Mittwoch, 23. Mai 2018

[KINO] Solo: A Star Wars Story 3D (2018)

https://www.imdb.com/title/tt3778644/

Han Solo (Alden Ehrenreich), der sich ohne Eltern in den rauen Straßen seines Heimatplaneten Corellia durchschlagen musste und später von der imperialen Flugakademie geworfen wurde, hat seinen eigenen Kopf. Den versucht er sich genauso zu bewahren wie seinen Idealismus. „Vertraue niemandem“, rät ihm dagegen sein Mentor Tobias Beckett (Woody Harrelson) – bevor ihn ein anderer zwielichtiger Gangster, Dryden Vos (Paul Bettany), für einen Zugüberfall rekrutiert. Begleitet wird Han dabei unter anderem von seinem neuen, treuen Freund Chewbacca (Joonas Suotamo) und von mehr oder weniger vertrauenswürdigen Kumpanen. Darunter sind Qi'Ra (Emilia Clarke), die für eine Gang auf Corellia arbeitet und Han von früher kennt, und Val (Thandie Newton), eine Meisterin am Blaster-Gewehr. Außerdem mischt Schmuggler Lando Calrissian (Donald Glover) mit, der Besitzer des Millennium Falken…

Seitdem Disney den Deal mit LucasFilm einging und das "Star Wars"-Franchise erwarb, feuert das Unternehmen aus allen Rohren. Gefühlt jedes halbe Jahr kommt ein neuer Streifen aus dem "Star Wars"-Universum, sehr zur Freude der einen Fans, zum Leid der anderen. Hatten sich viele Fans jahrelang beklagt, dass aus "Star Wars" viel mehr herauszuholen wäre und die Filme nur tröpfchenweise in den Kinos auftauchten, ist es nun eine wahre Flut. Und dieselben, die sich damals beschwerten, dass es zu wenige Filme gab, sind oft heute auch die, die sich beschweren, dass es zu viel wird. Man kann es eben nicht allen recht machen. Der neueste Ableger, "Solo: A Star Wars Story", führt den Zuschauer in diese weit entfernte Galaxis zurück in die Zeit etwa 10 Jahre vor "Eine neue Hoffnung" und die Frage ist: kann man sich mit Alden Heidenreich, der die ikonische Rolle des jungen Han Solo, in den alten Filmen so wunderbar verkörpert durch Harrison Ford, spielt, anfreunden und - mehr noch - ihm den jungen Han abnehmen?


Der 1977er "Star Wars" gehört sicher zu den Filmen, die die Leidenschaft für Film und Fantasie, Science-Fiction und Abenteur in vielen Menschen weckte und auch heute, fast 40 Jahre später, gehört "Star Wars" immer noch zu den Lieblingsgeschichten vieler Cineasten. Der Punkt ist, dass viele "Star Wars" einfach lieben, obgleich sie natürlich auch die Unterschiede zwischen den verschiedenen Filmen und ihren unterschiedlichen Niveaus an technischem Können und Storytelling erkennen. Sie sind auch willens, sich über Fehler zu beschweren und einigen Filmen gemischte Empfehlungen in ihren Reviews zu geben, auch wenn sie immer noch alle irgendwie mögen und wirklich jedem Teil zumindest eine Kleinigkeit abgewinnen können. Das bedeutet aber auch, dass die Reaktion auf "Solo: A Star Wars Story" sowohl in der Liebe zur Reihe als auch in einem starken Bewusstsein dafür, wie sich alles verändert hat und wie die Qualität der Filme variiert, verwurzelt ist. Die Voreingenommenheit, die  man nun auch immer für die Reihe hat, wird also zumindest ein wenig durch Erwartungen widerlegt, dass die Filme ihrem Versprechen und der Größe, die das "Star Wars"-Universum für diesen großäugigen kleinen Jungen vor vierzig Jahren ins Leben gerufen hat, gerecht werden. Und in diesem Sinne kann man auch bereits folgendes sagen: "Solo: A Star Wars Story" ähnelt nicht annähernd einem der bekannten "Star Wars"-Filme. Er gehört nun zum Universum, aber er offenbarte auch eine neuartige kreative Vision, die das alles vorantreibt. 


Während es hier und da ein paar kleine Patzer gibt, über die man sich ärgern könnte (und ich werde sie in diesem Review noch erwähnen), nimmt der Film einen aber auf überwältigende Art und Weise mit, sodass "Solo" ein großer Gewinn für das "Star Wars"-Franchise ist - eine mitreißendes Abenteuer mit einem passenden ud nicht übertriebenen Sinn für Humor, großartiger Action, einer ordentlichen Handlung und - nicht zuletzt - einer durchweg charismatischen Besetzung. Während einige der letzten "Star Wars"-Filme für einige Fans und Zuschauer etwas verstrickter und Ebenenreicher waren, wird "Solo" wieder mehr in der Form des früheren, einfacheren Storytelling-Ansatzes erzählt.

