Sonntag, 17. April 2016

渇き - Kawaki - The World Of Kanako (2014)

http://www.imdb.com/title/tt3108158/

Der Ex-Cop Akikazu (Kōji Yakusho) begibt sich auf die Suche nach seiner verschwundenen Tochter Kanako (Nana Komatsu), einem bei Freundinnen und Lehrern gleichsam beliebten Mädchen, das ihrem Vater immer als Musterschülerin erschien. Doch was er auf der Suche nach Kanako über seine Tochter herausfindet, erschreckt den selbst nicht gerade heiligen Akikazu zutiefst. Kanako führt ein Doppelleben und hat sich in einem Netz aus Sex, Drogen und Gewalt verstrickt. Die Erkenntnis, dass seine Tochter ein ebenso gewaltbereites und moralisch zerrüttetes Wesen ist wie er selbst, erschüttert Akikazu zutiefst und je mehr er über Kanako herausfindet, desto rasender wird er. Sein Wunsch, seine Familie zusammenzuführen, die er durch seine Alkoholsucht und seine Brutalität auseinandergetrieben hat, scheint nunmehr unerfüllbar.

Mit einem überdrehten Tarantino-esken Intro beginnt die Fahrt in eine morbide Welt aus Inzucht, Verantwortungslosigkeit und dem intriganten Drogenvertrieb an kleine Schulmädchen, die in ihrer Uniform an liebe, naive Wesen erinnern, doch solche gibt es in der Welt des Regisseurs Tetsuya Nakashimas offenbar nicht. Schnelle Schnitte, die man so nur aus Kampfszenen kennt, ersetzen den normalen Erzählfluss durch eine stakkatoartige Einführung in einen verworrenen Plot. Diverse Zeitsprünge in die Vergangenheit eines naiven, liebenswürdigen, gepeinigten und letztlich bis auf die innerlichen Grundmauern heruntergebrannten Jungen erleichtern bzw. erschweren dem Zuschauer neben eingeschobenen Animezeichnungen und bunten Tamagotchi-Electrodrogenpartys einen Weg, der sich am Anfang zu einem gigantischen Labyrinth in die Unterwelt der Gangster aufzuspalten scheint.

Als vom guten Willen gezwungener, anscheinend aber böser Freiwilliger, offenbart sich ein von sich selbst ausgestoßener Familienvater als Protagonist für diese verzwickte Lage, seine entführte Tochter wiederzufinden. Warum er den Willen hat das zu tun, weiß er bei alldem Alkohol und den verdrängten Schandtaten, die von seiner selbst ausgingen und gehen, leider nicht mehr. Das ist eine ziemlich prekäre Lage, aus der er sich stets zu befreien versucht, die Schlinge um seinen Hals hat er sich aber selbst gelegt. Und immer ist man zumindest inhaltlich an mehreren Orten gleichzeitig.

Neben dem permanenten Schnittgewitter ist dies ein weiteres Stilmittel der Verwirrung, welches dafür sorgt, dass man ebenso wie die nach seiner Tochter suchende, emotional verwirrte Hauptfigur, sich in einem unbegreiflich krassen Dilemma befindet. Und aus diesen Dilemma tastet er sich nicht heraus, nein, er schlägt wild um sich und straft all diejenigen ab, die sich in ihrem Leben nicht gerade gemacht haben, die ihre Verantwortung einfach fallen gelassen haben, obwohl er dabei selbst nicht erkennt, dass er ebenfalls einer dieser Menschen ist, die zu faul sind um sich aufzuraffen.

Ein abgehalfterter, aggressiver Ex-Cop-Penner als moralischer Hammerschwinger, aber vielleicht kann man sich auch wieder ändern. "Wieso seid ihr alle so besessen von Kanako?" tönz es etwa zu r Hälfte des Films aus dem Mund einer emotional längst gebrochenen Person. Und genau das ist der Schlüssel zur Welt von Kanako, dessen längst geöffnete Tür den Zuschauer in einen blutigen Abgrund aus Intrigen und zerstörten, naiven Hoffnungen blicken lässt und fast hinterher stößt. Nakashima wirkt, als würde er sein eigenes Jugendtrauma aufarbeiten. Äußere Schönheit ist nicht gleich innere Schönheit und bei Kanako scheinen die Gegensätze zu einem teuflischen Wesen vereint. Unglaubliche Grazilität und dämonische Manipulation in Symbiose, bis schließlich ein selbstzerstörerischer Parasit den Panzer der Schönheit aufbricht, aus seiner Hülle emporsteigt und alle mitreißt, die auch nur kurz an das Gute in ihm geglaubt haben.

Und auch wenn das Intro bereits offenbarte, dass jegliche Liebe längst im eisigen Schnee des Hasses begraben liegt, erzählt Nakashima so viel, dass bald der Schädel zu platzen droht. Wer hier nicht bei der Erstsichtung Hunderprozentig 120 Minuten lange voll konzentriert ist, an dem fliegt der Film mit der Schnellebigkeit eines Wimpernschlags vorbei und man verliert sich in Irrungen und Wirrung, bis man schließlich völlig den Faden verloren hat. Dasselbe könnte allerdings auch dem gebannt starrenden Zuschauer passieren. "The World Of Kanako" ist ein Film, der von der Weitervererbung schlechter Eigenschaften berichtet, die versteckt im offensichtlich Guten nicht sichtbar werden. Wahrheit, Lüge, Vorurteil. Dieser Film ist ein Monster, das für den Zuschauer weder Spaziergang noch Erleichterung nach dem Abschalten ist und sicher nichts, was man sich zweimal hintereinander anguckt, in jedem Fall aber bahnbrechendes Japan-Kino für hartgesottene Investoren. Wer am Ball bleibt, bekommt einen ordentlichen Brainfuck geliefert, der noch etwas nachwirkt.

7/10