Freitag, 30. Dezember 2016

아저씨 - Ajeossi - The Man From Nowhere (2010)

http://www.imdb.com/title/tt1527788/

Pfandleiher Tae-Sik Cha (Won Bin) will nur seine Ruhe haben. Zurückgezogen und unauffällig geht er seinem Beruf nach und freundet sich nur ein wenig mit einem kleinen Mädchen aus der Nachbarschaft an. Als deren Mutter Drogen von einem mächtigen Kartell stiehlt und die Ware im Pfandhaus versteckt, ist es mit der Ruhe vorbei. Die Gangster entführen Mutter und Tochter und zwingen Bin Won einen Job für sie zu erledigen. Doch sie ahnen nicht, mit wem sie sich da angelegt haben. Denn Tae-Sik war nicht immer ein Pfandleiher, er hat eine Vergangenheit... und er hat vor allem nichts zu verlieren...

Alles endet mit einem gequälten Blick irgendwo zwischen Hoffnung und Ausweglosigkeit. Zwei Gefühlsregungen, die sich im Großstadtgewusel Seouls immer diametral gegenüberstanden. Wo die Hoffnung herziehen, wenn Ausweglosigkeit jede Sekunde des Lebens dominiert und der Gedanke an die eigene Zukunft eine zeppelingroße, leere Blase ist? Der mürrische und vergangenheitsgeschundene Antiheld Cha Tae-sik (wunderbar impulsiv und mitunter apathisch gespielt von Won Bin) füllt diese Leere mit einer platonischen, fast schon melancholischen Beziehung zum vernachlässigten und frühreifen (auch in schauspielerischer Hinsicht) Mädchen So-mi (Kim Sae-ron), wie man es von Jean Reno und Natalie Portman in "Leon - der Profi" kennt. Eine so glaubhaft verbildlichte Bindung zweier Ausgestoßener als Vehikel für eine recht simple Rachestory nach altbekannten Mustern, Rollenverteilungen (unschuldig dreinblickendes Mädchen, einzelgängerischer Protagonist, ausgeflippter Bösewicht) und den legendären Gewaltauswüchsen des Asia-Kinos.

"The Man From Nowhere" mag inszenatorisch nur halb so künstlerisch gewieft wie seine koreanischen Genrebrüder ("The Chaser", "Oldboy", "I Saw The Devil") sein. Die Seoul-typische Verkommenheitsästhetik – allseits prononciert in gräulicher Tristesse und unentrinnbarer Abgründigkeit – hat Regisseur Lee Jeong-beom allerdings in all seiner Grässlichkeit perfektioniert. Drogensyndikate, Menschen- und Organhandel, versiffte Wohnbaracken, Gewalt als legitimes Kommunikationsmedium. Wenn Jeong-beom das Milieu der sozialen Großstadtverlierer durchleuchtet und skizziert, zeigt sich die Extravaganz des so poppig-schillernden Südkoreas höchstens als Spielwiese der dekadenten Verbrecherbanden, als Hort des personifizierten Übels.

In fein choreographierten, manchmal etwas zu hektisch geschnittenen Actionsequenzen geschieht die letztlich letale Gewalt zunächst meist im Off, weil die Kamera im finalen Moment wegdreht. Doch die Wut staut sich an. Hat Jeong-beom den Bluthahn erst noch resistent geschlossen gelassen und dann stetig gelockert, muss er am Ende gezwungenermaßen aufdrehen und geradezu entfesselt das gesamte Elend seiner Geschichte in einer explosiven Gewaltorgie kanalisieren und abfließen lassen.

Hätte man das hemmungslose Schnetzeln am Ende anderen Produktionen vermutlich als reinsten Brutalo-Fetisch und Befriedigung des Voyeurismus angelastet, bleibt "The Man From Nowhere" in all seinen Aktionen glaubwürdig. Weil die Bindung zwischen So-mi und Cha Tae-sik so real und emotional erscheint. Weil die Gräuel im Moloch der Metropole so authentisch wirken. Weil die Perspektivlosigkeit so spürbar ist. Weil man sich für die beiden eben irgendwie Hoffnung anstatt Ausweglosigkeit wünscht. Und wenn sich koreakitschige Theatralik, Gefühligkeit und Sanftmut mit bis zur letzten Konsequenz exerzierten Gewaltphantasien symbiotisieren, kann letztendlich schon fast nichts mehr schief gehen.

8,5/10