Donnerstag, 10. Januar 2013

Vertigo - Vertigo: Aus dem Reich der Toten (1958)

http://www.imdb.com/title/tt0052357/

Weil der Polizist John "Scottie" Ferguson (James Stewart) bei der Verfolgung eines Kriminellen über die Dächer von San Francisco in Lebensgefahr geriet und mit ansehen musste, wie ein zu Hilfe eilender Kollege das Leben verlor, kann er nicht länger am aktiven Polizeidienst teilnehmen. Geprägt von diesem traumatischen Erlebnis und von Schuldgefühlen geplagt quittiert er den Dienst und zieht sich zurück. Doch eines Tages taucht Gavin Elster (Tom Helmore), ein ehemaliger Schulfreund Johns, auf und bittet ihn um Hilfe: Er soll Gavins Ehefrau Madeleine (Kim Novak) beschatten. Die verhält sich zunehmend seltsam und scheint unter einem fremden Einfluss zu stehen, den Gavin in Madeleins verstorbener Urgroßmutter zu wissen glaubt. Diese hatte sich viele Jahre zuvor im Alter von 26 Jahren getötet. Madeleine kleidet und verhält sich immer öfter wie ihre verstorbene Verwandte und feiert in wenigen Tagen ebenfalls ihren 26. Geburtstag. Gavin und John ahnen das Schlimmste und wollen es um jeden Preis verhindern... 

Ein Meisterwerk von Hitchcock. Für die damalige Zeit extrem langer und zwischendurch ganz schön psychedelischer Film (Man kann beinahe wetten, dass die Leute im Kino nicht so recht wussten, was das jetzt sein soll). Aber genial. Der sonst bei Hitchcock klar in der Realität verankerte Plot arbeitet mit der Kraft des Übernatürlichen, spielt mit der Möglichkeit einer Existenz oder zumindest der Präsenz nach dem irdischen Dasein. Gesehen habe ich den Film zuletzt in den 90er Jahren, so lange ist das her. Und dennoch hat der Film bis heute nichts von seinem Charme eingebüßt. Allein schon die schönen und ruhigen Kamerafahrten, bei denen man sich auch mal auf den Hintergrund und das Setting konzentrieren kann ohne das man den Faden verliert... das hat schon was.

Der Weg zum weltbekannten Finale - und darüber lässt sich keinesfalls streiten - ist stilistisch das Beste, was Hitchcock jemals abgeliefert hat. Beginnend mit dem von Saul Bass kreierten, brillanten Vorspann (eine beinahe ausgestorbene Kunstform), über den szenenabhängigen, wechselnden, dabei immer perfekt arrangierten Score von Bernard Hermann, bis hin zum unsterblichen Jimmy Stewart und die nur notbesetzte Kim Novak, die ein Glücksgriff ist. Hätte Hitchcock die Wahl gehabt, es wäre wohl mal wieder Grace Kelly geworden, die war aber bereits dem Adel verpflichtet. Vera Miles war in anderen Umständen, so musste Novak herhalten. Die unfreiwillige, perfekte Alternative, denn gerade dieses recht unbekannte Gesicht vermittelt optimal die mysteriöse Aura, enorm relevant für die Rolle und deren Wirkung. Der Höhepunkt, unabhängig vom wegweisenden Skript, ist das Zusammenspiel von Einstellungsfanatiker Hitchcock und der optischen Präsentation. Von der Beleuchtung, inklusive dem dahinterstehenden Konzept, den ungewöhnlich surrealen Elementen bis hin zu den malerischen Bildern (passend zur Handlung), die speziell Kim Novak als bald schwebenden Engel vor der verträumten, geschichtsträchtigen "Geisterstadtkulisse" von San Francisco in Szene setzen. Gepaart mit Anflügen klassischer, altmodischer Hollywoodromantik ergibt sich ein faszinierendes, immer noch irritierendes Hantieren mit gängigen Mustern, die Stück für Stück in sich zusammenfallen und neu definiert werden.

Dazu zielgenaue Dialoge und lange Szenen, bei den man merkte, das zu der Zeit ein Schauspieler noch wirklich spielen musste. Keine Hektik - nicht mal bei den aufwühlenden Szenen - und genau desegen die typische Hitchcock-Atmosphäre. Toll. Einzig die Auflösung schon vor dem Schluß ist ein wenig ungeschickt, aber verschmerzbar. Hitchcocks psychologisch komplexester Film, der mal als Unsinn verschrien wurde, dabei enorm clever mit Ängsten, Traumata und Täuschungen jongliert, dass einem buchstäblich schwindelig wird. Und die Höhenangst ist sogar nur einer von vielen Macguffins... geht nicht besser. Ein obsessiver Rausch der Sinne, ein Film aus einem, idealen Guss. Volle Empfehlung und danke an André für den schönen Filmabend!

8/10