Freitag, 15. Januar 2016

Jaws - Der weiße Hai (1975)

http://www.imdb.com/title/tt0073195/

Der kleine Badeort Amity Island wird von einem gefräßigen Hai heimgesucht, der auch gerne mal den ein oder anderen Menschen verspeist. Trotz einiger Todesfälle will der örtliche Bürgermeister (Murray Hamilton) davon aber nichts wissen, der Profit durch die anstehende Badesaison und den Tourismus hat Vorrang. Er verbietet dem Polizeichef, Martin Brody (Roy Scheider), die Sperrung des Strandes. Erst als ein Kind getötet wird, reagiert auch der Bürgermeister. Für einen Tag wird der Strand abgeriegelt, Suchtrupps sollen den Hai finden. Da die Mutter des Kindes ein Kopfgeld auf den Hai aussetzt, wimmelt es am nächsten Tag nur so von Leuten in der Stadt. Jeder will das Ungeheuer finden und töten, Unmengen von Menschen gehen auf Boote und machen sich auf die Jagd nach dem Hai. Die Hatz scheint schnell erfolgreich zu sein, ein Hai wird getötet, Aufatmen bei der Bevölkerung und beim Bürgermeister...

"Der weiße Hai" oder auch "Jaws", so der englische Titel, ist ein wahres Monster von einem Film, der im Jahr 1975 für leere Strände an Amerikas Küsten sorgte. Einerseits, weil man nach der Sichtung des Films nicht mehr einfach so bedenkenlos mit Anlauf eine Arschbombe ins kühle Nass machte, andererseits, weil die Menschen in hunderte Meter langen Schlangen vor den Kinos standen. Somit ist Spielbergs "Der weiße Hai" die Mutter des Sommer-Blockbuster-Kinos. Die damit einhergehende und groß angelegte Marketing-Strategie war daran natürlich nicht ganz unbeteiligt.


Und es gibt noch etwas, denn "Der weiße Hai" spricht in ungeahnter Genialität Urängste des Menschen an. Nein, nicht etwa die Angst vor Haien, eher diese bedrückende Ungewissheit, was in diesem tiefen Dunkel der Ozeane so alles kreucht und fleucht und das diese Wesen natürlich gerade dann an die Oberfläche streben, wenn man im Wasser planscht. Regisseur Steven Spielberg verstand es eben, über die gesamte Laufzeit eine bedrohliche Stimmung zu schüren und sich ebensolcher Ungewissheiten zu bedienen. "Der weiße Hai" ist einer der Filme, die es spielend schaffen, den Zuschauer unter einer schweren atmosphärischen Decke gefangen zu halten. Was hier in einem Furcht hervorruft, sind nicht die offensichtliche Angst in den Gesichtern der Betroffenen und Wissenden, es ist die Unbeschwertheit und Vergnügtheit der Sorglosen und die Gewissenlosigkeit derer, die sich nur um ihren Geldbeutel scheren. Ist die Hysterie dann doch in Gang gesetzt, wird selbst das noch zu einer lukrativen Sache für die Medien. Kritisch auf vielen Ebenen und dabei trotzdem so eingängig, das schafft dieser Film wie kaum ein anderer und macht zudem aus einer simplen Geschichte spannendes Unterhaltungskino. Dass der Ruf der Weißen Haie damit auch arg in Verruf gebracht wurde, ist schade, aber auch der undifferenzierten Haltung mancher geschuldet, die ihren Vorteil daraus ziehen möchten.

Auch die Optik kann noch heute recht hohen Ansprüchen gerecht werden. Dabei waren die Mittel in den 70ern doch eher beschränkt, besonders um eine furchteinflössende Kreatur realistisch darzustellen. Das Modell des Hais ist schließlich gelungen und wurde geschickt und im größtmöglichem Maße wirkungsvoll eingesetzt. Dass man das riesige Monster nur selten und schon gar nicht komplett zu Gesicht bekommt ist dabei eher positiv hervorzuheben, schürt es doch in gewisser Weise sogar noch Ängste vor dem Unbekannten. Das war von Spielberg jedoch noch nicht mal beabsichtigt, der mechanische Hai machte einfach nie das, was er sollte. Der Filmdreh war kurz vorm implodieren: das Drehbuch nicht fertig, Drehzeit von 7 Wochen auf 28 Wochen aufgestockt, ein damaliges No-Go war auch der Dreh auf dem offenen Meer und unter den Umständen ist das Endresultat wahrhaft meisterlich, unterlegt von der Nerven-zerfetzenden Musik von John William. Ein Einspielergebnis von 470 Millionen Dollar bei unter 10 Millionen Dollar Budget machte letzten Endes auch die bis zum Schluss an Spielberg zweifelnden Universal Studios wieder glücklich.

Und nach all den Jahren funktioniert "Der weiße Hai" noch immer hervorragend, die ausgewogene Mischung aus Thiller, einer guten Charakterzeichnung der drei völlig verschiedenen Männertypen, etwas Humor und dem Spiel mit den menschlichen Urängsten ist nahezu perfekt. Leider ist es stereotypisch, genau wie die Hauptfiguren, die gewisse formelhafte Züge annehmen, in denen sich unverhohlen ein Teil der amerikanischen Gesellschaft wiederspiegelt. Vor diesem Hintergrund schaffen die Dialoge und der raffinierte Witz eine weitere tiefere Ebene. Somit fällt sofort die authentische Interaktion zwischen den Figuren auf. Irgendwie wirkt alles so "normal", wobei gerade so ein Tier-Horror-Film doch zu Übertreibungen einlädt. Ein Gefühl, dass sich doch nur höchst selten beim Zuschauer einstellt. Davon abgesehen lässt "Der weiße Hai" durch seine zügige Handlung einfach keine Langweile aufkommen. Die tollen Einstellungen und die alles überdauernde Titelmelodie gibt dem Ganzen eine unverkennbare Note. Auch die geniale Kameraarbeit fällt einem sofort auf, sogar den produktionstechnisch sehr aufwendigen Vertigo-Effekt darf man hier bewundern. Großartig, immer noch Atmosphäre pur und technisch (1975) absolut überragend.

9/10


Zum 25-jährigen Jubiläum erschien der Film auch im limitierten Steelbook. Dieses ist längst ausverkauft und nur noch teuer zu haben. Dafür ist darin enthaltene Blu-ray technisch absolute Spitzenklasse und sie bietet noch einen weiteren Vorteil: nämlich die originale Kinosynchronisation von 1975 und nicht nur die Neusynchronisation von 2004...