Samstag, 30. September 2017

eXistenZ (1999)

http://www.imdb.com/title/tt0120907/

Die Videospiele von Programmiererin Allegra Geller (Jennifer Jason Leigh) haben eine begeisterte Fangemeinde, die jedes neue Game abfeiert. Das neueste Werk - „eXistenZ“ - soll von zwölf Testpersonen im Rahmen einer exklusiven Preview ausprobiert werden. Das Spielsystem ist innovativ: Die Teilnehmer bekommen die Informationen der fleischartigen Konsole über ihren Bioport, einer Öffnung am Rücken. Der Input geht direkt ins zentrale Nervensystem, so dass Simulation und Wirklichkeit nicht mehr voneinander unterschieden werden können. Da greift plötzlich einer der Teilnehmer zu einer bizarren organischen Schusswaffe und versucht, Allegra zu töten. Der Anschlag misslingt. Allegra und ihrem PR-Praktikanten Ted Pikul (Jude Law) gelingt die Flucht. Wer steckt hinter dem Anschlag?

In "eXistenZ " hat das Konzept der Videospiele eine neue Dimension erreicht. Konsolen sind nicht mehr vonnöten. Stattdessen ist der Mensch selber die Konsole, das Spiel ist sein Unterbewusstsein. In einer virtuellen Welt, die auf diese Weise kreiert wird, gibt es nur diejenigen Wahrheiten, die für den Spieler selbst gelten. Realität ist dann das, was in seinem Kopf vorgeht. Damit wird der Film zu einer Metapher für einen Grundgedanken in der Philosophie des Existenzialismus. "eXistenZ" hat eine sehr geniale Grundidee, welche seiner Zeit um Längen voraus ist. Leider kommt Cronenbergs Film bei der Laufzeit nicht so hoch hinaus, wie man es sich bei dem Thema erhofft hätte. Lediglich das Ende wird dem Mann nicht gerecht, denn gerade bei David Cronenberg hätte man bei so vielen guten, grotesken Ideen, ein clevereres Ende erwartet. Trotzdem ist er allein aufgrund der Ansätze sehenswert. Das organische Design ist bizarr ekelhaft und auf solche kranken Ideen, wie die Knochenpistole muss man erstmal kommen.

Es gibt keine Wahrheiten, nur Interpretationen, so Nietzsche. Auf der Suche nach diesen Wahrheiten und nach dem Sinn des Lebens werden wir immer auf unsere eigenen Sinneseindrücke und Gedanken zurückgeleitet. Nichts von dem, was wir wahrnehmen, ist objektiv, und so kann auch der Sinn des Lebens niemals eine Tatsache sein, die gefunden werden könnte - er muss etwas sein, was jedes Individuum für sich selbst zu kreieren hat. Die Konsequenz, wie sie schon der Vorspann von Cronenbergs früherem Film "Naked Lunch" zitiert: "Nichts ist wahr, alles ist erlaubt." Diese Denkweise fügt sich in Cronenbergs nihilistisches Weltbild ein - und dadurch, dass "eXistenZ" sie so ausdrucksstark vertritt, stellt er einen passenden Abschluss für die Ära dar, in der er Body-Horror und Philosophie miteinander vereinte, bevor er sich im neuen Jahrtausend Produzentenfilmen und Literaturumsetzungen zuwenden würde. "eXistenZ" ist ein außerordentlich bizarrer und grotesker Sci-fi-Thriller, welcher nichts für schwache Mägen ist. Die Story selbst schlägt viele Bögen, ist relativ spannend und kann immer wieder mit neuen Skurrilitäten aufwarten. Dadurch ist Kurzweil garantiert, aber es bleibt das Gefühl, dass hier einfach viel mehr drin gewesen wäre und das Potential seiner brillanten Idee leider nicht gänzlich nutzt. Der ganze Film ist trotzdem ein bemerkenswerter Blick in die Zukunft.

7/10

Von TURBINE Medien kommt der Film als Erstauflage im auf 2.000 Stück limitierten Mediabook und weltweit erstmalig auf BD in HighDefintion.

Donnerstag, 28. September 2017

[KINO] It - Es (2017)

http://www.imdb.com/title/tt1396484/

Die Kinder Bill Denbrough (Jaeden Lieberher), Richie Tozier (Finn Wolfhard), Eddie Kaspbrak (Jack Dylan Grazer), Beverly Marsh (Sophia Lillis), Ben Hanscom (Jeremy Ray Taylor), Stanley Uris (Wyatt Oleff) und Mike Hanlon (Chosen Jacobs) leben in einer Stadt namens Derry im US-Bundesstaat Maine, in der immer wieder Menschen verschwinden – sowohl Erwachsene, als auch vor allem Minderjährige. Im Laufe eines Sommers erfahren die Kinder schließlich von einer monströsen Kreatur, die Jagd auf Menschen macht und sich in die schlimmsten Alpträume ihrer Opfer verwandeln kann. Meistens tritt das Biest jedoch in Form des sadistischen Clowns Pennywise (Bill Skarsgård) auf. Die sieben Kinder wachsen nach und nach zu einer eingeschworenen Gemeinschaft zusammen, dem "Club der Verlierer"/"Loser Club", und schwören, die Kreatur zu vernichten, die Bills Bruder Georgie (Jackson Robert Scott) auf dem Gewissen hat...

Nach der großzügig verschenkten Chance, mit "Der dunkle Turm" eine weitere gelungene King-Verfilmung zu adaptieren, ist das Remake des 1990er TV-Zweiteilers "Es" endlich ein Lichtblick und die große Hoffnung, dass es da draußen doch noch Regisseure gibt, die es schaffen, einem Roman (auch erneut) Leben einzuhauchen. Schon "Es" von 1990 war ein großartiger Film, wenngleich es dort aufgrund Budget und einem relativ schlaffen zweiten Teil Minuspunkte gab. Doch das war irgendwie auch "Meckern auf hohem Niveau", denn "Es" hatte einfach die richtige Atmosphäre, perfekte Darsteller und - das sollte man nicht unter den Tisch kehren - einen großartigen Tim Curry als Pennywise, den tanzenden Clown.

