Samstag, 24. September 2016

Gran Torino (2008)

http://www.imdb.com/title/tt1205489/

Walt Kowalski (Clint Eastwood) ist ein verbitterter Veteran des Koreakriegs. Nach dem Tod seiner Frau lebt er im Detroiter Vorortviertel einsam vor sich hin. Eine heruntergekommene Gegend ist das, in der Überfälle von Jugendbanden zum Alltag gehören. Seinen neuen asiatischen Nachbarn begegnet Walt mit offenem Rassismus. Die Vorurteile bestätigen sich zunächst, als der Teenager von nebenan Walts ganzen Stolz, seinen 1972er Ford Gran Torino, zu stehlen versucht. Der Rentner kann den Diebstahl aber verhindern und als Thaos (Bee Vang) Familie darauf besteht, dass der seine Schuld abarbeitet, beginnt eine vorsichtige Annäherung... 

Einen würdigeren Abschied vor der Kamera hätte sich Clint Eastwood kaum wünschen können, wenn man von seinem letzten Film, "Back In The Game", mal absieht. Wunderbar spielt er hier mit dem Image seiner vergangenen Rollen und inszeniert sein schauspielerisches Finale schnörkellos und wie einen Film aus den "guten alten Tagen". Clint Eastwood, grandios als verbitterter Korea-Veteran Walt Kowalski, bezwingt die Dämonen der Vergangenheit, überwindet die kulturellen Hürden und die eigenen Vorbehalte gegenüber den ungeliebten Nachbarn und beweist damit: manchmal sind einem die vermeintlich Fremden eben doch näher als das eigene Fleisch und Blut. Gerade im Clash der Kulturen ist Eastwood wirklich großartig anzusehen und hat damit nicht nur für viele amüsante Schmunzler gesorgt, sondern genauso für einige nachdenkliche Momente. Sehr überzeugend gespielt auch vom restlichen Ensemble, kann der Film aber besonders durch die dargestellte Entwicklung einer ungewöhnlichen Freundschaft zwischen den beiden Protagonisten punkten.

Eastwoods Charakter Walt Kowalski wirkt selbst wie ein Ford Gran Torino, allerdings mit wesentlich mehr Meilen runter, dem ein oder anderen Rostflecken im Blech und dem großen, leicht verwitterten Stars-and-Stripes Aufkleber am Heck. Das ist patriotisch. Das ist plakativ. Das ist Amerika - und Walt Kowalski, ein Korea-Veteran dessen Ansichten sich seit den 50er Jahren nicht mehr großartig geändert haben, ist ein "Grumpy Old Man" wie aus dem Lehrbuch. Verwitwet, von seinen Kindern entfremdet, äußerst penibel, mürrisch, launisch und Sprüche abfeuernd, die man durchaus rassistisch nennen darf. Walt ist einer, der "verpiss dich" auf die Stirn tätowiert hat und sein Eigentum und sein Recht handfest zu verteidigen bereit ist. Zur Not auch mit dem Karabiner im Anschlag. Roh, direkt und unsensibel. Sicherlich eine Angewohnheit, die es ihm nicht leichter macht. Ein Mann des alten Schlages und voller eingeimpfter Vorurteile.

Und genau neben diesem alten knurrenden Hund zieht eine Hmong Familie ein. Mit ihren unaussprechlichen Namen und ihren fremden Gebräuchen ecken sie bei Walt schnell an. Die beiden Teenager der asiatischen Familie geraten in Schwierigkeiten mit einer Gang. Die Eskalation der Gewalt schreitet unaufhaltsam voran. Und in diesem Konstrukt liefert Clint Eastwood mit "Gran Torino" geradezu brillantes Handwerk ab und das direkt ins Gesicht. Eine Ballade über die Alten, über ungleiche Freundschaften und Annäherung mit dem Vorverurteilten. Eastwood zeichnet auch ein Bild der amerikanischen Vororte im Teufelskreis aus Gewalt und Gegengewalt. Die Spannungsschraube wird immer fester angezogen, dramatische Elemente und Humor kommen aber nie zu kurz. Das Ende, welches sich schon Minuten bevor es dazu kommt, offenbart, stimmt einen sofort unglaublich traurig, ist dann aber kurz und zumindest dramaturgisch schmerzlos und passt damit genau auf den Protagonisten Walt. Der Rassismus ist etwas romantisiert, wenn man die Realität betrachtet und dennoch stimmig mit dem Universum des Films. Und zumindest der aufmerksame Zuschauer wird wohl eine Weile nach dem Abspann noch da sitzen und reflektieren. Über seine Mitmenschen, über die Welt, vielleicht über sich selbst.

Ja, "Gran Torino" ist einfach ein rundum gelungenes Drama vor einem noch viel wichtigeren Thema, mit einer eindrucksvollen Story bis hin zum emotional packenden Finale. Eastwood ist und bleibt ein Meister seines Fachs. Egal ob vor oder hinter der Kamera. Hier war er beides.

9,5/10

Die Erstauflage des Films gab es 2009 exklusiv im limitierten Steelbook.