Montag, 30. April 2018

ゴジラの逆襲 - Gojira No Gyakushû - Godzilla Raids Again - Godzilla kehrt zurück (1955)

https://www.imdb.com/title/tt0048127/

Nach einer Bruchlandung auf einer verlassenen Insel entdecken zwei Piloten die Monster Godzilla und Angilus, die erbittert miteinander Kämpfen und dann ins Meer fallen. Als sie zurück in Japan sind und darüber berichten, dass ein neuer Godzilla aufgetaucht ist, gehen die beiden Monster schon kämpfend in Ôsaka an Land...

Nur ein Jahr nach seinem gelungenen Debüt besucht Godzilla Japan erneut. Dieses Mal hat er einen seiner Feinde, Anguirus, im Schlepptau, einen gigantischen Igelverschnitt. Der Einstieg in den Film spart sich den Vorlauf und ist deutlich rasanter, dafür ist die Atmosphäre weniger bedrohlich, was nicht zuletzt an den schwächeren menschlichen Charakteren der Handlung liegt, die einem irgendwie doch recht egal sind. Der Ort des Geschehens ist dieses Mal Japans Ferienmetropole Osaka, ein gutes Stück südwestlich von Tokyo. Der Kampf der beiden Riesenmonster ist dann zwar gut inszeniert, aber nach der Hälfte der Laufzeit leider schon erledigt. Ab dem Zeitpunkt baut der Film leider dramaturgisch ziemlich ab. Die ohnehin sehr halbherzige Liebesgeschichte drängt sich in den Vordergrund und die Figuren befassen sich mit persönlichen Nebensächlichkeiten in einer ausgelassenen Friede-Freude-Eierkuchen-Stimmung, nur weil Godzilla mal kurz ein Päuschen einlegt. Osaka, vor Stunden noch ein flammendes Inferno, nun in Schutt und Asche, aber das scheint wohl erstmal niemanden zu kümmern. Schließlich kommt doch noch ein wenig Action rein, aber nicht viel Spannung, wenn es - ein wenig monoton - minutenlang heißt: Godzilla vs. eine Menge Flugzeuge.


Motoyoshi Oda drehte glücklicherweise nur diesen und danach auch keine weiteren Godzilla-Filme mehr. Es sollte ganze sieben Jahre dauern, bis Godzilla auf die Leinwand zurückkehrte. Der Film wurde, wie schon im ersten "Godzilla", in schwarz/weiß gedreht und dadurch stechen die Nachbauten und Kostüme nicht ganz so stark hervor. Die zweifarbigen Bilder wurden aber nicht dafür genutzt, um eine düstere Athmosphäre zu erzeugen, wie es 1954 getan wurde, sondern um Unterhaltung zu liefern, was in den weiteren Godzilla-Filmen noch weiter getrieben wurde. Auch das Fehlen der Musik von Akira Ifukube trägt hierzu bei, denn die musikalische Untermalung von Masaru Sato fällt im Vergleich weniger martialisch aus und macht sich im Film meistens eher rar. Insgesamt funktioniert dieses erste Zusammentreffen Godzillas mit einem anderen Riesenmonstern weder als ernsthafter Monsterschocker wegen entsprechend fehlender Atmosphäre noch als durchgängiges Spaßwerk wegen einiger Längen so richtig, aber ein gewisses Unterhaltungspotential ist vorhanden.

6/10

Donnerstag, 26. April 2018

[KINO] Avengers: Infinity War - The Avengers: Infinity War 3D (2018)

http://www.imdb.com/title/tt4154756/

Während die Avengers immer wieder damit beschäftigt waren, die Welt vor Gefahren zu beschützen, mit denen ein einzelner Held alleine nicht fertig wird, ahnten sie nicht, dass im Schatten des Alls jemand die Strippen zog. Doch nun tritt dieser intergalaktische Despot ans Licht: Thanos (Josh Brolin) hat das Ziel, alle sechs Infinity-Steinen zu sammeln. Diese Artefakte würden ihm unglaubliche Macht verleihen und die Realität nachhaltig verändern. Iron (Robert Downey Jr.), Captain America (Chris Evans), Thor (Chris Hemsworth) und ihre Mitstreiter müssen erkennen, dass alles, wofür sie bislang gekämpft haben, in Gefahr ist. Das Schicksal der Erde hängt davon ab, dass sie sich trotz aller Differenzen und auch ausgetragener Kämpfe nicht nur noch einmal zusammenraufen, sondern auch neue Verbündete finden - etwa die Guardians Of The Galaxy um Star-Lord (Chris Pratt), Gamora (Zoe Saldana) und Drax (Dave Bautista)…

Nachdem der letzte MARVEL-Film "Black Panther" allen Skeptikern ins Gesicht schlug und mal eben ein paar Rekorde, unter anderem als erfolgreichster (aber nicht bester!) MARVEL-Film einfuhr, warteten alle Fans nun gespannt auf den schon vor langer Zeit angekündigten Showdown in "Avengers: Infinty War". Und mit fast schon banaler Leichtigkeit schaffte es auch dieser Streifen im Vorfeld auf ein paar Rekorde zu brechen, denn die Vorverkaufszahlen schnellten nach Bereitstellung der Kinokarten in unermessliche Höhen und verwiesen erneut DC-Fanboys und gleichzeitige MARVEL-Hater in ihre Schranken, die über soziale Plattformen schon wieder zum Boykott des neuen Superlativenfilms aufgerufen hatten - und damit erneut kläglich scheiterten. Warum auch? Entweder ist ein Film gut oder schlecht - die Wertung ergibt sich von allein. Da ist weder Boykott noch willentlicher Hass notwendig, nur weil es MARVEL eben besser macht als DC. Aber na gut. Die Fangemeinde immerhin lies sich nicht darauf ein und bescherte "Avengers: Infinty War" einen grandiosen Kinostart.


"Wir sind jetzt im Endspiel", sagt Benedict Cumberbatchs Doctor Strange im letzten Abschnitt des bis dahin schon unbestreitbar epischen "Avengers: Infinity War" - und mehr als in jedem anderen von Comics abgeleiteten Superhelden-Gebräu, das man erwähnen könnte, gibt es auch nur einen Hauch einer ähnlichem Tragödie in einem Franchise, das für Millionen von Fans eine ähnliche Rolle zu spielen scheint wie die Mythologie für die Griechen. Dieser grandiose, brachiale (vorläufige) Abschluss zu einem für manche Kinogänger schon überfüllten Bereich des allgemeinen Superhelden-Universums ist eine Drei-Komponenten-Mischung aus großartigem Witz, spannender Dramatik und durchweg deterministischer Action, insgesamt eine Gleichung, die bis zum Finale komplett umgedreht wird und den wahrlich überraschenden, nahezu schockierenden Höhepunkt des Films bildet. "Think Big" war und ist zweifelsohne der passendste Satz hier - für Budget, Umfang, Bildgewalt und vermutlich auch Größe des globalen Publikums.