Nun übernahm, nach einigem Hin und Her, einem Wechsel des Regisseurs und mehreren Anläufen, Andy Muschietti das Projekt der Neuverfilmung und liefert mit dem 2017er "Es" einen lupenreinen Grusel-/Horrorfilm ab, der das Zeug zum Gernevertreter des Jahres hat. Muschietti macht aber auch nahezu alles richtig: er vergreift sich nicht an dem alten Film, sondern hommagiert diesen sogar, kehrt Currys Darstellung des Pennywise nicht unter den Tisch, sondern würdigt diesen sogar in einer Szene und suchte sich Jung-Darsteller, die einerseits Fans des TV-Zweiteilers mehr als zufrieden stellen, als auch neues Publikum ansprechen dürften. Der "Club der Verlierer"/"Loser Club" ist hier wie da einfach perfekt besetzt, aber hier sticht am meisten Sophia Lillis als Beverly Marsh hervor, da sie die tragischste Hintergrundgeschichte hat. Von ihrem eigenen Vater sexuell missbraucht ist sie trotzdem ein starkes und selbstbewusstes Mädchen geblieben, das sich nicht aufgibt. Bei ihr kann man nur hoffen, dass sie in Zukunft noch mehr solch ausdruckstarke Rollen spielen wird, denn sie ist trotz ihres jungen Alters nicht nur verdammt talentiert, sondern hat auch eine wahnsinnig tolle Ausstrahlung. Ebenfalls positiv auffallen kann Finn Wolfhard als Richie Tozier, der hier einen ganz anderen Charakter spielt als in "Stranger Things" und das ist - angesichts des Alters - bewundernswert wie vielseitig er ist. Sein Charakter sorgt für die meisten Lacher, die aber auch Kings derber Schreibweise zuzuordnen sind und welche hier sehr gut übernommen wurde. Jaeden Lieberher kann als Bill Denbrough ebenfalls mehr als  überzeugen und man kann seinen Schmerz über den Verlust seines kleines Bruder Georgie (ebenfalls berührend gut: Jackson Robert Scott) sehr gut nachempfinden. Leider bleiben die Figuren Stan Uris (Wyatt Oleff) und Mike Hanlon (Chosen Jacobs) etwas blass. Ben Hanscom (Jeremy Ray Taylor) hingegen erfährt eine Charkteränderung, denn in diesem "Es" ist er es, der mehr über die Geschichte von Derry in Erfahrung bringen will und auch das Interesse dafür zeigt (in der 1990er TV-Verfilmung war es Mike Hanlon). Vermutlich wollte man so seinem Charakter etwas mehr Tiefe und Liebenswürdigkeit verleihen. Auch die Rowdys Henry Bowers (Nicholas Hamilton) und seine Handlanger sind perfekt nach 2017 transportiert und obwohl man über sie auch hier wenig bis nichts über ihre Motivation erfährt, sind sie wohl einfach nur böse und gemein. Hauptproblem ist wohl, dass die Clique rund um Henry Bowers auch relativ wenig Screentime bekommen hat.

Aber der Hauptcharakter ist zweifelsohne Bill Skarsgård als Pennywise. Seine Darstellung des tanzenden Clowns ist grandios. Fies, absolut bösartig, total abgedreht und irre und man kommt nicht umhin, seine Darstellung des tanzenden Clowns Pennywise einfach nur zu honorieren. Auch wenn oft mit CGI gearbeitet wurde, hat er doch einige Szenen, die einem das Mark in den Knochen gefrieren lässt. Besonders eine Szene hat es in sich, in der man ihn gar nicht erwartet und einen sein krachender Auftritt kalt erwischt. Gerade noch ist der Zuschauer am Boden und fühlt mit dem Charakter, der so schlimmes erleben musste, mit, da bricht er in die Szenerie und reisst diese an sich. Hut ab, so sehr erschrocken habe ich mich schon lange nicht mehr. Aber auch einige andere Szenen jagen einem wohlige Schauer über den Rücken, auch wenn sich diese dem erfahrenen Grusel-/Horrorfilmgucker und aufmerksamen Beobachter ankündigen. Selbst die Jump-Scares werden in dieser Beziehung passend eingesetzt und wirken überhaupt nicht aufdringlich oder deplatziert. Auch ist "Es" im Vergleich deutlich brutaler und blutiger geworden, manchmal sogar so sehr, dass eine Szene den einen oder anderen sicher an das Remake von "Evil Dead" erinnert. Furchtbar ist auch die Tötung von Georgie, die den Zuschauer ganz kalt erwischt. Vor allem diejenigen, die noch den TV-Film im Hinterkopf hatten und seinen Tod vielleicht auch so erwartet hätten.

Positiv hervorzuheben ist damit einhergehend auch der Filmscore, der eingänglich ist und im Kopf bleibt, vermutlich auch deswegen, weil er sich Composer Benjamn Wallfisch an Themen von Richard Bellis bedient und diese geschickt transportiert. So bleiben vor allem "Every 27 Years" und "Beverly" beim Zuschauer hängen. Abschließend kann man nur betonen, dass die durch den Trailer so hoch angesetzten Erwartungen voll und ganz erfüllt werden. "Es" ist eine mehr als gelungene Neuinterpretation des Buchs von Stephen King und sogar einen Ticken besser als die 1990er TV-Verfilmung. Der "Loser Club" ist ganz klar die größte Stärke des ganzen Films, es gibt so viel Tiefe, Emotionen, Drama und Humor, gespickt mit Horrorelementen. Die perfekte Mischung. Das kann man kaum von einem anderen Horrorfilm sagen. Hier muss man sich mancher sicher sogar die eine oder andere Träne verdrücken. Bleibt nun noch das Warten auf Kapitel Zwei.

