Sonntag, 15. Januar 2017

Mary Shelley's Frankenstein - Mary Shelleys Frankenstein (1994)

http://www.imdb.com/title/tt0109836/

Im 18. Jahrhundert ist Victor Frankenstein (Kenneth Branagh) von dem Gedanken besessen, künstliches Leben zu erschaffen. Nach dem Tod seiner Mutter verlässt er seine Heimatstadt Genf und studiert Medizin in Ingolstadt, wobei er sich besonders für die Vorlesungen von Professor Waldman (John Cleese) interessiert. Frankenstein beschließt der Theorie Taten folgen zu lassen und begibt sich auf den städtischen Friedhof, um dort verschiedene menschliche Versatzstücke für sein Experiment zusammenzusuchen. Es gelingt ihm, eine künstliches Kreatur (Robert De Niro) zu erschaffen, doch der Anblick seiner grotesken Schöpfung lässt ihn an seiner Arbeit zweifeln. Am darauffolgenden Morgen fehlt jede Spur von der Kreatur. Frankenstein hofft, dass sein Geschöpf der Choleraepidemie zum Opfer fällt, die gerade in der Stadt wütet. Doch dann muss er feststellen, dass die Kreatur außer Kontrolle geraten ist und sich auf der Suche nach ihrem Schöpfer befindet...

Es ist wohl eines der ikonischsten und gleichwohl tragischsten Filmmonster: Frankenstein. Zwei Jahre nach der erfolgreichen und "Dracula"-Verfilmung von Francis Ford Coppola setzte Kenneth Branagh die Figur "Frankenstein" erneut um. Ähnlich wie bei Coppolas Film orientiert sich Branagh viel stärker an der Literaturvorlage als jede der etlichen vorherigen Versionen. Aber nicht ausschließlich. Branagh zitiert an einer bestimmten Stelle gegen Ende auch sehr deutlich und bewusst die Filme von James Whale aus den 30ern, die bis heute zurecht als die Klassiker der Frankenstein-Filme gelten und mischt gekonnt "Franeknstein's Braut" dazu. Branaghs "Frankenstein" hat alles, um ein moderner Klassiker sein zu können. Er hat die Geschichte, er hat den (hervorragenden) Cast und es ist bezogen auf Optik, Authentizität und Ausstattung wunderbar umgesetzt. Shakespeare-Experte Branagh wählte den Stoff sicher sehr gezielt, denn "Frankenstein" hat viele Elemente eines klassischen Dramas, eingebettet in eine Horrorstory.

Das hat diese Geschichte bis heute so unsterblich gemacht, es ist eine Parabel über die Macht und Grenzen der Wissenschaft, über Verantwortung und Moral, über Leben und Tod. Wo hört Ethik auf und beginnt der Bereich, den man trotz wissenschaftlichen Fortschritts und dem Streben nach Unsterblichkeit nicht betreten sollte? Und wenn, was wären die Folgen und wie stellt man sich diesen gegenüber? Wer Gott spielen will, muss mit den Konsequenzen leben, wer Leben erschaffen will, muss sich dem stellen, was eigentlich tot sein müsste. Ja, die "Frankenstein"-Geschichte ist ein zeitloses Meisterwerk, voller Tragik und Menschlichkeit. Branagh will das auch alles einfangen, es gelingt ihm aber nicht vollends.

In der ersten Filmhälfte wird Dr. Frankenstein glaubhaft charakterisiert, selbst Branaghs typisch theatralisches Spiel stört hier nicht, im Gegenteil: es passt zu dieser besessenen Figur. Die Inszenierung ist vortrefflich, die Stimmung passend, man fühlt sich in der dargestellten Zeit und seiner Umgebung sofort heimisch. Bis zum eigentlichen Auftauchen seiner Kreatur scheint der Film noch auf ein fantastisches Meisterwerk hinzusteuern. Merkwürdigerweise nimmt der Film ab dann ab. Und das zeigt um so mehr, warum James Whales Filme so großartig sind. Damals war es natürlich unmöglich, sich wie Branagh so nah am Roman zu orientieren, Whales Filme waren nur eine Essenz der Vorlage. Aber das dafür perfekt. Man kann es schon an der Darstellung des Monsters festmachen. Robert De Niro war zu der Zeit noch unantastbar und es liegt auch nicht an ihm, aber Boris Karloff hat unter seiner klobigen Monstermaske der Figur viel mehr gegeben. Eben weil er optisch nicht viel von einem Menschen hatte. Das hat den alten Filmen ihren Zauber gegeben. Da sieht man ein Ungeheuer, primitv wie ein Tier, später hilflos wie ein Kleinkind und genau das hat ihn/es in den Schlüsselmomente so menschlich gemacht. Damit hat Whale das geschafft, was bei Branagh zu offensichtlich ist. Das unmenschliche Monster wird zum Publikumsliebling, zur tragischen Figur und Dr. Frankenstein zum wahren Monster. Das gelingt Branagh leider nicht, da seine Kreatur von Anfang an viel zu menschlich wirkt, weniger primitiv, viel zu überlegt. Somit bleibt sie der eigentliche Bösewicht, obwohl die Tragik der Figur natürlich auch Raum bekommt.

Dennoch, De Niro ist "der Böse", Branagh "der Gute", auch wenn nicht glasklar. Branagh macht damit dem Subtext von Whales Filmen optisch viel zu deutlich, ohne seine Wirkung zu erreichen, eher das Gegenteil. Wirklich schade, ein vermeidbarer Fehler, der dem Film letztendlich viel Wirkung nimmt. Aber dieser "Frankenstein" ist dennoch mehr als sehenswert, allein weil Branagh sich so hingebungsvoll dem Stoff widmet und einen großen Aufwand betreibt, ihn ansprechend umzusetzen. Der Film hat auch ganz tolle Momente, aber erreicht schlussendlich nicht die Wirkung seiner "einfacheren" Vorlagen.

8/10