Zurück in Zeiten Hollywoods großer Studiohochzeiten rühmte sich die großartigste Gesellschaft von allen, MGM, einmal "mehr Sterne zu haben, als es im Himmel gibt". Nun, MARVEL könnte dieses Argument wohl heute ebenso machen, und dabei ist fast alles aus diesen Hause oft nur Vorgeplänkel gewesen, ausgerichtet auf größere filmische Abschlüsse, in denen sich dann Hauptcharaktere begegnen und deren erste Hälfte im Grunde lediglich darauf ausgerichtet ist, eine semikohärente Art zu finden, sie in dasselbe dramatische Kartendeck zu mischen. Aber wie schaffen es nun Ultra-Egoisten wie Benedict Cumberbatchs Doctor Strange, Iron Man von Robert Downey Jr., Thor von Chris Hemsworth, Chris Evans' Steve Rogers, Tom Hollands Spider-Man und sogar Chadwick Bosemans ruhigeren Black Panther sich das heroische Scheinwerferlicht miteinander zu teilen, während es hier auch einige Wagnisse und Heldentaten erfordert, die von mindestens einem weiteren Dutzend Charakteren mit ungewöhnlichen Talenten ausgeführt werden?


Die scharfsinnige Antwort der Autoren Christopher Markus und Stephen McFeely und der Regisseure Anthony und Joe Russo unter der Leitung von MARVEL-Film-Meister Kevin Feige ist es, diesen Stau der Egos anzuerkennen und das Publikum beim Aufeinandertreffen dieser Charaktere zum Lachen zu bringen. Dieser Effekt ist sowohl weit gestreut als auch präzise, kalkuliert und witzig genug, um zunächst entwaffnend und letztlich einschmeichelnd für den Zuschauer zu sein. Mit begrenzterer Bildschirmzeit als sie es vielleicht gewohnt sind und noch begrenzterem Bewegungsspielraum, bringen die Schauspieler und Charaktere One-Liner und scharfe Bemerkungen mit einer Extraschippe sarkastischer Verachtung. Sie schießen mit ihren heroischen Charakterzügen aber deswegen nicht übers Ziel hinaus, und darunter findet man doch weit mehr subtile Kommentare (nicht so subtil im Fall von Mark Ruffalos und Chris Evans' Rollen) über die Frustration, zwei unterschiedliche Persönlichkeiten im Leben zu sein. Allein mit dem Zusammentreffen der "Avengers" und den "Guardians Of The Galaxy" schlug MARVEL hier also erst einmal eine Richtung ein, die versucht, klamaukigen und sarkastischen Witz zu vereinen. Und dies gelingt mit nur einem Schriftzug.

Doch bei "Infinity War" ist längst nicht alles so witzig. Im Gegenteil. Schon sehr früh kommt auch das tragische Element zum Tragen, lässt so manchen Zuschauer sicher mit offenem Mund dasitzen und es multiplizieren sich nach und nach Vorahnungen, die Doctor Strange dann auch artikuliert. Für all die Action - und davon gibt es reichlich -, die die Superhelden hervorbringen, ist der Mann, der hier die Handlung steuert, der bisher immer nur angedeutete, aber nie zentrale Thanos, der hervorragend von Josh Brolin gespielt wird. Thanos, ein in sich brütender Titan - "The Mad Titan" -, dessen erklärtes Ziel es ist, die Ordnung im Universum wieder herzustellen, auch wenn das bedeutet, dass erst einmal 50% zufällig ausgewählter Wesen daran glauben müssen. Und genau für diesen Weg zur universellen Dominanz benötigt er sechs "Infinity-Steine". Jeder dieser verschiedenfarbigen Edelsteine verleiht unterschiedliche Kräfte - und fast jeder tauchte in einem der voran gegangenen MARVEL-Filme schon einmal auf. Und eines ist von Beginn an klar: wenn er sie bekommt (und mit seinen "Infinity-Gauntlet, einem riesigen metallenen Handschuh, vereint), wird er immer unschlagbarer. Aber Thanos ist nicht einfach nur stark, er bringt zusammen mit seiner Entschlossenheit und rohen Gewalt auch eine philosophische Intelligenz mit und verleiht sich selbst damit eine gewissen Tiefe, die für MARVEL-Bösewichter eigentlich eher ungewöhnlich ist.


Die imposante und unbestreitbare Gefahr, die Thanos damit darstellt, und die Art und Weise, wie er mit jedem Stein, den er erwirbt, exponentiell zunimmt, wird nach einiger Zeit ziemlich ernst. Was also als durchaus ernste Bedrohung beginnt (die End-Credits-Sequenz von "Thor: Ragnarok" hatte diese bereits angeteasert) - mit der riesigen Auswahl an Comicfiguren, die ihre Rollen tragen, inklusive eines Bruce Banners im mittleren Alter, der humorvoll so außer Übung ist, dass er sich gar nicht mehr in den Hulk verwandeln kann, oder eines Tony Stark, der noch einmal mit Gwyneth Paltrows Pepper Potts scherzt, oder sogar Tom Hollands Peter Parker, der hier wieder so kindisch aussieht, dass er sich zu fragen scheint, was er in dieser Gesellschaft macht. Dave Bautistas Drax stiehlt dafür erneut jede Szene, in der er ist; Scarlett Johansson und Don Cheadle bekommen absolut nichts Neues oder Originelles zu tun; Chris Evans versucht, seine "Captain America"-Zeit hinter sich zu lassen - verwandelt sich im Laufe des Films in etwas wirklich Bedrohliches und Grimmiges, etwas, das in der Tat ernst genommen werden muss - und sogar die Aussicht, dass das Böse gewinnen kann.

Markus und McFeely haben alle drei "Captain America"-Filme geschrieben und nun "Avengers: Infinity War" einen geschickten, witzigen, manchmal glitzernden Touch verliehen, der Humor verbreitet und verhindert, dass dieser lange Film jemals schwergängig wird. Die Russo-Brüder haben bei den letzten beiden "Captain America"-Filmen Regie geführt und bringen noch einen etwas fluffigen Ansatz dazu, der verhindert, dass die Action hier ernsthaft nachlässt. Und das Ausmaß dieser Action ist erstaunlich. Einige davon befindet sich im Weltraum oder in verschiedenen Bereichen desselben, während andere Szenen in New York und anderswo auf der Erde spielen. Wenn der intergalaktische Konflikt in Wakanda, der afrikanischen Heimat von Black Panther, endet, ist das ein kleiner Anfang, zumindest lässt sich das erhoffen, denn vermutlich wird jeder, der diesen Film gesehen hat, nach diesem Finale einen riesigen Diskussionsbedarf haben - auch wenn die nicht minder erschütternde After-Credits-Sequenz noch etwas Erfreuliches anteasert.


