Lee ist weder klassisches Biopic noch konventionelles Historiendrama. Stattdessen entsteht ein faszinierendes Werk an der Schnittstelle von religiöser Vision, Musical und Charakterstudie - getragen von einer herausragenden Hauptdarstellerin und einer Inszenierung, die sich bewusst jeder einfachen Einordnung entzieht. Es ist eine geradezu hypnotische Meditation über Glauben, Hingabe und weibliche Führung. Im Mittelpunkt steht Ann Lee, die Gründerin der Shaker-Bewegung im 18. Jahrhundert. Von ihren Anhängern als spirituelle Erlöserfigur verehrt, predigte sie Gleichberechtigung der Geschlechter, gemeinschaftliches Leben und sexuelle Enthaltsamkeit. Der Film begleitet ihren Weg von persönlichen Verlusten und gesellschaftlicher Ausgrenzung bis hin zur Gründung einer religiösen Gemeinschaft, die ihre Anhänger gleichermaßen inspirierte und herausforderte.
Die größte Stärke des Films ist zweifellos die Darstellung von Amanda Seyfried. Seyfried verleiht der historischen Figur eine bemerkenswerte Mischung aus Verletzlichkeit, Entschlossenheit und spiritueller Überzeugungskraft. Sie spielt Ann Lee nicht als Heilige, sondern als komplexe Persönlichkeit, deren innere Überzeugung ebenso faszinierend wie beunruhigend wirken kann. Vermutlich ist diese Rolle eine der stärksten Leistungen ihrer Karriere. Fastvold interessiert sich dabei weniger für historische Fakten als für die emotionale Erfahrung von Glauben. Traditionelle Shaker-Hymnen werden in eindrucksvolle musikalische und choreografische Sequenzen verwandelt, die dem Film eine beinahe tranceartige Atmosphäre verleihen. Diese Momente gehören zu den visuell beeindruckendsten Szenen des Films und machen das Werk gleichzeitig mutig, originell und außergewöhnlich. Auch die technische Umsetzung überzeugt. Die sorgfältig komponierten Bilder, das natürliche Licht und die detailreiche Ausstattung erschaffen eine Vergangenheit, die sich greifbar und lebendig anfühlt. Gleichzeitig erzeugt die Inszenierung eine fast mystische Distanz, die perfekt zur Thematik passt. Der Film versucht nicht, seinen Glauben rational zu erklären - er möchte ihn spürbar machen.Allerdings ist "The Testament Of Ann Lee" kein Film für jedes Publikum. Das langsame Erzähltempo und die große Ernsthaftigkeit der Inszenierung könnten viele Zuschauer abschrecken. Tatsächlich verlangt der Film Geduld und die Bereitschaft, sich auf seine ungewöhnliche Form einzulassen. Wer eine klassische historische Lebensgeschichte erwartet, könnte sich von der fragmentarischen Erzählweise und dem beinahe spirituellen Tonfall überfordert fühlen. Gerade diese Kompromisslosigkeit macht den Film jedoch so bemerkenswert. Fastvold erschafft kein gefälliges Prestige-Drama, sondern ein Werk, das Glauben, Gemeinschaft und Charisma als emotionale Erfahrungen untersucht. Dabei bleibt Ann Lee bewusst rätselhaft - eine Entscheidung, die auf der einen Seite frustriert, auf der anderen jedoch geradezu hypnotisch fasziniert.
"The Testament Of Ann Lee" ist am Ende ein Film voller Originalität, visueller Kraft und mit Amanda Seyfrieds beeindruckender Leistung als Protagonistin absolut grandios besetzt. Er ist anspruchsvoll, mutig, ungewöhnlich und oft faszinierend, ein Film, der sich konsequent seinen eigenen Regeln unterwirft. Dank Mona Fastvolds visionärer Regie entsteht ein Historienfilm, der weniger an eine klassische Biografie erinnert als an eine spirituelle Erfahrung. Nicht immer leicht zugänglich, aber gerade deshalb eines der bemerkenswertesten Arthouse-Werke des Jahres.




















