Freitag, 9. Dezember 2016

Tenemos La Carne - We Are the Flesh (2016)

http://www.imdb.com/title/tt4682708/

Mexiko, scheinbar nach der Apokalypse: Nach Jahren des Umherwanderns in einer verwüsteten Stadt finden die Geschwister Fauna (María Evoli) und Lucio (Diego Gamaliel) auf der Suche nach Nahrung und einer Bleibe ein halbwegs intaktes Haus, in dem sie auf einen mysteriösen Fremden treffen. Der grantige Mariano (Noé Hernandez) unterbreitet ihnen ein gefährliches Angebot, das sie annehmen müssen, wenn sie überleben wollen. Fauna und Lucio müssen sich Marianos strengen Gesetzen unterwerfen, die unter anderem bizarre sexuelle Spiele und den Bau eines eigenartigen Höhlensystems innerhalb des Gebäudes von ihnen erfordern. Das Ziel des seltsamen Mannes ist die Erschaffung einer neuen Ordnung inmitten des vorherrschenden Chaos...

"Das ist hier absolut keine gewöhnliche Party!"

Ist sie auch nicht. Wenn die Einsamkeit Menschen dazu zwingt sich seinen dunkelsten Gedanken zu stellen, um moralische Zwänge auf zu lösen, dann kommt offensichtlich solch ein Film dabei heraus. Debüt-Regisseur Emiliano Rocha Minter penetriert den Zuschauer in artifiziellen Bildern mit Key-Wörtern aus Porno-Seiten und Trigger-Motiven des abgründigen Films. Unter dem Motto, die Liebe gibt es nicht mehr, nur noch ihre Vorführung, ackert sich "We AreThe Flesh"/"Tenemos La Carne" durch die Fetischpornographie: Hardcore-Sex, Blow-Jobs, Rape-Phantasien, Pissing, Inzest, Nekrophilie, Kannibalismus, Drogenkonsum, Menstruations-Blut trinken. Unwillkürlich drängt sich die alte Floskel "Ist das Kunst oder kann das weg?" auf.

Denn "Tenemos La Carne" wirkt wie die gekünstelte Variation eines beliebigen Endzeitfilms, aber nicht wie beispielsweise die Werke von Rob Zombie im White-Trash, sondern Hispano-Trash angesiedelt. Nicht ohne absurden Humor werden in einer Uterus-Pappmaché-Hölle die gesellschaftlichen Moral-Regeln angesichts einer unsichtbaren Apokalypse von einem Anti-Messias aufgehoben und als eingegrenztes Schmuddel-Kino in edlen Bildern serviert. Arthaus-Freunde dürfen mal wieder wohlwollend zu einem Kunst-Porno masturbieren, wenn hier der verdorbene Mensch aus Schleim, Blut und Sperma generiert wird. 


Aber ganz so sehr will man den Film dann auch nicht abstrafen, denn immerhin gibt es ja zwei oder drei Szenen, die einen dann doch zum Nachdenken anregen, viel zu schnell aber umspringen und damit den Faden verlieren. Vielleicht ist der Zuschauer ja auch nur zu spießig geworden oder eine Mainstreamhure und es fehlen die narrativen bzw. empathischen Ansätze und Zusammenhänge. Leider ödet diese Art von Übertretungs-Kino einfach nur an, es ist oft unberührend und noch öfter uninteressant. Der Versuch mit herausfordernden Motiven und Mitteln die moralischen Werte zu hinterfragen funktioniert schlichtweg nicht und wohl kaum einer, der schon ein paar Filme gesehen hat, sitzt bei einer Vollfrontale auf eine Scheide oder einen Penis fassungslos vor dem Bildschirm. Wenn am Ende aus gekochten Menschenmatsch die Reinheit der Unmoral entsteht, vielleicht als Antithese zu kirchlicher Symbolik gemeint und wenn der Film das letzte Mal mit einem Twist dann doch noch einmal versucht im dreckigeren Stile eines "Eyes Wide Shut" ins Hirn einzudringen, dann könnte man meinen, dass der Streifen die  Oberflächlichkeit abfeiert und es sich deshalb gefallen lassen muss auch nur als oberflächlicher Reiz wahrgenommen zu werden.

4/10

Von WICKED VISION erschien der Film unter anderem im auf 333 Stück limitierten Mediabook.