8,5/10

Dienstag, 26. September 2017

La Noche Del Virgen - The Night Of The Virgin (2016)

http://www.imdb.com/title/tt4982166/

Es ist die Nacht zu Silvester und der naive 20-jährige Nico (Javier Bódalo) ist fest entschlossen seine Jungfräulichkeit zu verlieren. Auf einer Party lernt er die ältere Madea (Miriam Martín) kennen, eine attraktive, kluge und nette Frau. Er sieht in ihr die Richtige und beschließt mit ihr nach Hause zu gehen. Nur hat Nico in Wirklichkeit keine Ahnung, worauf er sich einlässt. Spätestens als ihm Madea sagt, er solle auf keinen Fall eine der Kakerlaken töten, die in ihrer Wohnung rumkrabbeln, hätte er eigentlich Reißaus nehmen müssen...

Der spanische Streifen "The Night Of The Virgin" ist wahrlich kein Film für zarte Gemüter und das noch nicht einmal, weil hier besonders viel geschlachtet oder geschreddert werden würde. Das ganze Gegenteil ist der Fall. Dennoch fließen in dem Film alle denkbaren Körpersäfte literweise durch die Wohnung der Dame mittleren Alters, dass man irgendwann nicht mehr sagen kann, ob das jetzt Kunst oder Comedy ist, oder ob das ganz weg kann. Nun, ganz weg kann es nicht, denn "The Night Of The Virgin" ist auf seine Art irgendwie eine kleine Genre-Perle, wenn auch nicht unbedingt ein Meisterwerk oder uneingeschränkt für jedermann empfehlenswert. Er bedient sich an einem ganzen Haufen Themen und Szenerien aus anderen Filmen und macht doch etwas Neues daraus, das man so vermutlich noch nicht gesehen hat.

"The Night Of The Virgin" ist grundsätzlich (Body-)Horror mit viel Ekel, wobei vor allem letztes bei vielen Zuschauern wohl den Rahmen sprengen dürfte. Da sind großzügige Ejakulationen auf eklige Fotos wohl noch das harmloseste. Aber man merkt anhand solcher Bilder auch recht deutlich, dass der Streifen den Rahmen sprengen will. Er überschreitet bewusst Grenzen und bringt damit den Zuschauer mit einzelnen Szenarien in Schockstarre und interessanterweise mit anderen Szenen auch zum lachen. Ob das nun jedermanns Ding ist, sei mit einem starken Strinrunzeln dahingestellt.

"The Night Of The Virgin" ist im Stile einer 80er-Jahre Sex-Komödie angelegt (obwohl er deutlich nicht zu dieser Zeit spielt) und so ist es kaum verwunderlich, dass (nach einer kurzen, grellen Erläuterung via TV-Moderation zum Jahreswechsel) anfangs ein schmieriger Techno-Club für das Intro sorgt. Der Protagonist, ein eindeutiger Loser mit nicht gerade dem ansprechendstem Aussehen, ist geradezu krampfhaft auf der Suche nach einem Stich für die Nacht. Und er ist herrlich erfolglos, teilweise zum fremdschämen traurig. Letztlich findet er dann doch noch das Glück in einer etwas älteren Dame und ist sichtlich fröhlich. Noch. Denn das Blatt wendet sich schneller als ihm lieb ist. Mit den 3 Hauptfiguren dieses ab nun stattfindenden Kammerspiels hat Regisseur Roberto San Sebastián einen guten Griff getan. Alle bringen ihre Rollen glaubhaft und teilweise schön überzogen zur Geltung, allen voran natürlich der bei den Frauen so glücklose Nico (Javier Bódalo). Ihm nimmt man die Panik, die schleichend langsam in ihm aufkeimt, voll und ganz ab und kann sogar nachvollziehen, wieso er nicht endlich aus dieser verdammten, Kakerlakenverseuchten Bruchbude, in der man permanent das basslastige, dumpfe Hämmern das darunterliegenden Clubs hört (was perfekt zur Atmosphäre passt), verschwindet, denn da steht ja noch ein Fick ins Haus. Der nächste 'Höhepunkt' ist sicher schon das Menstruationsblut im Bad und als dann noch der Ex-Freund, gespielt von Víctor Amilibia, auftaucht, eskaliert die Situation völlig. Aber in eine ganz andere Richtung als man nun erwarten würde, denn was ab nun folgt, ist reichlich strange, ekelerregend, blutig und so überbordernd, dass man sich nicht mehr fürchtet, sondern nur noch angeekelt lacht.

"The Night Of The Virgin" ist definitiv ein Film, den man nicht so leicht vergisst, dafür wurde ausreichend gesorgt. Ob man ihn ein zweites Mal sehen will, sei jedem selbst überlassen. Es ist ein Streifen, der einen Blick mehr als verdient hat, obwohl gerade gegen Ende deutlich sichtbar mit CGI hantiert wurde und das nicht gerade gut. Aber einen Blick mit einer eindeutig vorausgegangenen Warnung ist er wert. "The Night Of The Virgin" ist ein wirklich ekelhaftes, offensives und oft komisches Stück Film und das aber im besten Sinne.

7/10

Danke an das Label Pierrot Le Fou, welche mir den Film zum Review zur Verfügung gestellt haben. Der Film erscheint am 17.11.2017 als DVD, BD und im limitierten Mediabook.

"Pierrot Le Fou UNCUT #10", so lautet der Editionsname des limitierten Mediabooks, welches den Film in der ungeschnittenen Fassung enthält:  

Montag, 25. September 2017

Rendel (2017)

http://www.imdb.com/title/tt3881026/

In der finnischen Großstadt Mikkeli sind Korruption, Gewalt und Tod an der Tagesordnung. Auch Rämö (Kristofer Gummerus) lebt dort mit seiner kleinen Familie. Um diese ernähren zu können, nimmt er eines Tages einen Job bei einer kriminellen Organisation an. Doch als er bei einem Auftrag fürchterlich scheitert, zieht sein Boss Mr. Erola (Matti Onnismaa) die logische Konsequenz: Er lässt Rämös Frau und Tochter kaltblütig ermorden und Rämö selbst überlebt nur knapp. Getrieben von Rache nimmt er die Justiz selbst in die Hand und wird zum dunklen Rächer Rendel, der maskiert durch die Stadt streift und gegen das Verbrechen kämpfen will. Rendel macht keine Gefangenen und geht äußerst brutal zur Sache. Auch dem unberechenbaren Rotikka (Rami Rusinen) ist er ein Dorn im Auge. Und der beauftragt eine Grupper internationaler Killer, um Rendel endlich aus dem Verkehr zu ziehen...

