Montag, 15. Februar 2016

[KINO] Deadpool (2016)

http://www.imdb.com/title/tt1431045/

Wade Wilson (Ryan Reynolds) ist Soldat in einer Spezialeinheit und Söldner. Als er von seiner Krebserkrankung erfährt, unterzieht er sich einem riskanten Experiment im Labor des skrupellosen Ajax (Ed Skrein), das ihn heilen und in einen Supersöldner verwandeln soll. Doch den Preis für sein Überleben bezahlt Wilson am Ende mit schweren Qualen und körperlicher Entstellung. Getrieben von Rache und durch Selbstheilungskräfte nahezu unsterblich geworden, schlüpft Wade Wilson in einen rot-schwarzen Anzug mit Maske und versucht als "Deadpool", seine Peiniger auszuschalten. Die offensichtlichsten Unterschiede sind sein pechschwarzer Humor, sein bissiges Mundwerk und seine Angewohnheit, sich direkt ans Filmpublikum zu wenden. Aber damit gefährdet er seine große Liebe Vanessa, die er nach seiner Verwandlung voller Scham aus seinem Leben verbannte... 

Mit seinem ersten cineastischen Auftritt in "X-Men Origins: Wolverine" hatte sich "Weapon X"/"Deadpool" nicht gerade mit Ruhm bekleckert. Der ebenfalls von Ryan Reynolds (und später von Scott Adkins als "Weapon X"/"Deadpool") verkörperte Supersoldat Wade Wilson hatte gegen Wolverine einfach nicht die richtigen Fan-Autoren, so hatte man zumindest das Gefühl. Denn einerseits wurde dem "Merc with a mouth" die große Klappe zugenäht (ein faux-pás allererster Kajüte), andererseits wurde die Figur nicht wirklich korrekt gezeichnet und auch viel zu schnell, ja beinahe vorschnell, verheizt.

Nun, rund 7 Jahre später nahm Tim Miller auf dem Regiestuhl Platz und liefert mit "Deadpool" sein abendfüllendes Regiedebüt. Und was für eins. Robert Kirkman, Schöpfer der "Walking Dead"-Comics, Produzent der zugehörigen TV-Serie und Ehrengast eines Vorab-Screenings von "Deadpool", hatte absolut recht: "Der Film hat die beste (Anfangs-)Credits-Sequenz, die ich in den letzten Jahren gesehen habe. Du weißt von der ersten Minute an, dass es ein köstlicher Film wird." Richtig. Denn diese erste Minute, unterlegt mit "Angel Of The Morning" von Juice Newton, ist die konzentrierte Essenz der Einhundertundfünf, die folgen werden: exzessive, comichafte Gewalt, garantierte Political Incorrectness, Selbstironie, Fourth-Wall-Breaks (Gespräche mit dem Publikum), ungezähmte Gags. "Deadpool" ist nicht jugendfrei und kostet diesen Umstand bis zum letzten Kunstbluttropfen und dem hämischsten Lacher aus. 

Mit "Deadpool" hat man jedenfalls eine erfrischende Abwechslung zum generischen Genre-Einheitsbrei geschaffen, ohne jedoch zu sehr aus dem Raster zu fallen. Auch lässt sich der Film zu Glück sehr viele Freiheiten, ist äußerst vulgär und zur Abwechslung auch mal richtig brutal. Alles andere hätte hier auch gar nicht gepasst. Wade Wislon, "Deadpool", kommt nun einmal aus der Schmuddelecke der Marvel-Comic-Universums. Dreckig, düster, zotig und irgendwie auch frei von den sonst so hochgelobten Regeln, nach denen im Grunde jeder der einzelenen "Marvel Cinematic Universe" ("MCU") - Charaktere sonst lebt. Seit 1997, als er von Joe Kelly und Ed McGuinness seine erste eigene Heftserie im erweiterten Kosmos der "X-Men" erfunden wurde, treibt dieser politisch unkorrekte Spinner mit Hang zum Splattern sein Unwesen in den Comics und wurde bald zu einem seltsamen Liebling der Fans. Ungeniert lassen Drehbuchautoren Rhett Reese und Paul Wernick Köpfe explodieren, amüsieren mit Schmähs härtester Gangart, zerbeulen die vierte Wand konsequent mit der Abrissbirne und sparen weder mit Selbstironie noch Genrekritik. Bei einem anderen Marvel-Helden würde das womöglich plakativ und aufgesetzt wirken, zu "Deadpool" passt es wie die Faust aufs Auge.