Und Alden Ehrenreich ist so großartig in der Hauptrolle, wie man es sich nur erhoffen konnte. So liegt nahe, dass das Drehbuch die Figur Han Solo auf eine bestimmte Art und Weise porträtierte und in gewisser Weise auf Ehrenreich zugeschnitten wurde, einfach weil er optisch gut in die Rolle passte. Lange stand nämlich auch ein anderer hinter vorgehaltener Hand im Gespräch, der ebenso gut in die Rolle gepasst hätte: Chris Pratt. Er bewies bereits in "Guardians Of The Galaxy", dass er das Zeug dazu hat und auch gut in die Rolle eines jungen Han Solo gepasst hätte. Vermutlich wäre der Film dann aber noch etwas komödiantischer, satirischer geworden. Dies war vielleicht auch die Vision, die die Regisseure Phil Lord und Chris Miller hatten, bevor Disney sie kurz vor der Fertigstellung des Projekts feuerte und durch Ron Howard ersetzte, der nun den Film fertigstellte und eine nicht geringe Anzahl an Reshoots anordnete. Was auch immer hier vor sich ging ist letztlich nicht entscheidend, denn Howards resultierender Film ist ein weiterer großer Erfolg für Disney/Lucasfilms "Star Wars"-Franchise. Und Ehrenreichs Performance ist genau das, was der Film braucht, um dem Zuschauer zu liefern, was immer für möglich gehalten wurde. Allein der Versuch, zu viel von Fords bekannter Darstellung nachzumachen, wäre fehlgeschlagen, auch wenn es im Allgemeinen eine anständige Imitation gewesen wäre; eine Version von Han Solo, die sofort als der Schmuggelschurke bekannt ist, den der Zuschauer kennt und liebt, aber auch so einzigartig, dass das Publikum etwas Neues mit dem Charakter erlebt und der Darsteller sich von nun an die Rolle zu Eigen machen kann.

Ehrenreichs Performance erinnert sehr daran, wie es wäre, einen jungen Dennis Quaid zu sehen, von seinem Aussehen bis hin zu seiner Körpersprache. Googlet man die Worte "Dennis Quaid" und "1978" und schaut Sie sich Bilder des jungen Quaid an, wird schnell verständlich, wie groß die Ähnlichkeit ist. Und dann stelle man sich vor, dass der junge Quaid Zeilen wie "Kind, ich bin von einer Seite dieser Galaxie zur anderen geflogen. Ich habe viele seltsame Dinge gesehen, aber ich habe noch nie etwas gesehen, das mich glauben lässt, dass eine allmächtige Kraft alles kontrolliert. Es gibt kein mystisches Energiefeld, das mein Schicksal steuert." von sich gibt. Aber dies nur am Rande.


Und so erhält man einen neuen "Star Wars", der gleichzeitig vertraut ist mit allem, was man an der klassischen Trilogie liebte und doch einen tieferen Einblick in einen Hauptcharakter bietet. Das ist der junge Han Solo, und während man anfänglich vielleicht anfängt zu jammern (auch über die in der deutschen Synchronisation etwas unpassende Stimme, die interessanterweise wohl darauf zugeschnitten wurde, auf den alten Han Solo zu passen, aber nicht so recht auf Ehrenreich), jemanden zu sehen, der nicht Harrison Ford ist, der diese, seine, Rolle spielt, kommt man schnell über die Trennung hinweg und umarmt sie, weil es einfach so gut funktioniert. Ehrenreich verdient einen großen Applaus für die Portraitierung der Figur, die fast ein No-Win-Szenario war. Emilia Clarke spielt Qi'ra, eine der neuen Figuren in Han's Welt, in einer Performance, die eine bereits gut geschriebene Rolle übernimmt und ihrem Charakter zusätzliche Nuancen verleiht. Vieles über Qi'ra ist entweder unbekannt oder wird nur angedeutet, und Clarke lässt zu Recht diese Ungewissheiten in der Luft hängen. Ihre Vergangenheit und Geheimnisse werden im Film an gewissen Stellen angedeutet, ohne diese aber näher zu beleuchten. So bleibt die Figur geheimnisvoll, bis kleinere Enthüllungen gerade genug Einblick geben, dass alles ein Ganzes ergibt. Ihre Verbindung zu Han ist real, aber wie viel davon existiert wirklich noch? Es ist aufregend, diese Frage nicht nur zu stellen, sondern sich viel mehr um die Antwort zu kümmern, als man es normalerweise für neue Nebenfiguren tut, die in einem Film mit alteingesessenen Ikonen auftreten.

Donald Glover als Lando Calrissian ist natürlich ein Szene-Stealer in seiner anschaulich perfekten Darstellung eines Fan-Lieblingscharakters. Sein Lando ist ein herrlicher, aalglatter Schurke und hat aufschlussreiche Momente, in denen sich seine "Devil-May-Care"-Haltung zumindest teilweise als Fassade entpuppt, die die starke emotionale Bindungen abschirmt, welche ihn kopfüber in ernsthafte Probleme reißen könnten. Es gibt Ähnlichkeiten zwischen Lando und Han, aber auch große Unterschiede - Han versucht nur zu überleben und hat persönliche, kleinere Ziele für sein Leben, aber er gerät immer wieder in ein größeres Schicksal; Lando hingegen sieht sich immer als einen Mann von Bedeutung, den ein größeres Schicksal erwartet. Man kann - ähnlich wie bei Ehrenreich - froh sein, dass Glover Lando so deutlich portraitiert - gerade auch in seiner Manier, Haltung und Persönlichkeit - als eine frühere, weniger raffinierte und doch endlos selbstbewusste, protzige Version des Mannes, der er in "Das Imperium schlägt zurück" und "Die Rückkehr der Jedi-Ritter" eine so entscheidende Rolle spielte. Es wäre ein Fehler gewesen, ihn als Geschäftsinhaber mit vielen Verbindungen zur Unterwelt zu etablieren. Glover lässt in schwierigen Momenten oder wenn sein Selbstvertrauen getestet wird, kleine Zweifel an seiner Härte aufblitzen. Der Film lässt die Tür offen für seine unvermeidliche Rückkehr in zukünftige "Star Wars"-Veröffentlichungen, sei es eine Solo-Fortsetzung oder ein eigenständiger Lando-Film.


Phoebe Waller-Bridges L3-37 ist dann die erste Roboterfigur, die mit den Droiden C-3PO und R2-D2 konkurrieren kann. Selbst BB-8s niedliche Tour und die Fähigkeit, einen urkomischen Daumen nach oben zu geben, sind nicht gleichzusetzen mit der Droiden-Persönlichkeit von Waller-Bridge. Es ist kaum ohne Spoiler begreiflich zu machen, aber L3-37 ist witzig ohne sich im geringsten darüber bewusst zu sein und strahlt einen selbstbewussten Stolz aus, der selbst die enormen Egos von Han und Lando herausfordert. L3-37 hat auch ihre eigenen Pläne, und wenn es um deren Verwirklichung geht, ist sie großartig, selbstgerecht und manchmal auch "leicht" hysterisch. Die Interaktionen zwischen ihr und Lando gehören damit zu den Höhepunkten des Films. Woody Harrelson war eine gute Wahl für Tobias Beckett, einen Verbrecher, der ohne Umschweife kriminell ist und dessen einzige Sorge sich selbst und seiner Frau Val, gespielt von Thandie Newton, gilt. Es gibt klare Grenzen, innerhalb derer Tobias operiert, und man sieht hier und da Einblicke in seinen "Kodex", wenn Situationen schwierige oder harte Entscheidungen erfordern. Harrelson ist aber auch ein sehr guter Schauspieler, der es mit seiner Vielseitigkeit und seiner Fähigkeit immer schafft, dass sein Charakter einen Hauch von Sympathie und Anziehungskraft behält, selbst wenn er unappetitliche oder geradezu schlechte Menschen porträtiert. Er ist gut darin, böse Menschen darzustellen, die gute Dinge tun, oder gute Menschen, die schlechte Dinge tun, und man wünschte sich, er würde dafür mehr Anerkennung bekommen. Vorhergehendes kann man also auch sagen, denn Tobias ist definitiv entweder ein schlechter Typ, der vielleicht manchmal gute Dinge tut, oder ein guter Typ, der definitiv die meiste Zeit moralisch zweifelhafte oder böse Dinge macht, aber es ist nicht ganz sicher auf welcher Seite er wirklich steht, und er scheint sich der Antwort oft selbst nicht sicher zu sein. Aber er ist sympathisch, er versucht, Han Weisheit und Lebenslektionen zu vermitteln und er liebt Val, also mag man ihn, auch wenn man ihm nicht ganz vertraut.

Jonas Suotamo tritt bewundernswert in die Rolle von Chewbacca ein. Ja, es ist eine etwas stillere Rolle, aber die Körpersprache ist alles, wenn es darum geht, einen Wookie zu portraitieren und Suotamo gibt Chewie eine enorme Menge an emotionaler Resonanz und persönlichem Antrieb in "Solo". Er ist hier mehr als der gewöhnliche Kumpel und die zusätzlichen Dimensionen, die diese Geschichte für seine Beziehung zu Han bietet, sind willkommene Ergänzungen zu den "Star Wars"-Mythen. Paul Bettanys baufälliger Dryden hat nur ein paar Szenen, aber Bettany macht das Beste daraus. Die skrupellose Verbrecherboss-Figur ist in einer Geschichte wie dieser immanent, aber selten besitzt solch ein Charakter die Präsenz, die Bettany in seine Rolle einbringt. Die Art, wie er es genießt, sowohl das Ego eines anderen zu streicheln als auch mit ihnen zu flirten, dann die Decke unter ihnen wegzuziehen oder beiläufige Drohungen mit einem Hauch von Belustigung auszusprechen, verwandelt etwas, das leicht zu einem Standard-Charakter hätte werden können, in etwas weit besseres. Jon Favreau liefert die Stimme des CGI-Alien Rio, und obwohl es eine der kleineren Rollen ist, ist Rio eine Quelle von Humor und ein paar netten Gags.

Zusammen mit einem Drehbuch, das zu Recht als eines der besten der "Star Wars"-Universum galt, und das immense Filmemachentalent von Ron Howard ist "Solo: A Star Wars Story" ein Film, der trotz seiner problematischen Produktion so exzellent, originalgetreu und unterhaltsam ist, wie man es nur hoffen konnte. Howard bringt "Solo" das richtige Gleichgewicht zwischen Nostalgie und Neuerung: eine "Star Wars"-Geschichte, mit zurückhaltenden Referenzen an vorhergehende Filme. Und das Ergebnis ist eines der spannendsten und aufregendsten in der "Star Wars"-Saga. "Solo" fühlt sich mehr nach der Original-Trilogie an als die meisten anderen Filme, die nach den ersten dreien veröffentlicht wurden.


Die Action passt und fährt mit dem Zuschauer in einigen Szenen richtiggehend Achterbahn, zwischen denen gelegentliche Verlangsamungen gerade für einen noch größeren, schnelleren Spin herhalten. Einige der Szenen sind wirklich lobenswert und treiben einen ein fettes Grinsen ins Gesicht, aber der größte Teil des Films befasst sich mit Hans Geschichte und liefert dem Zuschauer eine wirklich gute Origin-Story. Die visuellen Effekte sind natürlich so beeindruckend, wie man es mittlerweile von diesem Franchise erwarten würde, gerade auch die Flüge mit dem Falken oder der Raubüberfall mit dem Zug. In einigen Szenen tauchen sogar altbekannte Joahn Williams-Themen im Score auf, der passend von John Powell adaptiert wurde. Letztlich könnte man am Film selbst eigentlich nur kleine Nebensächlichkeiten bemängeln (die fehlende, ikonische Laufschrift zu Beginn, kleinere Ungereimtheiten hier und da), aber diese verschwinden im hellen, euphorischen Licht von allem, was der Film so richtig hinbekommt. "Solo: A Star Wars-Story" ist genau das, was man sich erhoffen konnte. Er ist ein Wiedersehen mit alten Freunden mit einer ganz neuen Geschichte und einer Menge Geheimnisse, die es noch zu enthüllen gilt. Er wird Fans des Franchises sicher gefallen und eventuell sogar einige brandneue Fans gewinnen. "Solo" startet in eine ganz neue Ecke des "Star Wars"-Universums und letztlich kann man es kaum erwarten, wieder dorthin zurück zu kehren.

8,5/10

Dienstag, 22. Mai 2018

The Killing Of A Sacred Deer (2017)

https://www.imdb.com/title/tt5715874/

Der erfolgreiche, charismatische Herzchirurg Steven (Colin Farrell) und seine Ehefrau Anna (Nicole Kidman), eine angesehene Augenärztin, leben mit ihren Kindern Bob (Sunny Suljic) und Kim (Raffey Cassidy) das scheinbar perfekte Leben: Man versteht einander und kann sich Luxus leisten. Steven hat eine Freundschaft zum 16-jährigen, vaterlosen Teenager Martin (Barry Keoghan) aufgebaut. Nachdem dessen Vater bei einer von ihm durchgeführten Operation starb, hat Steven den Jungen unter seine Fittiche genommen. Der Chirurg und Martin sehen sich regelmäßig und Steven lernt auch seine Mutter (Alicia Silverstone) kennen. Doch dem Teenager geht es nur um Rache. Er will Steven zu einer schrecklichen Tat zwingen, indem er ihn auf teuflische Art erpresst...

Der Film handelt von der gutsituierten Familie Murphy, die zu der amerikanischen Oberschicht gehört und in einem Vorort in einem großen Haus lebt. Der Vater Steven ist Arzt an einem Krankenhaus, die Mutter Anna ist Hausfrau. Die zwei Kinder, Tochter Kim und Sohn Bob, gehen zur Schule. Der Familie geht es gut. Der Vater fährt einen pompösen Wagen, das Familienleben ist harmonisch, offene Probleme gibt es nicht. Bis ein mysteriöser 16-jähiger Junge namens Martin auftaucht und sich zuerst mit dem Vater und dann mit der gesamten Familie anfreundet. Ab da beginnt die albtraumhafte Geschichte des Filmes.

Regisseur und Autor Yorgos Lanthimos machte zuletzt mit "The Lobster" auf sich aufmerksam, einer phytonesken Satire und Groteske. Und hier schon scheinen sich Hauptdarsteller und Regisseur gefunden zu haben, denn auch in "The Killing Of A Sacred Deer" spielt Colin Farrell die tragende Rolle. Der etwas ungewöhnliche, beinahe schon merkwürdige Filmtitel "The Killing Of A Sacred Deer" hingegen bezieht sich auf die griechische Mythologie in der es um Agamemnon geht, der zu Beginn des Trojanischen Krieges in einem Wald einen heiligen Hirsch tötete und daraufhin zur Strafe Artemis, der Göttin des Waldes, seine Tochter Iphigenia als Opfer anbieten musste. Darum geht es auch im weitesten Sinne in der Filmstory und desweiteren: im Film hat Kim Murphy, die Tochter des Arztes, eine Klassenarbeit über Iphigenie geschrieben.

"The Killing Of A Sacred Deer" wird als Drama/Horror geführt. Aber er ist mehr ein Drama. Ein Drama ohne Emotion, was erschreckender wirkt als die Vision an sich. Aber schaut man noch genauer hin, kann vom Horror kaum die Rede sein. Er schildert zwar beängstigend, gruselig und grausam wie sich das Familienleben, das bisher so gut funktionierte, von einer harmonischen Idylle zu einem egoistischen Kampf auf Leben und Tod untereinander entwickeln kann, aber der Film entlarvt auch, wie heuchlerisch und verlogen das Familienleben sein kann, das oft nur darauf ausgerichtet ist, nach außen hin eine heile Welt vorzugaukeln. Die gelegentlich vorgebrachte Auffassung, "The Killing Of A Sacred Deer" sei primär ein Rachethriller, ist daher Unsinn. Martin steht zwar mit seiner Vergeltung im Vordergrund der Geschichte, sein Handeln ist jedoch nur der Anstoß für die eigentliche Filmhandlung, die im Mittelpunkt steht, nämlich den schmerzliches Zerfall einer Familie.