Aber ein weiterer dramatischer roter Faden, der sich durch die schon zu Beginn teilweise sehr überbordernde und daher manchmal unübersichtliche Handlung zieht, ist die bis dahin etwas in den Hintergrund gerückt Gestalt von Vision (Paul Bettany), der den letzten, entscheidenden Infinity-Stein besitzt und sich mit Elizabeth Olsens Wanda Maximoff / Scarlet Witch nach Schottland aufgemacht hat, bevor beide von der "Black Order", Thanos "Heeresleitung" aufgespürt wird. Die "Black Order" (oder auch "Thanos' Kinder") ist der größte Schwachpunkt der Story. Wer die Comics nicht kennt ist völlig aufgeschmissen, hat er doch kaum Möglichkeit zu erkennen, wer nun  Ebony Maw (Tom Vaughan-Lawlor),  Cull Obsidian (Terry Notary), Proxima Midnight (Carrie Coon) und Corvus Glaive (Michael James Shaw) überhaupt sind, wo sie herkommen und warum sie Thanos helfen. Vorher traten sie nie in Erscheinung und m an kann sie nun schulterzuckend einfach hinnehmen als das was sie sind: superböse Helfer des Titanen. Das ist etwas schade, denn gerade die "Black Order" hätte etwas mehr Hintergrund benötigt. Doch in dem mit 149 Minuten sowieso schon sehr langen (aber nie langatmigen!) Streifen... wo wäre dafür noch Platz gewesen? So kennt man die 4 Bösewichter im Film kaum beim Namen und wenn man ihn doch mal aufschnappt hat man ihn gleich wieder vergessen.

Aber nach Thanos ist die wichtigste Figur von allen, und die Figur, die der Geschichte in "Avengers: Infinity War" viel von ihrer tragischen Statur verleiht, Zoe Saldanas Gamora, die Adoptivtochter von Thanos. Die Beziehungskiste der beiden wird in Rückblenden erzählt, die allmählich aus dem fernen Hintergrund auftauchen und eine gewichtige Rolle spielen - sowohl in der Handlung als auch in der ultimativen thematischen Resonanz des Werkes. Die Art und Weise, wie Saldana hier ihre Gamora spielt, ist höchst dramatisch und zu dem Zeitpunkt, in der Thanos und Gamoras Beziehung wirklich in den Mittelpunkt rückt, hat sich der Film bereits ziemlich merkwürdig von einer leichtfüßigen, spaßigen Stimmung zu einer der klassischen Tragödie verschoben - eine nicht gerade unbedeutende Leistung in einer von Comics abgeleiteten Unterhaltung.


Und ohne spoilern zu wollen, ist dann auch das Finale von "Avengers: Infinity War" erschreckend, und kein MARVEL-Fan wird gehen, bevor der lange Abspann dem traditionellen Teaser am Ende Platz macht, was das Ende des Films an sich noch einmal verstärkt, indem er noch mehr Fragen aufstellt und tatsächlich keine Antworten liefert. Dies wird auch sicher das erwünschte Ergebnis erreichen, dass Millionen von Fans darüber diskutieren, was dies alles bis zum nächsten Film, der erst in einem Jahr, genauer: am 25. April 2019 in die Kinos kommt, bedeuten könnte. Alles, was der Zuschauer sicher weiß, ist, dass hier alles passieren kann. Und somit stellt sich keine Frage, denn kaum zwei Monate nach der Veröffentlichung von "Black Panther" ist MARVEL (und natürlich Disney) mit einem weiteren der teuersten Filme, die je produziert wurden, zurückgekehrt und hat einen weiteren der größten Werbespots aller Zeiten hervor gebracht. Dieses Franchise wird in absehbarer Zeit garantiert nicht verschwinden. So viel ist sicher.

9/10

Montag, 23. April 2018

[KINO] A Quiet Place (2018)

https://www.imdb.com/title/tt6644200/

Nichts ist mehr so wie früher, seit die Erde von mysteriösen, tödlichen Aliens überrannt wurde, denen Kugeln und Bomben nichts anhaben. Die Kreaturen sind außerdem deswegen so gefährlich, weil sie durch die leisesten Geräusche angelockt werden. Nur wenige Menschen wurden bisher nicht von den Monstern getötet – zu den Überlebenden gehört die Familie von Lee Abbott (John Krasinski). Er hat sich, seiner Frau Evelyn (Emily Blunt) und den drei Kindern Reagan, Marcus und Beau (Millicent Simmonds, Noah Jupe, Cade Woodward) die ganz wichtige Regel auferlegt, bloß keine Geräusche zu machen! Am 89. Tag der Invasion ist die Familie, die sich nur durch Zeichensprache verständigt, im verlassenen New York unterwegs. Beau entdeckt in einem Laden ein batteriebetriebenes Spielzeug-Weltraumshuttle. Der Papa verbietet, dass Beau den Fund behält, aber der Junge nimmt das geräuschvolle Spielzeug dennoch mit nach draußen...

"A Quiet Place" ist ein Film, wie man ihn so sicher noch nie gesehen hat und er hat etwas, was nur wenige Filme vermögen: er vereinnahmt den Zuschauer. Von der ersten Sekunde an ist man mitten in der Thematik, nahezu gefangen, man versucht selbst keinen Mucks zu machen. So ist es störend laut, wenn um einen herum nur das kleinste Geräusch zu hören ist und selbst der Score vermag den Zuschauer nicht aus dieser Trance zu holen. Denn bei all dieser Stille im Film kratzt der Ton an der Grenze zur Genialität. Es ist unter anderem der Wechsel zwischen Ruhe und der gedämpften Wahrnehmung aus der Sicht der hörgeschädigten Tochter bis hin zu urplötzlichen, schreiend lauten Pegelausschlägen. Zusätzlich wirkt jeder einzelne Ton so bedeutungsvoll auf die Zuschauer, dass man hier nicht etwa erschrickt, weil einen ein in diesem Genre üblicher Jump-Scare kalt erwischt, mit denen dieser Film übrigens so gut wie gar nichts am Hut hat, sondern der Schreck durchfährt einen, sobald ein plötzlicher, harter Schnitt auf einen rauschenden Bach erfolgt.

