Dienstag, 23. August 2016

Changeling - Der fremde Sohn (2008)

http://www.imdb.com/title/tt0824747/

Der Sohn der alleinerziehenden Mutter Christine Collins (Angelina Jolie) verschwindet eines Tages spurlos. Es dauert zehn Monate, bis die Polizei endlich einen Erfolg melden kann. Die Beamten haben den Jungen in Illinois aufgespürt. Bei der Übergabe jedoch erschrickt Christine: Das Kind ist nicht ihr Sohn. Doch das Polizeidepartement, das wegen Korruptionsvorwürfen unter Dauerbeschuss steht, will mit dem Fall unbedingt sein schlechtes Image aufpolieren. Captain J.J. Jones (Jeffrey Donovan) rät ihr deshalb, das Kind doch zumindest eine Zeit lang "auszuprobieren". Schließlich könnte es sich ja doch um ihren echten Sohn handeln, der sich in den vergangenen Monaten nur eben etwas verändert habe. Doch Christine will keinen fremden Sohn großziehen und versucht stattdessen, eine Wiederaufnahme der Ermittlungen zu erreichen. Als sie sich schließlich mit dem Vorfall an die Öffentlichkeit wendet, wird sie von der Polizei in eine Nervenheilanstalt eingewiesen...

Clint Eastwood. Ein Name, der seit nun über einem Jahrzehnt für beinahe unerreichbar hohe Qualität im Filmbusiness steht. "Gran Torino", "Million Dollar Baby", "American Sniper", A Perfect World" sind allesamt Filme, die den Zuschauer berühren, die ihn bewegen, die etwas zeigen, was ihn fesselt, ihn mitreißt und in vielen Fällen aufgrund unfassbarer Dramatik sogar umhaut. In seinem 2008er Werk "Changeling" ist dies kaum anders. Zu unfassbar ist die wahre Geschichte um Christine Collins und ihren Sohn Walter.

Die Geschichte, vor deren Hintergrund sich das Filmdrama abspielt, ist in den USA als "Wineville Chicken Coop Murders" bekannt. 1926 entführte der Rancher Gordon Stewart Northcott den 14-jährigen Sanford Clark, brachte ihn auf seine Hühnerfarm in dem kleinen Ort Wineville nahe Los Angeles, schlug ihn und missbrauchte ihn sexuell. Im September 1928 fand die Polizei den Jungen auf der Ranch. Er sagte aus, Northcott habe mehrere Jungen - spätere Berichte sagen: bis zu 20 - entführt, missbraucht, in Hühnerställe eingesperrt, schließlich erschlagen und die Leichen mit einer Axt zerstückelt. Die Polizei pflügte das Grundstück um, fand vereinzelte Körperteile und eine blutbeschmierte Axt. Northcott war mittlerweile mit seiner Mutter Sarah Louise nach Kanada geflohen, wo sie Ende 1928 verhaftet wurden. Zunächst gestanden Mutter und Sohn die Morde an den Jungen, darunter auch an dem neunjährigen Walter Collins aus Los Angeles, der am 10. März 1928 von einem Kinobesuch nicht heimgekehrt war. Jenem Ausschnitt des Falls - dem Kampf der alleinerziehenden Christine Collins um ihren Sohn und gegen den korrupten Polizeioffizier J. J. Jones - widmet sich der Film. Und tatsächlich führte die Polizei Christine Collins nach einer spektakulären Suchaktion ein falsches Kind zu. Wie sich später herausstellte, handelte es sich um den Halbwaisen Arthur J. Hutchins, der nach Hollywood wollte, um dort seinen Lieblingsschauspieler Tom Mix zu treffen. Gordon Northcott und seine Mutter zogen ihr Geständnis später zurück. Dennoch wurde Northcott wegen dreifachen Mordes zum Tode verurteilt und 1930 im Gefängnis von St. Quentin hingerichtet. Sarah Northcott wurde wegen Mordes an Walter Collins zu lebenslanger Haft verurteilt, aber nach zwölf Jahren auf Bewährung freigelassen. Die Leiche von Walter Collins wurde nie gefunden. Christine Collins gab die Suche nach ihrem Sohn nie auf. Nachdem die öffentliche Erregung abgeebbt war, verschwand Christine Collins in die Anonymität. Der Ort Wineville änderte seinen Namen in Mira Loma. Die Farm mit den Hühnerställen steht bis heute.
(Quelle: Frankfurter Rundschau)