Geradezu genial ist der originelle Plot, dessen Grundidee unverkennbar auf der oben skizzierten Episode aus der griechischen Mythologie basiert. Auch wenn die Story außergewöhnlich ist, kommt der Film dank der ausgezeichneten Inszenierung atmosphärisch glaubwürdig rüber. Alles wirkt steril, viel zu sauber und auf Hochglanz poliert, eine Filmsprache, die Yorgos Lanthimos hervorragend beherrscht. Schauspielerisch überzeugt vor allem Barry Keoghan, der brillant den Martin spielt. Seine monotone Art ist gespenstisch, fesselnd und vereinnahmend. Dass mit dieser emotionslosen Monotonie in der Stimme dramaturgische Effekte erreicht werden sollten, ist damit vollends gelungen. Es ist jedoch manchmal zu überspitzt. Das schmälert aber die insgesamt gute Bewertung des Filmes nicht. Schauspielerisch vorzüglich sind darüberhinaus - ganz klar - Colin Farrell in der Rolle des Vaters Steve Murphy und Nicole Kidman als Mutter Anna Murphy. "The Killing Of A Sacred Deer" ist unbedingt sehenswert, aber definitiv nichts für Mainstreamer oder einen leicht-unterhaltsamen Abend.

8/10

Der Film erschien in Deutschland von Alamonde Film ungeschnitten im limitierten Mediabook.

Montag, 21. Mai 2018

Insidious: The Last Key (2018)

https://www.imdb.com/title/tt5726086/

Parapsychologin Elise Rainier (Lin Shaye) wohnt mittlerweile mit den zwei Geisterjägern Specs (Leigh Whannell) und Tucker (Angus Sampson) zusammen. Gemeinsam sind sie die Firma Spectral Sightings, die auf das Austreiben von Dämonen spezialisiert ist, die aus einer Parallelwelt angreifen. Ihr neuester Fall führt das ungleiche Trio in Elises Vergangenheit – in ihr Elternhaus in New Mexico, wo sie als Kind Schreckliches erlebte und in dem nun eine andere Familie in Gefahr ist. Elise muss sich ihrer Vergangenheit und ihrer größten Angst stellen und es mit einer unsterblichen Kreatur namens Key Face aufnehmen, einem Dämon, den sie als Kind versehentlich befreite. Sollte ihr das gelingen, sind all die von Key Face gefangenen Seelen frei, doch sollte sie scheitern, wird auch Elises Geist für immer der Verdammnis anheimfallen...

Der australische Filmemacher James Wan besitzt das Geschick, bestimmten Genren neues Leben einzuhauchen oder diese gar neu zu erfinden, wie mit seinem Film "SAW". Er gab dem Haunting-House-Genre mit "The Conjuring" ein frisches Gewand und dem Genre des Dämonen-Horrorfilms mit seinem großartigen "Insidious" eine neue Dimension des Grusels. Auch bei der Fortsetzung von "Insidious" führte er noch Regie, aber danach machte sich die Reihe selbstständig, behielt aber Leigh Whannell als Drehbuchschreiber. Mit "Insidious: The Last Key" geht der Dämonengrusel in die vierte Runde.

Auch in diesem Teil schaffen die Filmemacher es, eine intensive Spannung aufzubauen. Die Geschichte wurde ebenso wie die ersten drei Teile von Leigh Whannell geschrieben und von Adam Robitel, welcher bisher wenige Erfahrungen als Regisseur gesammelt hatte, solide inszeniert. Der Film besticht durch eine neue Geschichte mit einer fast komplett unabhängigen Dämonengeschichte. Vor allem die Episoden, welche in der Vergangenheit spielen, besitzen durch ihren Retro-Charme und ihre wunderbaren Jungdarsteller eine besondere gruselige Atmosphäre, welche die Zuschauer durch die enorme Anspannung in die Sitze drückt. Dabei geht die Rechnung auf, mit falschen Schreckmomenten in die Irre zu führen und mit einem wieder einmal sehr unheimlichen Dämon Alpträume zu erzeugen. Leider kann diese Spannung nicht vollends auf die Geschichte in der Gegenwart übertragen werden. Das liegt vor allem an der Ausgestaltung der Rollen. Elise als Sympathieträger wirkt zu abgebrüht und ihre Geisterjäger-Assistenten blödeln zu viel herum, als dass sie irgendwelche Sympathien verdient hätten. An diesen Stellen scheitert auch der Versuch Humor hinzuzufügen. Ohne diesen wären Adam Robitel und seiner Crew ein durchweg unheimlicher Film gelungen, der zwar das Genre nicht neu erfindet, aber noch nicht so abgebrühte Gruselfreunde sicherlich erfreuen wird.

"Insidious: The Last Key", der vierte Teil Reihe, besticht mit seiner gruseligen Geschichte, oft sogar funktionierenden Jump-Scares und sehr guten Kinderdarstellern. Und obwohl manche Elemente aus Gründen der Unterhaltung zu sehr überzeichnet wurden, kann der Film mit seiner packenden Unterhaltung und der unvorhersehbaren Story immer noch gut und fesselnd unterhalten.

