Mittwoch, 18. November 2015

Proxy (2013)

http://www.imdb.com/title/tt2191888/

Die junge, hochschwangere Esther Woodhouse (Alexia Rasmussen) kommt gerade von einem Termin bei ihrem Gynäkologen, da wird sie ohne Vorwarnung von einem Angreifer in Kapuzen-Shirt überfallen und schwer misshandelt. Zunächst scheint der Vorfall für sie ein kompletter Schicksalsschlag zu sein, verliert sie doch das Baby und muss mit den körperlichen wie psychischen Konsequenzen zurechtkommen. Trotz allem scheint der Angriff auch Positives mit sich zu bringen: Ihr bisheriges Leben in Einsamkeit scheint beendet, nachdem sie sich im Kreis einer Selbsthilfegruppe, der sie nach der Attacke beitritt, öffnen kann. Sie findet auf diese Weise Verständnis und letztlich sogar Freunde, darunter Melanie (Alexa Havins), die erzählt, dass ihr Kind von einem betrunkenen Autofahrer getötet wurde. Doch bald muss Esther erkennen, dass man nicht jedem Menschen gegenüber allzu offen sein sollte...

Verwirrend, verstörend, krank. Das sind vermutlich die Worte, die dem Zuschauer als erstes nach Betrachten dieses Films in den Kopf kommen. Allerdings auch: interessant, eigenwillig, beeindruckend. "Proxy" ist ganz bestimmt kein 08/15-Horrorfilm. Vielmehr besticht er durch eine wendungsreiche Story, völlig gestörte Charaktere und eine insgesamt tolle Bildkomposition. Nach einer, gerade für (angehende) Eltern, erschütternden Eröffnungsszene entwickelt sich ein Plot, der mehrfach Haken schlägt und den so wohl keiner auf dem Schirm hatte. Von Twists mag man gar nicht unbedingt sprechen, zumindest nicht von dem, was heutzutage unter diesem Begriff so verstanden wird. Regisseur Zack Parker erzählt nicht etwa eine herkömmliche Story und klatscht da eine überraschende Wendung dran, er spielt durchgehend sehr bewusst mit der Erwartungshaltung des Zuschauers und lässt ihn bis zum Schluss ziemlich im Dunkeln tappen, worauf er am Ende hinaus will. Ihm scheint es sichtlich Freude zu bereiten, gegen gängige Sehgewohnheiten zu feuern, was natürlich nicht ganz ungefährlich ist.

Die Botschaft des Films regt außerdem zum Nachdenken an - und das trotz der wirren Story, denn zugegeben, "Proxy" ist zeitweise auch etwas schwierig zu konsumieren und macht in seinem Vorhaben auch nicht alles richtig. Allein die Laufzeit von 122 Minuten ist deutlich zu viel, erzählerische Länge dadurch unvermeidlich. Eine gewisse Ausgiebigkeit ergibt schon Sinn, speziell zu Beginn, um den einen, kleinen Knalleffekt nicht seiner Wirkung zu berauben und ein ganz leichter Hitchcock-Touch lässt sich "Proxy" kaum absprechen, besonders in Bezug auf einen besonderen Moment. Spätestens dann hat dieser leicht sperrige Film hier einen gepackt man möchte nun - leicht vor den Kopf gestoßen - wirklich wissen, was wohl noch passieren könnte.

"Proxy" direkt einem Zuschauer zu empfehlen ist, ähnlich wie der Film selbst, nicht so einfach und definitiv gewagt. Dafür steht er zu sehr zwischen den Stühlen, bietet deutliche Macken und ist eindeutig auch kein Arthousefilm, was er wohl gerne - zumindest unter vorgehaltener Hand - sein würde. Er ist aber so mutig, zum Teil toll gemacht und eben eine überraschende Abwechslung im genormten Horror-Einheitsbrei, dass man ihm kaum bis gar nicht ein gewisses Etwas absprechen kann.

6,5/10

Von Birnenblatt erschien der Film in einem auf 333 Stück limitierten und geprägtem Mediabook: