Dienstag, 19. September 2017

Inferno - Horror Infernal - Feuertanz (1980)

http://www.imdb.com/title/tt0080923/

Rose (Irene Miracle) ist eine alleinstehende Poetin und lebt in New York City. Ein antikes Buch führt sie in den Keller ihres Wohnhauses, hin zur Heimstätte einer mächtigen Hexe, der Mater Tenebrarum. Sie ist eine der "drei Mütter" - die anderen hausen in Freiburg und Rom: Aus ihren Verstecken heraus regieren sie die "Welt mit Tränen, Seufzern und Finsternis". Rose ist entsetzt und verständigt ihren Bruder Mark (Leigh McCloskey). Doch als dieser nach langer Reise ankommt, ist Rose verschwunden. Und in der Stadt, die niemals schläft, ist etwas erwacht. Eine unheimliche, bösartige Kreatur. Die Mutter der Finsternis.

Dario Argento ist mit Sicherheit einer der polarisierendsten Regisseure des Horrorkinos. Während die einen Leute seine hervorragende Kameraarbeit, den flippigen und für Genreverhältnisse sehr aggressiven Musikeinsatz der Band "Goblin" sowie das ausgeprägte Spiel mit Farben bewundern, schütteln andere eigentlich nur den Kopf angesichts seiner völlig hanebüchenen, dramaturgisch schwachen und mit teilweise furchtbaren Dialogen versehenen Drehbücher. Zumindest bei den Werken "Suspiria", "Profondo Rosso" und "Phenomena" zog sich dieser Trend durch. Insofern rufen die Filme von Argento stets sehr gemischte Gefühle hervor: kreativ und faszinierend sind die Szenen, wenn dieser Italiener sich visuell austobt oder einmal mehr sein Können für hinterhältige Mordszenen unter Beweis stellt, doch nur gerade so erträglich wird es, sobald er versucht, tatsächlich eine Geschichte zu erzählen oder Dialogpassagen zu inszenieren.

Der zweite Teil aus Dario Argentos mystischer "Mütter-Trilogie" ist nun dank der Inszenierungswut des Italieners erneut ein optisches Feuerwerk. Ein verfilmter Alptraum, in dem keine Figur sicher ist vor einem unbekannten Killer. Garniert mit starken Rot- oder Blautönen, einem eingängigen Score und deftigen, einfallsreichen Killszenen. Das Hauptargument für "Inferno" ist allerdings, dass Argento vor und nach diesem Werk keinen Film mehr gemacht hat, der so stark in traum- bzw. tranceähnliche Gefilde vorstößt und eher einem surrealen Kunstwerk ähnelt. Bereits die brillante Unterwasserszene zu Beginn gibt den hypnotischen, betörenden Ton vor, der die durchgehende Atmosphäre bestimmt. Radikal wie selten zuvor wirft Argento hier Konventionen über Bord und verweigert sämtliche Formen von schlüssiger Narration. Stil und Atmosphäre sind am wichtigsten und stehen immer im Vordergrund.

Auch die einzelnen Sets scheinen noch farbenfroher und heller ausgeleuchtet zu sein als schon bei "Suspiria". Wer sich früh in die Atmosphäre des Films fallen lassen kann, erlebt die Geschichte rund um Mater Tenebrarum und alchemistische Motive nicht als herkömmlichen Film, sondern wandelt auf einem (alb-)traumartigen Pfad durch ein berauschendes Labyrinth, das mit sinnlich-grausamen Höhepunkten gepflastert wurde. Nicht umsonst bezeichnete Argento diesen Film als seinen reinsten und aufrichtigsten. Nur knapp hinter "Suspiria" und einer der absoluten Höhepunkte im Schaffen des Regisseurs.

7/10

Von KOCH Media erschien der Film im limitierten Mediabook. Dieses beinhaltet den ungeschnittenen Film auf Blu-ray und DVD, sowie jede Menge Bonusmaterial.