6/10

Sonntag, 20. Mai 2018

[KINO] Deadpool 2 (2018)

https://www.imdb.com/title/tt5463162/

Wade Wilson alias Deadpool, der im ersten Film fies entstellt und genetisch verändert wurde, wird vom Schicksal ein weiteres Mal so richtig ins Gesicht gepisst. Zum Glück nimmt ihn sein X-Men-Kumpel Colossus (Stefan Kapicic) mit ins Refugium der Mutanten, einem abgelegenen Anwesen. Hier trifft Deadpool seine Kumpanin Negasonic Teenage Warhead (Brianna Hildebrand) wieder, die inzwischen erwachsen geworden ist – und lernt dummerweise auch den Superschurken Cable (Josh Brolin) kennen, der hinter dem wütenden Teenager-Mutanten Russell (Julian Dennison) alias Firefist her ist. Deadpool weiß, dass er Cable nicht alleine wird plattmachen können. Also trommelt er seine eigene Crew Superhelden zusammen, die X-Force, mit unter anderem Domino (Zazie Beetz), Zeitgeist (Bill Skarsgård), Weasel (T.J. Miller) – und dem Normalo Peter (Rob Delaney), der absolut gar keine Superheldenkräfte hat, aber die Stellenanzeige gut fand...

Deadpool ist zurück. Die Fortsetzung verspricht bereits in den Trailern derben Humor, bessere, härtere Action und neue, interessante Charaktere. Mit einem gewohnt gut gelaunten Ryan Reynolds, einem Josh Brolin als kantigen Gegenspieler und Action-Regisseur David Leitch, der mit "John Wick" und "Atomic Blonde" bereits gut unterhielt, sollte diesem Vorhaben nichts im Wege stehen. Und das tut es auch nicht.

Denn "Deadpool 2" bieten vor allem eines: mehr von der bewährten Formel. Die Geschichte ist hierbei noch am überraschendsten, entfernt man sich doch zunächst recht weit von der Klischee-Liebesgeschichte des Vorgängers. Auch wenn der Film gegen Ende wieder ein wenig an Vorhersehbarkeit gewinnt und gerade Comic-Fans nie überrascht sein dürften, stellt sich die Geschichte als angenehm frisch heraus. Innovativer hätte es aber trotzdem sein dürften, wirken die Versatzstücke doch teils bekannt. Dabei ist die "X-Force" noch der beste Gag. Aber ein frecher Deadpool darf auch gerne beim Drehbuch frecher sein. Dafür kann das Sequel mit deutlich emotionaleren Szenen punkten. So ist die Figur Deadpool doch eigentlich ähnlich tragisch, wie andere bekannte Helden. Das typische Augenzwinkern kann sich zwar meistens nicht verkniffen werden, die tragischen Momente sind nichtsdestotrotz wirkungsvoller als erwartet und fügen sich hervorragend ein.

Bei der "Deadpool"-Reihe geht es aber natürlich vor allem um die Gags und hier funktioniert die Fortsetzung hervorragend, wenn auch mit klitzekleinen Mankos. Ja, die Sprüche und Referenzen sitzen wie gewohnt, in der Ausführung fühlt man sich allerdings mehrfach an den Vorgänger erinnert. Das Schema ist dasselbe. Ryan Reynolds kopiert sich zwar nicht, aber er bedient sich doch sehr stark. Die originellen, neuen Ideen bleiben leider aus, wodurch "Deadpool 2" insgesamt leicht überraschungsärmer und routinierter ist. Was aber auch nicht wirklich schlimm ist. Punktum: hier kommt nicht viel Neues, aber es passt und reicht aus, um für Unterhaltung zu sorgen. Sollte man nun von einer Fortsetzung wie dieser einfach mehr zu erwarten? Vermutlich nicht. Ähnliches gilt auch für die Action. David Leitch ist definitiv ein guter und mittlerweile erfahrener Action-Regisseur; im Vorfeld auch schon groß gelobt, sollte die Action deutlich besser sein. Die Action und der Blut-Anteil ist auch besser, allerdings nur leicht. Von dem Geschick eines David Leitch ist nur wenig zu sehen. Tim Miller hatte mit "Deadpool" schon einen vernünftigen Job gemacht und wenn vorne nicht "David Leitch" draufgestanden hätte, dann wäre es kaum einem Kinogänger aufgefallen. Leitch verzichtet hier auffallend oft auf längere, choreographierte Kamerafahrten. Der Schnitt ist zwar gut und knackig, hinter der Härte und Brachialität eines "John Wick" bleibt "Deadpool 2" allerdings zurück.

Zum Glück kann man festhalten, dass "Deadpool 2" seinen kleinen, charmanten Underdog-Status beibehalten hat. Auch in die Fortsetzung floss nicht allzu viel Budget, was einerseits den Charakter und Charme des Films unterstreicht, andererseits aber auch Spielraum für größere Möglichkeiten, wie etwa der Etablierung in das "X-Men"-Universum oder überhaupt die MARVEL-Spielwiese lässt. Dafür können die neuen Figuren glänzten. Cable und Domino sind eine hervorragende Erweiterung. Beide funktionieren, sind cool und bringen frischen Wind in die noch frische Reihe - und noch mehr Gags. Auch hier allerdings wieder ein kleiner Kritikpunkt: Josh Brolin als Cable hätte gerne noch wuchtiger, brutaler und dreckiger daherkommen dürfen.

