Mittwoch, 11. September 2013

Casino (1995)

http://www.imdb.com/title/tt0112641/

Las Vegas 1973: Stadt des Glitters und der Träume. Bühne für Millionäre, Politiker und glamouröse Showgirls. Die Heimat für Scharlatane, Spieler und Dealer. In der glanzvollsten Ära von Las Vegas steigt der Profizocker Sam "Ace" Rothstein (Robert De Niro) an die Spitze des Milliarden-Dollar-Imperiums auf. Um das Investment weiter auszubauen, stellen ihm die Drahtzieher seinen besten Freund aus alten Zeiten, den hitzköpfigen Mafiakiller Nicky Santoro (Joe Pesci), an die Seite. Jetzt dominieren sie gemeinsam Vegas: "Ace" als eleganter Lenker, Nicky als Mann fürs Grobe – bis die atemberaubende Ginger McKenna (Sharon Stone) auftaucht.

Viele wissen es bereits, aber andere fühle ich mich genötigt, vor der Rezension noch zu informieren: ich liebe Gangsterfilme! Vor allem, wenn es um Lug und Betrug, Spiel und Gegenspiel geht und man irgendwann so im Netz der Story hängt, dass man selbst nicht mehr so richtig durchblickt. Neben der famosen "Pate Trilogie" von Francis Ford Coppola, das wohl beste Gangster/Mafia-Biopic aller Zeiten.

Den Aufstieg, die Fortbewegung, die Dynamik, das haben Scorseses Figuren schon hinter sich. Die guten Seiten des Amerikanischen Traums haben sie schon durchlebt. Sie sind ganz oben angekommen, an einem Ort, an dem es keine Bewegung, kein Vorankommen mehr gibt, nur noch Stagnation und Zerfall. Sie sind gefangen im Exzess des Amerikanischen Traums, obwohl sie von nichts mehr träumen können. Las Vegas löst für die Protagonisten das Versprechen von Sex, Ruhm, Geld und Macht ein. Regisseur Martin Scorsese erzählt mit "Casino" im Grunde eine recht einfache Geschichte über den Aufstieg und den Fall in der Unterwelt von Las Vegas. Ein recht bekanntes Strickmuster, das man schon bei "GoodFellas" und ein paar anderen Mafiafilm-Kollegen kennengelernt hat. Er nimmt also diese doch recht simple Story und macht daraus einfach mal ein dreistündiges Kunstwerk, ein absolut fesselndes Erlebnis. Drehbuch, Darsteller, Dialoge, Charakterzeichnung, Dramatik, Spannung, Kamera, Schnitt, Musik. Scorsese fügt alles in so wunderbarer Weise zusammen und schafft aus den vielen Elementen eine perfekte Gesamtkomposition.

Einen großen Anteil daran gebührt natürlich auch den beiden tragenden Rollen Robert De Niro und Joe Pesci. Wie immer ein faszinierendes Duo, das im kleinen Finger mehr Charisma und Ausstrahlung hat als halb Hollywood. Die restlichen Darsteller (allen voran Sharon Stone, James Woods und Kevin Pollak) können verblassen gegenüber der Leistung der beiden Hauptdarsteller, liefern aber dennoch eine sehr gute Leistung ab. "Casino" ist aber nicht nur schauspielerisch sondern auch ausstattungstechnisch und optisch ein wahrer Leckerbissen. Eine visuelle Meisterleistung, Las Vegas in den 70ern mit so einer Eleganz und Ästhetik einzufangen. Atemberaubende Kamerafahrten, satte Farben, tolles Kostümdesign. Da kann man sich gar nicht satt sehen.

Die Überlegenheit von "Casino" liegt aber nicht in dem was Scorsese erzählt, sondern darin wie Scorsese es erzählt. Die Form ist genau so protzig, brachial, und größenwahnsinnig wie sein Inhalt. Pomp und Luxus wohin das Auge blickt, berauschende Kamerafahrten, Zeitlupen, Überblendungen, beinahe pausenlose Musikuntermalung und die herrliche Titelsequenz von Saul und Elaine Bass. Dieser Soundtrack gibt jeder Szene das gewisse Etwas und lässt den Zeitgeist von damals noch einmal aufleben. Scorsese lässt die unwirkliche Glitzerwelt von Las Vegas seine Zuschauer paralysieren. Seine Regie saugt jedes noch so kleine Detail des Gangsteruniversums auf, jede Geste seiner Schauspieler, jede Facette ihrer brutalen Lebenswirklichkeit. Mit äußerster Detailverliebtheit untersucht Scorsese wie ihre Welt funktioniert und auch wie Zwischenmenschlichkeit in ihrer kalten und rohen Welt von Statten geht. Stellenweise reißt er seine Gangstererzählung zum wutentbrannten Ehemelodram herum, in dem sich Sharon Stone und Robert De Niro grandiose Wortgefechte liefern. Wenn Scorsese so tief und intim in die emotionalen Welten seiner eigentlich überlebensgroßen Figuren eindringt, dann erscheinen sie auch plötzlich ganz nah, greifbar und verletzlich.

Ich bin ja kein großer Fan von Modewörtern und abgedroschenen Superlativen aber hier komme ich nicht drum rum. "Casino" ist ein Meisterwerk. Von der ersten bis zur letzten Minute.

"Die Stadt wird nie wieder so sein wie damals. Nach der Sache mit dem Tangiers übernahmen die großen Konzerne die Casinos. Heute sieht es aus wie Disneyland."

10/10