Mittwoch, 27. Juli 2016

Videodrome (Unrated Director's Cut) (1983)

http://www.imdb.com/title/tt0086541/

Der Kabelsender-Betreiber Max Renn (James Woods) stößt bei seiner immerwährenden Suche nach gewalttätigen und pornografischen Sendungen auf den Piratensender "Videodrome", der entsprechend explizites Material ausstrahlt. Max' Mitarbeiter Harlan (Peter Dvorsky) findet heraus, wo "Videodrome" produziert wird. Das Programm des Senders fasziniert Max so stark, dass er mit den Leuten dahinter unbedingt Kontakt aufnehmen will. Dabei hilft ihm seine Bekannte Masha (Lynne Gorman), die ihm aber explizit davon abrät, tiefer in die Materie einzusteigen. Denn hinter dem Projekt "Videodrome" steckt viel mehr, als Max auch nur ahnt. Er lässt sich von den Warnungen aber nicht abhalten, seine Nachforschungen voranzutreiben. Dadurch gerät Max immer tiefer in den Einflussbereich einer Macht, die seine Wahrnehmung und seine Identität unwiederbringlich verändert.

Wieder einmal dreht David Cronenberg einen Film über Eskapismus, diesmal in Form des Fernesehns, als Flucht aus der Realität die unweigerlich in der Selbstzerstörung endet. Sein "Videodrome" ist seiner Zeit inhaltlich beängstigend weit voraus und ist ein Blick in eine Zukunft, welche heute wohl näher ist als je zuvor. Denn zum einen weist "Videodrome" hier bissige satirische Züge vor: der Mensch als Endabnehmer einer endlosen, und vor allem undurchsichtigen Produktionskette, als blinder Wiederkäuer. Wie der, auf Neudeutsch so schön als "Content" bezeichnete Inhalt entsteht ist hinter einem dunklen Vorhang verborgen – wir, die Abnehmer, sehen nur das fertige Endprodukt auf unseren Bildschirmen und wollen auch nur das. Und bitte immer extremer. Und bitte immer mehr. TV und Medien sind überall, die Menschen süchtig danach. Unterhaltungs-Shows werden immer hirnloser, skandal-/zeigefreudiger und drastischer. Pay-TV ist gang und gäbe. Und je dubioser und abgedrehter, desto besser, je näher die Illusion an der Realität ist, umso mehr beißen wir an. Folgen blind und wollen uns hinein flüchten, weil es sich so schön von unserem 'langweiligen' Leben unterscheidet.

Doch Cronenberg nutzt diese Betrachtung des medialen Konsumverhaltens, welche hier angenehmerweise aus zwei Seiten beleuchtet wird, da der Protagonist Max sowohl Produzent als auch Konsument zugleich ist, nur als Fundament für eine weitere, nochmals wesentlich spannendere Ebene: Was, wenn die Illusion zu unserer Realität wird? Wenn die Grenzen verschwimmen? Wenn wir unser Umfeld ausblenden und Eskapismus mehr Gewicht als die Wahrnehmung der echten Welt bekommt? "Videodrome" ist ein interpretativ kaum zu packender Koloss von Film. Ein organisches Monstrum vollgesogen mit der Anziehungskraft der Widerwärtig und Irrsinnigkeit.

Cronenberg läd den Zuschauer dennoch dazu ein, jedes Bild zu hinterfragen und somit auch den Film und seinen Sinn und Zweck zu erfassen; er läd den Zuschauer dazu ein, kritisch zu sein, selbstständig Nachzudenken. Aber man kann den Streifen nicht so eindeutig verstehen, weil er kaum oder keine Antworten gibt und daher auch nicht verstanden werden möchte. Die Handlung ist trotz des fragwürdigen Sinnes dahinter, getragen von echtem Bodyhorror und Psychoterror, extrem spannend. Die handgemachten Effekte sind Cronenberg-typisch und sogar aus heutiger Sicht genial; geradezu zeitlos. Diese sind hier so drastisch, das man eine Indizierung sogar verstehen kann. Die harsche Medienkritik wird wohl auch einen großen Teil zu dieser beigetragen haben. "Videodrome" ist ein Film, der weit weg von gängigen narrativen Mitteln den Wahnsinn eines Mannes und eines Systems präzise einfängt, ein Film der bis heute aktuell ist, ein Film als Warnung. Ja, "Videodrome" ist ein wahres Scheusal von Film und vielleicht deswegen auch so verdammt faszinierned.

7,5/10

Von KOCH Media erschien der Film im limitierten (und indizierten) Mediabook. Dieses beinhaltet die Kinofassung und den "Unrated Director's Cut" des Films.