Aber auch optisch gibt es an diesem Thriller überhaupt nichts zu meckern: die Kreaturen sehen gut aus, die Schauspieler - allen voran die Kinder - spielen authentisch und großartig. Positiv anzumerken ist zudem, dass der Regisseur aus dieser Thematik keinen reinen Horrorfilm abliefert, sondern den Fokus ganz klar auf das Genre Thriller legt. Der Film ist wahnsinnig spannend, von Anfang bis Ende. Dialoge über auditive Wahrnehmung sind so gut wie gar nicht vorhanden. Es wird nur das Nötigste kommuniziert und dem Zuschauer mit Gestik und Mimik so viel Inhalt vermittelt, sodass der Film niemals langatmig oder zu überladen wirkt. Dadurch kreiert der Streifen eine einmalige, dystopische Atmosphäre, welche Ihresgleichen sucht. Zudem ist jede Szene optimal platziert, sodass die Spannung in den gut 90 Minuten zu keiner Sekunde abreißt. Lediglich an der Gradlinigkeit könnte sich nun der ein oder andere Zuschauer stoßen, denn ein (vielleicht erhoffter) Twist bleibt aus. Vielleicht ist das aber gerade das Interessante, denn wenn man einfach nur eine Geschichte in einer fiktiven Welt erzählen kann, ist dann ein Twist nötig? Doch sicher nicht. Und unterm Strich ist "A Quiet Place" ein Film, der für seine außergewöhnliche Grundthematik, seine durchgängie Spannung und die sehr gute n Schauspieler nur Pluspunkte bekommt. Es ist ein Thriller, dem man jedem empfehlen kann, der auf den ausgetretenen Pfaden des Genres etwas Neues, etwas Frisches sucht. Hier wird er es finden. Großartig!

8/10

Freitag, 20. April 2018

ゴジラ - Gojira - Godzilla: Das Original (1954)

https://www.imdb.com/title/tt0047034/

Vor Japans Küste werden Boote von einem gigantischen Monster angegriffen und versenkt. Die Einwohner der Odo-Insel nennen es Godzilla. Der Wissenschaftler Dr. Yamane vermutet, dass es sich um einen 50 Meter großen Dinosaurier aus der Jura-Periode handelt, der durch Atombomben aufgeschreckt wurde und nun sein Unwesen treibt. Godzilla legt Tokio in Schutt und Asche, das Militär kann das Monster nicht aufhalten. Dr. Serizawa hat eine todbringende Erfindung gemacht, doch er hat Angst, diese einzusetzen. Erst als er sieht, was Godzilla angerichtet hat, kann seine Freundin Emiko ihn überzeugen seine Waffe einzusetzen...

Godzillas erster Auftritt auf der Leinwand ist ein feiner Klassiker, der einen beeindruckenden Blick in die Filmhistorie gestattet. Versteht sich von selbst, dass die einst bahnbrechenden Effekte zunächst etwas gewöhnungsbedürftig wirken, auf der anderen Seite haben die Modelle und die puppenhaften Bewegungen des Monsters ihren ganz speziellen Charme und erzeugen eine feine Retro-Stimmung. Die schwarz-weiß-Bilder sind stellenweise etwas arg dunkel geraten, tragen aber ebenfalls gekonnt zur Stimmung bei, nicht zuletzt, weil das Szenario dadurch an Ernsthaftigkeit gewinnt. Die düster gezeichnete Bedrohung wird getragen von einer, von der ersten Minuten an, fesselnden Handlung - Godzilla ist zwar alt, aber keinesfalls öde – die Dramaturgie funktioniert noch immer und an Aktualität fehlt es dem thematischen Bezug zur nuklearen Bedrohung auch nicht unbedingt.

Dieser erste Film bewegt sich, sieht man mal von den hoffnungslos überholten Spezialeffekten ab, eigentlich nicht im Trashbereich, sondern ist ein intelligenter Mix aus Horror- und Katastrophenfilm, der sein Monster als Symbol für die im Krieg auf Japan abgeworfenen Atombomben versteht. Abgesehen vom bloßen Überlebenskampf sieht der Regisseur die Bedeutung des Ganzen vor allem in der Frage nach sozialer Verantwortung der Menschheit. Noch ist das hier kein plumpes Trashgekloppe, sondern eine Verarbeitung des Weltkriegstraumas und ein Aufruf, sich dem Atomwaffeneinsatz zu verweigern. Klug gemacht und für die Zeit atmosphärisch schon ziemlich packend, denke ich. Als heutiger Zuschauer sollte man sich darauf einlassen und die Effekte nicht belächeln, dann kann "Godzilla" auf all seinen Ebenen überzeugen.

8/10

Mittwoch, 18. April 2018

The Girl On The Train - Girl On The Train (2016)

https://www.imdb.com/title/tt3631112/

Jeden Tag nimmt die geschiedene Rachel Watson (Emily Blunt) den Zug, um nach Manhattan zur Arbeit zu kommen – zumindest tut sie so, denn vor Monaten hat sie ihren Job wegen ihres Alkoholproblems verloren und so fährt sie als reine Beschäftigungstherapie durch die Gegend. Und jeden Tag fährt sie damit an ihrem alten Haus vorbei, in dem sie mit ihrem Exmann gelebt hat. Dieser lebt noch immer in dem Haus, jetzt mit seiner neuen Frau und einem Kleinkind. Um sich von ihrem Schmerz abzulenken, fängt sie an, ein Pärchen (Hayley Bennett und Luke Evans) zu beobachten, das ein paar Häuser weiter wohnt. Die perfekte, glückliche Famile. Doch als sie eines Tages wieder mit dem Zug vorbei fährt, beobachtet sie etwas Schockierendes. Am nächsten Morgen wacht Rachel mit einem bösen Kater auf und kann sich an nichts erinnern. An ihrem Körper allerdings befinden sich zahlreiche blaue Flecken, verschiedene Wunden und ihr Gefühl sagt ihr, dass etwas Schlimmes passiert sein muss. Dann sieht sie eine Vermisstenmeldung im TV: Die Frau ist verschwunden. Was ist in der letzten Nacht passiert? Rachel beginnt, sich selbst auf die Suche nach ihren Erinnerungen und der vermissten Frau zu begeben...

Die nasse graue spätherbstliche Atmosphäre, im Zwielicht zwischen Tag und Nacht, lassen Kälte und Todesgeruch förmlich am eigenem Körper emporsteigen. Geradezu wie warme Kerzenlichter in der Dunkelheit wirkten da die zwei blonden Darstellerinnen und so erkennt man bei diesem Film schnell: zwischen Schein und Sein verläuft schon ein schmaler Grat.

Der Spielfilm "Girl On The Train" entstand nach dem gleichnamigen Roman der britischen Schriftstellerin Paula Hawkins. Das Buch war ihr Erstlingswerk. Dieses wurde weltweit 15 Millionen verkauft und feierte internationale Erfolge. Der amerikanische Regisseur Tate Taylor verarbeitete nun den Romanstoff in adäquater Weise und schuf einen sehr spannenden und psychologisch packenden Thriller. "Girl On The Train" ist filmisch durchaus gehobene Klasse. Twisttechnisch überbietet es sich nicht wie "Gone Girl", aber es ist unmöglich zu erkennen auf was die Geschichte hinausläuft, denn alle Charaktere weisen einen besonderen Charme auf und sehen dazu noch gut aus. Aber sie haben alle etwas zu verbergen. Teilweise hatten manche Wahnvorstellungen minimal lyncheske Züge. Lisa Kudrow hatte maßgeblichen Anteil daran, dass es so wirkte. Diese Frau jagt in "Girl On The Train" allein mit ihrem Auftreten zweimal einen Schauer über den Rücken.