The Constant Gardener - Der ewige Gärtner (2005)

http://www.imdb.com/title/tt0387131/

Der in Kenias Hauptstadt Nairobi tätige britische Diplomat Justin Quayle (Ralph Fiennes) wird von der Nachricht tief getroffen, dass seine Frau Tessa Abbott Quayle (Rachel Weisz) gemeinsam mit ihrem Fahrer ermordet aufgefunden worden ist. Entgegen seines bisherigen Naturells beginnt Quayle mit Nachforschungen über die Hintergründe, da er nicht so ganz an die Theorie glaubt, dass der Arzt Arnold Bluhm (Hubert Koundé), Tessas Begleiter, für den Mord verantwortlich ist. Quayle taucht in die Arbeit seiner Frau ein, die ihm bis dahin weitgehend unbekannt war. Dabei stößt er auf brisante Informationen, die Tessa vor ihrem Tod über das Treiben der Pharmaindustrie gesammelt hat. Quayle führt die Nachforschungen fort und versucht unter Einsatz seines Lebens, die Hintermänner zu enttarnen, die für den Mord an seiner Frau und kriminelle Machenschaften auf dem Gebiet der Arzneimittelforschung verantwortlich sind...

Eine anfänglich interessante Mischung aus Thriller und Drama, die mit viel Liebe in der Gestaltung und einem großartigen Cast (Weisz ist gut, aber performt nicht oscarwürdig, Fiennes hingegen zeigt deutlich was er kann) besticht. Die Thematik verspricht genauso viel, und so erzählt "Der ewige Gärtner" eine zunächst großartige Geschichte über Liebe und Verrat, sowie die ungebändigte Gier und Skrupellosigkeit der Pharmaindustrie; die politisch kontroversen Vorgänge dienen als erschütternder Rahmen und der Streifen justiert seinen Fokus auf dem gefassten Staatsdiener Justin Quayle, der nach Antworten auf den Tod seiner Frau giert und durch seine Odyssee ein Ventil findet, seine regressive Trauer zu entfesseln. Das "Zunächst" sollte aber hierbei besonders betont werden, denn die Handlung wird im Verlauf derart träge und zäh erzählt, dass sich "Der ewige Gärtner" tatsächlich ewig anfühlt und die Spannungskurve steil herab fällt. 
 
Die Präsenz des Todes ist in "Der ewige Gärtner" allgegenwärtig, überall lauert er, wartet darauf, seine eisigen Finger auszustrecken, während Protaganist Justin in körnig-ruhelosen Bildern näher zu seiner Frau findet, sich mit ihrem Wesen auseinandersetzt und ihre inneren Antriebe versteht, als es ihm in Lebzeiten jemals möglich gewesen wäre. Das mag pathetisch klingen, ist in "Der ewige Gärtner" aber mit einem selbstverständlichen Naturalismus verknüpft, der all die Regungen und Handlungen seitens Justin ehrlich, nachvollziehbar und gleichermaßen tieftraurig erscheinen lässt. "Der ewige Gärtner" ist noch Kino, das Emotionen ohne Manipulationsmechanik weckt, das keinen Retortencharakter pflegt und sich darüber hinaus sogar erlauben kann, die Liebe über Zeit und Raum zu stellen, ohne in Rührseligkeit zu versinken.

Trotzdem kann der Film erst gegen Ende noch einmal überzeugen und es verbleibt der Eindruck, dass etwas mehr Schonungslosigkeit und vielleicht auch noch ein wenig mehr Direktheit diesem Politthriller gut getan hätte. Aber dahin muss der/die Zuschauer/in es erst einmal schaffen. Eine derart interessante Thematik, die so viel hergibt, dabei aber einfach unter der laschen Inszenierung des Filmes leidet, wirklich schade. Doch die Message weiß sich durchzusetzen und somit bleibt "Der ewige Gärtner" und dessen Leid am Ende wenigstens nicht allzu belanglos. Eine Empfehlung bekommt der Streifen aber dennoch nicht. Dafür kommt zu oft die Lust auf, einfach wegzuschalten.