Aus Finnland kommt dieser europäische Superheldenverschnitt, der wie eine seltsame Mischung aus "Spawn", "Batman" und "Sin City" wirkt. Auf den ersten Blick herrlich düster und brutal macht "Rendel" keinen Hehl daraus, dass er erst gar keine Gefangenen machen will. Erst nach und nach soll der Zuschauer entdecken, was hier Sache ist, doch bei dieser Unternehmung hat Regisseur und Ideengeber/Drehbuchautor Jesse Haaja noch nicht ganz den Bogen raus. Denn wenn es darum geht, in sich verschachtelte Geschichten clever aufzubauen, versagt "Rendel" auf ganzer Linie und dem Zuschauer ist spätestens nach dem zweiten Zeitsprung klar, was hier Sache ist. Anfangs wundert man sich zwar, wie es sein kann, das dies hier und der dort ist, aber das Puzzle fügt sich eben schneller zusammen als vom Regisseur vielleicht erhofft.


Immerhin tut dieser faux-pás dem Spaß keinen Abbruch, denn "Rendel" kann mit teilweise echt dämlichen (aber punktuell und nicht übertrieben eingesetztem) Humor durchaus zum Schmunzeln bringen (Stichwort: Handlanger) und mit dreckigen Setting in dem fast immer verregneten Ort Mikkeli Punkte sammeln. Leider sucht man hier spannende oder gar unerwartete Wendungen vergebens und da tut es dem Streifen nur gut, wenn der geneigte Zuschauer ab und zu durch Kampfeinlagen bei Laune gehalten wird, denn diese sind tatsächlich gut gemacht. Zudem ist "Rendel" selbst kein Übermensch. Er ist zwar ein Superheld, aber eben nicht ganz so super und unkaputtbar, wie man vielleicht erwarten würde. Er ist verletzlich. Seelisch, körperlich und vor allem moralisch wurde dem Protagonisten hier ein Charakter auf den Leib geschneidert, den Schauspieler Kristofer Gummerus ansprechend und vor allem glaubwürdig zum Besten gibt. Aber auch seine Gegner sind nicht von schlechten Eltern, denn Johnny Vivash als Radek oder als Rami Rusinen als Rotikka machen einen verdammt guten Job. Dass sich der Regisseur Jesse Haaja als Barkeeper dann auch noch selbst ein Cameo gönnt, gehört ja fast schon zum guten Ton bei Superheldenfilmen dazu. Charaktere also gut, Setting schön düster, Action ansehnlich und adäquat brutal. Woran scheitert "Rendel" also?


Zum einen an der Story. Diese ist so altbacken und Superheldentypisch, dass man diese in Zeiten des Marvel Cinematic Universe und des DC Universe schon fast im Schlaf herunterbeten könnte. Mann wird zum Held, nachdem Bösewicht seine Familie umgebracht hat. Und der Ex-Papa arbeitete auch noch in der Firma des Gangsters, die streng geheime Medikamente... ja, toll. Kann man also getrost ad acta legen. Zum anderen an der Stringenz, wie eingangs erwähnt. Es hätte dem Film besser getan, eine gradlinige Erzählung zu präsentieren, als sich irgendwie pseudo-intellektuell zu geben und sich dabei auch noch zu verrechnen. Das hinterlässt einen etwas faden Beigeschmack.

Besser ist es da, sich auf die Charaktere und das ganze Drumherum zu konzentrieren, denn hier wurde tatsächlich gute Arbeit geleistet, wenngleich auch die Finnen nicht wirklich komplett aus den stereotypischen Klischees herauskommen. Aber sie sind nicht ganz so eintönig, wie man das vielleicht erwarten würde und sorgen so für den einen oder anderen Moment, in denen man sich denkt "Ja, das hat was!". Und wenn im Mittelteil eine ganze Söldnertruppe aus Super-Assassinen-Killer-Gangstern angeheuert wird - und diese dann doch nur auf halbem Wege versagen, dann ist das immerhin ein Schritt aus dem Schatten der generischen Superheldenfilme heraus. "Rendel" kann also über seine gesamte Laufzeit unterhalten und das auch noch gut. Der teilweise Dubstep-/Triphop-lastige Soundtrack ist ansprechend und auf CGI wurde weitestgehend verzichtet. Lediglich etwas mehr Mut und Wagnis wäre vielleicht angebracht gewesen, aber wer weiß? Nach dem Abspann (auch das gehört offenbar schon lange zum Superheldenfilm wie Cape und Maske) wird nämlich eine etwaige Fortsetzung angeteasert, von der man nach den aktuellen Reviews dieses Streifens hier erwarten könnte, dass sie etwas Größeres leistet. Denn der Filmfan ist sich doch sicher: die Skandinavier haben es eigentlich doch einfach drauf.

6,5/10

An dieser Stelle gebührt SPLENDID mein Dank, die mir den Film schon vorab zum Review zur Verfügung gestellt haben. Der Streifen kommt am 24. November als DVD und Blu-ray in die Läden.

Freitag, 22. September 2017

Cinderella (2015)

http://www.imdb.com/title/tt1661199/

Die junge, in guten Verhältnissen aufgewachsene Ella (als Mädchen: Eloise Webb, später: Lily James) verliert früh ihre Mutter (Hayley Atwell). Trotz dieser Tragödie führt sie ein zufriedenes Leben mit ihrem liebevollen Vater (Ben Chaplin), einem Großkaufmann. Als der sich mit Lady Tremaine (Cate Blanchett) eine neue Frau nimmt, heißt Ella sie mitsamt ihren Töchtern in der Familie willkommen. Doch als der Vater ebenfalls stirbt, zeigt die Stiefmutter ihr wahres Gesicht. Fortan lebt Ella als Dienstmädchen im eigenen Haus und wird "Cinderella" genannt. Abwechslung verspricht eine königliche Balleinladung, die an alle unverheirateten Damen gerichtet ist, denn der Prinz sucht eine Braut. Ella möchte am Fest teilnehmen, ihre Stiefmutter verbietet es jedoch. Das künftige Glück der jungen Frau hängt maßgeblich davon ab, ob es ihr gelingt, den Fängen Lady Tremaines zu entfliehen und doch zu dem Fest zu gelangen...

