Samstag, 14. März 2015

Lolita (1997)

http://www.imdb.com/title/tt0119558/

Hubert Humbert (Jeremy Irons) kommt aus Europa in die USA, um dort als Professor für französische Literatur an einem College in Neuengland zu unterrichten. Er zieht zur Untermiete in das Haus der Witwe Charlotte Haze (Melanie Griffith), die eine bezaubernde Tochter namens Lolita (Dominique Swain) hat. Der Professor fühlt sich von dem erst 12 Jahre alten Mädchen angezogen. Um ihr nahe sein zu können, heiratet Humbert die Witwe. Als seine neue Ehefrau von den erotischen Obsessionen des Professors erfährt, verläßt sie ihn Hals über Kopf und stirbt bei einem Autounfall. Nun hat Professor Humbert freie Bahn und lebt mit Lolita wie Mann und Frau. Je unabhängiger Lolita wird, desto eifersüchtiger wacht er über sie. Schließlich verläßt ihn das Mädchen und Humbert macht sich auf die Suche nach Lolita.

1962 gelang es Stanley Kubrick ein sehr kontroverses Thema auf Zelluloid zu bannen. Mit dem 1997er Remake wagte sich nun Regisseur Adrian Lynes an dieses äusserst kritische Thema. Lyne macht aus dem diskussionswürdigem Stoff ein elegisch erzähltes Liebesdrama, untermalt mit der schwelgerischen Musik Ennio Morricones. Jeremy Irons interpretiert Humbert Humbert, indem er erneut routiniert seine Paraderolle des schmachtenden, vor Sehnsucht und Verlangen zerfließenden Romantikers zum Besten gibt. Domininique Swains Lolita gestaltet sich schwieirg: obwohl 14 Jahre alt, ist sie dennoch viel zu wenig "Kind", gerade in Anbetracht der Zeit des Geschehens. Man sieht ihr ihr tatsächliches Alter zur Drehzeit von 17 Jahren nicht nur deutlich an, sie tritt auch zu sehr als aktive, manipulative Verführerin in Erscheinung, bei welcher Humbert Humbert gar nicht widerstehen kann, selbst wenn er das denn wollte. Swain steht dabei ihr eigenes Talent im Weg, die Kamera schwenkt allzu oft erotisierend um ihren Körper, womit eine mehr oder weniger ausgereifte Sexualität suggeriert wird. Die Eindrücke des Zuschauers werden schlicht fehlgeleitet, man könnte sogar sagen, der Zuschauer wird geradezu zum Voyeurismus genötigt, wenn er Dominique Swain alias Lolita in durchnässter, durchsichtiger Kleidung aufreizend unter einem Rasensprinkler liegend beobachtet. Diese Szene, welche die Figur Lolita einführt, offenbart nichts Kindliches an ihr, sondern betont ihre körperlichen Reize, womit dem Zuschauer implizit suggeriert wird, Humbert Humberts Erregung sei nachvollziehbar.

Zwar endet auch Lynes "Lolita"-Verfilmung im (vorhersehbaren) Desaster, doch die finale Katastrophe wirkt eher wie der unumgängliche Ausgang einer tragischen Liebe als das Ergebnis eines zerstörerischen, sich jeglicher Moral verwehrenden Machtverhältnisses zwischen einem erwachsenem Mann und einem missbrauchtem Kind. Hinsichtlich der äußeren Handlung ist Lynes "Lolita" jedoch eine recht gelungene Verfilmung. Dabei ist besonders jene Szene, in der Humbert zum ersten Mal seiner Doppelgänger-Figur Clare Quilty, hervorragend-beängstigend von Frank Langella verkörpert, auf der Veranda eines Hotels begegnet, genial umgesetzt worden. Generell ist die Figur des Quilty das gelungenste Mosaik des Films. So birgt auch die finale Hinrichtung Quiltys durch Humbert ein Quäntchen des bereits mehrfach erwähnten schwarzen Humors.

Auch handwerklich triumphiert Adrian Lynes Film. Stilvoll bebildert, Austattungstechnisch perfekt und geradezu soghaft erzählt, verleitet einen das Werk dazu, das desaströse Verhältnis mit Spannung zu verfolgen. Perfektes Erzählkino also, welches jedoch die, milde ausgedrückt, brisante Thematik des Kindesmissbrauchs, sowie den allegorischen Subtext des Sittenverfalls einer vordergründig prüden, konservativen Moralgesellschaft, durch trügerische Romantik und zahmes Softcore-Erotik-Geplänkel zu kaschieren versucht. Das Perfide daran ist, dass dieses Versteckspiel teilweise gelingt.

7,5/10