Sonntag, 5. März 2017

Contratiempo - Der unsichtbare Gast (2016)

http://www.imdb.com/title/tt4857264/

Adrián Doria (Mario Casas) ist ein junger, äußerst erfolgreicher Geschäftsmann, dessen Leben von einem Tag auf den anderen auf den Kopf gestellt wird, als er neben der Leiche seiner Geliebten Laura (Bárbara Lennie) aufwacht – in einem Hotelzimmer, das von der Innenseite abgeschlossen ist. Da die Beweise eindeutig erscheinen, soll es schnell zu einem Prozess kommen, an dessen Ende er als Mörder verurteilt werden soll. Laut seinem langjährigeren Anwalt hat Adrián bei der Gerichtsverhandlung kaum eine Chance, da sich ein Zeuge bei Polizei und Staatsanwaltschaft gemeldet hat. Da tritt die Anwältin Virgina Goodman (Ana Wagener) an ihn heran, die eigentlich kürzlich in den Ruhestand gegangen ist, aber noch nach einem letzten schwierigen Fall sucht, gewissermaßen als Schlusspunkt für ihre Karriere. So beginnt Adrián, ihr von seinen Erinnerungen an die verhängnisvolle Nacht erzählen...

Oriol Paulo ist ein Genie, ein wunderbarer Autor und ein sehr guter Regisseur, der hoffentlich weiterhin an solch starken Filmen beteiligt sein wird. Seine drei großen Drehbücher("Julia's Eyes", "The Body" und der aktuelle "Der unsichtbare Gast") sind faszinierende Werke und gerade die beiden letzten, herrlich verschachtelten Filme, bei denen er auch Regie führte, eint vieles. Der originale Titel "Contratiempo" ist hier gleich mehrdeutig passend gewählt, nämlich in Richtung "Synkope" oder "Rückschlag", während der deutsche Titel diese witzige Mehrdeutigkeit gar nicht vermitteln kann und eigentlich auch kaum irgendetwas mit dem Film zu tun hat außer standardmäßig mysteriös zu klingen. Die Wahl der Schauplätze ist atmosphärisch, alles ist düster und dunkel in moderner Hochglanzoptik gehalten. Die Schauspieler wirken allesamt charismatisch, stehen Hollywoodgrößen in nichts nach. Überdies bietet die verworrene Story sehr viele Einfälle und Wendungen, welche sich im Rahmen eines Kammerspiels in Nacherzählungen entfalten. Nur wenige Filme schaffen es den Suspense Hitchcocks auch nur anzutippen, doch hier habe ich es gefühlt, als es am Ende, gestützt von einem bis dahin im Hintergrund bleibenden Score, hereinbricht.

Und erneut fühlt man sich als Zuschauer bei einem spanischen Krimi völlig abgeholt. "Der unsichtbare Gast" ist gerade deswegen so interessant, da er von Anfang an den Zuschauer mit ins Geschehen einbezieht. Die Geschichte wird sehr schnell vorangetrieben. Die Perspektive wechselt oft in die Vergangenheit und vermischt diese mit der aktuellen Situation und hält dabei sehr viele Überraschungen bereit. Die Schauspieler sind durchweg glaubhaft und sehr zielgenau besetzt. Und diese schmackhafte Melange aus Krimi, Drama, Verzweiflung und verschachtelter Erzählstruktur ist faszinierend, lädt definitiv zum wiederholten Schauen ein und ist klasse besetzt. Viele Szenen kommen geschickt strukturiert, aber das Gesamtgeflecht und, der vor und zurück springende Aufbau, den Paulo hier schafft, nun, das ist klassisch perfides Krimikino alter Schule. Hochwertig fotografiert, in Sound und Musik absolut stimmig und das punktgenaue Schaukelspiel aus Regie und Schnitt ist eines der besten und faszinierendsten Puzzle, das man sich dieser Tage geben kann. Grandios.

8/10