Alles in allem bietet "Deadpool 2" mehr vom Gleichen und bringt herrliche Gags (besonders noch in den Post-Credit-Szenen) und der kleine Maßstab des Vorgängers wurde beibehalten. "Deadpool 2" ist ein herrlicher, teilweise zum Brüllen komischer Spaß, der nicht ganz an den Vorgänger heranreicht, aber für absolute Unterhaltung sorgt.

8,5/10

Mittwoch, 9. Mai 2018

Knock Off - Knock Off: Der entscheidende Schlag (1998)

https://www.imdb.com/title/tt0120724/

In Hongkong freut sich der Amerikaner Marcus Ray (Jean-Claude Van Damme) bereits auf den Reibach, den er mit dem Verkauf von Markenjeans macht. Doch leider entpuppen sich die Hosen als nichts weiter als billige Fälschungen. Ray und sein neuer Partner Hendricks (Rob Schneider) stecken in der Klemme, erst recht, als sich ihre amerikanische Kontaktperson Karen Leigh (Lela Rochon) als CIA-Agentin herausstellt, die ihnen mit Gefängnis droht, falls sie nicht kooperieren. Doch damit nicht genug der Probleme. Bei einem Treffen mit dem CIA-Agenten Harry Johansson (Paul Sorvino) findet Ray heraus, dass dieser in Wahrheit ein Doppelagent ist und für die russische Mafia arbeitet. Johansson offenbart Ray außerdem Überraschendes zu seinem Partner Hendricks. Auch dieser ist nicht der, der er auf den ersten Blick zu sein scheint. Gleiches gilt auch für die imitierten Jeans: Die Beinkleider sind der im wahrsten Sinne des Wortes explosive Höhepunkt eines perfiden Plans der Russenmafia...

Van Damme in HongKong, das hat schon in "Geballte Ladung: Double Impact" sehr gut funktioniert - und tut es auch Jahre später ebenso in Tsui Harks "Knock Off", der zweiten Zusammenarbeit der beiden nach dem ebenfalls ordentlichen aber deutlich westlicheren "Double Team". "Knock Off" ist mal ein etwas anderer van Damme-Film. Nicht die üblichen One-on-One-Kämpfe, sondern eine abwechslungsreiche Story bekommt man hier zu sehen. Ein Manko ist aber, dass es zu viele Charaktere (und Statisten) gibt, die dauernd die Seiten wechseln. So sieht man am Ende nicht mehr richtig durch, wer denn nun zu den "Guten" und wer zu den "Bösen" gehört.

Van Dammes Kampfkünste sind hier weniger gefragt, ein viel effektiveres Mittel sind Schusswaffen, die in diesem Film oft zum Einsatz kommen. Allerdings heißt das nicht, dass man Jean-Claude van Damme gar nicht ohne Waffen in Aktion sieht. Vereinzelt kommt man dann doch noch in den Genuss seiner hervorragenden Kampfakrobatik; nur wird in "Knock Off" eben nicht soviel Wert darauf gelegt. Die Schusswechsel werden ziemlich oft in Zeitlupen-Studien serviert, was ganz nett anzuschauen ist. Jedoch tragen diese Zeitlupen dazu bei, dass man in der ganzen Hektik in manchen Szenen schon mal den Faden verlieren kann. Es wird einen nämlich teilweise ein Feuerwerk an (zum Teil auch harter) Action geboten. Das Ende stellt auf jeden Fall einen furiosen Höhepunkt dar.

Ein paar Unglaubwürdigkeiten gibt es auch. Da wäre zum Beispiel der Sprung des Autos auf den eisenharten Container. Der Sprung ist dabei noch gar nicht mal so unrealistisch, aber dass das Auto dann mit ein paar Beulen fröhlich weiter fährt, grenzt schon an ein physikalisches Wunder. Schauspielerisch kann keiner über sich hinauswachsen. Insgesamt bekommt man durchschnittliche Leistungen zu sehen. Wen ein humoriger Zusatz nicht stört, der wird an "Knock Off" definitv seinen Spass haben. Hier gibts Action satt, tolle Kulissen und darüberhinaus gut aufgelegte Darsteller. Über die leicht absurde Story sieht man da doch gerne hinweg.

7/10

Von NAMELESS Media kommt der Film ungeschnitten/unrated in HD im auf 222 Stück limitierten Mediabook:

Dienstag, 8. Mai 2018

7광구 - 7 Gwanggu - Sector 7 (2011)

https://www.imdb.com/title/tt1934381/

Südlich der Insel Jeju auf dem Ölbohrturm Eclipse ist Hae-jun (Ji-won Ha) Verantwortlicher für die Ausrüstung. Jeong-man, ein früherer Kollege von Hae-juns Vater, schließt sich der Crew als Kapitän an. Eigentlich soll er nur die Abberufung des Schiffes überwachen, aber er schlägt vor, ein letztes Mal eine Bohrung vorzunehmen. Nach dreiwöchiger Vorbereitung taucht Hae-jun mit dem neuen Rekruten in die Tiefe: Als das Equipment versagt, sinkt er auf den Boden des Meeres. Kurz darauf leben Crewmitglieder ab, einer nach dem anderen, und ihre Leichen sind bösartig verstümmelt. Die wenigen Überlebenden entdecken bald eine transparente Unterwasserkreatur. Hae-jun und seine Kollegen müssen ums bittere Überleben kämpfen...

