Sonntag, 6. September 2015

Maps To The Stars (2014)

http://www.imdb.com/title/tt2172584/

Die Weiss-Familie passt perfekt nach Hollywood: Vater Stafford (John Cusack) ist Psychoanalytiker und Motivationstrainer, er hat ein Vermögen mit Selbsthilfe-Anleitungen verdient. Mutter Christina (Olivia Williams) hingegen verwaltet die Karriere ihres Sohnes, des 13-jährigen Kinderstars Benjie (Evan Bird). Ein schmutziges Familiengeheimnis trägt Tochter Agatha (Mia Wasikowska) mit sich herum, sie wurde erst vor kurzem aus einer psychiatrischen Heilanstalt entlassen. Benjie kommt ebenfalls frisch aus einem Rehabilitationsprogramm, was für Spannungen zwischen ihm und seiner Mutter sorgt. Aber auch Stafford hat so seine Probleme und ist überfordert mit seiner neuen Patientin, der Schauspielerin Havana (Julianne Moore). Sie eifert vergeblich ihrer berühmten verstorbenen Mutter (Sarah Gadon) nach, die ihr in Visionen erscheint, und droht daran zu zerbrechen. Und langsam bröckelt auch die saubere, glatte Fassade des Hauses Weiss...

Fernab von schrillen Übertreibungen präsentiert "Maps To The Stars" Pathologie und Zerfall einer Familie ohne zu bewerten oder anzuklagen. Abgesehen von der ein oder anderen nötigen Pointe erscheint hier plötzlich Hollywood als ein Ort, wo menschliche Begegnungen und gesellschaftliches Treiben eben nur asozial funktionieren können, ein isolierter Raum auf unserem Planeten, aber letztlich absolut irdisch, der kapitalistische Traum ist hier geballtes Pflichtprogramm, von Perversionen durchsetzt ist er jedoch in jedem seiner weltlichen Ableger. Cronenbergs neuestes Werk ist dominiert von Gesellschafts-Analysen und Eskapismus-Fantasien, und im Vergleich zu früheren Werken ist hier eine gewisse Menschlichkeit in seinen Werken beinahe ganz verloren gegangen, er ist härter und radikaler geworden, vielleicht auch pessimistischer. 
Vulgärer Szenetalk, Personenkult, rastlose, zerstörerische Jagd auf einträgliche Rollen dominieren und überzeichnen alles andere.

Hinter den enormen metallenen Toren, in den luxuriösen Palästen, die wie architektonische Spiegelungen ihrer Nachbarkonstrukte adäquat nebeneinander aufgereiht sind, residieren die Stars und Sternchen. "Maps To The Stars" aber zeigt nicht die medialen Illusionen, nicht das Perlweißgrinsen auf Knopfdruck, das schwelgerische Bad im Blitzlichtgewitter, die kreischenden Fanscharen, den Glanz und den Glamour. Jeder Blick in den Spiegel endet hier in einem gequälten Schnaufen. Die strahlenden, sich größtmöglicher Popularität ausgeliefert sehenden Gesichter sind kommerzialisierte und kapitalisierte Produkte ihres Umfelds: Hollywood, ein vergifteter und vergiftender Organismus. Menschen, die in ihrer schieren Naivität ein Leben in den Hollywood Hills erstrebten und schließlich einen Fuß in diese Branche setzen durften, werden in eine exzessiven Recyclingmaschinerie gesogen, die seine massenwirksamen Klischees zwanghaft reproduziert. Maskeraden und Marionetten. 

Die Bilder sind dabei oberflächlich, genau wie die Figuren, da ist keine Tiefe mehr vorhanden, nichts mehr Wahrhaftiges und genau darum gibt es auch keine Menschlichkeit mehr. Die Figuren sind Unmenschen geworden. Man kann sich ihnen nicht mehr annähern und erst recht kein Verständnis mehr für sie aufbringen. 
Cronenbergs Kino war immer durchzogen von organischen, ausufernden Splattereffekten.

Die Szene in "Maps to the Stars", in der sich eine der Figuren selbst anzündet, realisiert mit grotesk miserablen CGI-Effekten, ist also vielleicht die Essenz des Films: Nicht einmal mehr der Tod, der exzessive Untergang, der für Cronenbergs Werk immer so bedeutend war, der für ihn immer eine tragische Wahrhaftigkeit hatte, bedeutet jetzt noch etwas. Der Tod ist heute nicht mehr etwas organisches, etwas "echtes". Der Tod ist nur noch ein schlechter Computereffekt.
 Im Gegensatz zu vielen seiner Kollegen hat Cronenbergs Werk im Alter nichts an Härte und Bestimmtheit eingebüßt, "Maps To The Stars" ist der radikalste und thematisch beste Film den man sich hat wünschen können. Cronenberg entlarvt die Karte zu den Sternen brutal als Fake, schaut in die Herzen von ausgebrannten, kaputten Menschen und inszeniert eine aberwitzig bittere Groteske.

7/10