Zusätzlich verwirrt, dass man anfägnlich die blonden Schauspielerinnen Ferguson und Bennet nicht auseinander halten vermag. Dahinter steckte pure Absicht, was man sogar an mehreren Punkten im Film festmachen kann. Getrieben vom Eifer, nichts falsch zu deuten, fühlt man sich so plötzlich ertappt, wie man versucht, den filmischen Ablauf zurück zu drehen, um einige Szenen nochmals zu prüfen.

Das reduziert zwar die Möglichkeiten, hilft aber auch kaum weiter, da letztlich zwei Möglichkeiten so lange gleichwahrscheinlich sind, bis sich das fragwürdige puzzleartige Review der Beteiligten und die nach und nach eintreffenden Aussagen von Zeugen bei der Vervollständigung des Bildes helfen, so dass wir die Peripetie keine Sekunde vorher erfahren dürfen, als es gewollt ist. Wieder einmal stellen wir uns als Zuschauer die Frage, ist es Gaslighting oder ist es Schizophrenie? So bleibt man letztlich völlig fasziniert zurück und kann rückblickend behaupten, dass der neueste Film von Tate Taylor auf nahezu allen Ebenen überzeugt. Die Schauspieler sind hervorragend ausgewählt und geben den Figuren emotionale Tiefe. Gerade dies verstärkt den Thriller ungemein und so ist “Girl On The Train” nicht nur eine simple Mordfall-Geschichte, sondern ein spannendes Portrait von zwischenmenschlichen Beziehungen, Abhängigkeiten und Einsamkeit.

7,5/10

Montag, 16. April 2018

Zwartboek - Black Book - Das schwarze Buch (2006)

http://www.imdb.com/title/tt0389557/

September 1944: Sämtliche Familienmitglieder der jüdischen Revuesängerin Rachel (Carice van Houten) werden bei einem Hinterhalt ermordet. Sie muss während des Zweiten Weltkriegs aus Berlin vor den Nazis fliehen und sucht im Süden der Niederlande Unterschlupf. Rachel schließt sich einer jüdischen Widerstandsgruppe an. Sie nennt sich nun Ellis de Vries und wird als Spionin der Niederländer bei den Nationalsozialistin eingeschleust. Damit will sie sich auch an denen rächen, die das Leben ihrer Liebsten auf dem Gewissen haben. Sie bändelt schließlich mit dem ranghohen SS-Offizier Müntze (Sebastian Koch) an. Er fühlt sich zu der jungen Frau hingezogen und bietet ihr eine Stelle als Schreibkraft an...

Sechs Jahre nach "Hollow Man" meldete sich der einstige Skandalregisseur Paul Verhoeven mit einem Beitrag zur Kriegszeit zurück, der beinahe schon ein wenig untypisch für ihn ist. Überzeichnete Darstellung von Gewalt und Sex findet sich hier nicht, ebensowenig wie schwarzer Humor und fieser Zynismus - was dem Werk aber auch nicht gut getan hätte. Nein, "Zwartboek" ist ein sehr spannender Kriegsthriller, der den holländischen Widerstand zur Zeit der Nazibesatzung gegen Ende des Zweiten Weltkriegs thematisiert. Man wird Zeuge des Geschehens durch die Augen der Jüdin Rachel Stein, die ihre Familie in einem Hinterhalt der Nazis verliert, sich danach den Widerstandskämpfern anschließt und für sie als Spionin arbeitet. Dabei gerät sie in ein brandgefährliches Spiel aus Lügen und Verrat, bei dem sie ihr Leben mehr als einmal aufs Spiel setzt. Verhoevens "Zwartboek" ist von der grundlegenden Thematik, der Ausstattung und der Besetzung her durchaus vergleichbar mit Tarantinos "Inglourious Basterds", nähert sich der Geschichte allerdings auf weitaus realistischere Weise. Bei Verhoeven gibt es keine Schwarzweißmalerei, sämtliche Charaktere sind ambivalent, allein den "guten Widerstandskämpfer" und den "bösen Nazi" gibt es hier nicht. Keiner der Charaktere hat hier wirklich eine weiße Weste, jeder macht sich auf irgendeine Art und Weise schuldig. Dies zeigt sich besonders darin, dass der Film mit dem Ende des Krieges selbst noch lange nicht beendet ist und man hier Zeuge wird, wie die einstigen Opfer selbst zu Tätern werden, was in der allgemeinen Rezeption des Krieges viel zu selten thematisiert wird. Ohne die Verbrechen der Nazis relativieren zu wollen, entschuldigt derFilm dennoch nicht, dass Kollaborateuren (die teilweise ja durchaus nachvollziehbare Gründe für ihr Handeln hatten) nach dem Krieg Schlimmes angetan wurde.

Zudem ist auch positiv anzurechnen, dass die Nazis hier nicht Hollywoodlike dämonisiert, sondern als Menschen dargestellt werden. Den, wenn man so will, "Oberbösewicht" des Films (also besser gesagt, den negativsten Charakter) sieht man hier beispielsweise in einer Szene besoffen und nackt auf die Toilette wanken. Als diabolische Monster erscheinen die Nazis hier nicht - was sie freilich nicht weniger widerwärtig macht. Besonders erwähnenswert ist auch die Tatsache, dass Verhoeven hier versteckte Kritik an der Außenpolitik der USA eingebaut hat. Wenn die Nazis hier ähnliche Foltermethoden wie amerikanische Soldaten und Geheimdienstmitarbeiter in Gefängnissen wie Guantánamo anwenden oder sich strikt weigern "mit Terroristen zu verhandeln", kommt einem da schon George W. Bush und sein "Krieg gegen den Terror" in den Sinn. Verhoeven übt hier Kritik am Krieg an sich, an militärischen Institutionen und generell dem Einbeziehen der Zivilbevölkerung in militärische Konflikte. Der Film wurde dabei auch mit vereinzelten Nóir-Anleihen angereichert. Es geht um Spionage, Verrat, Macht, Gier, Opportunismus und vor allem um die Frage, wem man in solchen Zeiten vertrauen kann. Die Hauptfigur wird fast zu einer Art Femme Fatale und ist anderen Frauenfiguren aus Verhoevens Filmen (wie der Prinzessin Agnes aus "Flesh + Blood") sehr ähnlich. Um zu überleben, setzt sie vor allem ihre Reize ein und ist letztlich hin- und hergerissen zwischen zwei Parteien. Besonders loben muss man natürlich Verhoevens Gespür für gute Schauspieler. Der Film wird getragen von einer wirklich exzellenten internationalen Besetzung. Carice van Houten wirkt als Rachel mal verletzlich, mal manipulativ, aber immer nahbar für den Zuschauer. Sebastian Koch überzeugt als SS-Mann mit einem Gewissen. Die hassenswerten Charaktere geben Waldemar Kobus und Christian Berkel, wobei besonders letzterer äußerst bedrohlich und respekteinflößend wirkt. Der restliche Cast ist auch nur zu loben. Paul Verhoeven hat mit "Zwartboek" einen sehr spannenden, realistischen Thriller abgeliefert, der immer authentisch wirkt und der zeigt, dass es im Krieg keine Sieger gibt und Geschichte sich auf irgendeine Weise immer wiederholt (das macht besonders das Ende mit seiner bösartigen Pointe deutlich). In Amerika wäre diese Art Film vermutlich wohl nicht gedreht worden, diese europäische Produktion hat Hollywood da so einiges voraus. Komplex und vielschichtig, stellenweise brutal und auch mit vereinzelter Erotik, was aber immer in den Dienst der Geschichte gestellt wird und nie zum Selbstzweck verkommt. Sehr sehenswert.