5/10

Sonntag, 17. September 2017

Road House (1989)

http://www.imdb.com/title/tt0098206/

Dalton (Patrick Swayze) ist gebildet, kann aber auch ordentlich austeilen. Als Türsteher hat sich der Philosophie-Absolvent und Karatekünstler einen Namen gemacht. Sorgt jemand für Ärger, schmeißt Dalton ihn raus - diskret, aber unnachgiebig. Wesentlich schwieriger für ihn ist der Umgang mit dem skrupellosen Bandenchef Brad Wesley (Ben Gazzara), der Daltons neuen Arbeitsplatz, das "Double Deuce", um jeden Preis unter Kontrolle bekommen will. Seine Versuche, Dalton zum Seitenwechsel zu bewegen, schlagen fehl, sodass der Umgangston nun rauer wird. Außerdem kommt erschwerend hinzu, dass der clevere Türsteher ausgerechnet mit Dr. Elizabeth Clay (Kelly Lynch) anbandelt, der Ex von Wesley. Bald nimmt der Konflikt die erste tödliche Wendung und allen Beteiligten wird schlagartig der Ernst der Lage bewusst...

"Ich möchte, dass ihr nett seid. So lange, bis ihr nicht mehr nett sein sollt." - ist nur eine der unzähligen Weisheiten von Dalton (Patrick Swayze), Philosoph und Rausschmeißer auf dem zweiten Bildungsweg, Fachgebiet: dreckige Spelunken mit professionellen Personalschulungen und vollem Körpereinsatz wieder salonfähig machen. Patrick Swayze ist der John Rambo der Kneipenszene, näht sich selbst ohne eine Miene zu verziehen im Hinterzimmer zusammen, trägt die 80er Vokuhila voller Stolz und weiß aus eigener Erfahrung: "Schmerzen tun nicht weh!"

Generell ist Schmerzfreiheit bei "Road House" nicht von Nachteil. Wer auf eine vernünftige Geschichte, sinnvolle Dialoge, gut choreographierte Kampfszenen und geschmackvolle Frisuren Wert legt, sitzt hier am komplett falschen Tresen. Wer sich jedoch genau über solche Fließband-Entgleisungen voll mit schier unglaublichen Absurditäten amüsieren kann, ist im Proll-Action-Wunderland im 80er-Style goldrichtig. Ein Feuerwerk der markigen Oneliner ("Sir zu mir zu sagen ist das gleiche wie ein Plumpsklo im Fahrstuhl einzubauen, das passt einfach nicht."), in dem sich Patrick Swayze mit aller Macht von seinem "Dirty Dancing"-Schmuse-Image freikloppt. Ein zarter Flirt am Rande ist zwischen den Kneipenschlägereien und Martial Arts-Gymnastik am See trotzdem drin. Dieser besteht aus der hübschen Ärztin (Kelly Lynch), die unglaublich angeturnt wird, wenn Dalton vor der Kneipe das Gesocks durch den Staub prügelt. Ja, das könnte alles so schön sein, wenn da nicht der unvermeidliche Oberschurke wäre.

Brad Wesley (Ben Gazzara), der stinkreiche Fiesling, gut zu erkennen am Helikopter und Plantagenbesitzer-Hut, sieht es überhaupt nicht gerne, wenn sich jemand an seinem Eigentum vergreift. Nicht nur die hübsche Ärztin, natürlich ist das ganze Nest gemeint, das unter seiner Fuchtel steht. Wirtschaftlich ist es da sehr sinnvoll, auch noch gut ein Viertel der ansässigen Immobilien in die Luft zu sprengen, um seinen Anspruch als Alpha-Männchen druckvoll zu untermauern. Gut, dass Dalton da nicht alleine in die Schlacht ziehen muss. Unterstützung gibt es von der grauen Eminenz der Kneipen-Schubser-Innung, Sam Elliott als Wade Garrett. Ein unschlagbares Team, mag man denken, bis der Ton merklich rauer wird und einfache Keile als Druckmittel nicht mehr ausreicht. Im letzten Drittel geht es derbe zur Sache und was das heißt, merken Warrett’s Handlanger am eigenen Kehlkopf. Der ohnehin mit Abstand leicht homoerotisch angehauchte Flair des Films bekommt beim blutigen Finale von Dalton und Gegner am See reichlich unfreiwillig-komisches Futter, Road, pardon, Roundhouse-Kicks inklusive, nur ohne Happy End.

