Dienstag, 15. Dezember 2015

Ich Seh, Ich Seh (2014)

http://www.imdb.com/title/tt3086442/

In einem abgeschiedenen Haus am See warten die Zwillinge Lukas (Lukas Schwarz) und Elias (Elias Schwarz) auf die Rückkehr ihrer Mutter (Susanne Wuest), die sich einer Schönheitsoperation unterzogen hat. Als sie zurückkommt, wirkt sie stark verändert, nicht nur wegen ihres bandagierten Gesichts. Sie geht auf Abstand zu ihren Kindern, möchte erst einmal ihre Ruhe haben, weil die Operation sehr anstrengend gewesen sei. Schnell bekommen die Zwillinge Angst. Ist die Frau, die jetzt mit ihnen unter einem Dach lebt, überhaupt ihre Mutter – oder nur eine womöglich gefährliche Fremde, die so tut als ob? Warum sonst kann sie sich denn nicht an das Lieblingslied ihres Sohnes erinnern? Lukas und Elias beschließen, dass es Zeit wird, die Wahrheit herauszufinden. Dabei sind sie alles andere als nachgiebig...

"Ich Seh, Ich Seh". Ein kleiner österreichischer Film und vermutlich der beste, verstörendste und gleichzeitig unheimlichste Vertreter, den das Genre "Horrorthriller" seit Langem im deutschsprachigem Raum hervorgebracht hat. Und tatsächlich ist es eine ganz und gar unbehagliche Vorstellung, die "Ich Seh, Ich Seh" zugrunde liegt. Da kehrt eine Frau nach einer Schönheitsoperation nach Hause zurück, die in den Augen ihrer Kinder gar nicht ihre Mutter ist, die jene liebevolle Warmherzigkeit vermissen lässt, die ihre Mutter auszeichnet. Es ist eine wahre Horror-Vorstellung, die sich schließlich in den Köpfen der Jungs manifestiert und sie dazu bringt, mit allen Mitteln die Wahrheit über den Verbleib ihrer geliebten Mama zu erfahren.

Womöglich deute man mit solch einer Zusammenfassung schon zuviele Dinge an, doch ein Film wie "Ich Seh, Ich Seh" macht es einem nicht gerade leicht. Schließlich ist die Erzählweise nicht nur eigenwillig, irgendwie ist sie... anders. Etwas trocken vielleicht. "Ich Seh, Ich Seh" ist in jedem Fall eine sehr spezielle Angelegenheit. Und dieser Film lässt nicht nur sehr viel Zeit. Dem Regie- und Autoren-Duo Veronika Franz und Severin Fiala ist es hoch anzurechnen, dass sie ihre Vision beinahe schmerzhaft pedantisch verfolgen und eben dieser konsequent treu bleiben. Keine unangemessenen Einschübe, kein übereiltes Hochfahren des Tempos.

Selbst nach langer Grübelei fällt einem kein wirklich vergleichbarer Film zu "Ich Seh Ich Seh" ein, der seinem Publikum so die Sichtweise und die noch wichtigere Gefühlsebene seiner Protagonisten aufdrückt. Und dabei mainfestiert sich eine sehr simple Feststellung: "Ich Seh, Ich Seh" funktioniert weniger als Horror-Streifen mit und über Kinder. Dies ist ein Film aus Kinder-Sicht. Es ist wirklich noch nicht oft gelungen, in irgendeinem Genre die Welt aus Sicht von Minderjährigen und Heranwachsenden derart dicht wie beiläufig zu schildern. Was bedeutet, dass man die Zwillinge Lukas und Elias minutenlang beim Spielen beobachtet. Mit ansieht, wie sie den angrenzenden Wald mitsamt seinen gruseligen Überraschungen erkunden. Und dann vermittelt der Film mit einfachsten wie eindrucksvollen Mitteln die Atmosphäre in einem mondän eingerichteten Kerker. Und wie die beiden Jungs nach und nach diese bandagierte Gestalt immer mehr als Doppelgängerin und sogar Monster-Gestalt sehen.

Gleichwohl erlaubt sich der Film auch den miesen, aber effizienten Kniff, die Welt da draußen außen vor zu lassen. Nur sehr, sehr selten erhalten Außenstehende Einlass. Aber seine wahre Natur zeigt der Film erst ganz zum Schluss. Und das ist fies, sehr fies. Nach einem dankbar kurzen Ausflug in das Torture-Genre offenbart "Ich Seh Ich Seh" sich als eine schmerzhafte und niederschmetternde Abhandlung über unüberwindbare Verlust-Ängste und nicht bewältigter Trauer.

Und damit ist er so sehr Horror, wie er sich gleichermaßen sämtlichen Spielregeln entzieht und eben kein langweiliger Psycho-Quark. Es braucht kein unnötiges Blutvergießen um den Zuschauer zu schockieren. Weil es doch nichts Schlimmeres geben kann, als die Vorstellung, dass alles Böse in Gestalt unserer Liebsten lauert. Um die Qualität dieses auch sehr eigenartigen Films erfassen zu können, empfiehlt sich allein das aufnahmebereite Ansehen, denn "Ich Seh, Ich Seh" ist ein richtig guter Horrorfilm. Vielleicht etwas anders erzählt und zugegeben etwas langatmig. Aber er funktioniert, selbst wenn er die Stimmung in diesem Haus ohne Holzhammer und Spukschloss-Ambiente bedrohlich und subtil düster einfängt.

7,5/10