Freitag, 4. September 2015

Nanga Parbat (2010)

http://www.imdb.com/title/tt1361349/

Sie schafften es auch an den schwierigsten Stellen durch die Alpen, obwohl sie noch ziemlich jung waren: Reinhold (Florian Stetter) und Günther Messner (Andreas Tobias). 1970 wartet eine neue Herausforderung auf die beiden Brüder. Reinhold wird vom erfahrenen Expeditionsleiter Karl Herrligkoffer (Karl Markovics) eingeladen, den Nanga Parbat im Himalaya über die bisher unbezwungene Rupalwand zu besteigen. Günther Messner, der zunächst schwer enttäuscht ist, dass sein Bruder ihn wieder einmal ausgestochen hat, darf schließlich doch mitkommen - er springt für einen anderen Bergsteiger aus dem Team ein. Leider verläuft die Expedition in Pakistan alles andere als harmonisch. Die Truppe, in der es zu Reibereien und Eifersüchteleien kommt, hat zusätzlich damit zu kämpfen, dass das Wetter am Berg nicht mitspielt. Die Aussicht, den Nanga Parbat tatsächlich über die Rupalwand zu bezwingen, schwindet von Tag zu Tag. Reinhold Messner, der stärkste Mann am Berg, setzt kurz vor Ablauf der Aufenthaltsgenehmigung trotz schlechten Wetters alles auf eine Karte und versucht den Aufstieg durch die lebensgefährliche Merkl-Rinne im Alleingang. Sein Bruder Günther folgt ihm einige Stunden später...

"Nanga Parbat" - der neunthöchste Berg der Erde hat viele Geschichten zu erzählen: So zum Beispiel die der zahlreichen misslungenen und tödlichen Besteigungsversuche der Nationalsozialisten in den 1930er Jahren, die dem Nanga Parbat den Beinamen "Schicksalsberg der Deutschen" einbrachte. Oder aber auch die des Todes von Reinhold Messners Bruder Günther, der beim gemeinsamen Abstieg im Zuge der sogenannten Sigi-Löw-Gedächtnisexpedition unter bis heute nicht vollständig geklärten Umständen ums Leben kam. Dieser Tragödie nimmt sich der deutsche Abenteuerfilm "Nanga Parbat" an, basiert dabei auf den Erzählungen von Reinhold Messner, und wird - so viel sei schon einmal erwähnt - im Gegensatz zu Messner selbst höchstwahrscheinlich nicht in die Geschichte eingehen.

Zu Beginn, genauer gesagt nach den eindrucksvollen Intro-Bildern, wirkt Joseph Vilsmeiers Werk wie ein typisch deutscher Heimatfilm über Südtirol aus dem Bayerischen Fernsehen. Eindimensionale Schauspieler, ein äußerst konventioneller Look und Schnitt, musikalisch furchtbar unterlegt. Einfach irgendwie spießig. Die Thematik hätte so viel hergegeben, doch sie wird unter der unbeholfenen Regiearbeit wie von einer Lawine unter sich begraben. Erst als es dann wirklich an den Berg geht, Steilwände durchklettert, Notlager errichtet und Biwaks in der Nacht befestigt werden müssen, als Übereifer und Unvernunft da einsetzen, wo gesunder Ehrgeiz, Verstand und Verantwortungsbewusstsein aufhören, wird "Nanga Parbat" endlich stark, dank seiner majestätischen Kulisse unglaublich atmosphärisch und auch rein inszenatorisch gelungener. Er bringt den Überlebenskampf in der Todeszone glaubwürdig zur Geltung und hat zweifelsohne einen sehenswerten Mittelteil.


Dramaturgisch gesehen ist das Ganze über weite Strecken allerdings immer noch eine halbe Katastrophe. Vilsmeier findet die richtigen Bilder, aber er vermag es nicht seine Story auf überzeugende Weise zu erzählen und nimmt immer wieder das Tempo raus. Der Film zerschellt fast schon an seinem unnötig verkomplizierten Aufbau, der eine klare Route der Messner-Brüder nicht verfolgen lässt und immer wieder für merkwürdige Zeit- und Ortssprünge sorgt, und am gänzlichen Fehlen von Höhepunkten beziehungsweise der schwachen Betonung derjenigen Szenen, die es wert gewesen wären, als Höhepunkte stilisiert zu werden.

Die Geschichte plätschert somit eher dahin wie ein idyllisches Gebirgsbächlein. "Nanga Parbat" ist trotz seiner imposanten Bebilderung und trotz seiner zweifellosen Stärken während des Abstiegs nicht sonderlich mitreißend  und wenig emotional geworden. Böse Zungen würden sogar behaupten, ohne seinen wahren Hintergrund, der uns unter anderem am Ende mit melancholischen Texttafeln über die tragischen Einzelschicksale der Protagonisten nahe gebracht wird, wäre diese Bergsteigertour so uninteressant wie die Durchquerung des Sauerlands. Das ist natürlich arg überspitzt und hyperbolisch ausgedrückt, stimmt aber schon in gewisser Hinsicht: Die reale Begebenheit ist das Zugpferd von "Nanga Parbat", sie sorgt mit ihrer unglaublichen Geschichte alleine für Faszination und Dramatik. Das ist zweifelsohne keine Leistung der Verflimung, rettet sie aber davor, aus dem Gedächtnis verbannt zu werden.

6/10