"Road House" ist da immer für eine Überraschung gut. Genau genommen ist es ein furchtbar bekloppter, hochgradig lächerlicher und sich dessen wohl nicht im gesamten Ausmaß bewusster Film, gerade deshalb irrwitzig unterhaltsam und in seinem selbstbewussten Auftreten fast schon ein Kunststück. Kann man eigentlich nur lieben oder hassen.

7/10

Samstag, 16. September 2017

Polo de Limón: Roman Za'ir - Lemon Popsicle: Baby Love - Eis am Stiel 5: Die große Liebe (1983)

http://www.imdb.com/title/tt0086926/

Benny verliebt sich unsterblich in Playboy Bobbys kleine Schwester Ginny, die - auch wenn der große Bruder entschieden Einhalt gebieten will - schon kräftig ihre Frau steht. Eine wahre Leidenszeit beginnt für die beiden, während Bobby freilich keine Gelegenheit ausläßt, sich seines lockeren Images würdig zu erweisen. Nur Jonny, der immer kurz vorm Anschneiden der Zuckertorte von einer Pechsträhne verfolgt wird, hat wiedermal ernsthafte Schwierigkeiten auf allen Freispuren. Aber, keine Angst: Flotte Sprüche helfen immer wieder über die Runden...

Einer der schönsten Teile, denn es geht um die große Liebe, eine verbotene Liebe zwischen Benny und der jungen Jeanny, die die kleine Schwester des Draufgängers Bobby ist. Dabei scheint der Ärger natürlich vorprogrammiert zu sein und es entwickelt sich eine Art Romeo und Julia mit Spielort in Tel Aviv. "Baby Love" ist somit ein ganz guter Teil, vor allem, wenn man bedenkt, dass der Klamauk des letzten Teils beträchtlich zurückgefahren wurde und somit eigentlich gar nicht mehr vorhanden ist.

Die Liebesgeschichte zwischen Benny und Bobbys Schwester (die bis dahn noch nie erwähnt wurde) ist ganz süß anzusehen und damit ist es gut, dass dieser Teil wieder etwas ernster wird. Leider sind aber auch die Gags nicht ganz so gelungen sind wie zuvor, denn größtenteils kopieren/wiederholen sie nur das, was in den vorigen Teilen schon in voller Breite ausgerollt wurde. Die Schmonzette, die dadurch auch leider nicht ganz so charmant ist wie die der ersten Teile, rückt viel zu sehr in den Vordergrund und lässt den Spaß, den die Reihe eigentlich verkörpert, etwas in den Hintergrund rücken.

Sogar der Soundtrack ist hier etwas schwächer als zuvor, wenn auch natürlich immer noch ganz in Ordnung. " Lemon Popsicle: Baby Love" ist aber immer noch ein guter Film, der einfach das Problem hat, dass er ein wenig im Schatten seiner großen Vorgänger verkümmert. Er kommt nur in wenigen einfach nicht an diese Messlatte heran und wird zu keinem Zeitpunkt so witzig wie es zum Beispiel "Hasenjagd" oder "Liebeleien" waren.

