Mittwoch, 22. April 2015

American History X (1998)

http://www.imdb.com/title/tt0120586/

Nach der Ermordung seines Vaters sucht Derek (Edward Norton) Vergeltung und beteiligt sich an rassistischen Anschlägen. Eines Tages enden diese mit einem brutalen Mord - Derek kommt für drei Jahre ins Gefängnis. Als er entlassen wird, schämt er sich für seine Vergangenheit. Zu seinem Entsetzen muss Derek jedoch feststellen, dass sein kleiner Bruder Danny (Edward Furlong) inzwischen auch Anhänger einer rechtsradikalen Gruppe ist. Fortan versucht der Ex-Häftling, Danny klarzumachen, was für einen falschen Weg dieser gerade beschreitet...

Es ist - gerade angesichts aktueller Ereignisse in Deutschland und in den Vereinigten Staaten -  einer jener Filme, bei dem ich mir wünschen würde, er würde auf der Pflichtfilmliste stehen, die an allen Schulen gezeigt werden müssen."American History X" ist ein überaus intelligenter Film, ein Film voller Traurigkeit und Wut, Drama und Verzweiflung, der den Zuschauer packt und ihn nicht mehr los lässt, ja, ihn bis zum Ende mitschleift und ihm dann sogar noch einmal in den Magen tritt.

"American History X" verbindet sehr geschickt die allgegenwärtige (und einseitige) rechtsgerichtete Meinungsmacherei und die damit verbundene Blindheit gegenüber der Wahrheit, die Projektion auf nur ein Feindbild - und wickelt den Zuschauer darin ein. So sehr und so geschickt, dass man den Aussagen Dereks (Edward Norton) beinahe zustimmen könnte. Tut man es in einem gewissen Rahmen und lässt sich darauf ein, wirkt der Film nur umso mehr und umso besser - denn der Absturz kommt - und er kommt schnell und geht tief.  Und ist man darin einmal gefangen, kommt einem der Aufprall nur umso heftig vor.

Eine der wohl schlimmsten Szenen im ganzen Film ist die "Bordsteinkantenszene". Schonungslos, unglaublich kalt und mit unfassbar viel Gleichgültigkeit gegenüber der "andersfarbigen" Bevölkerung - mit einem Lächeln im Gesicht wird Derek ohne Gegenwehr gefangen genommen - der Anfang vom Ende. Ein schwer verdauliche Szene, in der man nichts vom eigentlichen Geschehen sieht (nur Dannys fassungslosen Gesichtsuasdruck, der Bände spricht). Man hört das furchtbare Geräusch und alles andere läuft im eigenen Kopf ab.

Auch andere - weniger brutale, aber dafür geschickt mit dem Zuschauer spielende - Szenarien, etwa Diskussionen und Gespräche am Tisch zwischen dem sehr intelligenten und gebildeten Derek, seiner Mutter, den Geschwistern und dem jüdischen Freund der Mutter sind voller Propaganda, manipulativ und selbstgerecht. Eine Diskussion, die zum Streit wird, sich aufschaukelt... Die Mutter gibt auf, wendet sich ab, fragt beschämt und mit einem Lächeln nach einem Dessert. Ein Zeichen für die völlige Machtlosigkeit gegenüber einer solchen erkenntnisresistenten Macht. Und der Wendepunkt kommt - mit Lamont, einem Farbigen, der Derek im Gefängnis schließlich mit seinen eigenen Waffen schlägt. Und das auf eine ganz naive Art und Weise. Und dann ist dann ja noch die späte und daher umso erschütternde Erkenntnis, dass alles viel früher begann, noch vor dem Tod des Vaters, der von einem Schwarzen erschossen wurde und dass derjenige, der das Gedankengut in die Köpfe der Jungs brachte im Grunde der Vater war...

Der starke Film lebt vor allem durch Derek, der genial von Edward Norton verkörpert wird. Selten ist zu erleben, dass in einem Film ein Mensch drei Gesichter spielen kann und dabei so überzeugend  rüberkommt. Aber auch Edward Furlong, der Dereks Bruder Danny spielt, liefert hier eine seiner besten Leistungen ab. Avery Brooks, als Dr. Bob Sweeney ist seine Rolle als Lehrer wie auf den Leib geschneidert. Mit einem Gemisch aus Farb- und Schwarz-Weiss-Film liefert der Film (bewusst oder unbewusst) ein weiteres geniales Stilmittel, welches einen in den Sog hineinzieht und den Film nur umso interessanter macht. Und - so fragwürdig es auch klingen mag - es gelingt ihm sogar noch, den zuschauer an das Gute im Menschen glauben zu lassen. Auch wenn das vielleicht völlig utopisch erscheinen mag.

Der bis dato (und vielleicht heute noch) unbekannte Regisseur Tony Kaye liefert mit "American History X" sein Meisterstück ab.

"An dieser Stelle muss ich wohl schreiben was ich gelernt habe... meine Schlussfolgerungen, nicht wahr? Hass ist Ballast. Das Leben ist viel zu kurz dafür, dass man immer wütend ist. Das ist es einfach nicht wert. Wir sind keine Feinde, sondern Freunde - wir dürfen keine Feinde sein. Leidenschaft mag die Bande unserer Zuneigung anspannen, aber zerreissen darf sie sie nicht. Die mystischen Klänge der Erinnerung werden ertönen, wenn - und das ist sicher - die besseren Engel unserer Natur sie wieder berühren."
- Danny Vinyard

9/10