Die grundsätzliche Story von "Deadpool" ist - und das war irgendwie zu erwarten - nicht neu und auch kein Meisterwerk und will dies auch gar nicht sein. Sie ist eben eine Origin-Story und muss dementsprechend gewisse Standards erfüllen, funktioniert aber dennoch, weil sie sich dann doch in einem ausreichendem Maße ernst nimmt, sodass sie nicht zu einer Farce verkommt. Das wirkt dann zwar ein wenig seltsam, angesichts des sonstigen Gag-Dauerfeuers, ist aber auch keine Spaßbremse. Die Dramaturgie verträgt sich dabei mit dem deftigen Humor und den Verweisen auf reale Gegebenheiten nicht immer Hunderprozentig perfekt, funktioniert aber im Großen und Ganzen sehr gut. Durcheinander wirbeln hier auch Popkulturzitate, Film-, sowie Insider-Gags, die das Genre der Comicverfilmungen und seine pathetischen Motive immer wieder vorführen, ohne es zu denunzieren. Und damit ist "Deadpool" vor allem eines: eine riesengroße Spaßgranate. Die Action ist sehr gut choreografiert und macht vor allem in den Slow-Mo-Szenen eine Menge Spaß. Die Nebencharaktere mit dem aus "X-Men" bekannten 'Colossus' (Stefan Kapicic) und der etwas weniger bekannten 'Negasonic Teenage Warhead' (Brianna Hildbrand) sind gut besetzt und sorgen für die nötige Bodenständigkeit. Einzig die Zeichnung des Bösewichts 'Ajax' (Ed Skrein) fällt nicht sonderlich clever aus, passt aber auch irgendwie zur in sich labilen Figur "Deadpool". So gesehen ist er zwar einfach nur "der Böse" ohne viel zu erklären oder zu hinterfragen. Andererseits ist die Hauptfigur schon so herrlich differenziert dargestellt, dass der Film schlicht und ergreifend überladen wirken würde, hätte man den Bösewicht auch auf ein solches Niveau gesetzt. Besondere Erwähnung verdient noch T.J. Miller als Weasel, der - genau wie Deadpool - den einen oder anderen zum Brüllen gelungenen Gag von sich gibt.

Insgesamt ist also der herrliche Humor, welcher häufig mit der Meta-Ebene spielt ohne dabei plump zu wirken, der größte Trumpf des Films. Die Schauspieler (vor allem natürlich Ryan Reynolds) wirken durch die Bank weg gut gelaunt und bringen die flapsigen Sprüche perfekt rüber. Ehrlichweise hätte man das Reynolds gar nicht mehr  zugetraut, aber er scheint mit "Deadpool" endlich seine Rolle im Superhelden-Universum gefunden zu haben. Nach seinem unrühmlichen Auftritt als Hal Jordan als titelgebende Figur in "Green Lantern" (darauf gibt es eine geniale Anspielung im Film) und dem zum Fremdschämen dumme Charakter Hannibal King in "Blade: Trinity", der noch mehr genervt hat als ein Ausschlag am Allerwertesten, kann Reynolds hier ironischerweise mit ebenjenen blöden Sprüchen punkten.

"Deadpool" ist so genau der Film geworden, den man sich als Fan erhofft hat. Vor allem aber ist er ein sehr wichtiger Film für das Superhelden-Genre, denn endlich wurde gezeigt, dass auch eine härtere Adaption eines Comics wunderbar funktioniert und sehr gut aufgenommen wird. Denn "Deadpool" ist ein herrlich bescheuerter, derber "Superhelden"-Film, welcher mit seinem enormen (Gag-)Tempo durchweg für Unterhaltung und gute Laune sorgt, ohne Handlung und Charaktere zu sehr aus den Augen zu verlieren. Mit winzig kleinen Abzügen also eine perfekte Umsetzung des Comics. Das Resultat: Best. Comicmovie. Ever. Und fest steht, dass der Film in Zeiten der Comic-Movie-Ära, in der die Studios an Zehnjahresplänen feilen und mit PG-13-Franchises Milliarden scheffeln, nicht nur eine willkommene Abwechslung darstellt, sondern auch Hoffnung macht: Auf wildere, fiesere, bessere Superhelden.

Eigentlich 12/10.

9/10

Passend zum Anti-Helden gibts ein Mega-geiles Steelbook mit Prägung auf Vorder- und Rückseite. So geil, dass man es komplett ablichten muss: