Freitag, 26. Februar 2016

Child 44 - Kind 44 (2015)

http://www.imdb.com/title/tt1014763/

Leo Demidow (Tom Hardy) ist als Militärpolizist ein Handlanger der Sowjetunion unter Stalin, ein staatliches Instrument. Er hinterfragt seine Aufträge nicht und fühlt sich an keine Moral gebunden, die nicht durch die Partei vorgegeben ist. Von seinen Vorgesetzten wird Leo regelmäßig daran erinnert, dass es in seinem Land – der offiziellen Linie nach – bestimmte Verbrechen nicht gibt, Kindsmord etwa. Doch als die Leiche des kleinen Sohnes eines Mitoffiziers aufgefunden wird und der Staatsapparat den offensichtlichen Mord zu vertuschen versucht, kommt Leo ins Grübeln. Als ein weiteres Kind ermordet wird, stellt Leo eigene Nachforschungen an und gerät so ins Visier seiner Vorgesetzten. Er weckt das Misstrauen des Milizanführer Nesterow (Gary Oldman) und wird mit seiner Familie ins provinzielle Exil geschickt. Während dies Leos ehrgeizigem Rivalen Wassili (Joel Kinnaman) in die Karten spielt, wird Leos Suche nach dem Killer immer gefährlicher – nicht nur sein Leben ist in Gefahr, auch sein Vertrauen zu seiner Frau Raisa (Noomi Rapace) wird auf die Probe gestellt.

"Kind 44" ist ein nicht einfacher, oftmals ziemlich unangenehm zu schauender, aber sehr guter Film. Die Verfilmung gilt als "Box-Office-Bomb" und das nicht ganz zu unrecht. Mit einem Budget von 50 Millionen und einem finalen Einspielergebnis von etwa 3 Millionen Dollar wird klar belegt, dass hier etwas gewaltig schief lief. Dabei ist doch alles da. Großartige Darsteller wie Tom Hardy, Gary Oldman, Noomi Rapce, Vincent Cassel und Joel Kinnaman, eine ansprechende Inszenierung und ein dienlicher Soundtrack. Aber irgendetwas zwischen Regie, Schnitt und Produktion lief schief. Das deprimierende Setting und eine schwermütige düstere Atmosphäre vermitteln dabei doch so ein grandioses Zeitgefühl in der Sowjetunion der Stalin-Ära Anfang der 50er Jahre. Anfänglich könnte man meinen, es handele sich bei "Kind 44" um einen Serienkillerthriller, aber dieses Story-Element spielt eigentlich nur eine untergeordnete wenngleich auch wichtige Rolle.

"Mord ist eine ausschließlich kapitalistische Krankheit."

Es geht vielmehr um das Drumherum und um die Zeit, in der die Geschichte spielt, aber mit dem Kriminalfall als wichtiger Bestandteil des Gesamtkonstruktes, denn ganz nach obigem Zitat und damit einhergehend dass es im Paradies (der Sowjetunion) keinen Mord gibt, versucht das System natürlich, die Ermittlungen zu unterdrücken. Allein diese Inszenierung, das Spiel und Gegenspiel sind faszinierend dargestellt und interessant gemacht, der Zuschauer muss sich lediglich drauf einstellen und einlassen. Zudem ist das Ganze auch ein Charakterdrama eines gehassten Dissidenten-Jägers des russischen Geheimdienstes MGB, der sich mit einer neuen Situation zurecht finden muss und auf der Suche nach sich selbst und seiner Rolle im System ist. Dieser wird dargestellt vom wieder mal großartigen Tom Hardy, der mal wieder eine verdammt intensive Leistung abliefert. Stark auch, wie die komplizierte Beziehung zu seiner Ehefrau Noomi Rapace (die ebenso klasse spielt) beleuchtet wird.


Also alles sehr interessant, gut umgesetzt und gut erzählt, mit viel subtiler Spannung und Drama versehen, bisweilen aber auch ein wenig zu schleppend und langwierig rübergebracht. Oftmals passte das zum Film, zur Story und zur Stimmung, und manchmal waren das halt einfach nur Längen, die man nicht vermeiden konnte und mit ein etwas weniger Laufzeit vielleicht hätte umgehen können. Dies ist zum Glück nur selten störend.

Das liet sich jetzt alles sehr grandios, doch der Film schafft es an keiner Stelle rund zu wirken, da er seine verschiedenen Handlungsstränge nicht linear erzählt, sondern verwirrend und sprunghaft ist. So taumelt der Film über die ganze Laufzeit zwischen einem Krimi und einem politischen Drama, ohne je wirklich eines der beiden Genres zu erreichen. Hätte man sich mehr auf einen der Storyteile fokussiert, andere vielleicht ganz weggelassen, so wäre der Film sicher deutlich harmonischer gewesen. Auch fehlen große Teile der Hintergrundgeschichte im Drehbuch, die dem Zuschauer die Figuren eigentlich nahe führen sollten. Viele Charaktere handeln ohne kenntliche Motivation, man hätte viel größere Teile des Films für die Vergangenheit seiner Pro- und Antagonisten verwenden sollen.

"Kind 44" ist damit kein Totalausfall, verschenkt jedoch sehr viel von seinem Potenzial. Wo die dramatische Geschichte rund um ein politisches System und gleichzeitig die einer schrecklichen Mordserie erzählt werden will versagt der Film dabei die interessanten Aspekte der Genres zu verbinden.

7/10