Sonntag, 18. Januar 2015

Carrie (2013)

http://www.imdb.com/title/tt1939659/

Carries (Chloë Grace Moretz) Leben ist die Hölle. Von einer strenggläubigen Mutter (Julianne Moore) wird sie drangsaliert und in Verweigerung jeder Körperlichkeit im Unwissen über ihre beginnende Pubertät gelassen. In der Schule ist das stets bieder gekleidete Mädchen das Opfer von Hohn und Spott. Als Carrie einmal besonders verzweifelt ist, bemerkt sie, dass sie telekinetische Kräfte besitzt. Die neu gewonnene Kraft gibt ihr das nötige Selbstbewusstsein, um sich von ihrer Mutter zu emanzipieren und sogar am Abschlussball ihrer Schule teilzunehmen. Doch ihre Mitschüler haben sich eine ganz besonders gemeine Überraschung für sie ausgedacht. Der Schock entfesselt übermenschliche Kräfte.

"Carrie" gab es schon einmal. 1976 verkörperte Sissy Spacek die junge Dame, das Mobbingopfer, die von allen verlachte junge Frau, die von ihrer religiös-fanatischen Mutter in die Grenzen der 10 gebote gezwungen und gehalten wird. Nun war es 37 Jahre später an  der Zeit für eine Neuauflage. Und ich muss gestehen, auch wenn ich sehr wenig von Remakes halte (weil, warum sollte man einen großartigen Film aufhübschen und neu verfilmen?), für mich persönlich war die aktuelle Version von "Carrie" ein großartiger Film, der mich sehr gefesselt hat. Ich habe versucht, den Film völlig losgelöst vom Original zu betrachten und dementsprechend auch zu beurteilen. Warum konnte ich das? Nun, "Carrie" ist ein Sozialdrama mit paranormalen Horrorelementen und kein Horrorfilm im eigentlichen Sinne. Dass ist allerdings nichts Neues, denn schon Stephen Kings Romanvorlage war als gruselig angehauchtes Sozialdrama angelegt und nicht als klassischer Horrorroman. Dass "Carrie" seit jeher fälschlicherweise als Horrorthriller klassifiziert wird, führt natürlich bei vielen zu falschen Erwartungen.

Der 2013er "Carrie" ist mehr als 08/15-Horror und allein das macht ihn für mich schon an sich attraktiver als die Version von 1976, bei der teilweise sogar krampfhaft versucht wurde, ihn so gruselig wie möglich zu machen, was allerdings nicht im Sinne des Erfinders ist. In der hiesigen Adaption ist Carrie menschlicher als in der ersten Fassung. Sie ist ein Mädchen, das von zwei Seiten her schrecklichen Umständen ausgesetzt ist und daran mit der Zeit zerbricht. Auf der einen Seite steht die von religiösem Wahn getriebene psychopathische Mutter, die Carrie unterdrückt, in ihrer Entwicklung hemmt und vom gesellschaftlichen Leben abkapselt, wobei auch psychische und physische Gewalt nicht ausbleiben (Im neuen Film wird der religiöse Wahn erfreulicherweise so dargestellt, wie er auch in der Realität meist ist: absurd und gegen das gerichtet, was der Glaube eigentlich aussagt, und nicht als logische Konsequenz christlicher Überzeugung. Auf der anderen Seite stehen Carries Mitschüler(innen), die sie brutalst schikanieren und mobben, da sie durch ihr Anderssein, welches größtenteils aus der mütterlichen Erziehung resultiert, ein gefundenes Fressen für die wilde Meute ist. Durch diese Einflüsse wird Carrie zu einem immer ängstlicheren und scheuen Mädchen. In einem Moment äußerster Verzweiflung (die berühmte Duschraumszene) entdeckt Carrie erstmals ihre übernatürliche Begabung zur Telekinese, die sie im Laufe des Films immer verdichteter zum Einsatz bringt, um sich gegen die feindliche Umgebung zu schützen, in der sie aufwächst. Bemerkenswert ist, dass die Telekinese im Film eher nebensächlich ist und erst gegen Ende in den Vordergrund des Geschehens rückt.

Darstellerisch ist dieser Film mit wenigen Abstrichen als grandios zu bezeichnen. Die wundervolle Chloë Grace Moretz beweist mit ihrer Darstellung der Carrie wohl endgültig, dass sie eine der besten Schauspielerinnen unserer Zeit und vor allem ihres Alters ist. Sie spielt so grandios, dass man ihr ihre Rolle von Anfang an abkauft und voll mit Carrie mitfühlt. Als sie dann am Ende des Films jenes legendäre Blutbad anrichtet, kann man ihr dies fast nicht verübeln, da sie von Anfang an die eindeutige Sympathieträgerin ist. Einfach großartig! Mit Julianne Moore ist auch die Rolle der psychopathischen Mutter perfekt besetzt. Moore gelingt es, dem Zuschauer von Beginn an unsympathisch und unheimlich zu sein. Als sie dann später völlig überschnappt, wird klar, dass sie zusammen mit den Mitschülerinnen, allen voran Chris, der wahre Anthagonist in diesem Film ist.

Ein nächstes Kriterium sei die Nähe zur Buchvorlage. Stephen King schrieb "Carrie" als seinen sechsten Roman, es war jedoch der erste der veröffentlicht wurde. Das war 1974, also vor knapp 40 Jahren. Kimberley Peirce, die Regisseurin des neuen Carrie-Films, hat den Stoff der Romanvorlage in unsere Zeit transportiert, wodurch die Geschichte um einige Details, vor allem was das Mobbing angeht, ergänzt bzw. verändert wurde. Im Zeitalter digitaler Medien nimmt Mobbing nämlich mitunter weitaus grausamere Ausmaße an, als es früher möglich gewesen wäre (zum beispiel das YouTube-Video der Tampon-Aktion). Insgesamt ist der Film jedoch sehr nah an der Romanvorlage orientiert und bringt die Botschaft derselben wunderbar herüber.

Die neue "Carrie" ist ein großartiger Film über Mobbing, religiösen Wahn und die Verletzlichkeit der menschlichen Seele, der natürlich ein paar kleine Schwächen hat, mit Chloë Moretz und Julianne Moore in den Hauptrollen aber perfekt besetzt und durch Einsatz diverser Filmtechniken fantastisch inszeniert ist. Einzig dass der Stoff schon einmal so dagewesen ist, beschert dem Remake einen halben Punkt Abzug.

7/10