Samstag, 22. November 2014

Nymph()maniac - Nymphomaniac: Vol. II (Director's Cut) (2013)

http://www.imdb.com/title/tt2382009/

Der zweite Teil umfasst nun die letzten dreieinhalb Kapitel von Lars von Triers zweigeteilten Drama über die bewegte Lebensgeschichte der Nymphomanin Joe (Charlotte Gainsbourg). Die seelisch und körperlich verletzte Frau wird vom alternden Junggesellen Seligman (Stellen Skarsgard) aufgenommen und gepflegt. Sie berichtet ihm in langen Gesprächen davon, wie sie in ihrer langweiligen Beziehung zu Jerome (Shia LaBeouf) verödete und plötzlich die Lust am Sex verlor. Aus der Verzweiflung heraus suchte sie den Sado-Maso-Künstler K (Jamie Bell) auf, um über den Schmerz zur Lust zurückzufinden, gleichzeitig  vernachlässigte Joe allerdings ihr Baby. Im Gespräch erfährt die verzweifelte Frau indes auch einiges über ihren geheimnisvollen Retter und dessen Geheimnis. Seligman ist nämlich asexuell; er hatte noch nie Sex, was ihm eine ganz eigene Perspektive auf Joes Lebenswandel ermöglicht...

Wesentlich ernster und kaum noch mit einem zwinkernden Auge oder gar zu verspielt knüpft "Nymphomaniac: Vol. II" an seinen Vorgänger an. Mir haben beide Teile sehr gut gefallen und ich bewerte sie auch nahezu gleich, aber der hier besprochenen zweite Teil ist anders, allerdings nicht schlechter. Irritierend fand ich nur die Umstellung der Schauspielerin (von Stacy Martin auf Charlotte Gainsburg), was natürlich auch die schnelle Alterung (durch den Stress etc.) Joes verdeutlich soll. "Nymphomaniac: Vol. II" fängt mit seiner tiefgründigen Bandbreite da an, wo der erste Teil aufgehört hat und umwebt sexuelle Neigungen mit geschichtlichen Hintergründen und dem Dafürhalten großer Denker und Visionäre, sodass der Zuschauer darauf vorbereitet ist, den emotionalen, großen Hintergrund in sich aufzunehmen, um zu verstehen, was derjenige glauben und fühlen muss, dem eine solche Last der Nymphomanie auferlegt wird, dazu verbannt sich von der Gesellschaft abzustoßen, um mit sich selbst ins Gleichgewicht zu kommen oder eben im Strom mitzuschwimmen, dafür dann aber nicht sein "Ich" ausleben zu können.


Die untypische Herangehendsweise des Films an Themen wie die Tabuisierung von Worten oder Pädophilie hat mir gefallen, da es - in  gewisser Weise - ein wohlüberlegte Meinung wiederspiegelt. Und dann war da natürlich noch die letzte Szene. Die Szene, die den Zuschauer einfach ein paar Sekunden regungslos dasitzen lässt. Es scheint, als hätte Joe einen selbst erschossen. Aber es spiegelt die Bürde einer (schönen) Frau wieder: sie möchte nur ihr Herz ausschütten, und den Zuschauer/Zuhörer an ihrem Leben teilhaben lassen und er sieht sie als (übertrieben gesprochen) Sexsymbol. Man weiß nicht genau, wann sich des Antagonisten asexuelles Wesen zu dem Monster gewandelt hat, das man gegen Ende sieht und natürlich handelt Joe naiv in dem Moment als sie zu einem Fremden nach Hause geht und ihm ihre Lebensgeschichte erzählt. Aber andererseits auch nachvollziehbar, kennt man das gesamte Konstrukt: Joe hat nur einen Freund gesucht, nicht mehr. Sie wollte jemanden in ihrem Leben, der ihr ernsthaft zuhört. Ja, einige der Szenen das Films scheinen tatsächlich übertrieben, allerdings schließen sie nicht die Möglichkeit aus, dass so etwas passieren könnte und auf mich wirkte der Film an keiner Stelle unrealistisch.


Lars von Trier spielt mal wieder mit der Erwartungshaltung des Zuschauers, wirft dessen Gefühle über den Haufen, manipuliert, schockiert, beleuchtet aus vielen Perspektiven und erweitert Blickwinkel, um dann letzten Endes alles wieder in sich zusammenstürzen zu lassen, wie ein mühselig aufgebautes Kartenhaus, bei dem auf jeder Karte ein intelligenter Satz steht. Ein Satz, den man in sich aufgesogen hat, der aber in der Tragik, die er einem hier wie Blei in den Magen gießt, ganz schnell wieder vergessen werden möchte.

Das macht von Trier wie immer in einer solch unkonventionell hochtrabenden Art, dass ich nicht wirklich weiß, ob ich ihn dafür loben oder schelten soll. Ist das Pseudo-Genialität? Denn ob man seine Filme nun mag oder nicht, von Trier gelingt es jedenfalls (und hier erneut), eine ganze Riege Hollywoodstars für seine fast schon dunkel wirkenden Machenschaften zu missbrauchen und er hebt sich selber von neuem auf eine höhere Stufe der Unberührbarkeit, als Thronsitz des scharfsinnigen dänischen Kinos. Das Gesamtwerk "Nymphomaniac" ist sicher ein Film, der sich unter Umständen wie ein Geschwür in der Magengegend des Zuschauers einnistet, dort für ziemliche Bauchschmerzen sorgt und außerdem mit seinem Ende blanke Fassungslosigkeit walten lässt. Fassungslosigkeit, die einem nicht mehr aus dem Kopf gehen will. Ob man das schön finden soll oder nicht; wer weiß. Aber er polarisiert sicher ungemein.

8,5/10