6/10

The Texas Chainsaw Massacre - Blutgericht in Texas (1974)

http://www.imdb.com/title/tt0072271/

18. August 1973, Texas: Ein Friedhof wurde geschändet, die Leichen aus ihren Gräbern entfernt und zu bizarren Figuren angeordnet. Sally Hardesty (Marilyn Burns) und ihr im Rollstuhl sitzender Bruder Franklin (Paul A. Partain) sind besorgt, dass auch das Grab ihres Großvaters verwüstet wurde. Also reisen sie mit Sallys Freund Jerry (Allen Danziger), ihrer besten Freundin Pam (Teri McMinn) und deren Freund Kirk (William Vail) nach Texas. Als sie feststellen, dass die Ruhestätte intakt ist, fahren sie weiter zu dem alten, verlassenen Hof der Familie Hardesty. Unterwegs nehmen sie einen etwas kauzigen Anhalter (Edwin Neal) mit, den die Gruppe aber aufgrund dessen merkwürdigen Verhaltens wieder auf die Straße setzt. Wenig später erreichen die Freunde eine Tankstelle. Dort bekommen sie zwar kein Benzin, dafür jedoch hat ein alter Mann (Jim Siedow) einen wichtigen Rat: sie sollen umkehren! Doch die jungen Leute schlagen die Warnung in den Wind. Schließlich entdecken Kirk und Pam ein Haus und wollen die Bewohner nach Benzin fragen. Sie ahnen nicht, dass dort das leibhaftige Grauen wohnt: eine degenerierte Sippe, die ihr Heim mit menschlichen und tierischen Überresten dekoriert. Ein Familienmitglied, Leatherface (Gunnar Hansen), trägt Maske und Kettensäge...

Frei nach den grausamen Taten des Massenörders Ed Gein, der in den USA der fünfziger Jahre aktiv war, schuf Tobe Hooper im Jahre 1974 den bis heute wohl bekanntesten aller Horrorfilme: "The Texas Chainsaw Massacre". Und was diesen Film bis zum heutigen Tag so verstörend macht, ist nicht der Gewalt zu verdanken, von der es in einem Film mit dem reißerischen Titel (übersetzt) "Kettensägenmassaker" überraschend wenig gibt, sondern an der nervenzerreißenden Atmosphäre und wie realistisch sich der Film im Vergleich zu so vielen anderen Slashern anfühlt. Schon in den ersten Minuten weiß Regisseur Tobe Hooper eine unvergleichlich ungemütliche Atmosphäre zu erzeugen, als eine Gruppe Freunde dazu einwilligen, einen Fremden auf der Straße in ihren Wagen zu lassen. Doch statt dass wir schon im Voraus wissen, was auf die jungen Erwachsenen zukommt, verzichtet der Regisseur weitestgehend auf gruselige, laute Musik, die dem Zuschauer direkt verrät, dass sie Gefahr erwartet. Genau wie die Gruppe hat das Publikum nicht die leiseste Ahnung, was auf es zukommt, es wirkt fast schon so, als würde man sie auf ihrem Horrortrip begleiten.


Selbst Leatherface, einer der berühmtesten Gesichter im Horror-Genre bekommt keinen großen Auftritt wie so viele andere Killer, sondern kommt ganz natürlich um die Ecke ohne einem aufgezwungenen Jumpscare-Soundeffekt und schlägt genau den Charakter zu Boden, von dem man bei jedem anderen Horrorfilm nicht erwartet hätte, dass er als erstes ins Gras beißt. Genau das macht "The Texas Chainsaw Massacre" so grandios: er hält sich an keine Horrorfilm-Formel, trotz der altbekannten Prämisse. Es gibt keine Heldenmomente; kein überzogenes Drama mit trauriger Musik, wenn einer der Hauptcharaktere weg vom Fenster ist, der ganze Film dreht sich nur darum, zu überleben und dem Wahnsinnigen mit der Kettensäge zu entkommen.