Die Bohrinsel-Truppe im koreanischen Sci-Fi-Horror "Sector 7" ist durchweg sympathisch und bis das Monster auf der Bildfläche erscheint auch sehr amüsant. Die Story selber ist nicht brandneu. Sie erinnert schon etwas an "The Thing" oder "Alien", aber eben auf einer Bohrinsel und auf koreanisch. Natürlich muss man sich in einigen Momenten auf etwas Overacting einstellen, aber im Allgemeinen bleiben die Darsteller weitestgehend auf dem Teppich und machen ihre Sache solide. "Sector 7" ist optisch hervorragend. Die Bohrinsel bietet ein grandioses und atmosphärisch dichtes Setting. Außerdem muss man die tolle Kameraarbeit loben. Doch das größte Manko ist, dass das Monster sichtbar computeranimiert ist. Es sieht zudem aus, als wäre es direkt aus dem Spiel/Film "Doom" entnommen und hier platziert worden. Aber dafür sind das Design dieses CGI-Ungetüms und auch wie es ins Bild eingepflegt wurde große Klasse. Mit altbackener, hunderte Male durchgekauter Story und dem letztgenannten Manko unterhält "Sector 7" dennoch kurzweilig durch Humor, Dramatik und jeder Menge over the top-Action.

6,5/10

Mr. Holmes (2015)

https://www.imdb.com/title/tt3168230/

Sherlock Holmes (Ian McKellen) hat es mittlerweile auf stolze 93 Jahre gebracht und lebt zurückgezogen in seinem Landhaus in Sussex. Über Heldengeschichten, die im Kino über ihn erzählt werden, kann der in die Jahre gekommene Meisterdetektiv nur den Kopf schütteln, ist doch das meiste glattweg erfunden. Nie trug er die legendäre Kappe und überhaupt bevorzugte er schon immer Zigaretten. Tagsüber widmet sich Holmes nun der Bienenzucht und weist Roger (Milo Parker), den Sohn seiner Haushälterin Mrs. Munro (Laura Linney), in die Geheimnisse der Imkerei ein. Die beiden sind die einzigen, die er in seiner Nähe duldet. Doch manches Mal kommen die Erinnerungen an alte Fälle gegen seinen Willen auf, insbesondere an diesen einen, in dem eine wunderschöne Frau in Gefahr war: Ann Kelmot (Hattie Morahan). Ob Holmes den ungelösten Fall noch knacken kann, obwohl sein Gedächtnis schwindet?

"Mr. Holmes" ist ein äußerst liebevoll und detailliert ausstaffierter Film über einen Sherlock Holmes mit einsetzender Demenz, der sich als Hobbyimker an die Küste von Dover zurückgezogen hat. Die neueste Verfilmung um die Detektivlegende beschäftigt sich vordergründig mit dem Altern eben jener. Ian McKellen arbeitet als ein auf 93 Jahre gealterter Sherlock Holmes die eigene Vergangenheit auf, kämpft mit dem Vergessen und erzählt die Geschichte schließlich auf seine Art neu. Die Erzählweise ist dabei derart ruhig, sanft und beherrscht, dass derjenige, der die letzten, meist actionreicheren Holmes Verfilmungen kennt, möglicherweise kaum glauben mag, dass es sich hier um den selben Charakter handeln mag. Diese Ruhe macht allerdings gar nichts, da sie dem Mythos zu einer nie dagewesenen Glaubhaftigkeit verhilft und ihn dadurch um einiges greifbarer macht, als es zum Beispiel die Guy Ritchie-Filme taten.

Im Gegensatz zu anderen Holmes-Verfilmungen steht hier nicht ein nahezu unlösbarer Fall im Vordergrund, der dann spektakulär aufgelöst wird, sondern "nur" das rätselhafte Sterben seiner Bienen. In mehreren Zeitebenen wird hauptsächlich Holmes als Mensch, die Bewältigung seiner Demenz, das Verhältnis zu seiner Haushälterin und deren Sohn sowie die Aufarbeitung eines unglücklich verlaufenen Falls bearbeitet. Verglichen mit dem "Hund von Baskerville" klingt das erstmal langweilig, ist es aber keineswegs und die Balance zwischen Drama und Krimi wird mit gelegentlichen Humoreinlagen aufgelockert. Wie nicht anders zu erwarten, hat Ian Mc Kellen die Leinwand ab der ersten Szene fest im Griff und wird von hervorragenden Nebendarstellern unterstützt, ein Sonderlob gilt Milo Parker, der den scharfsinnigen Roger angesichts seines Alters schon bemerkenswert charismatisch spielt.

Klassische Spannung braucht man bei "Mr. Holmes" nicht erwarten, im Vordergrund steht ein Drama, das Hauptdarsteller Ian McKellen eine nuancierte, ungemein vielschichtige und auch ironisch gebrochene Interpretation seiner Figur ermöglicht. Und auch wenn man den Film nicht unbedingt als hochspannend bezeichnen kann, so fesselt er doch auf eine emotionale Weise, die einen nach dem Abspann zufrieden zurück lässt.

8/10