8,5/10

Sonntag, 15. April 2018

Morgan - Das Morgan Projekt (2016)

http://www.imdb.com/title/tt4520364/

Risikomanagerin Lee Weathers (Kate Mara) wird zu einer abgelegenen und streng geheimen Forschungsstation geschickt, um einen schrecklichen Vorfall zu untersuchen und zu bewerten. Dort angekommen erfährt sie, dass ein scheinbar unschuldiger „Mensch“ dafür verantwortlich ist: Morgan (Anya Taylor-Joy). Bei ihr handelt es sich um einen künstlich erschaffenen Menschen, ausgestattet mit einer synthetischen DNA, der sich rasend schnell entwickelt und schon nach kürzester Zeit alle Erwartungen von Dr. Lui Cheng (Michelle Yeoh) und ihrem Team übertroffen hat. Doch dass die scheue und unberechenbare Morgan ihre eigenen Schöpfer in allen Belangen bereits überholt hat, macht sie auch gefährlich. Zu was ist sie fähig? Und trägt sie für ihre Taten die Verantwortung oder doch eher der Konzern, der sie erschaffen hat?

Luke Scott liefert nach Arbeiten für die Second Unit bei "Exodus:Gods and Kings" und "Der Marsianer" für seinen Vater Ridley Scott nun mit "Morgan" seinen ersten abendfüllenden Spielfilm und eines muss man zweifellos anerkennen: das Auge seines Vaters hat er scheinbar geerbt, ist "Morgan" über weite Strecken doch hübsch anzusehen und weiß visuell zu überzeugen. Wenn Scott dazu auch die inhaltliche Ebene ähnlich gut im Griff haben würde, dann hätte aus seinem Regiedebüt ein richtig guter Film werden können. Da das leider nicht der Fall ist, bleibt "Morgan" zwar ein interessanter Beginn, welcher zumindest im Ansatz ganz ähnliche philosophische und moralische Dilemmata thematisiert, wie sie auch Alex Garland mit seinem kammerspielartigem Science Fiction-Drama "Ex Machina" verarbeitet hat, jedoch erreicht dieses durchaus komplexe Thema seinen vorerst dramatischen Höhepunkt in Form der psychologischen Analyse von Morgan, dann kippt der Film in seiner Stimmung, es kommt zu einem relativ harten tonalen Bruch und bereits etablierte Motive verlieren plötzlich zu Gunsten von Action angereichert mit Horrorelementen an Bedeutung, so dass Morgans künstliche Herkunft, ihre Intelligenz und die damit implizierten Fragen fortan keine Rolle mehr spielen.

Das ist zwar ein wenig schade, könnte man jedoch problemlos verschmerzen, wenn die daran folgende Action nicht schrecklich herkömmlich und gewöhnlich ausfallen würde. Auch die Handlung bleibt beinahe immer vorhersehbar und verlässt nur ausgesprochen selten seit Jahrzehnten ausgetretene Genrepfade, ja, sogar den Twist am Ende kann man durchaus vorher kommen sehen. Zudem wird man das Gefühl nicht los, dass "Morgan" nicht zu seiner eigentlichen Herkunft als B-Movie so wirklich stehen will oder kann, obwohl der Plot an sich doch eben ein solcher Stoff durch und durch ist. Ein Film wie "Species" ist da um einiges sympathischer, weil er seine Herkunft nicht verleugnet und vollkommen dazu steht, was er ist und auch gar nicht versucht mehr zu sein, wohl wissend, das nicht leisten zu können. Ein B-Movie durch und durch, was ja auch überhaupt nichts schlimmes ist, ganz im Gegenteil. "Morgan" hingegen versucht sich ein wenig größer zu machen, als sein Plot letztlich ist, bleibt dabei aber zumindest durchweg unterhaltsam.

Somit formuliert "Morgan" anfangs zwar eine durchaus interessante und moralisch ambivalente Fragestellung, wirft diese jedoch recht zügig zu Gunsten von Action und Horror über Bord. Es bleibt eine hübsch anzusehende, geradlinig inszenierte Action-Horror-Variante von bereits bekannten Motiven, die kaum eigenständige Idee zu entwickeln vermag und immer vorhersehbar bleibt. Unterhaltsam ist das zwar, vielmehr aber auch nicht, denn inhaltlich ist da noch deutlich Luft nach oben. Eine gelungene Arbeitsprobe für Regisseur Luke Scott ist das aber allemal.

6,5/10

Mittwoch, 11. April 2018

The Negotiator - Verhandlungssache (1998)

http://www.imdb.com/title/tt0120768/

Danny Roman (Samuel L. Jackson), dem besten Verhandlungsspezialist bei Geiselnahmen, wird ein Mord untergeschoben. Niemand glaubt, dass er unschuldig ist, und zudem scheinen Polizisten in eine Korruptionsaffäre verstrickt zu sein. Mit einer Verzweiflungstat versucht Danny Zeit zu gewinnen, um herauszufinden, wer sein Leben zerstören will. Er verlangt, nur mit Chris Sabian (Kevin Spacey), einem legendären Unterhändler aus einem anderen Stadtteil, zu sprechen, da er nur einem Außenstehenden traut. Die Zeit wird knapp, ist doch jeder Cop in Chicago versessen darauf, Roman in seine Finger zu bekommen. Und der wahre Killer befindet sich unter ihnen...