Nicht nur das Setting unterscheidet Hoopers Werk von vorherigen Produktionen, denn The Texas Chainsaw Massacre bricht konsequent mit konventionellen Strukturen und Strategien des Horrorgenres. Statt wohligen Grusel aufzubauen, prägte The Texas Chainsaw Massacre den Begriff des Terrorfilms, der sein Publikum mit größtmöglicher Eskalation konfrontiert, der nicht selten auch eine degenerierte Perversion innewohnt: wo Geister und Vampire noch als Werkzeuge höherer Mächte wirken und ihrem Tun zumindest eine immanente Logik zugrunde liegt, gebären im Terrorfilm Stumpfsinn und Wahnsinn der Menschen groteske Bluttaten, deren Wesen keinerlei Funktion mehr erfüllt, sondern vollkommen sinnlos erscheint. Wo altmodische Horrorfilme unsere Synapsen mit schemenhaften Gruselsymptomen lediglich anregen, agiert der Terrorfilm absolut konkret, überfährt und überfordert uns mit seiner so anarchischen wie stumpfen Direktheit.

Und trotz der über 40 Jahre, die der Film auf dem Buckel hat, gehört vor allem das letzte Drittel des Films zu einer der verstörendsten Sequenzen, die man je gesehen hat. Statt dass der Film den Zuschauer Luft lässt und nur mit seinen blutigen Toden unterhält (die man eigentlich so gut wie gar nicht sieht), wie es so viele Filme heutzutage tun und sich als Slasher ausgeben, terrorisiert der Film auch den Zuschauer selbst. Der Film ist ungemütlich, dreckig, nicht vorhersehbar und schlägt dem Zuschauer oft genug ins Gesicht, sodass man in den letzten Minuten verzweifelt hofft, dass sich für wenigstens eine Person alles zum Guten wendet. Selten fühlt sich ein Horrorfilm so echt an, selten wurde ein Slasher so unkonventionell erzählt und in Szene gesetzt. Hut ab!

8,5/10

Von TURBINE Medien kommt der Film als deutsche Erstauflage ungeschnitten und unzensiert im auf 5.000 Stück limitierten DigiPak auf BD in HighDefintion.

Freitag, 15. September 2017

Johnny Mnemonic - J0HNNY_MN3M0N1C - Vernetzt: Johnny Mnemonic (1995)

http://www.imdb.com/title/tt0113481/

Im Jahre 2021 wird die Welt von High-Tech-Konzernen beherrscht, anarchistische Hacker treiben im globalen Datennetz ihr Unwesen und handeln mit Informationen, dem wertvollsten Gut überhaupt. Die Hälfte der Erdbevölkerung leidet am "Nerve Attenuation Syndrom" (NAS), für das es bisher kein Heilmittel gibt. Johnny (Keanu Reeves) ist ein mnemonischer Kurier und schmuggelt gestohlene Daten mittels einer in seinem Gehirn implantierten Speicherkarte. Ein mächtiger Pharmacom-Konzern beauftragt ihn, 320 Gigabyte an wichtigen Information von Beijing nach Newark zu bringen, was seine Kapazitäten jedoch weit überschreitet. Obwohl eine Überlastung seines Gehirns seinen Tod bedeuten könnten, nimmt er den Auftrag an. Geplagt von Flashbacks seiner Kindheit, die er zugunsten eines größeren Datenspeichers geopfert hat, bleiben Johnny nur noch 24 Stunden um die Informationen aus seinem Kopf zu bekommen. Doch das erweist sich als schwieriger als erwartet, denn plötzlich sind ihm nicht nur die Besitzer der Daten hinter ihm her, sondern auch eine Untergrundorganisation, die ein Heilmittel für NAS in den verschlüsselten Informationen vermutet...