Clint Eastwood zeigt einmal mehr politische Korruption. Politik, in der Machterhalt über Moral, Recht, Ehre und das Wohlergehen anderer Menschen gestellt wird. Das Gesetz zu sein, heißt, über dem Gesetz zu stehen. Richtig stark und deutlich wird Eastwoods Meinung vor allem auch im Umgang mit Frauen in diesem Film. Wenn Collins etwas sagt, wird es gegen sie verwendet. Wenn sie nichts sagt, wird es gegen sie verwendet. Die Männer nutzen ihr (unbegründete) Machtstellung, um Frauen emotional zu zerlegen. Argumente könnten sexistischer nicht sein. Argumente wogegen? Collins hat etwas verbrochen. Sie ist schuldig. Das Verbrechen ist: Sie hat eine eigene Meinung. Da mag man jetzt denken "Jaja, das war eben in den 20ern...", aber auch heutzutage ist Frauenfeindlichkeit noch ein Thema. Die Würde des Menschen ist unantastbar. Außer im Internet. Und die eigene Meinung ist es schließlich auch, die Collins zum Verhängnis wird.

Eastwood schafft es beeindruckend, die Ähnlichkeiten zwischen politischer Korruption und geschlechtlicher Unterdrückung aufzuzeigen. Hinter einer lächelnden Fassade steckt der verrottende Inhalt. Das Messer griffbereit hinter dem Rücken, das Grinsen auf dem Gesicht. Aber das ist Eastwood nicht genug, er schafft es zudem auch noch, den eine Zeitreise anzutreten. Eine, die den Zuschauer 90 Jahre zurück in die Vergangenheit nimmt und an Collins Schicksal teilhaben lässt. Auf eine Reise, die dem Zuschauer etwas abverlangt, ihm aber auch was gibt. Die Bilder schaffen ein Gefühl, das sich wohl aus "unvollkommen" bezeichnen lässt. Rast- und ratlos begibt sich der Zuschauer auf die Suche. In einer Welt, in der etwas zu fehlen scheint. Man kommt der inneren Leere der Angehörigen nahe, weil Clint die Atmosphäre erst blitzschnell aufbaut und dann nicht nur erhalten, sondern auch ausbauen kann.

Dennoch wirkt das Ende des Films ein wenig zu lang und ein Quentchen zu inkonsequent. Einige Extraminuten hätten dem Werk hier wohl sehr gut getan, das mit über 2 Stunden schon nicht kurz ist. Dennoch, die Ursprungsfassung war rund drei Stunden lang und man kommt nicht umhin, sich zu fragen, ob wohl diese Version deutlich runder war. So wirkt es ein wenig überhastet und unvollständig. Eastwood beherrscht aber insgesamt den nicht einfachen Spagat zwischen den Genres so spielend, als hätte er nie etwas anderes gemacht. Ohne das sich irgendwann ein Ungleichgewicht einstellt entwickelt sich die Geschichte nie vorhersehbar weiter, neue Figuren erscheinen auf der Bildfläche, es werden stetig andere Akzente gesetzt, Spannung und Dramatik gehen wie selbstverständlich Hand in Hand. Die bis ins bittere Detail glaubwürdige Dramaturgie - das vermeidliche Einzelschicksal der Christine Collins - würde schon für einen eigenständigen Film reichen, das sich nicht auf einzelnen Höhepunkte verlassen wird birgt ein gewisses Risiko, was sich letztendlich jedoch voll auszahlt.

9,5/10