Freitag, 30. Dezember 2016

Misery (1990)

http://www.imdb.com/title/tt0100157/

Paul Sheldon (James Caan) ist ein berühmter Roman-Autor, der in einer entlegenen Berghütte die Fortsetzung zu seiner Bestseller-Reihe "Misery" verfasst. Als er wieder nach New York zurückkehren will, wird er von einem Schneesturm überrascht. Durch die schwierigen Wetterverhältnisse kommt sein Auto von der Straße ab und wird zerstört. Die ehemalige Krankenschwester Annie Wilkes (Kathy Bates) rettet Sheldon aus dem Autowrack und pflegt ihn wegen des anhaltend schlechten Wetters bei sich zu Hause gesund. Aus Dankbarkeit lässt Sheldon die Frau, die zu seinen größten Fans gehört, das Manuskript des neuen Romans lesen. Doch Annie, deren fanatische Begeisterung so weit geht, dass sie sogar ihr Hausschwein Misery genannt hat, ist nicht gerade zufrieden, als sie vom Tod der Hauptfigur liest. Ihr Unmut bringt Sheldon schon bald in Gefahr.

Mit der Verfilmung von Stephen Kings Roman "Misery" wurde nicht bloß ein spannendes Horrorerlebnis abgeliefert, deren Hauptdarstellerin sich neben Mrs. Denvers und Nurse Ratched mühelos in die Riege der angsteinflößendsten weiblichen Gegenspielern einreihen darf, sondern auch ein Film über die einsame Kluft in der Kunst - der sich auftuende Abgrund zwischen Autor, Werk und Rezipient.

Dreh- und Angelpunkt des Films ist die fanatische Beziehung zwischen Paul Sheldon (James Caan) - einem bekannten Buchautor, der vor allem für seine "Misery"-Buchreihe Berühmtheit erlangt hat - und seinem größten Fan Annie Wilkens (Kathy Bates), welche ihn aus einem erzwungenen Zufall heraus nach einem Autounfall rettet und seine schweren Verletzungen bei sich Zuhause pflegt. In dieser Obhut voll der Pflege und der Komplimente für sein Genie braucht es anfangs eine Weile bis es jedoch dämmert, dass Sheldon im Grunde gegen seinen Willen festgehalten wird. Diese Erkenntnis wird aber nicht sanft über ihn gehüllt, sondern in rapiden Ausbrüchen des Fanatismus, die immer wieder bezeugen, mit welch psychopathischer Person er hier eingesperrt ist. Die launischen Wechsel zwischen der komplimentierenden und merkwürdig liebenswerten Annie Wilkens erfolgen hier ohne Vorwarnung hart und scharfkantig. Wenn sie zu einer weiteren Hasstirade beispielsweise über Profanität ausholt, begibt sich die Kamera in eine derartig frontale Position, dass sich unter einer großartigen Performance von Kathy Bates all ihre Gesichtsmuskeln zu verzerren drohen und man ihren Atem förmlich auf der eigenen Haut spüren kann. Interessanterweise scheint sie sich ihrer Wirkung nach einem Moment der Abkühlung durchaus bewusst zu werden und versucht selber oftmals wieder die Situation zu deeskalieren, was aber eine noch viel größere Unsicherheit mit sich zu bringen scheint. Gepaart mit dem sprichwörtlich ans Bett gefesselten Autor, der sie hier zu enträtseln versucht und manchmal ihre Spielchen mitspielt, in der Hoffnung seine Lage dadurch verbessern zu können, weiß man nie ganz genau, wie ehrlich die beiden in einzelnen Interaktionen miteinander umgehen oder vielmehr, wieviel Theater sie gewillt sind vom anderen zu ertragen. Diese Uneindeutigkeit in ihrer Beziehung befeuert und strapaziert die Nerven hier umso mehr.

Weiterhin wird ein Großteil der Spannung natürlich auch daraus generiert, dass der hier durch seine Unfallverletzungen gezeichnete Autor in seiner Immobiltät der Peinigerin und Pflege fast gänzlich ausgeliefert ist und das Gefühl der Hilflosigkeit gnadenlos seines Weges waltet. Jeder Ausbruchsversuch entlädt sich dadurch in einem anstrengendem Kraftakt, der in spannungsgeladenen Parallelmontagen zur nervenaufreibenden Zuschauer-Tortur wird.
Letztlich ist seine körperliche Paralyse aber bloß die Weiterführung seiner kreativen Unbeweglichkeit. Der Titel "Misery" ist für diese fiktionale Buchreihe hierbei sicherlich nicht zufällig gewählt, bedeutet sie doch für den Autor eine Misere, in der er sich kreativ gefangen fühlt und nicht ausbrechen darf. Während er sich in anderen Werken viel lieber ausleben würde, fordern die Fans hier eine Fortsetzung nach der anderen und verhimmeln ihn für etwas, in was nicht mal sein gesamtes schöpferisches Herzblut geflossen ist. Dieses Paradoxon muss man im Film nicht unbedingt sehen, aber wenn der Autor hier sprichwörtlich dazu gezwungen wird, eine Fortsetzung des Publikumlieblings aufs Papier zu bringen, während er zudem noch stetig Medikamente angereicht bekommt, die ihn darin zu ertränken drohen, bringt dies neben dem Horror eine zweite Ebene hinein, die den Ausbruch am Ende nicht bloß körperlich, sondern auch schöpferisch gestalten. Genial.

9/10

Von Eightyfour Entertainment kommt der Film auch im auf 999 Stück limitierten Mediabook.