"Johnny Mnemonic" ist, einfach geschrieben, eine dünne Story geschickt verpackt in eine interessante Aufmachung. Der Actionfilm basiert auf der Kurzgeschichte "Der mnemonische Johnny" von William Gibson, der dem Science-Fiction Sub-Genre Cyberpunk angehört. Nachdem dessen Roman "Neuromancer" ein enormer Hit wurde, haben die Fans eine Verfilmung dessen ungeduldig erwartet, obwohl es hieße, dass Gibsons Werke nicht als Film funktionieren würden. Es wurde viel spekuliert und Gerüchte in die Welt gesetzt um vermeintliche Verfilmungen, bis sich zwei sogar wirklich als Neuromancer-Verfilmungen entpuppten. Die eine ist "Johnny Mnemonic" und die andere stellte sich schließlich als "The Matrix" heraus. In beiden spielt Keanu Reeves die Hauptrolle. Zum Ärger der Fans wurden jedoch nur Figuren und Schauplätze der Kurzgeschichte "Der mnemonische Johnny" verwendet, die Handlung der Protagonisten wurde gänzlich verändert und so fielen die Kritiken auch ziemlich vernichtend aus.

Wenn man aber weder die Kurzgeschichte noch irgend einen Roman dazu gelesen hat, relativiert sich alles. Die Kulissen von "Johnny Mnemonic" sind tatsächlich phantastisch gestaltet, auch die Kostüme von J-Bone (Ice-T) und seiner Crew waren (für die Zeit) nahezu genial. Besonder gefällt jedoch die Aufmachung der Computervernetzungen, diese ganze Animation und die gemalten, comicartigen Bilder, die hin und wieder im Film zu sehen sind. Der Film stammt aus den 90ern und man bekommt komischerweise aber immer das Gefühl, einen 80er Jahre Klassiker zu sehen, was im Grunde ziemlich cool ist. Die Storyline hingegen ist ziemlich platt. Sie beginnt mit einem richtig spannenden Einstieg, verläuft irgendwann im Mittelteil zu sehr in Herumgerenne und einsilbigen Dialogen und findet auch bis zum Ende nicht komplett zu alter Form zurück. Es ist so simpel wie möglich: Johnny muss seine Daten aus dem Kopf kriegen und läuft von einer Station zur nächsten. Klar gibt es währendessen ein wenig  Action zu sehen, diese flaut jedoch schneller ab, als sie gekommen war.

So dümpelt der Film ein wenig dahin, kann jedoch mit einem spannenden Showdown wieder etwas an Fahrt gewinnen. Hauptdarsteller Keanu Reeves spielt nicht überragend, aber auch nicht schlecht. Neben Dina Meyer und Dolph Lundgren (den man anfangs kaum erkennt), Takeshi Kitano und Udo Kier liefert er aber immer noch eine ganz passable Performance ab, während einem alle anderen Darsteller nahezu "verheizt" vorkommen, da sie nur wenig bis gar nicht beleuchtet werden. Seis drum, "Johnny Mnemonic" unterhält, wenn auch nur knapp über dem Mittelmaß. Die Ausarbeitung der Cyberwelt ist dafür ein wahrer Hochgenuss.

6,5/10

Von TURBINE Medien kommt der Film als Erstauflage im auf 1.000 Stück limitierten Mediabook und weltweit erstmalig auf BD in HighDefintion, inkl. der japanischen Langfassung (OmU).

Dienstag, 12. September 2017

Body Of Lies - Der Mann, der niemals lebte (2008)

http://www.imdb.com/title/tt0758774/

Der CIA-Agent Roger Ferris (Leonardo DiCaprio) arbeitet undercover im Nahen Osten. Seine Aufgabe ist es, den USA wichtige Informationen im Kampf gegen den Terrorismus zu verschaffen. Dabei wird er von seinem Verbindungsoffizier Ed Hoffman (Russell Crowe) von Langley aus mit Instruktionen versorgt. Mit dem Mobiltelefon am Ohr und den Augen auf dem Satellitenschirm, der jede Bewegungen von Ferris erfasst, ist Hoffman stets live mit dabei. Als Europa von mehreren schweren Bombenanschlägen erschüttert wird, soll Ferris die Urheber aufspüren. Er versucht, das Netzwerk des Terrorchefs Al-Saleem (Alon Aboutboul) zu infiltrieren, jedoch ohne einen entscheidenden Schritt voranzukommen. In Jordanien sucht er deswegen die Zusammenarbeit mit Hani Salaam (Mark Strong), dem zwielichtigen Chef des jordanischen Geheimdienstes. Ferris muss Salaam vertrauen, um an Ergebnisse zu kommen. Doch sein Vorgesetzter Hoffman hat andere Pläne für die Operation...