Jeder kennt dieses Gefühl: Man schaut einen Film zum ersten Mal, aber glaubt alles zu kennen. Jede Wendung scheint vorhersehbar, jeder Dialog ist einem bereits bekannt. Doch es gibt auch Filme, die altbekannte Genrezutaten neu zusammenmixen und trotzdem den Zuschauer fesseln und überraschen können. Der Action-Thriller "Verhandlungssache" von Regisseur F. Gary Gray gehört in diese Kategorie. Die Handlung klingt dabei erst einmal alles andere als neu. Doch auch wenn das Thema "Mann versucht seine Unschuld zu beweisen" mehr als oft genug für eine Filmhandlung herhalten musste, schafft es "Verhandlungssache" den Zuschauer schon nach kurzer Zeit zu fesseln. Denn man weiß genauso wenig wie Danny, wer zu den Schuldigen gehört und wer nicht. Auch der Außenstehende Chris Sabian, ist kein Mann, dem Danny wirklich vertrauen kann, da er ihn schließlich überhaupt nicht kennt. Und so stellt sich immer die Frage: "Was, wenn Sabian sich auf einmal mit den korrupten Polizisten zusammentut?" Diese Ungewissheit darüber, wer auf welcher Seite steht, macht "Verhandlungssache" zu einer verdammt spannenden Angelegenheit, bei der die Charaktere nicht immer nur schwarz oder weiß, sondern oft einfach nur grau sind.

Dazu kommt dann noch das geniale Spiel der beiden Hauptdarsteller. Samuel L. Jackson lässt den Zuschauer Dannys Verzweiflung genauso spüren, wie seine Entschlossenheit. Jede seiner Taten und sei sie auch noch so extrem, kann Jackson absolut glaubwürdig herüberbringen, was sehr wichtig ist, damit der Film sich nicht lächerlich macht. Danny Roman kann man getrost zu den besten Leistungen seiner Karriere zählen. Und deshalb schafft er es auch gegen den hier großartigen agierenden Kevin Spacey zu bestehen. Zu Beginn ist sein Chris Sabian noch ein Mann, der nur seinen Job tut. Er hat kein Interesse daran, sich mit Dannys Verschwörungsgeschichte zu beschäftigen. Er will nur dafür sorgen, dass sein Verlustrate weiterhin "0" beträgt. Doch mit der Zeit kommen auch ihm Zweifel bezüglich der Absichten von Dannys Kollegen. Diese Wandlung ist Dank Spaceys tollem Spiel zu jeder Zeit glaubwürdig. Denn Spacey lässt Sabian diese Wandlung nur ganz langsam und vorsichtig vollziehen. Bis zum Schluss hat er immer noch seine Zweifel bezüglich Dannys Geschichte.

Die Nebendarsteller machen ebenso einen guten Job. Insbesondere David Morse und J.T. Walsh liefern eine tolle Leistung. Die sehr ernste Handlung wird zudem noch durch eine kleine Portion Humor aufgelockert und durch einen wirklich tollen Soundtrack unterstützt, der nie belanglos vor sich hin plätschert. Dazu beweist F. Gary Gray auch ein gutes inszenatorisch Geschick bei den kurzen und wohl dosierten Action-Szenen, die nie so übertrieben wirken, wie in den meisten anderen Hollywood-Filmen. Jeder Freund von spannendem Genre-Kino muss "Verhandlungssache" einmal gesehen haben. Zum absoluten Meisterwerk fehlen zwar noch die Innovationen, doch bessere, spannendere Unterhaltung wird man trotzdem nur selten finden.

8/10

Montag, 9. April 2018

Grave - RAW (2016)

http://www.imdb.com/title/tt4954522/

Justine (Garance Marillier) ist noch 16 junge Jahre alt und wächst in einer ziemlich eigenwilligen Familie auf. Denn in ihrem Umfeld befinden sich ausschließlich Tierärzte, die zudem auch noch allesamt Vegetarier sind. Von daher scheint es jetzt schon klar zu sein, dass auch die Teenagerin den gleichen Weg einschlägt. Doch als sie ihr Studium an einer tierärztlichen Hochschule aufnimmt, wird sie in eine ganz andere Welt gezogen, die pervers und ziemlich verführerisch ist. Gleich zu Beginn muss sie an kranken Aufnahmeritualen teilnehmen, damit sie den Anschluss an ihre Kommilitonen findet – und dabei isst sie das erste Mal Fleisch. Und der Verzehr dieser für sie neuen Köstlichkeit hat unerwartete Folgen. Denn auf einmal entwickelt Justine einen unkontrollierbaren Hunger nach Blut, der auch vor Menschen nicht halten macht…

Es ist ein beeindruckender Debüt-Film, der eine Rezension schwer macht. "RAW" hebt sich nämlich als jugendlich-ungestümer Debütfilm schnell von so manchem Bodyhorror-Drama ab. Man sollte bei "RAW" (oder im Original "Grave") somit auch nicht den Kannibalen-Horror erwarten, der vielerorts so derbe angepriesen wird. Bei "RAW" handelt es sich vielmehr um ein höchst interessantes Jugenddrama mit einigen Horrorelementen, sowie visuell-bizarren Aufnahmen und einem geradezu InstantClassic-Themesong. Die französisch-belgische Produktion gestaltet sich besonders durch all die befremdlichen Plot-Komponenten durchweg interessant und birgt neben so einigen derben Bildern, welche Einem, vor allem auch wegen der vorbildlichen Effekte, das Hinsehen nicht immer einfach machen, auch einen superb auftretenden Cast. Insbesondere Garance Marillier weiß sich in den Kopf des Zuschauers zu fressen, bedenkt man zudem, dass sie mit "RAW" ihr filmisches Leinwand-Debüt ablieferte.

"RAW" ist eine bluttriefende Märchenversion des Frauwerdens inklusive düsterer Pointe am Ende. Ein pulsierender Trip durch die wilden Gefühle von Teenagern, die sich das erste Mal außerhalb des Nests beweisen müssen und zwischen Erfolgsdruck, Drogen, Sexualtrieb und unersättlicher Neugierde stehen. Eine grelle, von Körperflüssigkeiten und einer Wahnsinnsschauspielerin begleitete Charakterstudie, welche Verlangen und Lust so darstellt, wie der Titel verspricht: roh. Neben der schnell unausweichlichen Kannibalenkomponente ist die volle Gefühlspalette mitsamt Liebe, Wut und triefender Geilheit Bestandteil des kantigen Genrecocktails, der nicht selten auch in schwarzhumorige Bereiche abdriftet. Was den Film aber ganz besonders auszeichnet ist seine Atmosphäre, die den Zuschauer einlullt, ihn in sich aufsaugt und bis zum Ende nicht mehr gehen lässt. Eine halbe Stunde mehr, um einige Inhalte etwas ausgiebiger zu beleuchten, wäre wünschenswert gewesen, nichtsdestotrotz ist der krasse Campus-Trip lohnenswert. Dafür findet der Film immer wieder skurrile bis ekstatische Bilder, die in ihren impulsivsten Momenten an die rohe Neonatmosphäre des wesensverwandten "Der Nachtmahr" erinnern. In beiden Fällen ist das Monster am Leben, macht sein Ding und genauso deshalb verkörpert "RAW" in jeder Hinsicht das, was sein Titel bereits verspricht.

