Samstag, 9. September 2017

The Ice Storm - Der Eissturm (1997)

http://www.imdb.com/title/tt0119349/

Die 70-er Jahre in den USA bei Lichte besehen: Die sexuelle Aufklärung tobt und mit ihr der Partnertausch, die Wasserbetten und der schlechte Geschmack. Der Regisseur Ang Lee zeichnet das Leben von zwei benachbarten wohlanständigen Mittelstandsfamilien. Papa Ben Hood von der einen Familie hat ein Verhältnis mit Mama Carver von der anderen Familie. Bens Frau ist neurotisch: Sie stiehlt kräftig in Läden und liest Sexualratgeber. Wer selbst so sehr mit seiner eigenen Entwicklung beschäftigt ist, kommt nicht dazu, sich um seine pubertierenden Kinder zu beschäftigen. Und so mündet der Film bei aller vorhergehenden Komik in einen Eissturm und einem tragischen Ende...

Ein Film für Cineasten und Zuschauer mit Verstand. Der Film hat einen subtilen Humor und durchleuchtet die törichte, amerikanische Familie der 70er Jahre. Eine Gesellschaftsstudie. November 1973, Thanksgiving-Wochenende. Die Watergate-Affäre hat erst begonnen, der Vietnam-Krieg ist bereits zu ende, die sexuelle Revolution hat inzwischen auch die Vorstädte der Ostküste erreicht. Zwei benachbarte, befreundete Familien. Beide sind nur auf den ersten Blick glücklich. Der introvertierte Paul (Tobey Maguire) fährt aus dem Internat heim. Während Paul für eine Mitschülerin (Katie Holmes) schwärmt, wird seine Schwester (Christina Ricci) vom ältesten Sohn (Elijah Wood) der Nachbarn angehimmelt. Seine Mutter (Joan Allen) ist vom Familienalltag frustriert, sein Vater (Kevin Kline) steigt der Nachbarin (Sigourney Weaver) nach. Affären, Betrug und Verletzlichkeit verbinden die Eltern, die vergeblich versuchen eine funktionierende Scheinrealität aufrecht zu erhalten. Die Unsicherheit des Erwachsenwerdens und vorsichtige Zuneigung zueinander verbinden die Kinder. Nach und nach erst offenbaren sich die tiefen, emotionalen Risse in der nur äußerlich makellosen Fassade. Der titelgebende Eissturm ist dabei lediglich Katalysator einer Zerrissenheit, die sich schon längst ihren Weg in die Familien gesucht hat. Am Ende wird er seine Opfer fordern, physisch wie psychisch. Und Ang Lee hält dies in grandios bitteren, zärtlichen Aufnahmen fest.

Lee rekonstruiert einerseits sehr detailliert die US-Gegenwart der 70er und demontiert andererseits, die damalig herrschenden familiären Sitten aufgrund der sozialen Umbrüche. Dies weckt Zweifel am angeblichen Erfolgsmodell der Liberalisierung, die sich in den Staaten breit machte. Die beiden bürgerlichen Familien dienen hier als Spiegelbild der amerikanischen Gesellschaft der 70er. Die "Schlüsselparty" ist nicht nur ein Relikt jener Zeit. Sie dient innerhalb der Handlung auch als Verweis auf den Egoismus der Erwachsenen. Die Folge dieser gesellschaftlichen Zusammenkunft sind Konflikte und die Besinnung auf einstige Werte. Auch wenn Ang Lee eine recht einseitige und teilweise zynische Abrechnung betreibt, ist sein Sozialdrama stilistisch beeindruckend und emotional intensiv. Einzig das moralgetränkte Ende will nicht ganz so recht passen. Aber sei's drum. "Der Eissturm" ist nicht nur wegen der herausstechenden Besetzung sehenswert, er gehört aufgrund Story, Inszenierung, Aussage und Empfindlichkeit definitiv zu Ang Lees besten Werken.

8/10