"Ein Menschenleben ist oft nicht mehr Wert als die Information, die man aus diesem herausquetscht!" - allein mit dieser Aussage im Film ist "Body Of Lies" auch nach fast 10 Jahren noch ein leider allzu aktueller Film zum großen "Schachbrett des Terrors". Hier sind Menschenleben nicht viel wert, im Gegensatz zu Informationen, wen man als nächstes gegeneinander ausspielen, foltern oder töten muss, um an die nächsten Informationen zu kommen, bis man der Hydra endlich wieder mal einen Kopf abschlagen kann.

Der Agenten-Action-Thriller von Altmeister Ridley Scott spielt auf sehr hohem Niveau, sodass man es sich kaum leisten kann auch nur eine Minute zu verpassen. In gewohnter Scott-Qualität, sehr stylish, durchdacht und modern in Szene gesetzt - wie man es erwarten würde. "Body Of Lies" ist aber nicht nur deswegen ein sehr guter Film. Er versucht, das Handeln und Denken der USA mit ihrer Nahost-Politik anschaulich darzustellen, welches bestimmt wird von Paranoia, Weltführungsanspruch und teilweise sogar verzerrter Wahrnehmung der Realität. Dazu kann Scott mit seinem Schauspielgespann Russell Crowe und Leonardo DiCaprio aus dem Vollem schöpfen, die beide mit einer sehr starken Leistung aufwarten. DiCaprio kann als Agent, dessen Ansichten zum Erreichen des großen Ziels langsam ins Straucheln geraten, souverän überzeugen. Crowe schiebt auf dem Schachbrett, welches augenscheinlich mehr als 64 Felder zu haben scheint, die Figuren von der amerikanischen Seite aus ins Spiel. Sein Charakter ist recht selbstgefällig, skrupellos und nicht weniger fanatisch. Seine Schach-Figuren bewegt er oft ganz beiläufig, während er sich um seine Kinder kümmert, sie zur Schule bringt und dabei wie selbstverständlich über Exekutionen spricht oder nur frühstückt. Die daraus resultierende und kalkulierte Ineffizienz zwischen beiden führt dazu, dass selbst der jordanische Geheimdienst mit seinen begrenzten Mitteln zum Erfolg kommt, während die Amerikaner eher das Bild von Hazardeuren abliefern. Das dürfte der Realität überraschend nahe kommen - man merkt schlicht, dass hier nicht Michael Bay Regie führt.

Matchwinner des Films ist aber mal wieder ganz klar Mark Strong als Leiter des jordanischen Geheimdienstes, der 'Fingernagelfabrik'. Seine Aura gleicht der eines lauernden Raubtieres, elegant in der Erscheinung, immer bereit zum tödlichen Sprung. Eine geniale Vorstellung. Im Film wird immer wieder gesagt, dass "in diesem Mist niemand unschuldig sei", und genau darauf wird es hinaus laufen. Der Plot des gut zweistündigen Films ist offensichtlich durchdacht und hochspannend, wenn auch manchmal etwas weit hergeholt. Jedoch fällt dies gegenüber der ansonsten hohen Qualität und der Kernaussage von "Body Of Lies" kaum ins Gewicht. Es ist ein leicht nachhaltiger Agenten-Thriller mit sehr gutem Cast in geleckter Optik, brisant, elektrisierend und verzwickt, aber sicherlich auch 10 Minuten zu lang.

8/10