Es ist hier wie mit fast allen Kenneth Branagh-Verfilmungen. Der Regisseur und Schauspieler greift einmal mehr sehr tief in die Kitsch-Kiste, nichts Unerwartetes passiert (in diesem Fall: warum auch?), der Massengeschmack wird tangiert, bloß keine allzu komplexen Ausreißer, zahllose schablonenhafte Charaktere. Man riecht den Braten als filmkritischer Zuschauer natürlich auch... und trotzdem findet man den Streifen dann doch gar nicht mal so schlecht. Vor allem, wenn man mit dem Disney-Zeichentrick "Cinderella" aufgewachsen ist. Denn hier sind auch die Schauspieler mit wenigen Ausnahmen denkbar schlecht gewählt und Abziehbilder von dem, was man als Kenner des 1950er Zeichentricks erwarten würde. Leider muss man auch gerade das über die gute Fee (Helena Bonham Carter) sagen. Obwohl Carter eine Meisterin ihres Fachs ist, hier versagt ihre Darstellung auf allen Ebenen, vermutlich auch, weil ihre Erscheinung nicht so recht in das Bild der guten Fee passen will.


Die Geschichte wird zwar besonders anfänglich etwas ausgedehnt und Brannagh bemüht sich, die Eltern von Ella (später: Cinderella) ausgiebig vorzustellen und dem jungen Mädchen eine Motivation und Wesensbeschreibung mitzugeben, jedoch wirkt dies etwas ungelenk und aufgesetzt, vermutlich, um den Film etwas mehr Tiefe zu verleihen. Kann man wohlwollend abnicken. Aber in erster Linie gibt es hier quietschbunte Optik, die noch nahe am Trickfilm ist: alles ist schön bunt und das Kostüm-Design herausragend, Tiere, Umgebung - das passt. Gemessen an dem 1950-Zeichentrick ist dieser Film natürlich sehr viel schlechter, sowohl in der Charakterisierung, als auch in der Stringenz. Es fehlt auch ein gewisser Zauber, den CGI nun mal nicht bringen kann. Über die Story braucht man derweil kaum etwas schreiben. Entgegen einiger weltweiter Kritiken ist dieser Film aber auch keine 1:1-Umsetzung des Zeichentricks, ganz im Gegenteil - bis auf die Namen der Charaktere und den gröbsten Eckpfeilern (Disney, Putzen, Mäuse, Stiefmutter, Ball, Prinz, Schuh) haben die Filme rein gar nichts miteinander zu tun. Viel mehr füllt der Film eher einige Lücken des alten Streifens: Mutterverlust, die Beziehung zum Vater, die Ankunft der Familie Tremaine, Ballgäste, die auch was zu sagen haben, Cinderellas Wandel von der Tochter des Hauses zur Putzfrau der Familie und ihre Motivation, dort zu bleiben - hier gefällt der Film durchaus. Und unterm Strich bekommt man dann doch noch einen guten Familienfilm, besonders die Kleinsten als nicht ganz so kritisches Publikum werden wohl ihre Freude daran haben. Alle anderen sind mit dem Zeichtrick wesentlich besser beraten.

6,5/10

Donnerstag, 21. September 2017

[KINO] Kingsman: The Golden Circle (2017)

http://www.imdb.com/title/tt4649466/

Nachwuchsspion Gary "Eggsy" Unwin (Taron Egerton) und sein Kollege Merlin (Mark Strong) werden mit einer neuen Gefahr konfrontiert: Die skrupellose Poppy (Julianne Moore) zerstört die Hauptquartiere ihrer Geheimorganisation Kingsman und hält die ganze Welt als Geisel. Doch glücklicherweise machen sie die Entdeckung, dass es noch eine weitere Spionageagentur wie die ihre gibt, die parallel in den USA gegründet wurde. Also verbünden sich mit der von Agent Champagne (Jeff Bridges) geleiteten Organisation Statesman, um Poppy das Handwerk zu legen und einmal mehr die Welt zu retten. Dafür müssen die britischen Spione mit ihren amerikanischen Kollegen Agent Tequila (Channing Tatum) und Agent Whiskey (Pedro Pascal) zusammenarbeiten und ihr ganzes Können aufbringen, aber zum Glück hat Eggsy ja schon jede Menge Erfahrung darin, die Welt zu retten...

Matthew Vaughn schafft es also auch nicht und scheitert an der goldenen Regel welche besagt, dass Fortsetzungen meist schlechter als ihre Vorgänger sind - Ausnahmen bestätigen hier die Regel. "Kingsman: The Golden Circle" tappt in die klassischen Fettnäpfchen von Fortsetzungen und liefert kaum neuen Ansätze. Der Bonus des Überraschungshits ist weitestgehend verspielt und man muss hier ernüchtert feststellen, dass eben nicht alles Gold ist was glänzt. Ist der neue "Kingsman" deswegen ein schlechter Film? Nein, beileibe nicht, denn Matthew Vaughn ist schon ein kleiner Gauner. Er etabliert in seinen Filmen immer die eine oder andere Figur, mit der man sich als Zuschauer zu Teilen identifizieren kann und reißt ihn so von Anfang an mit.  Das war schon bei "Der Sternwanderer" so, das klappte bei "Kick-Ass" und 2014 auch bei "Kingsman: The Secret Service", wo man sich von Anfang an in die Rolle des Gary "Eggsy" Unwin hineinversetzen konnte, so übertrieben und unglaublich diese auch angelegt war. Nun schrie ja quasi alles nach einem Nachfolger des übermäßig coolen, witzigen und actionreichen Vorgängers und mit "Kingsman: The Golden Circle" wird die Geschichte rund um den Agenten Eggsy beinahe nahtlos fortgeführt. Teilweise herrlich übertrieben, insgesamt pompös inszeniert und natürlich auch nach der Devise "packen wir halt noch eine Schippe drauf". Das funktioniert fast vollständig, obwohl der zweite Teil auf die "Freshness" des Vorgängers verständlicherweise verzichten muss, da hier schon alle Figuren etabliert sind und auch im Film vorausgesetzt wird, dass man "Kingsman: The Secret Service" bereits gesehen und nahezu verinnerlicht hat.


