Samstag, 25. Februar 2017

Murder On The Orient Express - Mord im Orient-Express (1974)

http://www.imdb.com/title/tt0071877/

Welch Vorfreude: Privatdetektiv Hercule Poirot (Albert Finney) kehrt nach London zurück, aber dafür nimmt er den berühmten Orient-Express, der von Istanbul direkt zur britischen Hauptstadt fährt. Mit ihm reist sein Freund Signor Bianchi (Martin Balsam), der ihm in letzter Sekunde noch einen Platz ergattern konnte. Im Speisewagen wird Poirot vom Geschäftsmann Ratchett (Richard Widmark) angesprochen; er bietet ihm eine Menge Geld, wenn Poirot ihn bewache. Poirot lehnt ab. Am nächsten Morgen bereut er die Entscheidung. Ratchett wurde mittels zwölf Messerstichen ermordet. Noch dazu ist der Zug in den verschneiten Karpaten steckengeblieben. Poirot schlussfolgert, dass der Mörder noch im Zug ist, immerhin kann er ihn nicht verlassen haben. Nach und nach verhört er die anderen Passagiere (u. a. Lauren Bacall, Sean Connery und Ingrid Bergman), doch die Gespräche führen zu nichts. Niemand kann es gewesen sein, Alibis überkreuzen sich, es wird immer unwahrscheinlicher, dass einer der Fahrgäste Ratchett ermordet hat.

Elegant und stilvoll hat Sidney Lumet den Roman von Krimi-Expertin Agatha Christie in Szene gesetzt. In einem kammerspielartigen Geschehen nimmt das Drama ruhig und gemächlich seinen Lauf, hält einen jedoch unentwegt in Spannung und bei Laune. Dafür sorgen vor allem die interessanten und toll ausgearbeiteten Charaktere, die von skurril über geheimnisvoll bis amüsant sämtliche Eigenarten auffahren. Besonders der gewiefte Hercule Poirot (Albert Finney) mit seinem scharfen Verstand und seinem herrlichen Humor trägt die Geschichte von Beginn an und leitet den Zuschauer durch seine Ermittlungen und somit auch durch seine Gedanken. Im Gegensatz zu der Gemütlichkeit von Sir Peter Ustinov legt Finney seine Interpretation Poirots noch spleeniger und kauziger an; ein beinahe unbeholfen wirkender Verschnitt eines Detektivs, der trotz seiner ruhigen Ausstrahlung nicht so wirkt, als würde er ganz genau wissen was er da tut. Eine schrullige und etwas interessantere Interpretation der Figur, obwohl jeder beim Namen Poirot reflexmäßig Ustinov vor Augen hat. Auch die Auftritte der gemütsschlichten Missionarin (Ingrid Bergman), sogar oscargekrönt, und der gruseligen Prinzessin Dragomiroff (Wendy Hiller), die ganz sicher die Vorlage für "Bram Stoker's Dracula" war, bringen zum schmunzeln und bereichern die manchmal etwas schwerfällige Handlung.

Darüber hinaus ist die Einleitung des Films mit der Entführung eines kleinen Mädchens, die sich an den Entführungsfall des Charles-Lindbergh-Babys in den 1930er Jahren orientiert, sehr eindringlich und baut sofort zu Beginn eine tolle Atmosphäre auf, die zudem schon hier leichtes Unbehagen auslöste. Dem starken Auftakt folgt schließlich auch ein starker Abschluss, unaufgeregt aber dennoch nachhaltig. Störend ist da leider in der Faktenflut äußerst deutlich markierte Hinweise, die den Zuschauer etwas zu schnell auf die richtige Spur oder mindestens grob in einer klare Richtung schubsen, was der Auflösung ein gutes Stück an Überraschung nimmt (obwohl sie immer noch extrem unglaubwürdig ist). Dafür muss man selbst nicht zwingend ein Meisterdetektiv sein (wie und warum das alles zusammenpasst ist natürlich nicht ganz so simpel). Auch das soll einem nicht den Spaß an der Sache verderben, der fragwürdige Umgang mit der Pointe sollte aber zumindest mal erwähnt werden.

"Mord im Orient Express" ist einfach ein Klassiker und kann trotz seines stattlichen Alters von nunmehr über 40 Jahren noch heute mit liebevollen Settings und Kostümen, einer gut erzählten Geschichte, einem zum Mitdenken anregenden Kriminalfall mit zeitlosem Motiv und einer ansehnlichen Darstellerriege überzeugen. Lumets Romanverfilmung ist im besten Sinne stoisch und altmodisch und irgendwie einfach charmant.

7,5/10