7/10

Under Sandet - Land Of Mine - Unter dem Sand (2015)

http://www.imdb.com/title/tt3841424/

Mai 1945: Der Krieg ist zwar zu Ende, doch nicht jeder kann in sein normales Leben zurückkehren. Eine Gruppe junger Soldaten, fast noch Kinder, befindet sich in dänischer Kriegsgefangenschaft und wird vor eine lebensbedrohliche Aufgabe gestellt: Die jungen Männer, darunter auch Helmut (Joel Basman) und Wilhelm (Leon Seidel), sollen einen Nordseestrand von Nazi-Tretminen säubern. Rund 45.000 Minen sind im Sand vergraben und keiner weiß, wo und wann die nächste hochgehen wird. Der Truppe fehlt es an Ausbildung und Ausrüstung, ihre Arbeit verrichten die Gefangenen auf gut Glück. Der dänische Kommandant Carl (Roland Møller) hat ihnen nach Ableistung dieses Dienstes die Freiheit versprochen und ihnen bleibt nichts weiter übrig, als seinem Wort zu glauben. Doch dann geschieht ein tragisches Unglück...

Der dänische Film "Unter dem Sand" war bei den Oscars 2017 vertreten und zwar in der Kategorie bester fremdsprachiger Film. "Nicht noch ein Film mit 2. Weltkriegsthematik" könnte man jetzt denken. Aber der Streifen "Under Sandet" beleuchtet einen kleinen und eher unbekannten Teil deutscher Nachkriegsgeschichte.  Dass die Skandinavier sehr oft, sehr gute Filme (besonders Thriller) machen können, haben sie sehr oft bewiesen. Einen skandinavischen Kriegsfilm hat man da eigentlich noch nie gesehen. Doch "Unter dem Sand" ist ein beeindruckender und nachhaltiger Film, der fast alles richtig macht. Der Film widmet sich einem Thema, über das nicht allzu oft berichtet wird. Unter dem Sand fordert seine Zuschauer sehr mit unangenehmen Bildern, denn zu jeder Sekunde kann es explosiv werden. Im Mai 1945 werden nach der Niederlage ein Dutzend deutsche jugendliche Kriegsgefangene dazu beauftragt, den Strand der westlichen Küste Dänemarks von deutschen Landminen zu befreien. Während der dänische Feldwebel, welcher die Verantwortung für die Gruppe übernimmt und ihr anfangs noch mit äußerster Brutalität begegnet, damit beginnt, mit den Jungen zu sympathisieren, stoßen diese bei ihrer unmenschlichen Aufgabe an ihre psychischen und physischen Grenzen.


Anfangs ist man durchaus überrascht, dass der Film fast ausschließlich auf Deutsch gedreht wurde. Das macht das ganze sehr authentisch und auch die dänischen Darsteller überzeugen mit einer guten deutschen Sprache. "Unter dem Sand" ist ein unfassbar intensiver Film, bei dem man es teilweise vor Spannung kaum aushält. Gerade beim Minen entschärfen muss man permanent Angst haben, dass es gleich mächtig rummst und das sorgt für elektrisierenden Nervenkitzel. Der Film übermittelt ein sehr realistisches Bild und fängt das trostlose Gebiet mit einer tollen Kameraarbeit ein. Hier und da wirken ein paar dramatische Szenen etwas zu künstlich, aber das verzeiht man diesem Film spätestens beim atemberaubenden Schlussakt. "Unter dem Sand" ist insgesamt eben ein beeindruckender und leider zu unbekannter Antikriegsfilm, dessen grandios gefilmten Bilder von Dänemarks sonnendurchfluteten Dünenlandschaften nicht die Abgründigkeit seiner Geschichte überdecken können. Allein die Anfangssequenz, in der die jungen Gefangenen im Kriegslager zur Vorbereitung auf den Strandaufenthalt echte Landminen entschärfen müssen und welche dabei völlig ohne Musikuntermalung auskommt, ist einer der spannendsten Szenen, die man seit Langem gesehen hat.


So wie in der Story, überzeugen die Darsteller auch als gesamtes Team. Es ist selten, dass man sagen kann, dass gerade die deutschen Schauspieler vollends überzeugen, aber jeder einzelne von ihnen spielt unfassbar echt und glaubwürdig und keiner wird grundlos in den Mittelpunkt gedrängt und alle haben den gleichen Stellenwert. Der Cast aus eher unbekannten deutschen Jungschauspielern (u.a. Louis Hofmann) agiert jederzeit authentisch, der heimliche Star dieses Films ist aber Oberfeldwebel Rasmussen, der brutal gut von Roland Møller verkörpert wird und alle Facetten von knallhart und gewalttätig bis sensibel und aufopfernd verkörpert. Er macht eine ziemlich interessante Entwicklung durch, die hin und wieder zwiespältig, aber dadurch sehr glaubwürdig wirkt. Auf der einen Seite empfand ich ihn als unfassbar hart und böse, doch je länger der Film geht, umso mehr lernt man auch seine menschliche Seite kennen und die schwer beeindruckt. Auch wenn die Läuterung eben dieses Mannes, welcher sich von dem deutschen-hassenden Verächter der Gefangenen zu einer Art Vaterfigur der Gruppe entwickelt (in einer Szene spielen sie am Strand glücklich zusammen Fußball), bisweilen etwas unglaubwürdig verläuft und dem Drama auch ein gewisser Betroffenheits-Kitsch nicht abzusprechen ist, so ist dem dänischen Regisseur Martin Zandvliet unterm Strich dennoch ein tiefgreifender Appell an die Menschlichkeit gelungen, welcher auf eine klare Unterteilung von Gut und Böse verzichtet und dessen Spannung stellenweise geradezu explosiv ist. Ansonsten ist Mikkel Boe Følsgaard als Ebbe Jensen, der aber im Vergleich zu Rasmussen ein konsequenter Fiesling ist, sehr erwähnenswert.

An dieser Stelle sei nochmal darauf hingewiesen, dass manche Szenen nur schwer verdaulich sind und sich regelrecht in die Netzhaut einbrennen. Schockierend, mitfühlend und explosiv. "Unter dem Sand" erwischt den Zuschauer eiskalt und sorgt für viel ungewohnten Nervenkitzel. Alle Darsteller agieren erstklassig und das Zeitalter wird perfekt dargestellt. Nicht unbedingt etwas für zarte Gemüter, aber dringend empfehlenswert. Ein Film, der komplett berührt und fasziniert und somit war die Oscarnominierung total gerechtfertigt. "Unter dem Sand" geht einfach unter die Haut. Nicht verpassen!

8,5/10