"Kingsman: The golden Circle" ist damit nach wie vor ein spaßiger Ritt über durchweg unterhaltsame 140 Minuten, welche die von vielen gefeierten Elemente aus dem Vorgänger beinhalten und von einem tollen Soundtrack begleitet werden. Man bekommt sehr gute Charaktere, spannend inszenierte Action, derbe Sprüche und so manche Parodie auf ähnlich gelagerte Agentenfilme an den Kopf geworfen. Aber wo der Erstling noch mit gewissen Dingen überraschen konnte und damit einen tollen Einstieg in diese neue Welt der Superagenten dargestellt hat, versucht Teil 2 einfach die bewährte Formel zu kopieren und gleichzeitig auf die Spitze zu treiben. Neue Ideen sucht man vergebens oder hat selbige bereits im Trailer zu Gesicht bekommen. Dazu gesellen sich ungewohnt einige Längen, was aber auch mit dem etwas zu dümmlichen Plot zu tun hat. Auch in "Kingsman: The Golden Circle" landet der Zuschauer mit voller Wucht im Geschehen, indem Vaughn gescheiterte Figuren aus dem Vorgänger als Gegner präsentiert und sich diese gleich mal mit dem Protagonisten eine mehrminütige Verfolgungsjagd durch die Londoner Innenstadt liefert. Hier versteckt sich aber auch gleich das erste Manko des Films, denn obwohl die Actionszenen grandios übertrieben sind und die Kamera beinahe beständig um das Geschehen herumfährt, so leicht ist es dann auch, hier ganz schnell den Überblick zu verlieren. Während nämlich die Kämpfe unglaublich übertrieben und gleichzeitig perfekt choreographiert wirken, zerstört die Kameraarbeit die Sichtweise und so manches Detail geht verloren, obwohl sich darauf versucht wurde, zu fixieren.


Die Fortsetzung versucht sich nun mit vielen Rückblenden an den Vorgänger zu klammern, macht selbigen aber gleichzeitig teilweise obsolet. Tote werden nach Belieben wieder zum Leben erweckt, was besonders schade ist. Denn gerade diese Kompromisslosigkeit wusste in "Kingsman" zu gefallen und sorgte so auch für eine der größten Überraschungen. So sehr man Colin Firth auch schätzen mag, er hätte tot bleiben dürfen. Vor allem da seine Figur hier völlig austauschbar ist. Dabei hätte man einen passenden Sidekick für Eggsy bereit gehabt, der auch im Trailer so suggeriert wurde. Nämlich Channing Tatum als Agent 'Tequila'! Wie doof es auch scheinen mag, dass das amerikanische Kingsman Pendant - die Statesman - sich ihre Namen von Hochprozentigem leihen, das Potenzial für eine herrliche Kollaboration dieser zwei Kulturen wäre vorhanden gewesen. Stattdessen verschwindet Tatum’s Charakter aber schneller als er gekommen ist und taucht erst gegen Ende für einen unnötigen Cliffhanger wieder auf. Die restlichen Statesman dienen nur noch für lustige One-Liner, vergnügliche Actionsequenzen oder mutieren gegen Ende auf seltsame Art sogar zu Bösewichten.

Diese Bösewichter allerdings sind (erneut) herrlich übertrieben und mit allerlei Gadgets ("Arm-ageddon" - Brüller!) ausgestattet und Julianne Moore als fanatisches 50er-Jahre Girl mit Roboterhunden, welche sich auf einer Insel das Set von "American Graffiti" im tiefsten Dschungel nachgebaut hat, ist zwar amüsant, aber leider auch austauschbar. Sie ist kein Vergleich zu Samuel L Jackson, welcher auch bei weitem besser geschrieben und dessen Plan nachvollziehbarer und teuflischer war. Und warum kidnappt eine Frau, welche explizit den 'American Way Of Life' zelebrieren möchte, ausgerechnet Elton John? Natürlich ist das irgendwo lustig, aber warum Elton John? Na weil Regisseur Matthew Vaughn das eben selbst lustig fand - aus keinem anderen Grund. Dass diese "Poppy" wohl nicht der stärkste Bösewicht sein wird, haben sich wohl auch die Autoren gedacht. Darum zog man noch den (neuen) US-Präsidenten auf die Seite der Antagonisten und torpediert die Geschichte damit gleich selber. Seine Motivation Böses zu tun ist weitaus nachvollziehbarer und man hätte sich gerne auf diesen Charakter fokussieren dürfen, ja ihn zum Haupt-Bösewichten machen müssen. Aber na gut.


In diesem Konstrukt hangeln sich die verbleibenden Protagonisten von Actionsequenz zu Actionsequenz, hechten, fluchen, schiessen oder quatschen. Eggsy ist zudem mit seinem Love-Interest vom Ende des ersten Films in einer recht unglaubwürdigen Beziehung. Und die Prinzessin scheint wie er selber ein Doppelleben zu führen, welches auch selbst überhaupt nicht glaubwürdig erscheint. Aber man musste dem Charakter wohl eine Motivation geben sich durch diese Fortsetzung auch bis zum Ende zu kämpfen. Und gekämpft wird zwischen viel Füllmaterial oft. Man versuchte die Bar-Szene mit einer neuen Figur zu kopieren. Aber einen echten Grund warum es dort zu einer Schlägerei kommt sucht man vergeblich. Die Macher kopieren hier nach Belieben, um den Fans das zu bieten was sie sich wünschen, dieselben Szenen wie beim Erstling. Wozu braucht es dann überhaupt eine Fortsetzung?
Aber man kann sich auch fragen, wozu steckt Julianne Moore Typen in einen Fleischwolf und lässt diesen zu einem Cheeseburger verarbeiten? Warum zerstört Sie nur die "Kingsman", hat aber sonst keine Sorgen mit anderen Geheimdiensten wie den "Statesman"? Warum vergiftete Sie ihre eigenen Konsumenten? Und warum will ein "Statesman" um jeden Preis erreichen, dass die Aktienpreise des Whiskeys steigen? Nur für einen geilen Schlussfight? Naja. Wozu die (zugegeben: coolen) Roboterhunde aber sonst keine Roboterkrieger? Warum sind da Landminen und da wieder nicht? Hm.

Mit all diesen Fragen im Gepäck muss man letztlich zu dem Schluss kommen, dass "Kingsman: The Golden Circle" ein zweiter Teil ohne Mut und scheinbar ohne Inspiration auf den tatsächlichen Stärken des Vorgängers aufzubauen, ist. Viele Gelegenheiten für eine erneut einzigartige Action-Agenten-Persiflage werden verschenkt. Man war sichtlich bemüht viel zu bieten, ist aber über das Ziel hinausgeschossen. Der Film fühlt sich einfach nicht mehr so frisch, so unberechenbar und so cool an. Denn wenn die größten Stärken eines Films seine Actionsequenzen sind, dann möchte man diesen auch möglichst schnell über den Weg laufen. Immerhin bekommt man am Ende noch eine (wenn auch etwas unnötige) Sequenz, die gleich mal noch die Doppeldeutigkeit des "Golden Circle" offenbart und damit immerhin noch ein Lächeln aufs Gesicht des Zuschauers zaubern kann. Warten wir also auf den (angekündigten) dritten Teil, der vielleicht das Niveau wieder hebt und zu alter Stärke zurück findet.

7/10

The Next Three Days - 72 Stunden: The Next Three Days (2010)

http://www.imdb.com/title/tt1458175/

Als Lara Brennan (Elizabeth Banks) verhaftet und des Mordes angeklagt wird, fällt ihr Ehemann John (Russell Crowe) aus allen Wolken. Der bis dato eher gemütliche Akademiker glaubt fest an die Unschuld seiner Frau und gibt fortan alles, um das Gericht von ihrer Unschuld zu überzeugen. Doch all seine Mühen sind umsonst – Lara wird verurteilt, den folgenden Suizid-Versuch überlebt sie nur Haaresbreite. John bleiben exakt 72 Stunden, ehe sie in einen Hochsicherheitsknast verlegt wird. Und so wendet er sich hilfesuchend an Ex-Häftling Damon Pennington (Liam Neeson), um einen irrwitzigen Plan auszufeilen: John will erst ins Gefängnis einbrechen, um dann mit Lara zu fliehen...

Regisseur Paul Haggis schuf 2010 den Thriller "72 Stunden: The Next Three Days" und geht hinsichtlich seiner Inszenierung einen deutlich geradlinigen Weg, denn der Plot um einen Ehemann, der verzweifelt versucht, seine unschuldig hinter Gittern sitzende Frau zu befreien, lässt zu kaum einem Zeitpunkt auch nur den leisesten Zweifel daran aufkommen, dass sie die Tat nicht begangen hat. Nun macht eine stringentere Ausgestaltung aber nicht automatisch den besseren Film, denn ändert es nichts an der Tatsache, dass der Plot zuweilen reichlich zusammengeschustert wirkt und mehr als nur ein paar Fragen offen lässt, angefangen damit, dass mir die Verhaftung und Verurteilung deutlich zu hastig abgehandelt worden sind, auch wenn dadurch natürlich deutlich mehr Zeit bleibt, den eigentlichen Plot um den verzweifelten Ehemann zu entfalten.

Der überzeugt allerdings auch nicht in jeder Hinsicht, obwohl Protagonist Russell Crowe sich als John Brennan redlich abmüht und eine überzeugende Vorstellung gibt, gerade was seine anfänglich extrem unbeholfenen Versuche angeht, sich in die kriminelle Halbwelt zu begeben, um dort beispielsweise gefälschte Pässe für die Zeit nach dem Ausbruch zu erwerben. Leider versäumt es Haggis hier aber, ein gesundes Gleichgewicht zwischen Ausbruchsplanung und restlichem Leben zu finden, denn abgesehen von ein paar wenigen Einstellungen, die Brennan bei der Arbeit zeigen, hat man das Gefühl er würde alle Zeit der Welt mit der Planung des Gefängnisausbruchs verbringen, derweil sein kleiner Sohn anscheinend zum Selbstversorger mutiert und er auch ansonsten nichts tut, außer vor sich hinzubrüten. Die Ausbruchsplanung selbst ist dabei durchaus gelungen und entpuppt sich als interessante Variation typischer Heist-Motive, wo das Drehbuch immer wieder die Chance nutzt, sich Brennans kriminelle Unbedarftheit zunutze zu machen, derweil sich im Verlauf der Handlung von "The Next Three Days" eine spürbare Wandlung vollzieht.

Crowe gegenüber steht hier Elizabeth Banks als dessen Ehefrau Lara, ist in ihren Möglichkeiten aber weit eingeschränkter, denn abgesehen von der Eingangssequenz verbringt sie eben die meiste Zeit des Films im Gefängnis und kann dort kaum mehr machen, als wechselweise traurig, hoffnungsfroh, verzweifelt oder gleichgültig zu sein, doch überzeugt auch sie im Rahmen ihrer Möglichkeiten, gerade wenn ich berücksichtige, dass ich sie früher einmal aus mir unbekannten Gründen überhaupt nicht leiden konnte. Alle weiteren Figuren allerdings verkommen doch in weiten Teilen zur Staffage und während Olivia Wilde kaum mehr zu tun hat, als eine alleinerziehende Mutter zu spielen, die man anfänglich kurz und gegen Ende noch einmal in zwei bis drei Szenen zu sehen bekommt, ist Liam Neesons Rolle kaum mehr als ein Cameo, tritt sein Damon Pennington – sozusagen der Gefängnisausbruchs-Guru – schließlich in genau einer Szene in Erscheinung, um Brannan das grundlegende Handwerkszeug und ein paar Tipps zum geplanten Coup an die Hand zu geben, wofür man – so gerne man Liam Neeson auch zu Gesicht bekommt – wirklich jeden beliebigen Schauspieler hätte heranziehen können.

So ist und bleibt "The Next Three Days" also in weiten Teilen eine One-Man-Show und funktioniert als selbige auch durchaus, nur sind es eben die vielen Details und Auslassungen, die ein wenig an der Qualität des Films kratzen, während Crowes Interpretation des von verbissener Getriebenheit motivierten Ehemanns über jeden Zweifel erhaben ist. Gegen Ende gar dreht der Film noch einmal gehörig auf und hat dies auch bitter nötig, ist bis zum finalen Akt schließlich das Geschehen überwiegend recht behäbig inszeniert und neigt beispielsweise in Anbetracht der sich wiederholenden Gefängnisbesuche durchaus zur Redundanz, denn dass Brennan alles daran setzt, seine Frau zu befreien, ist ebenso klar, wie dass Lara daran zu knabbern hat, ihren Sohn nicht öfter zu sehen, weshalb die Besuche im Grunde ohne zielführenden Konsens bleiben und beinahe ein wenig überflüssig wirken. Nichtsdestotrotz in der Summe ein guter Genre-Vertreter, der damit durchaus eine Empfehlung verdient hat. Jedoch hätte man aus dem Stoff durchaus mehr machen können, zumal der Film gar nicht einmal so wendungsreich und überraschend gerät, wie man das dem Zuschauer gerne verkaufen möchte, derweil die falschen Fährten allzu plump ausfallen und auch nicht jede Auflösung so glücklich gerät, wie sich das der Regisseur vielleicht vorgestellt hat. Nicht unerwähnt bleiben sollte in diesem Zusammenhang auch, dass es sich bei dem Film um eine Remake des nur zwei Jahre älteren französischen Thrillers Pour Elle (hierzulande als "Ohne Schuld" vertrieben) handelt und insbesondere dann hätte man erwarten können, dass so manche inszenatorische Schwäche ausgebügelt würde, was leider nicht geschehen ist.

7,5/10

Dienstag, 19. September 2017

Inferno - Horror Infernal - Feuertanz (1980)

http://www.imdb.com/title/tt0080923/

Rose (Irene Miracle) ist eine alleinstehende Poetin und lebt in New York City. Ein antikes Buch führt sie in den Keller ihres Wohnhauses, hin zur Heimstätte einer mächtigen Hexe, der Mater Tenebrarum. Sie ist eine der "drei Mütter" - die anderen hausen in Freiburg und Rom: Aus ihren Verstecken heraus regieren sie die "Welt mit Tränen, Seufzern und Finsternis". Rose ist entsetzt und verständigt ihren Bruder Mark (Leigh McCloskey). Doch als dieser nach langer Reise ankommt, ist Rose verschwunden. Und in der Stadt, die niemals schläft, ist etwas erwacht. Eine unheimliche, bösartige Kreatur. Die Mutter der Finsternis.

Dario Argento ist mit Sicherheit einer der polarisierendsten Regisseure des Horrorkinos. Während die einen Leute seine hervorragende Kameraarbeit, den flippigen und für Genreverhältnisse sehr aggressiven Musikeinsatz der Band "Goblin" sowie das ausgeprägte Spiel mit Farben bewundern, schütteln andere eigentlich nur den Kopf angesichts seiner völlig hanebüchenen, dramaturgisch schwachen und mit teilweise furchtbaren Dialogen versehenen Drehbücher. Zumindest bei den Werken "Suspiria", "Profondo Rosso" und "Phenomena" zog sich dieser Trend durch. Insofern rufen die Filme von Argento stets sehr gemischte Gefühle hervor: kreativ und faszinierend sind die Szenen, wenn dieser Italiener sich visuell austobt oder einmal mehr sein Können für hinterhältige Mordszenen unter Beweis stellt, doch nur gerade so erträglich wird es, sobald er versucht, tatsächlich eine Geschichte zu erzählen oder Dialogpassagen zu inszenieren.

Der zweite Teil aus Dario Argentos mystischer "Mütter-Trilogie" ist nun dank der Inszenierungswut des Italieners erneut ein optisches Feuerwerk. Ein verfilmter Alptraum, in dem keine Figur sicher ist vor einem unbekannten Killer. Garniert mit starken Rot- oder Blautönen, einem eingängigen Score und deftigen, einfallsreichen Killszenen. Das Hauptargument für "Inferno" ist allerdings, dass Argento vor und nach diesem Werk keinen Film mehr gemacht hat, der so stark in traum- bzw. tranceähnliche Gefilde vorstößt und eher einem surrealen Kunstwerk ähnelt. Bereits die brillante Unterwasserszene zu Beginn gibt den hypnotischen, betörenden Ton vor, der die durchgehende Atmosphäre bestimmt. Radikal wie selten zuvor wirft Argento hier Konventionen über Bord und verweigert sämtliche Formen von schlüssiger Narration. Stil und Atmosphäre sind am wichtigsten und stehen immer im Vordergrund.

Auch die einzelnen Sets scheinen noch farbenfroher und heller ausgeleuchtet zu sein als schon bei "Suspiria". Wer sich früh in die Atmosphäre des Films fallen lassen kann, erlebt die Geschichte rund um Mater Tenebrarum und alchemistische Motive nicht als herkömmlichen Film, sondern wandelt auf einem (alb-)traumartigen Pfad durch ein berauschendes Labyrinth, das mit sinnlich-grausamen Höhepunkten gepflastert wurde. Nicht umsonst bezeichnete Argento diesen Film als seinen reinsten und aufrichtigsten. Nur knapp hinter "Suspiria" und einer der absoluten Höhepunkte im Schaffen des Regisseurs.

7/10

Von KOCH Media erschien der Film im limitierten Mediabook. Dieses beinhaltet den ungeschnittenen Film auf Blu-ray und DVD, sowie jede Menge Bonusmaterial.